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StartseiteBüchermarktChronist und feiner Beobachter zeitgemäßer Befindlichkeiten18.05.2008

Chronist und feiner Beobachter zeitgemäßer Befindlichkeiten

Für Hanif Kureishi ist "Das sag ich dir" Programm

Kindheit, Sexualität, Krankheit, Tod und das Problem der Lust - diese Themen halten auch Hanif Kureishis neuen Roman zusammen. In gewisser Weise legt er dafür seinen Ich-Erzähler selbst auf die Couch, um ihm sein Leben zu entlocken. Komisch, aber auch berührend, mit quecksilbriger Erzähllaune begleitet das Buch seine überwiegend skurrilen Figuren durch ihr aufregendes Leben.

Von Shirin Sojitrawalla

Mit seiner Hauptfigur erschafft Kureishi auch so etwas wie einen urbanen Prototypen.  (AP)
Mit seiner Hauptfigur erschafft Kureishi auch so etwas wie einen urbanen Prototypen. (AP)

Der Ich-Erzähler des Romans, Jamal Khan, ist nicht mehr richtig jung, aber auch noch nicht richtig alt, also so um die fünfzig. Seine Frau und seinen 12 Jahre alten Sohn hat er vor Kurzem verlassen, wobei er den ganzen Roman lang vergeblich danach fahndet, ob dieser Weggang nötig war. Jetzt versucht er aber erst einmal, sich in seinem leer- und aufgeräumten Leben einzurichten wie in einem unüberschaubaren Loft. Dieser Jamal ist ein auffällig unauffälliger Typ, einer, der immer ein bisschen am Rand steht, viel mit sich selbst ausmacht und nie Zentrum des Trubels sein möchte, er ist in Maßen vernünftig, auch besonnen, auf seine eigene Art aber ziemlich durchschnittlich.

Sein Geld verdient Jamal als Psychotherapeut. Tag für Tag hört er sich also stundenlang an, was seine Patienten an ihren Leben und Lieben auszusetzen haben. Zu ihm kommen Geschäftsmänner, Nutten, Künstler, Teenager, Zeitschriftenherausgeber sowie Schauspieler, PR-Leute, Automechaniker, Fußballspieler, Kinder und andere mehr. Sie weinen sich bei ihm aus, indem sie sich auf seine Couch legen und einfach anfangen zu erzählen: von ihrem Leid, ihrer Freude und ihrem Schmerz, aber auch von ihrem Wahn und ihrem Alltag.

"Meine Währung sind die Geheimnisse. Ich lebe davon, mit ihnen zu handeln. Die Geheimnisse des Begehrens und die Geheimnisse dessen, was die Menschen wirklich wollen und wovor sie sich am meisten fürchten. Die geheimen Gründe dafür, warum Liebe schwierig ist, Sex heikel, das Leben eine Qual und der Tod so nah und so fern zugleich. Wie kommt es, dass Lust und Strafe so eng miteinander verwandt sind? Wie sieht die Sprache unsere Körper aus. Weshalb machen wir uns krank? Wieso will man scheitern? Warum ist Freude unerträglich?"

Dieselben Fragen, die während der psychotherapeutischen Sitzungen hochkommen, stellt auch der Roman: Wie kommt es, dass Lust und Strafe so eng miteinander verwandt sind? Wie sieht die Sprache unsere Körper aus? Weshalb machen wir uns krank? Wieso will man scheitern? Warum ist Freude unerträglich? Allesamt Fragen einer satten Gesellschaft, deren Lebenslust vorerst nicht zu bremsen ist.

Hanif Kureishi beobachtet seinen Ich-Erzähler von den siebziger Jahren an bis beinahe in unsere Gegenwart hinein. Er sieht ihm beim Erwachsenwerden zu und erzählt mit vielen Rückblenden und zeitversetzt seinen Lebenslauf. Wie der Autor selbst wächst auch Jamal in einem Vorort Londons auf, bevor er zum Studium in die Stadt kommt. Dort gehen zu jener Zeit die Studenten auf die Barrikaden, wälzen revolutionäre Gedanken, streiten für ihre Ideale, erkämpfen sexuelle Freiheiten gegen die verkniffene Moral ihrer Eltern. Jamal verliebt sich derweil zum ersten Mal in seinem Leben mit allem, was scheinbar dazugehört. Seine Wahl fällt auf Ajita, Halbinderin und Tochter eines ebenso erfolgreichen wie selbstgerechten Fabrikbesitzers. Ein Klassenfeind, den nicht einmal seine fremde Herkunft vor dem Hass der aufgebrachten Studenten schützt.

Zwischen Jamal und Ajita indes beginnt eine romantische Liebesgeschichte, die sich zur Obsession auswächst, bis ihre Geheimnisse aufbrechen wie reife Früchte. Später verlässt sie Hals über Kopf das Land, und Jamal bleibt zurück, die große Liebe, die er nicht leben muss sowie die Mitschuld am Tod ihres Vaters im Schädel. Diese Mitschuld nutzt Kureishi für eine locker gestrickte, etwas dürftige Kriminalhandlung, mit der er den Spannungsbogen des Romans setzt. Erst viele Jahre später kehrt Ajita dann wieder zurück, inzwischen lebt sie in New York, ist verheiratet und Mutter zweier Kinder. Als sie wieder in London auftaucht hat Jamal aber längst am eigenen Leib erfahren, dass selbst große Lieben nicht ein Leben lang halten müssen und dass irgendwann jede Wahrheit ans Licht kommt.

Mit psychoanalytisch geschultem Blick beäugt er dabei immer wieder das merkwürdige Paarungsverhalten der Großstädter, etwa wenn er seine Ehe mit Josephine und die Geburt seines Sohnes Rafi rekapituliert:

"Ich war Josephine bei einem Vortrag begegnet, den ich gehalten hatte: Die Kunst des Vergessens. Sie studierte Psychologie, war aber gelangweilt von dem "Ratte-auf-Medikation"-Ansatz. Als sie schwanger wurde, waren wir erst wenige Monate zusammen. Mein Vater war ungefähr anderthalb Jahre zuvor gestorben, und ich wollte ihn unbedingt durch einen neuen Vater ersetzen - mich selbst. Ich lebte in der Wohnung, in die auch meine Patienten kamen, und verdiente langsam Geld. Josephine hatte ihre eigene Wohnung, die sie von ihrer Mutter geerbt hatte, und wir kauften uns ein kleines Haus in der Nähe meiner späteren Praxis. Wir waren noch gar nicht lange zusammen, aber ich verlor sie sofort an einen anderen Mann, meinen Sohn. Besser gesagt: Wir verloren uns beide an ihn, und wir gaben uns keine Mühe, einander wiederzufinden. Natürlich bedürfen viele Beziehungen eines "dritten Objekts", um das man sich kümmert, ob Kind, Haus oder Katze, irgendein gemeinsames Projekt."

Diejenigen freilich, die ihr Kind-Katze-Haus-Projekt frühzeitig aufgeben wollten oder mussten, feiern bei Kureishi ausgiebig die Errungenschaften der sexuellen Revolution. Unverkrampft besuchen sie Swingerclubs, treiben sich auf Fetischparties herum, sind oft schwul oder zumindest bi, schlagen, beißen und lieben sich. Der Ich-Erzähler selbst besucht, wann immer ihm danach ist, ein Bordell, wo seine Göttin auf ihn wartet, während seine vollkommen durchgeknallte Schwester Miriam mit seinem Freund Henry alles treibt, was gerade noch erlaubt ist. Die sexuell Befreiten, Kinder der sechziger Jahre, scheinen kein Schamgefühl zu kennen, sie leben sich und ihre Bedürfnisse aus wie Kinder. Und auch Kureishi beschreibt ohne rot zu werden, was man mit seinem Körper und seinem Partner so alles anstellen kann. Das macht er aber nicht voyeuristisch, sondern abgeklärt und nüchtern, wie es sich für seinen psychoanalytisch versierten Ich-Erzähler gehört. Sexuelle Fantasien, Möglichkeiten und Ausschweifungen sind einfach Teil des Alltags der Figuren, wobei auch das Liebesspiel längst zum schnöden Konsumartikel geworden ist, der nur vordergründige Bedürfnisse befriedigt.

"Ein Paar, das auf einem Sofa lag, bat mich, dazuzukommen. Es konnte keinen Zweifel daran geben, dass man an diesem Ort, an dem andere bürgerliche Normen außer Kraft gesetzt waren, außerordentlich nett und höflich zueinander war. 'Er schaut gern zu‘, flüsterte sie. Ich schaffte es gerade eben, die Frau zu vögeln, während der Mann zusah, müßig seinen schlaffen Schwanz streichelte, mich betrachtete und mir so aufmunternd zunickte, als würde ich ihm einen großen Gefallen tun. Was ich nach einer Weile auch tatsächlich zu glauben begann. Die Frau versuchte ab und zu, ihm einen zu blasen, aber davon abgesehen überließ er die Mühsal der Liebe ganz und gar mir. 'Danke‘, sagte er, als ich außer Puste in den Armen seiner Frau lag. Beim Gehen gaben wir einander die Hand."

Mit derselben distanzierten Empathie, ironisch grundiert, führt uns der Autor auch auf außergewöhnliche Drogenpartys, in versiffte Kneipen und verruchte Clubs, zum Ausgleich aber auch immer mal wieder zum netten Inder an der Ecke oder schick zum Essen aus. Zumeist mit von der Partie, der nimmermüde Henry, Jamals bester Freund und neuer Liebhaber seiner Schwester. Mit dieser Figur gelingt Kureishi ein besonders reizvoller Charakter. Henry, gefeierter Theaterregisseur, Alles-ist-möglich-Pfundskerl und Vater zweier erwachsener Kinder, lebt sein Leben auf der Überholspur. Desillusioniert bis in die grauen Haarspitzen hinein testet er gierig die Grenzen der eigenen Sterblichkeit aus. Er will es einfach noch einmal wissen. Seine Kinder hassen ihn für sein Gebaren, wie es überhaupt in diesem Roman immer wieder die Kinder sind, die sich für ihre wie wild gewordene Teenager agierenden Eltern schämen.

"Henrys Truppe besuchte fast jeden Abend irgendeinen Umtrunk und aß danach im Restaurant. Das kostete richtig viel Geld - die Kleider, das Essen, die Drogen, Drinks und Taxifahrten. Aber Geld spielte für diese Leute keine Rolle. Man konnte dieser Truppe von Künstlern, Regisseuren, Produzenten, Architekten, Therapeuten, Popstars und Modedesignern zwar so manchen Vorwurf machen, aber auf keinen Fall den, träge oder unliberal zu sein. Das war ein Privileg, und Henry war sich dessen bewusst. Abbüßen konnte man es nur durch Arbeit, und genau das taten die meisten. Langweilig waren sie nicht. Henry kannte sie einfach zu gut und behauptete, auf einer Party in Rio oder Marrakesch könnte man die gleichen Gesichter sehen und das gleiche Gefühl von Klaustrophobie und Déjà-vu haben wie wenn man in Urlaub fahre oder irgendeine Kunstmesse oder ein beliebiges Filmfestival besuche.
Henry war zwölf Jahre älter als ich, und er hatte sein ganzes Leben in London verbracht und dort gearbeitet. Er kannte 'jede und jeden‘. Nach dem Scheitern seiner Ehe hatte er zwei Jahre eine Analyse bei einem schweigsamen, strengen Typen der alten Schule gemacht, der ihm geistig unterlegen gewesen war. Henry interessierte sich für Therapie, zumal er behauptete, ein total fertiges, abgefucktes Wrack‘ zu sein, doch sein Interesse war nicht so groß, als dass er sich einen neuen Analytiker gesucht hätte."


Es sind aber nicht nur die Schönen, Klugen und Reichen, Künstler und ihre Gefolgsleute, deren Verhalten Kureishi zuweilen in Spott und Asche legt, sondern immer auch die Außenseiter und Verlorenen der Gesellschaft, denen er sich widmet. Ein buntes Völkchen - bizarr und lebenslustig - durchströmt das Buch, wie auch schon Kureishis herausragenden Debütroman "Der Buddha aus der Vorstadt" aus dem Jahr 1990. Sein damaliger Ich-Erzähler Karim Amir hat in "Das sag ich Dir" einen Gastauftritt, inzwischen ist er zum berühmten Schauspieler avanciert, wie der Autor überhaupt Helden und Themen seiner früheren Bücher, etwa aus "Mein wunderbarer Waschsalon", "Das schwarzes Album" oder "Rastlose Nähe", in diesem Roman abermals aufleben lässt. Zudem fährt er zahllose Zitate und Querverweise aus Literatur, Musik, Film, Psychologie, Philosophie und Alltagskultur auf. Besonders schön und erwähnenswert auch der nonchalante Auftritt von Mick Jagger persönlich, der nach einem Stones-Konzert zur Aftershow-Party lädt.

"Da war er - Jagger - , fit und schlank und mit dem Aussehen eines Mannes, der alles gesehen und vieles begriffen hatte. Er war mit seiner hochgewachsenen Freundin hereingekommen, um seine Gäste vor der Tür zu begrüßen. Als wir drinnen zu trinken begannen, aß Jagger etwas, sah nach seinen E-Mails und schaute in die Zeitungen, plauderte mit seinen Freunden und mit seiner Tochter. Henry knurrte derweil der Magen, und er fand es unfassbar, dass Jagger dort saß und aß, ohne ihm etwas anzubieten. Am Ende bestellte Jagger Henry ein paar Sandwiches, die dieser dankbar in sich hineinstopfte.

Wir saßen in einer kleinen Runde beisammen und diskutierten über Blair, Bush, Clinton, über den Henry viel zu sagen hatte. Jagger war jedoch viel indiskreter. Für mich sei es spät, sagte ich zu Jagger, der erwiderte, er gehe selten vor vier Uhr früh zu Bett, schlafe aber stets acht Stunden. Henry unterhielt sich mit ihm über Schlaftabletten, aber diese waren Jagger nicht geheuer, weil er befürchtete, 'süchtig zu werden. Die Leute kamen und gingen ununterbrochen, als wäre es unter hippen Londonern angesagt, um ein Uhr früh durch die Apartments ihrer Bekannten zu geistern. Wie bei einem Gott des Rocks zu erwarten, führten Jagger und ich ein aufschlussreiches Gespräch über gute Private Schools in Westlondon."


Auch diesmal erzählt Kureishi ironiegesättigt, mit viel Witz und Rasanz. Hauptschauplatz ist wieder einmal seine geliebte Heimatstadt London. Reisen führen die Hauptfigur aber auch nach Pakistan und Venedig. London aber bleibt das Zentrum, um das sich der Roman bis ans Ende dreht. Das multikulturelle Miteinander in der Stadt kommt immer mal wieder zur Sprache, nicht aber als exotische Unterfütterung, sondern als Gegebenheit modernen Großstadtlebens, wobei Kureishi Emigrantensehnsüchte- und Enttäuschungen wie nebenbei auf den Punkt zu bringen versteht, indem er einen wachen Blick auf den Menschen hinter seiner bunten Fassade wirft.

Wie der Autor selbst hat Jamal eine englische Mutter und einen pakistanischen Vater, doch wie Kureishi ist auch Jamal in erster Linie Brite und das Bikulturelle nur eine von vielen Facetten seiner Identität.

Als erfolgreicher Psychotherapeut hat Jamal schon einige Fachbücher veröffentlicht, die sich gut verkaufen. Gerade sitzt er an einem neuen Projekt. Diesmal soll es auch um das Thema Schuld gehen.

"Ich sagte, ich wolle die Analyse aus ihrer methodischen Grauzone und der Wissenschaftlichkeit herausführen - die Analytiker würden ja nur füreinander sowie für Studenten schreiben - und auf eine populärere Ebene heben, auf der ich, wie Freud in seinen hellsichtigen Schriften, all jene Themen behandeln könne, die für jeden von Interesse seien: Kindheit, Sexualität, Krankheit, Tod, das Problem der Lust. Denn sonst blieben der Öffentlichkeit nur noch diese Selbsthilfe-Bücher, deren Verfasser ihren Doktor auf den Titel setzten, was aus irgendwelchen Gründen stets eine Garantie für Dummheit sei."

Kindheit, Sexualität, Krankheit, Tod und das Problem der Lust - diese Themen halten auch Kureishis neuen Roman zusammen. In gewisser Weise legt er dafür seinen Ich-Erzähler selbst auf die Couch, um ihm sein Leben zu entlocken. Ungeordnet, in verschiedenen Stimmungslagen, beginnt der zu erzählen, selbstredend nicht chronologisch und mal weinend, mal lachend. Wütend, ängstlich, aber auch heiter und dann wieder traurig lässt er sein Liebesleben Revue passieren, spricht von Schuld und Scham und von den Wunden der Vergangenheit, die ihm hässliche Narben auf die Seele gezeichnet haben.

Mit seiner Hauptfigur erschafft Kureishi auch so etwas wie einen urbanen Prototypen. Immer ein bisschen von sich selbst und der Welt, in der er lebt, gelangweilt, entweder unter-oder überfordert weigert er sich, ohne es richtig zu merken, erwachsen zu werden, was sich nicht nur daran zeigt, dass er immer noch dieselben Turnschuhe wie seine Kinder trägt. Dieser Typus singt das Hohelied der Libertinage und gönnt sich Infantilität wie einen sahnigen Nachtisch. Glücklich macht das nicht unbedingt; die hysterische Amüsierlaune erweist sich nämlich auch im Roman als aufgekratzte Schwester schüchtern pochender Traurigkeit.

"Ich fand mich zwischen einigen Frauen wieder, die über ihre Träume zu reden begannen, nachdem sie von meinem Beruf erfahren hatten. Leider fühle ich mich in solchen Fällen immer wie ein Arzt im Urlaub, den Fremde hartnäckig mit ihren Wehwehchen belästigen.
Ich klinkte mich bald aus dem Gespräch aus und merkte, wie gelangweilt und unzufrieden ich war. Ich wollte weder allein zu Hause sein, noch ertrug ich den Gedanken an das Chaos bei Miriam. Ich überlegte, die Göttin zu besuchen, war aber nicht in der Stimmung dazu. Mir wurde bewusst, wie einsam ich war, wie weit weg von anderen Menschen. Und ich dachte, dass ich gern noch einmal verliebt wäre, ein einziges Mal, vielleicht das letzte Mal in meinem Leben. Obwohl ich nicht mehr der Jüngste war, wollte ich noch einmal die Liebe erleben, nicht zuletzt, um sie mit früheren Erfahrungen zu vergleichen. Noch war ich nicht dazu bereit. Doch es würde nicht mehr lange dauern."


Das Motto des Romans stammt nicht von ungefähr aus dem legendären Bluestitel "Crossroads" von Robert Johnson. Um Anerkennung, aber auch mit der Vergeblichkeit kämpfen all seine Figuren des Romans, was natürlich auch ihrem fortgeschrittenen Alter geschuldet ist. Sich ihrer eigenen Endlichkeit bewusst, versuchen sie auf unterschiedliche Arten, ihrem Leben noch einmal neuen Schwung zu geben. Die alten Zeiten taugen dabei als probates Versprechen für die Ewigkeit.

In vier Teilen erzählt Kureishi seinen schrägen Gesellschaftsroman; der Schriftsteller und Übersetzer Henning Ahrens hat ihn überzeugend ins Deutsche übertragen.
Komisch, aber auch berührend, mit quecksilbriger Erzähllaune begleitet das Buch seine überwiegend skurrilen Figuren durch ihr aufregendes Leben. Am Ende lässt der Autor sie verwirrt, aber nicht hoffnungslos zurück. Die Anschläge vom 11. September und die späteren U-Bahn-Attentate in London verändern aber zumindest sachte ihr allein vom Hedonismus geleitetes Lebensgefühl, das Kureishi durchaus kritisch beäugt oder vielmehr zur Diskussion stellt. Der Titel des Romans "Das sag ich Dir" ist Programm. Der Autor schwingt sich dabei aber nie zum Moralapostel auf, sondern betrachtet sein Personal mit kühlem Kopf. Mit seinem neuen Roman erweist sich Hanif Kureishi dabei einmal mehr als äußerst unterhaltsamer Chronist und feiner Beobachter zeitgemäßer Befindlichkeiten wie ihrer Störungen.

"Leider sorgt die Psychoanalyse zum Erstaunen vieler weder dafür, dass sich die Menschen besser benehmen, noch dafür, dass sie moralisch integer bleiben. Ganz im Gegenteil - oft macht die Analyse die Menschen noch unerträglicher, noch streitbarer und noch fordernder, schärft das Bewusstsein für eigene Wünsche und sorgt dafür, dass man sich nicht mehr so leicht von anderen beherrschen lässt. In diesem Sinne ist sie subversiv. Allerdings gibt es nur eine kleine Minderheit von Menschen, die sich im Alter wünschen, ein tugendhafteres Leben geführt zu haben. Nach allem, was mir in meinem Behandlungszimmer zu Ohren kommt, wünschen sich die meisten, sie hätten mehr gesündigt. (Sie wünschen sich auch, ihre Zähne besser gepflegt zu haben.)"

Hanif Kureishi : "Das sag ich Dir".
Roman, S. Fischer, 508 Seiten, 19,90 Euro.

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