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StartseiteSpielweisenKlingendes Kuriosum02.08.2017

Claviorganum auf CDKlingendes Kuriosum

Es gehört zu den Kuriositäten der Tasteninstrumente: das Claviorganum. Diese eigenartige Kombination aus Cembalo und Truhenorgel war im 16. Jahrhundert in Mode. Nur wenige Instrumente gibt es davon noch - und das einzig spielbare stand jetzt bei einer CD-Produktion mit Werken des Spaniers Antonio de Cabezón im Mittelpunkt.

Von Elisabeth Richter

Kathedrale "Sagrada Familia" des spanischen Architekten Antoni Gaudi in Barcelona. (Deutschlandradio / Ellen Wilke)
Die Dienststätte des Organisten Juan de la Rubia: die Kathedrale "Sagrada Familia" in Barcelona (Deutschlandradio / Ellen Wilke)

Es beginnt mit einem sympathischen, leisen Knarren, man hört es bei manchen Stücken auf dieser CD mit Musik von Antonio de Cabezón. Doch das stört überhaupt nicht! Man weiß, dass es sich hier um ein über 400 Jahre altes Instrument aus dem Jahr 1590 handelt. Es ist ohnehin ein Wunder, dass es gelungen ist, dieses "Zwitterwesen" aus Orgel und Cembalo aus der Nürnberger Werkstatt von Lorenz Hauslaib so gut zu stimmen. Ja, dass es überhaupt spielbar ist!

Musik: Antonio de Cabezón

Man weiß, dass blind geborene Antonio de Cabezón – er war Hoforganist unter anderem bei Philipp II. und starb 1566 – Musik für Claviorganum komponierte. Das Instrument in Barcelona wurde zwar etwas später gebaut, doch man kann davon ausgehen, hier wirklich einen authentischen Klang aus dem 16. Jahrhundert zu hören. Noch dazu die ungewöhnliche Kombination Orgel und Cembalo. Ein Klang, der hierzulande kaum bekannt ist.

Musik: Antonio de Cabezón

Schmuckes Repräsentationsobjekt

Zweifellos gehört dieses Claviorganum zu den Schmuckstücken des Museu de la Música in Barcelona. Drei "Exemplare" dieses Typs sind erhalten, in New York und Moskau, aber nur das wie eine kleine Truhe aussehende Instrument in Barcelona kann gespielt werden. Vor einigen Jahren wurde es aufwändig restauriert. 85 Prozent sind original von 1590. Seinerzeit hatte es ein hochrangiger spanischer Minister in Nürnberg bestellt und in Barcelona noch mit kostbarem, roten Schildpatt, Silber, Bronze und mehr verzieren lassen. Instrumente dieser Art waren auch Repräsentationsobjekte.

Musik: Antonio de Cabezón

Dieses Wunderwerk der Technik kommt ohne Nägel und Schrauben aus, die Verbindungen werden durch Leder, Holz und Leim gehalten. Zwei kleine Elfenbein- und Ebenholz-Manuale, vier Orgel- und ein Cembaloregister stehen zur Verfügung. Die zwei Blasebälge können von einer Person per Hand bedient werden.

Musik: Antonio de Cabezón

"Diferencias" und "Glosas"

Juan de la Rubia, der Künstler dieser Aufnahme, ist Organist an der Kirche "Sagrada Familia" des legendären Architekten Antoni Gaudí in Barcelona. Außerdem ist er nicht nur in Spanien als Konzert-Organist unterwegs. Für manche Ohren mag diese Musik aus dem 16. Jahrhundert weniger vertraut klingen. De la Rubia hat fünfzehn Stücke von Cabezón eingespielt, die meisten kaum länger als drei Minuten. Es sind sogenannte "Diferencias", "Glosas", oder "Tientos" – freie Formen, bei denen variantenreich ein Lied, ein Tanz oder das Thema eines Madrigals verarbeitet wird. So klingt etwa das Chanson "Un gai berger", "Ein fröhlicher Hirte" von Thomas Crequillon in der Fassung von Antonio de Cabezón.

Musik: Antonio de Cabezón, Chanson

Cabezón selbst schrieb über dieses Chanson auch einen "glosado", eine Variante, eine Art Kommentar.

Musik: Antonio de Cabezón, Glosado

Ein schönes Beispiel für die Farben des Claviorganums gibt Juan de la Rubia, indem er "El Canto del Caballero" (Gesang des Herren) einmal mit dem Orgel- und zweites Mal mit dem Cembalo-Register aufgenommen hat.

Musik: Antonio de Cabezón, Chanson

Versierte Interpretationen

Das Claviorganum von Lorenz Hauslaib in Barcelona ist nicht leicht zu spielen. Die Tasten sind viel kleiner als bei einer modernen Orgel. Sie sind sehr leichtgängig, was die Präzision etwa beim Cembalo-Register erschwert. Orgel und Cembalo erfordern auch einen unterschiedlichen Tastendruck. Nichts davon ist bei der berührenden, musikalisch ausgereiften Darbietung von Juan de la Rubia zu spüren. Sein Spiel beweist, dass er stilistisch mit der Interpretation der Musik des 16. Jahrhundert sehr vertraut ist.

Musik: Antonio de Cabezón

Auch dramaturgisch ist diese CD meisterlich konzipiert. Der Hörer wird sukzessiv, abwechslungsreich und behutsam mit auf eine spannende Zeitreise genommen. An der Vielfalt der Farben, aber auch der Formen der lohnenden Musik von Antonio de Cabezón, gespielt von Juan de la Rubia auf einem Kleinod von Instrument, kann man seine helle Freude haben.

Antonio de Cabezón
Diferencias, Glosas und Tientos
Juan de la Rubia, Claviorganum
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Zu beziehen über Amazon oder die Website von Juan de la Rubia: juandelarubia.com

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