• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 07:00 Uhr Nachrichten
StartseiteBüchermarktChronik einer schwierigen Ehe03.01.2005

Chronik einer schwierigen Ehe

Dirk Kurbjuweit: "Nachbeben"

Ein grauer Novembernachmittag an der Friedrichstraße, wo die Hauptstadt sich glamourös gibt. Hier liegt die Berliner Redaktionsvertretung des Hamburger Wochenmagazins "Der Spiegel". Es ist der Arbeitsplatz von Dirk Kurbjuweit. Ein sachliches Büro mit ein paar Filmplakaten, freundliche Sekretärinnen, geschäftige Redakteure. Es herrscht eine Atmosphäre von gespannter Aufmerksamkeit. Dirk Kurbjuweit ist nicht nur stellvertretender Büroleiter und als Reporter überall in der Welt im Einsatz, sondern er hat noch eine zweite Beschäftigung. Er ist Schriftsteller.

Von Maike Albath

"Sehnsuchtsort Albanien" (tdh)
"Sehnsuchtsort Albanien" (tdh)

Da ergänzen sich meine beiden Berufe ideal, denn als Reporter bin ich viel unterwegs, und ich schreibe auf Reisen. Ich habe meinen Laptop immer dabei, ich habe das Glück, mich sehr schnell ausschließen zu können von der Welt, die mich umgibt, ich kann im Warteraum schreiben, im Flugzeug, im Hotel. Eigentlich überall. Nur so ist das möglich. Und Reisen ist zum großen Teil Warten. Man wartet, bis das Flugzeug kommt, man wartet, bis das Flugzeug landet, man wartet auf den ersten Termin. Und diese Wartezeit fülle ich mit Schreiben.

"Nachbeben" lautet der Titel des jüngsten Produktes langer Reisen. Es geht um einen aufstrebenden Bundesbankbeamten um die dreißig, der Lorenz heißt, Sohn eines Hausmeisterehepaares, und seinen väterlichen Freund Luis, einen alten Erdbebenforscher. Beide sind auf der Erdbebenwarte des kleinen Feldbergs im Taunus zu Hause. Die Landschaft ihrer Herkunft hat sich in sie eingegraben und scheint auch ihre Psyche zu grundieren. Für Dirk Kurbjuweit ist der Feldberg ein Ort seiner Vergangenheit: Der ewige Nebel, das raue Klima und die tiefen Wälder schlugen ihn schon als Kind in den Bann.

Ich habe immer wieder darüber nachgedacht, er fiel mir immer wieder ein. Und zwar vor allem auch, weil, einerseits liegt er so entlegen, ist man dort völlig abgeschieden von der Welt, andererseits ist dort die ganze Welt Zuhause, sie meldet sich nämlich immer zu Wort über diesen kleinen Seismometer, der dort im Felsen vergraben ist. Das fand ich schon als Junge faszinierend.

Der Berg wird in Kurbjuweits Roman zu einer Schnittstelle: die geologischen Phänomene und Naturgewalten geraten in ein eigentümliches Spannungsverhältnis zum Schicksal seiner Figuren und scheinen es in gewisser Weise sogar zu lenken. "Nachbeben" führt zurück in das Jahr 1989. Die Wiedervereinigung steht noch bevor, Deutschland ist eine starke Wirtschaftsmacht, man wirkt siegesgewiss. Zunächst ergreift Luis das Wort, ein knorriger Typ, bedächtig, lebenserfahren, über achtzig Jahre alt. Luis galt auf seinem Gebiet als eine Kapazität, obwohl sich sein Traum, ein System der Erdbebenvorhersage zu etablieren, nie verwirklichen ließ. Der emeritierte Geophysiker lebt auch nach seiner Pensionierung auf der Erdbebenwarte, kontrolliert den Seismographen und wertet Statistiken aus. Ähnlich naturwissenschaftlich verhält er sich seinen Nachbarn gegenüber, Lorenz’ Eltern: jede Regung des Hausmeisterehepaares wird registriert, aufgezeichnet und beurteilt. Eines Abends kommt Lorenz zu Besuch, als im Westen der Republik ein Erdbeben passiert – er übernimmt den Telefondienst und hat eine junge Frau aus Köln am Apparat, die sich voller Sorge nach weiteren Beben erkundigt. In einer Kurzschlusshandlung fährt Lorenz einfach zu ihr. Die Frau heißt Selma, ist Ärztin von Beruf, und Lorenz wird sie später heiraten. Kurbjuweit spinnt seine Figuren in ein feines Netz aus unbewussten Aufträgen, Sehnsüchten und Bedürfnissen ein – allen haftet eine gewisse Schicksalsgläubigkeit an, und sich selbst sind so oft fremd. Freischwebend Charaktere und Ideen entwickeln zu können, ist für den Reporter Kurbjuweit ein großer Vorteil des literarischen Arbeitens.

Ich schreibe sehr, sehr gerne, es ist etwas Lustvolles, Leidenschaftliches, ich habe auch keine Angst davor, sondern ein leeres Blatt ist für mich wunderbar, dann weiß ich, ich kann es füllen, es gibt Platz. Das ist aber das einzige, was gleich ist. Der Hauptunterschied ist natürlich, bei meiner Arbeit hier beim Spiegel bin ich der Wirklichkeit verpflichtet und der Wahrhaftigkeit. Ich kann auch als Journalist nicht aufschreiben, was wahr ist, denn das weiß ich nicht, ich kann mich der Wahrheit annähern. Ich weiß, dass ich letzten Endes nicht objektiv sein kann, sondern dass es immer subjektiv ist, weil ich mich selbst nicht ausschalten kann. Gleichwohl, es ist völlig klar, ich kann nichts Falsches schreiben, und das ist wirklich das wichtigste Gesetz dieses Berufes, das nicht verletzt werden darf. Literatur ist Phantasie, da habe ich alle Möglichkeiten. Auch ein großer Unterschied ist: wenn ich eine Reportage schreibe, schreibe immer ich, das bin immer ich, das ist immer mein Ton, der sich auch verändert, je nach Thema, oder über die Jahre verändert, aber letzten Endes schreibt da Dirk Kurbjuweit. Wenn ich einen Roman schreibe, schreibt eigentlich ein anderer. Weil meine Figuren sich ja auch zum Teil selbst erzählen, also der Luis erzählt ja selbst oder schreibt selbst auf, und er schreibt nicht so, wie Dirk Kurbjuweit eine Reportage schreiben würde, sondern er schreibt so, wie er denkt als alter Mann. Deshalb gibt es in der Literatur durch mich immer andere Stimmen.

Auch in "Nachbeben" schlüpft Kurbjuweit in mehrere Rollen. Neben dem warmherzigen und etwas umständlichen Ich-Erzähler Luis führt der Autor eine zweite, viel kühlere, unpersönliche Erzählerstimme ein, die Lorenz über die Schulter guckt und seine Entwicklung von außen in den Blick nimmt – nur ab und zu dringt sie in sein Inneres vor und verrät etwas von seinen Gefühlen. Die Verdoppelung der Erzählinstanzen entpuppt sich als kluge Strategie: der Wechsel zwischen der neutralen Außenperspektive und der Anteilnahme des ebenfalls in das Geschehen eingebundenen Luis verleiht der Geschichte ein große Spannung. Gegenstand des Romans ist eine Verstrickung, wie sie klassischer nicht sein könnte: ungeklärte Familienbande, Vaterschaft, enttäuschte Liebe, Betrug und Sehnsucht sind im Spiel. Aber all das kommt erst nach und nach ans Licht. Zunächst scheint Lorenz’ Lebensweg schnurgerade zu verlaufen: er und Selma feiern Hochzeit, sie bekommen einen Sohn, dem ehrgeizigen Bundesbankbeamten wird eine große Zukunft prophezeit.

Die Bundesbank war damals eigentlich die wichtigste deutsche Institution, weil sie die Herrin der Mark war, und die Mark war für dieses Land ja irrsinnig wichtig. So wie Währung für kein anderes Land wichtig war, weil sie unser Selbstbewusstsein sehr stark geprägt hat. Wir durften ja politisch nach der Nazizeit keine Rolle spielen, wollten wir auch nicht, aber wir konnten wirtschaftlich eine große Rolle spielen, und das über diese immens starke Mark. Und deshalb gab es einen großen Stolz der Deutschen auf ihre Währung, und einen noch größeren Stolz der Bundesbankmitarbeiter auf ihre Arbeit und die Bundesbank, was ich selbst so erlebt habe über meine eigene Arbeit. Ich selbst habe Volkswirtschaft studiert. Und ich kenne ganz gut über dieses Studium die Verführung, die im Umgang mit Wirtschaft und Geld liegt. Ich meine jetzt nicht die materielle Verführung, Geld zu haben, und es dann mit beiden Händen ausgeben zu können. Sondern die Macht, die in einem wirtschaftlichen Wissen liegt und die auch darin liegt, über Geld regieren zu können, wie die Bundesbank. Das war für mich das Interessante an Lorenz. Dass er jemand ist, der verführt wird durch die Macht, die Geld haben kann, und der dann auch noch zusätzlich verführt wird durch den materiellen Wert, den Geld darstellt. Und der dann eigentlich so ein bisschen darin verloren geht.

Lorenz und Selma nehmen hohe Schulden auf, um sich ein Haus zu kaufen. Inzwischen sind die 90er Jahre angebrochen, und die Zukunft der D-Mark ist ungewiss. Parallel mit der Bedeutung der Mark sinkt Lorenz’ Stern. Die materiellen Sorgen sind aber nur der vordergründige Ausdruck einer tieferen Entfremdung: Selma und Lorenz sind Spielbälle einer komplexen Dynamik, deren Ursprung sie nicht erkennen können. Der erfolgsverwöhnte Bundesbanker scheint den Bezug zur wirklichen Welt allmählich zu verlieren, verbeißt sich in den Glauben an die deutsche Währung und hat gewisse Abgründe, was auf einer Reise nach Albanien deutlich wird.

Ich glaube, Albanien ist für Lorenz wie für mich ein Sehnsuchtsort. Für mich war es immer so, dass ich mir das nicht vorstellen konnte. Ich konnte mir viele Länder vorstellen, in denen ich nicht war, aber nie Albanien. Albanien war ja so vollkommen abgeschottet. Da gab’s keine Möglichkeiten, einzureisen, die Albaner kamen nicht raus, Albanien war völlig autark. Und mein Traum war immer, sobald die Grenzen fallen: da muss ich hin. Ich muss in ein solches Land, das mir vollkommen fremd ist, dass ich nicht mal eine Vorstellung davon haben kann. Das einzige, was ich wusste, war, dass die keine Autos haben. Und das war für mich undenkbar, gerade als junger Mensch, und als Deutscher zumal, dass die da keine Autos haben. Und dann war’s auch so, dass ich, als die 1990 die Grenzen geöffnet haben, als Journalist das Glück hatte, sofort dorthin zu können. Und das war für mich die Exotik und Fremdheit pur. Und so erlebt es Lorenz, natürlich in anderer Weise, er erlebt es, dass man in ein Land kommt und man sieht Menschen, die aussehen wie wir, und man fragt sich: sind die wie wir? Man verliert sich und vergisst sich sehr schnell an diesen Orten, denn alles was bisher gegolten hat in der eigenen Welt, gilt da ja erst mal nicht. Es entsteht eine Freiheit, eine Bindungslosigkeit, die auch etwas mit Orientierungslosigkeit zu tun hat.

Zunächst ergreift Lorenz das Fremde wie einen Rausch. Eine romantische Autofahrt mit einer jungen Frau namens Laura mündet in einen Horrortrip, als ihm ein Kind in den Wagen läuft und an den Folgen des Unfalls stirbt. Der Bundesbankbeamte kann das Land unbehelligt verlassen, aber Albanien wird zu einer Obsession. Laura, an die er wöchentlich Briefe schreibt, muss als Projektionsfläche für seine unerfüllten Wünsche herhalten. Der Unfall ist gewissermaßen das Gegenstück: Lorenz ist schuldlos schuldhaft geworden, und dafür will er Buße tun auf eine Weise, wie es für einen jungen Deutschen wie ihn typisch ist: mit Geld. Kurbjuweit schafft mit Albanien eine Metapher für alle Ungeklärtheiten im Leben seiner Hauptfigur, und die reichen weit in seine Vergangenheit zurück. Im Untergrund entfaltet ein Familiengeheimnis seine Macht. Wie eine unterwellige Dünung wirkt es im Leben aller Beteiligten fort, bis es zu einer Explosion kommt. Lorenz ist ein zwiespältiger Charakter: er überlässt sich den Turbulenzen, inszeniert sein berufliches Scheitern wie eine Selbstbestrafung und hat nicht den Mut, sich seiner Frau anzuvertrauen. Dennoch gewinnt er nach und nach an Wahrhaftigkeit.

Ich hab kürzlich wegen einer Geschichte, die ich für den Spiegel mache, Oliver Stone getroffen und wir haben über seine Filme gesprochen. Und Oliver Stone sagte zu mir, seine Filme seien immer Versuche, jemanden zu lieben. Es war leicht bei Kennedy, er hat diesen Kennedy-Film gemacht, Kennedy kann man leicht lieben. Er hat jetzt Alexander den Großen gemacht, da war es auch relativ leicht, er hat Nixon gemacht, da war es schwer. Und trotzdem hat er gesagt, es war der Versuch, eine Person, die ich eigentlich hasste – denn Oliver Stone ist ein Linker, er hat Nixon immer gehasst – und während des Films, in dem Prozess lernt er ihn lieben. Und so ist auch der Film. Ich glaube, in meinen Büchern ist es auch ähnlich. Und gerade in "Nachbeben", einer Auseinandersetzung mit den dunkleren Seiten meiner selbst und gleichzeitig der Versuch, sich zu lieben oder sich dann mit sich selbst zu versöhnen. Und das ist ein langer Prozess, auch ein schwieriger Prozess, der vielleicht damit beginnt, nicht, jemanden zu hassen, das ist mir jetzt zu pathetisch, aber jemanden nicht zu mögen, und sich dann die Zuneigung zu erschreiben.

Was wie eine Erkundung der eigenen Sphären beginnt, entwickelt sich zu einem Roman über eine deutsche Familie mit unerwarteten Wendungen. "Nachbeben" ist die Chronik einer schwierigen Ehe, es geht um den Schmerz der Einsamkeit und die Verführungskraft des Fremden. Am Ende verliert Lorenz seinen Job, versöhnt sich mit Selma und zieht mit seiner Familie zurück auf den Feldberg. Auf einmal sind die 90er Jahre kaum mehr als ein Hintergrundrauschen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk