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Chronologie eine Tragödie

Göran Schattauer: "Der letzte Schultag - Die Amoktat von Winnenden". Militzke Verlag

Der Leipziger Militzke-Verlag hegt ein besonderes Faible für Kriminalistik und Kriminelles. Der Toptitel des Frühjahrs aber behandelt eine Dokumentation: "Die erste umfassende Dokumentation des Amoklaufs von Winnenden" - so wirbt der Verlag für das Buch des Focus-Journalisten Göran Schattauer.

Von Armin Himmelrath

Ein Blatt mit der Frage "Warum?" liegt in Winnenden vor der Albertville-Realschule. (AP)
Ein Blatt mit der Frage "Warum?" liegt in Winnenden vor der Albertville-Realschule. (AP)

"Der Amokläufer, der in Baden-Württemberg 15 Menschen getötet hat, ist von der Polizei erschossen worden..."

"15-. 16- und 17jährige Mädchen und Jungen liegen sich in den Armen, Tränen auf den Wangen, Eltern drum herum. Sie alle können es nicht fassen..."

"Das Motiv für den Amoklauf im baden-württembergischen Winnenden ist weiter unklar."

11. März 2009. Bei einem Amoklauf an der Albertville-Realschule in Winnenden, rund 20 Kilometer nordöstlich von Stuttgart, erschießt der 17-jährige Tim 13 Schüler und Lehrer. Bei seiner anschließenden Flucht ermordet er zwei weitere Menschen, bevor er schließlich die Waffe gegen sich selbst richtet. Eine Tat, die sich einreiht in eine ganze Kette von Amokläufen der vergangenen Jahre. Den Jahrestag des Massakers in dieser Woche hat Göran Schattauer zum Anlass genommen, in seinem Buch "Der letzte Schultag" die Hintergründe jenes blutigen Mittwochs zu beleuchten und die Ermittlungen nach der Tat nachzuzeichnen. Und vor allem: den 17-jährigen Tim zu charakterisieren. So jedenfalls steht es im Klappentext des Buchs. Doch bereits im Vorwort macht Schattauer klar, um was es ihm eigentlich geht: Für ihn steht die Verantwortung von Tims Eltern im Mittelpunkt. Schattauer macht sich umstandslos zum Anwalt der Hinterbliebenen:

"Sie wollten wissen, wie der Täter vorging und warum der 17 Jahre alte Tim K. zum Mörder wurde. Vor allem aber interessierte sie, warum seine Eltern ihn nicht aufhielten. Warum sie nichts unternahmen, obwohl sie doch wissen mussten, dass er psychisch labil war. Warum die Mutter ihm virtuelle Waffen beschaffte und der Vater ihn lehrte, mit echten Waffen zu schießen, all das wollten die Hinterbliebenen wissen. Die Fragen habe Ute und Jörg K. nie beantwortet."

Natürlich handelt es sich dabei um wichtige, um unbedingt notwendige Fragen. Natürlich muss es bei der Suche nach den Ursachen um das familiäre Umfeld gehen und damit letztlich um die Frage, was passiert, wenn Eltern nicht auf ihre Kinder achten. Und dennoch bekommt Schattauers Buch durch diese klare Festlegung schon ganz zu Beginn einen Dreh, aus dem sich der Autor nicht mehr befreien kann. Sein Buch, sagt Schattauer ...

"...erzählt die Geschichte von ehrgeizigen, erfolgsverwöhnten Eltern, die glaubten, immer für ihren Sohn da zu sein, ihn in entscheidenden Momenten jedoch allein ließen."

Ein klares Urteil, zu dem Göran Schattauer da schon auf den ersten Seiten kommt - und zwar, ohne dass er mit den Eltern des Amokschützen selber gesprochen hat. Die verweigerten sich seinen wiederholten Interviewanfragen. Schattauer zitiert statt dessen ausgiebig aus etlichen Verhörprotokollen und Gutachten, aus alten Zeugnissen und neueren Berichten und tritt damit zwar den Beweis an, dass er solide und ausgiebig recherchiert hat. Doch immer wieder gibt es Passagen, in denen der Text seltsam irreal wird und in denen offenbar die schriftstellerische Fantasie mit dem Autor durchgegangen ist. So schreibt er über den Vater des Amokläufers und die Tatwaffe:

"Jörg K. kennt Maße und Material. Er kennt die Energie, die beim Abfeuern entsteht. Er kennt die Durchschlagskraft. Er schätzt die gute Verarbeitung und den verhältnismäßig sanften Rückstoß. Er berührt sie jeden Abend vor dem Schlafengehen."

An einer anderen Stelle beschreibt Schattauer das letzte Frühstück des Täters mit seiner Mutter in der Küche, bringt wörtliche Zitate des Dialogs zwischen Mutter und Sohn, lässt dabei Kakaopulver in ein Glas rieseln und schokoladigen Schaum auf der Milch entstehen und Tim dann mit leicht geneigtem Kopf den Kakao austrinken. Schattauer führt dafür ausdrücklich "erzählerische Gründe" an, doch diese fiktionalen Ausflüge hinterlassen beim Lesen ein ungutes Gefühl: Allzu eindeutig verlässt der Autor hier den Weg der Dokumentation. Und manchmal klingt das fast schon nach Stimmungsmache:

"In der dritten Klasse wird Tim, der sonst so quirlige Junge, ruhiger. Er beteiligt sich kaum noch am Unterricht. Seine Noten werden schlechter. Auf dem Abschlusszeugnis steht in Religion eine Vier. Tims Eltern melden ihn vom Religionsunterricht ab. Die Klassenlehrerin bedauert das sehr. Sie findet es wichtig, Kindern christliche Werte und soziale Normen zu vermitteln. Jörg K. tritt im Januar 2001 aus der evangelischen Kirche aus, seine Frau im September 2002."

Schattauer tut sich mit diesen tendenziösen Passagen keinen Gefallen. Denn sein Buch ist spannend geschrieben, schildert viele bisher unbekannte Facetten rund um die Tragödie von Winnenden und gibt - endlich, muss man fast sagen - auch den Opfern und Hinterbliebenen Raum. Damit mutet er den Leserinnen und Lesern viel zu, und das gehört zu den stärksten Passagen des Buchs. Höchst beeindruckend auch, wenn er davon schreibt, wie die Eltern der ermordeten Kinder ein Aktionsbündnis ins Leben riefen, um politische Lehren aus dem Amoklauf zu ziehen. Wenn Göran Schattauer dann zitiert, welche Reaktionen diese Eltern per Mail auf ihr Engagement erfahren, dann läuft es einem noch beim Lesen eiskalt den Rücken hinunter.

"Es mag ja irgendwo traurig sein, wenn jemand getötet wird, aber haltet mal den Ball flach. Was gehen mich Eure Kinder an? Eure abartige Verzweiflung und Hilflosigkeit widern mich an. Viel Spaß am Grab Eurer Blagen."

Solche widerlichen Erfahrungen der Betroffenen nicht auszusparen, ist eine der Stärken dieses Bandes. Denn damit wird überdeutlich, auf welch absurde Argumentation die hinterbliebenen Eltern stoßen, wenn sie - völlig zurecht - schärfere Waffengesetze und ein Verbot von gewalttätigen Computerspielen fordern.

Man hätte diese Schmähungen der Opfer als Ausgangspunkt für eine breite Debatte über den gesellschaftlichen und politischen Umgang mit den Folgen des Amoklaufs nutzen können. Doch Göran Schattauer beschränkt sich hier auf die Dokumentation, schließlich geht es ihm eher um die journalistische Schilderung der Situation kurz vor dem ersten Jahrestag - und kurz vor Prozessbeginn gegen den Vater. Und eigentlich wäre das auch ein passenderer Titel für das Buch gewesen: nicht "Der letzte Schultag", sondern "Der erste Prozesstag".

Göran Schattauer: Der letzte Schultag - Die Amoktat von Winnenden. Militzke Verlag, 192 Seiten, 16,90 Euro. ISBN: 978-3-86189-828-3

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