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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturChronik der Frankfurter Schule14.12.2009

Chronik der Frankfurter Schule

Monika Boll / Raphael Groß (Hrsg.): Die Frankfurter Schule und Frankfurt. Eine Rückkehr nach Deutschland. Wallstein-Verlag

Was kritische Soziologie in Zukunft zu leisten habe, das wurde von der Frankfurter Schule vorausgedacht. Während des Zweiten Weltkrieges emigrierten viele Wissenschaftler - und blieben weg. Max Horkheimer und Theodor W. Adorno kehrten nach Deutschland zurück. Dem Institut ist nun eine Ausstellung gewidmet - Monika Boll und Raphael Groß haben ein Buch dazu herausgebracht.

Von Conrad Lay

Der Philosoph Theodor W. Adorno auf einem Archivbild vom 10. Sept. 1968 (AP Archiv)
Der Philosoph Theodor W. Adorno auf einem Archivbild vom 10. Sept. 1968 (AP Archiv)

Das Buch ist mehr als nur der Begleitband einer Ausstellung. Aufgrund der Mischung zwischen zeitgeschichtlich-dokumentarischen und philosophisch reflektierenden Beiträgen ist ein anspruchsvoller, ja durchaus eigenwilliger Band entstanden. Er widmet sich einem Kapitel jüdischer Geschichte in der früheren Bundesrepublik, der Rückkehr der Frankfurter Schule aus der erzwungenen Emigration. Nicht nur ihre beiden Hauptfiguren, Max Horkheimer und Theodor Adorno, sondern alle Mitglieder ihres engeren Kreises waren jüdischer Herkunft. Ihre Verfolgung nach 1933, ihre Flucht aus Deutschland sowie die existenzielle Unsicherheit haben sich ihnen lebensgeschichtlich eingebrannt. Konnten sie, so fragten sich die kritischen Theoretiker 1945, ins "Land der Täter", die doch ihre Heimat war, wieder zurückkehren? "Süß, aalglatt, verlogen und ehrenvoll" wurden sie aufgenommen, so erinnert sich Horkheimer, aber würden diejenigen, die ihn von der Universität vertrieben hatten und die nach 1945 weiterhin Rektoren, Dekane und Professoren waren, in ihm den "Bruder ihrer Opfer" sehen? Waren Horkheimer, Adorno und die anderen wirklich willkommen?

Raphael Groß, der Direktor des Fritz Bauer-Institutes sowie des Jüdischen Museums in Frankfurt, ist einer der beiden Herausgeber des Buches. Er möchte die Sichtweise auf die Frankfurter Schule, insbesondere auf das "Institut für Sozialforschung", erweitern:

"In der Nach-68-Perspektive wird das Institut vor allem als ein linkes Institut wahrgenommen, ein theoretisches Institut, eines, was für die Studentenbewegung sehr wichtig wird. Aber was man nicht sieht, das Institut als eines, was gegründet wird von jüdischen Rückkehrern, die auch aus existenziellen Gründen diese Rückkehr sehr besonders, sehr speziell erleben."

Die Beiträge des Sammelbandes sind außerordentlich vielgestaltig: neben einem historischen Abriss Ludwig von Friedeburgs zur Rückkehr des Instituts für Sozialforschung stehen theoretische Überlegungen von Alfred Schmidt zur Geschichtsphilosophie Horkheimers, von Detlev Claussen zu den Essays Adornos sowie von Axel Honneth zur Zukunft einer kritischen Gesellschaftstheorie. Diese eher "schwergewichtigen" Theoriebeiträge werden ergänzt von den Gedankenblitzen Alexander Kluges und "Emigrantenblicken" Alfons Söllners. In einem lustig-launigen Beitrag erinnert sich Dagobert Lindlau daran, wie Institutsdirektor Max Horkheimer einmal "angetrunkene Schläger und Randalierer", die Fernsehaufnahmen im Frankfurter Hauptbahnhof stören wollten, auf intelligente Weise einbezog.

Insgesamt aber zeichnet der Band ein zwiespältiges Bild: dem äußeren Erfolg, dem geglückten Wiederaufbau des Instituts für Sozialforschung, der Anerkennung Horkheimers als Rektor der Frankfurter Universität in den 50er-Jahren steht eine anhaltende innere Unsicherheit gegenüber. Raphael Groß:

"Ich denke, wenn es um die innere Entwicklung geht, ist es viel komplizierter. Natürlich ist es zum einen für Juden aus der Emigration irgendwie ein Tabu, in den fünfziger Jahren nach Deutschland zurückzukommen. Und das wissen die natürlich ganz besonders, und es ist nicht nur ein Tabu, was von außen an sie herangetragen wird, sondern was sie eigentlich irgendwie auch akzeptieren, das heißt sie kommen zurück in einer großen Ambivalenz, denn sie treffen hier auf die Nazis in Amt und Würden, an der Universität, als Rektoren, als Kollegen, die sie rausgeschmissen haben."

Noch Ende der 50er-Jahren erwägt Max Horkheimer aufgrund zahlreicher antisemitischer Äußerungen, etwa im akademischen Lehrkörper der Universität, Deutschland wieder zu verlassen. Dabei war das Institut für Sozialforschung längst wieder etabliert, Horkheimer selbst hoch angesehen, etwa bei Frankfurts Oberbürgermeister Walter Kolb oder bei Bundeskanzler Konrad Adenauer. Vieles spricht dafür, dass zunächst die Verfolgung durch die Nazis und später die andauernde existenzielle Unsicherheit im Lebensgefühl nicht nur bei Institutsleiter Horkheimer zu einer Rückbesinnung auf jüdische Traditionen geführt hat.

"Während man noch in den dreißiger Jahren von ihm eine sehr marxistische Lesart auch des Schicksals des jüdischen Volkes verfolgen kann - der Antisemitismus als ein Nebenwiderspruch wird er da nicht sehr ernst genommen -, beginnt dann plötzlich mit der 'Dialektik der Aufklärung', mit dem Austausch zwischen Horkheimer und Adorno zur Frage des Antisemitismus in Europa, dieses zu einem zentralen Thema zu werden ... .Und in dem Moment, wo er zurückkehrt, ist es eines der Themen, das ihn bis zu seinem Lebensende zentral begleitet."

Eigentlich kann man erst nach der Rückkehr überhaupt von einer "Frankfurter Schule" sprechen. Ohne diese wäre es vielleicht eine "Kalifornische Schule" geworden, wie Raphael Groß mutmaßt. Während es Horkheimer gelang, das Institut wieder an der Frankfurter Universität zu verankern, setzte Theodor W. Adorno auf eine ebenso umfangreiche wie kompromisslose Strategie der Aufklärung. Hauptmedium dafür war ihm - wie in den 50er- und 60er-Jahren nicht anders zu erwarten - der öffentlich-rechtliche Rundfunk. Raphael Groß:

"Adorno war sicher derjenige, der in einer unglaublichen Weise medial präsent war. Der dieses Medium, gerade das Radio benutzt hat, der auch sehr populär war, gerade in seinen öffentlichen Äußerungen, und dadurch einen großen Einfluss, einen großen intellektuellen Einfluss erwirkt hat."

Die spätere Erfolgsgeschichte der Frankfurter Schule, die weit in den Mainstream der Bundesrepublik hineinreicht, kontrastiert auf denkwürdige Weise mit dem ambivalenten Lebensgefühl der jüdischen Rückkehrer: das ist die erstaunlichste Erkenntnis dieses an kritischen Reflexionen reichen Sammelbandes.

Monika Boll / Raphael Groß (Hrsg.): Die Frankfurter Schule und Frankfurt. Eine Rückkehr nach Deutschland. Wallstein-Verlag, 301 Seiten, Euro 24,90, ISBN 978-3-8353-0566-3

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