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StartseiteForschung aktuellClimategate reloaded31.05.2010

Climategate reloaded

Ermittlungen gegen renommierten US-Klimaforscher erreichen kritischen Punkt

Justiz. - Der Klimaforscher Michael Mann sieht sich in den USA im Visier eines Staatsanwalts. Dem Wissenschaftler wird vorgeworfen, Klimadaten manipuliert zu haben, um sich Fördergelder zu erschleichen.

Von Volker Mrasek

Einigen Forscherkollegen gehen die Vorwürfe an Michael Mann zu weit.  (AP)
Einigen Forscherkollegen gehen die Vorwürfe an Michael Mann zu weit. (AP)

Michael Mann leitet heute das Zentrum für Erdsystemwissenschaften an der Staatsuniversität von Pennsylvania. Vorher, bis 2005, lehrte er sechs Jahre lang an der Universität von Virginia. Dieser US-Bundesstaat hat seit kurzem einen neuen Generalstaatsanwalt. Der Mann heißt Kenneth Cuccinelli. Erst ein paar Monate im Amt, leitete er eine Untersuchung gegen den prominenten Klimaforscher ein.

Vom Rektor der Universität von Virginia fordert der Ankläger die Herausgabe aller Schriftstücke, die im Zusammenhang mit fünf früheren Forschungsprojekten stehen. Laut Cuccinelli erhielten Mann und andere Wissenschaftler dafür Fördermittel aus dem Staatshaushalt. Ihre Höhe: fast eine halbe Million Dollar. Die Forscher könnten sich das Geld erschlichen haben, lässt die Generalstaatsanwaltschaft verlauten. Ihr Sprecher Brian Gottstein:

"Klimadaten könnten vorsätzlich manipuliert worden sein, um zu gewünschten Ergebnissen zu kommen. Die Verwendung manipulierter Daten zu dem Zweck, öffentliche Forschungsmittel in Virginia einzuwerben, ist ein möglicher Missbrauch von Steuergeldern. Deshalb ist es das einzig Vernünftige, diese Sache zu überprüfen."

Die Strafverfolgungsbehörde bezieht sich ausdrücklich auf die sogenannte Climategate-Affäre. Computerhacker drangen im Vorjahr in einen Rechner der Universität von East Anglia in Großbritannien ein und stellten Tausende E-Mails von Klimaforschern ins Internet, darunter auch etliche von Michael Mann. Angeblich dokumentierten sie Datenmanipulationen.

Ein Parlamentsausschuss in London fand dafür allerdings keine Belege. Und auch eine Untersuchung an Michael Manns jetziger Hochschule kam zu dem Schluss, der Forscher habe wissenschaftlich sauber gearbeitet. Ken Cuccinelli aber scheint das alles nicht zu beeindrucken. Und Michael Mann selbst glaubt auch zu wissen, warum:

"Der US-Kongress berät zurzeit neue Klimaschutzgesetze. Leugner der globalen Erwärmung versuchen deshalb, die Klimaforschung und ihre Ergebnisse zu diskreditieren. Es wirkt wie eine konzertierte Aktion. Der Diebstahl der E-Mails war der Auftakt dazu. Leider brachten sie nicht das, was man sich erhofft hatte: Belege dafür, dass der Klimawandel ein Schwindel ist. Und ich denke, nun versucht man, an noch mehr E-Mails heranzukommen, um sie zu durchleuchten."

Der Generalstaatsanwalt eines US-Bundesstaates als verlängerter Arm einer Anti-Klimaforschungskampagne? Das ist ein harter Vorwurf. Doch Michael Mann steht damit nicht allein. Viele Wissenschaftsvereinigungen kritisieren die bisher beispiellose Justiz-Aktion scharf, darunter der Amerikanische Hochschullehrerverband. Ihm gehören fast 50.000 Akademiker an US-Universitäten an. Die Juristin Rachel Levison leitet die Rechtsabteilung des Verbandes:

"Das Ganze scheint politisch motiviert zu sein. Ken Cuccinelli hat auch Klage gegen die US-Umweltschutzbehörde eingereicht, wegen ihren neuen Klimaschutz-Standards. Außerdem hält er die gängigen Theorien vom Klimawandel für zweifelhaft, wie er selbst sagte. Er scheint also seine eigene politische Agenda zu haben, und der folgt er in seinem Amt."

Genauso bemerkenswert wie die Aktion des Generalstaatsanwaltes ist aber auch die Reaktion der Universität von Virginia. Sie beauftragte eine Anwaltskanzlei mit dem Fall. Und die reichte am Wochenende eine Petition bei Gericht ein. Mit dem Ziel, die staatsanwaltschaftliche Untersuchung niederzuschlagen. Begründung: Für die Überprüfung durch die Justiz gebe es keinen stichhaltigen Anlass. Zudem sei die Freiheit der Wissenschaft in Gefahr, wenn Forscher sich nicht mehr trauten, offen miteinander zu kommunizieren, weil sie fürchten müssten, irgendwann selbst private E-Mails offenzulegen. Wie der Clinch zwischen Staatsanwaltschaft und staatlicher Hochschule weitergeht, darüber müssen jetzt also Richter befinden.

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