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StartseiteBüchermarktChronik eines inszenierten Todes22.06.2007

Chronik eines inszenierten Todes

Ein Blick in die Seele Israels

Yoram Kaniuk interessiert in seinem Roman "Die Vermisste" die Krankheit Tod, mit der Israel schon auf die Welt kam: hier die großen Helden, dort die großen Opfer und danach: verlorene Generationen.

Von Natascha Freundel

Der israelische Schriftsteller Yoram Kaniuk. (Friedrich Ebert Stiftung)
Der israelische Schriftsteller Yoram Kaniuk. (Friedrich Ebert Stiftung)

"Der Leidensweg meiner Familie endete am Donnerstag, dem 28. Adar II 5745 (dem 30. März 1995), als meine Beerdigung für vier Uhr nachmittags in der Gefallenenabteilung des Kiriat-Scha'ul-Friedhofs festgesetzt wurde."

Mit diesem hübsch schadenfrohen Satz beginnt Yoram Kaniuks Erzählerin ihre Chronik eines inszenierten Todes, ihres Todes. Sie hat es geschafft: Endlich spricht ganz Israel von ihrem Fall; endlich hat sie ihr Plätzchen neben den Helden des Landes, den in dem einen oder anderen Krieg gefallenen Soldaten. Jetzt ist sie "die arme Vermisste" oder "das arme Mädchen, das von Arabern massakriert worden sei". Immerhin eine Geschichte, larger than life.

"Das Buch handelt davon, wie sich das Leben hier um den Tod dreht. Immer ist vom Tod die Rede, jeder Tote ist bedeutend und wunderbar, jeder liebt die Toten. Die Toten beschützen uns, die Toten wachen über uns.

Das stammt noch von der alten jüdischen Tradition der Erinnerung. Bei Juden wird jedes Geschichtsbuch seit 2000 oder zumindest 1000 Jahren 'Buch der Tränen' genannt. Und von jeder Gemeinde in Europa ist nicht mehr überliefert als wer, wann und in welchem Alter gestorben ist. Und das heißt 'Buch der Tränen'."

Kaniuks Erzählerin aber gibt kein trauriges Testament zum Besten, sondern ein sarkastisches Protokoll ihres Verschwindens. Mit bösem Blick schaut sie zurück auf das noble Viertel, in dem sie aufwuchs.

"Dort herrscht eine gepflegte Stille, die nur das monotone Zischen der Rasensprenger oder das Gezirpe der Mobiltelefone unterbricht.

[...] Eukalyptusbäume, die von diplomierten Gärtnern in weißen Kitteln auf Wildwuchs getrimmt werden, [...] blank geputzte Büsche, Rosen, die mit Champagner begossen werden."

Auf die Attraktionen, die Israel ihr sonst zu bieten hatte, wie etwa ein obskures, landesweit als metaphysisch bestauntes Kunstereignis:, nämlich ein mit Damenunterwäsche vollgestopfter, durchsichtiger Würfel in der Wüste.

Sie blickt zurück auf ihre Nächte im Süden Tel Avivs, dort, wo die engen Straßen nach Katzendreck und Holzspänen riechen und wohin sie auf der Flucht vor den Champagner-Rosen gezogen war:

"In Florentin kommt abends die Stille mit einem Seufzer, wie ein Blasebalg, aus dem die Luft entweicht. Ich liege in meinem Zimmer, nur mit einem chinesischen Seidenhemd bekleidet, eine Sommernacht, offene Fenster, und gebe mich dieser Stille hin. [...] Ich suchte einen Grund zu sterben, doch ich fand ihn nicht. Einen Grund zu leben fand ich auch nicht.

Der Tod war schon das Richtige, doch ich wollte nicht sterben, ohne ihn mitzuerleben. In mir reifte die schmerzliche Gewissheit, dass ich aus mir selbst verschwinden und mich dennoch mitnehmen musste. Eine Installation von mir selbst als Tote."

Eine zu Tode gelangweilte, mit empfindlichem Gehör begabte, latent depressive Tochter aus gutem Hause spricht hier also. Sie würde sich die Federn des süßen Vogels Jugend am liebsten eine nach der anderen ausrupfen.

Sie ihren Rabeneltern zum Fraß vorwerfen. Von wegen Rabeneltern. Sie sollte stolz sein auf Mama und Papa. Der Vater, so erinnert sie sich, pflegte im Winter mit seinen Kumpels auf einem edlen afghanischen Teppich an einem künstlichen Kamin zu sitzen. Sie singen Soldatenlieder zum rötlichen Schein und denken an die großen Tage des Unabhängigkeitskriegs 1948. Ob er sich erinnere, fragt da die Tochter einen Familienfreund, "wie Vater seinen eigenen Kumpel verfehlt und stattdessen die alte Araberin erschossen hatte". Das kann unter den Teppich gekehrt werden: "Ein Araber mehr oder weniger, was machte das?", lautet die Antwort.

"Meine Generation hatte die Chance, einen Staat zu schaffen. Und das waren großartige Tage. Es ist doch unglaublich, wir brachten 250.000Flüchtlinge aus Europa ins Land. Wir kämpften wie verrückt, unsere Generation erlitt die schwersten Verluste, die es je gab in einem Krieg: Im Unabhängigkeitskrieg starb ein Prozent der Bevölkerung. In meinem Regiment unter Yitzhak Rabin waren wir anfangs 1200. 400 wurden getötet. Also fast die Hälfe meiner Generation wurde getötet."

"Mein Vater kam aus den Dünen von Tel Aviv, aus den Maulbeerfeigenbäumen und Akazien und Orangen, [meine Mutter] kam als Flüchtling aus Warschau. [...] Als ich geboren wurde - das hat sie mir selbst erzählt -, sah sie das winzige, schreiende Wesen an und wusste, dass ich tot war. [...] Mein Vater begriff, [...] dass er im Vergleich zu ihr ein kleiner Held war, und vielleicht war es das, was ihn störte, weil er vom Kindergarten an dazu erzogen wurde, ein hebräischer Soldat zu werden, das Wunder der jüdischen Geschichte, die Rache für das Leiden der Juden in der Diaspora, der Gründer der jüdischen Heimstatt im Lande der Väter."

Jenes himmlische Heim der Juden, das diese neuen Hebräer in Palästina schaffen wollten, stellt Yoram Kaniuk als Totenhaus bloß. Immer sehnte sich die Mutter der Erzählerin in jenes Kloster zurück, in dem sie als Kind versteckt den Holocaust überlebte. Kaniuk behauptet, ihre haarsträubende Biografie basiere auf einer wahren Lebensgeschichte, die ihm einmal eine Frau erzählt habe: Erst heiratete sie wie aus Versehen einen Araber, der von seinem Bruder erschossen wurde während des Unabhängigkeitskriegs, dann einen Juden, der auch stirbt; und mit den Männern verliert sie zwei Söhne.

"Ich dachte, das Leben sei eine Art Tod", sagt ihr drittes Kind, die Erzählerin.

"Ich sehe, wie schwer es für die jungen Leute war, im Schatten dieser Helden aufzuwachsen. Schauen Sie, wie Rabin behandelt wurde, der erste Premierminister dieser Gründergeneration. Er war zum Sterben verurteilt. Vielleicht hatte ich Rabin im Sinn, als ich über sie schrieb, nicht Rabin selber, sondern was er repräsentiert: Ihr Vater ist ein Freund Rabins, ich meine, sie kämpften zusammen."

Der Begräbnistermin im ersten Satz des Romans, März 1995, liegt nicht zufällig ein dreiviertel Jahr vor dem Todestag Rabins. Am 4. November 1995 wurde Yitzhak Rabin, die Symbolfigur des neuen, des israelischen Juden, von einem jungen ultraorthodoxen Rechtsextremen in Tel Aviv erschossen. Ein Datum, das kein Israeli so schnell vergisst. Euphorisch soll die allgemeine Stimmung vor Rabins Ermordung gewesen sein. Der Händedruck mit Yassir Arafat 1993, der Vertrag von Oslo und der Friedensnobelpreis ein Jahr später: von dieser Tagespolitik und der großen Hoffnung auf Frieden ist in Kaniuks Roman aber gar keine Rede.

Ihn interessiert die Krankheit Tod, mit der Israel schon auf die Welt kam: hier die großen Helden, dort die großen Opfer und danach: looser, lost generations. So könnte die Erzählerin eine seiner eigenen beiden Töchter sein, aber auch eine der kühlen, kokainberauschten Kindfrauen Tel Avivs, die ihm heute im Café um die Ecke ein lässiges Lächeln schenken. Yoram Kaniuk sieht ihre Augen leer. Vor dem Vätern sterben die Töchter, beinahe

"Missing" - so der Titel der 2005 erschienenen hebräischen Originalausgabe - ist eine Liebeserklärung des Mitsiebzigers Yoram Kaniuk an dieses Mädchen. Er stattet sie aus mit einem exzellenten Sinn für schwarzen Humor, mit Resistenz gegen Patriotismus und mit der zweifelhaften "Kraft, nicht zu lieben". Im Rückblick schnurrt ihr gesamtes kleines Leben in Tel Aviv auf eine Vorbereitung ihres großen Coups hin: Frühe Selbstmordversuche zeigen, dass es im süßen Jenseits nichts zu suchen gibt; in New York jobbt sie als Leichenfriseuse in einem Bestattungsinstitut; Männer verjagt sie, indem sie ihnen das auf Band aufgenommene Stöhnen eines früheren Liebhabers vorspielt. Eines schönes Tages linkt sie ihren Vater bei einem seiner linken Börsengeschäfte; mit dem Geld bekommt sie einen neuen Pass und ein neues Gesicht. Sie hinterlässt Blutspuren und Kleider in der Wüste, ganz Israel steht Kopf und vermutet - natürlich - "die arme Vermisste" sei von einem Araber ermordet worden. Kaniuk übertreibt, aber doch so, dass in dem 180-Seiten-Buch viel Raum ist, das skandalgebeutelte Israel von heute wiederzufinden.

"Die Sprache der Bibel hat mich sehr beeinflusst. Da wird nichts erklärt, nur eine Geschichte erzählt. David ist ein Bastard, ein Frauenheld, ein Betrüger, alles zugleich, und er ist der große König Israels. Das ist das Besondere an der frühen hebräischen Kultur. Es gibt keine Beschreibungen, wie ein Haus oder ein Baum aussieht. In der Bibel findet man nicht eine Erklärung eines Ereignisses. Und doch weiß man, was es bedeutet."

Schließlich schickt Kaniuk das todesmutige Mädchen in die Wüste, zu den nackten Felsen, den Bussarden und einem merkwürdigen Höhlenmann. Beinah gibt es ein Happy End. Doch Kaniuk hält nicht viel von der künstlichen Identität seiner Erzählerin. Er weiß sehr gut, wie man den israelischen Alltag seziert. Wie man ihn neu zusammenflicken soll, das kann er auch nicht sagen.


Yoram Kaniuk: Die Vermisste
Roman. Aus dem Hebräischen von Beate Esther von Schwarze. Ullstein/Claassen, Berlin 2007
184 Seiten, 19,95 Euro

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