• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
Seit 06:50 Uhr Interview
StartseiteForschung aktuellCO2 aus dem Stiefel13.09.2011

CO2 aus dem Stiefel

In Italien entweichen große Mengen Kohlendioxid aus dem Boden

Geologie.- Italien ist quasi voll von Erdklüften, aus denen Kohlendioxid entweicht. Das geht nun aus einer Studie der Universität Edingburgh hervor, in der 300 solcher Orte aufgelistet werden.

Von Volker Mrasek

 Bei dem CO2 in italienischen Böden handelt es sich um natürlich auftretendes Kohlendioxid - zum Teil vulkanischen Ursprungs.  (Barbara Wiedemann)
Bei dem CO2 in italienischen Böden handelt es sich um natürlich auftretendes Kohlendioxid - zum Teil vulkanischen Ursprungs. (Barbara Wiedemann)

Viele hören das vermutlich zum ersten Mal: In Italien wimmelt es von Klüften in der Erde, aus denen Kohlendioxid entweicht. Die neue Studie listet fast 300 solcher Stellen auf. Sie liegen vor allem im Westen Mittel- und Süditaliens sowie in Sizilien - selbst in Rom und Neapel. Die Geologin Jennifer Roberts von der Universität Edinburgh in Schottland:

"In Italien entweichen große Mengen CO2 aus dem Boden. Es geht hier nicht um Kohlendioxid, das der Mensch in die Tiefe gepumpt hat, sondern um natürlich auftretendes. Zum Teil handelt es sich um Ausgasungen des Erdmantels, zum Teil ist das CO2 vulkanischen Ursprungs. Auch beim Abbau von Kalkstein und Kohlenwasserstoffen in der Erde entsteht Kohlendioxid."

Zusammen mit Fachkollegen aus ihrem Institut berechnete Jennifer Roberts jetzt, welches Risiko für die Bevölkerung von den CO2-Lecks ausgeht.

Die Forscher schauten sich die Jahre 1990 bis 2010 näher an. In dieser Zeit starben tatsächlich Menschen durch Kohlendioxid in der Nähe der Austrittsstellen: Es gab elf registrierte Todesfälle. CO2 ist nämlich ein schweres Gas und kann sich in Geländesenken sammeln. Erreicht sein Anteil in der Luft dabei fünf bis zehn Volumenprozent, drohen Atemnot und Bewusstlosigkeit. Bei 20 Prozent erstickt man.

Die elf Todesfälle setzten die Geowissenschaftler in Beziehung zur Bevölkerungszahl im Westen Mittel- und Süditaliens sowie in Sizilien. Dort leben rund 20 Millionen Menschen. Am Ende dann die Abschätzung für das Risiko durch CO2-Lecks in der Erde:

"Das Risiko, durch austretendes CO2 getötet zu werden, beträgt ungefähr 1 zu 36 Millionen pro Jahr für die ansässigen Bewohner. Vergleicht man das mit anderen Gefahren, denen wir ausgesetzt sind, ist das sehr, sehr gering. Es ist zum Beispiel eine Million Mal geringer als das Risiko, durch Rauchen zu sterben. Und etwa 10.000 Mal geringer, als durch einen Verkehrsunfall ums Leben zu kommen. Wir waren von den Zahlen selbst überrascht."

Erstaunlich ist dabei auch, wie viel Kohlendioxid an den vielen Austrittsstellen in Italien Tag für Tag in die Luft entweicht:

"Aus den meisten Lecks in Italien strömen zwischen 10 und 100 Tonnen CO2 am Tag. Das ist viel mehr, als Modellrechnungen bei einer Leckage auf einem industriellen Speichergelände für Kohlendioxid erwarten lassen. An einer der Austrittstellen entweichen sogar mehr als 2000 Tonnen pro Tag. Man kann deshalb sagen: Austrittsraten, wie wir sie in Italien haben, entsprechen wirklich einem Worst-Case-Szenario für die industrielle Deponierung von Kohlendioxid."

Das Fazit der Geowissenschaftler deshalb: Das Risiko der Untertage-Deponierung von CO2 aus Kohlekraftwerken werde stark überschätzt. Zumal man sehen müsse: Rund um die vielen Erdspalten in Italien gebe es keine Verbotszonen, die Stellen seien frei zugänglich. Ganz anders dagegen die geplanten Deponien für Kraftwerks-CO2. Ihr Gelände werde abgesperrt sein und mit Warnsystemen für mögliche Gasaustritte ausgestattet. Das reduziere das Risiko für tödliche Zwischenfälle noch einmal stark.

Ob sich besorgte Bürger durch die neue Zahlen beschwichtigen lassen, erscheint aber fraglich. Denn klar ist nun auch, dass Menschen durch frei werdendes Kohlendioxid sterben. Man darf gespannt sein, wie die Studie von Politik und Bevölkerung aufgenommen wird.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk