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StartseiteTag für Tag"Paul Schäfer war ein Teufel"18.02.2016

Colonia Dignidad"Paul Schäfer war ein Teufel"

Der Journalist Wolfgang Kaes befasst sich seit Jahrzehnten mit der Geschichte der chilenischen Sekte Colonia Dignidad und ihres im Rheinland geborenen Gründers Paul Schäfer. Kindesmissbrauch und Zwang bestimmten den Alltag der Siedlung. Von deutscher Seite wurde wenig gegen die Sekte unternommen - was nach Ansicht von Kaes auch daran lag, dass Schäfer Helfershelfer in Deutschland hatte.

Wolfgang Kaes im Gespräch mit Christiane Florin

Diese Aufnahme aus den 80er-Jahren zeigt den Eingang zum Gelände der Sekte Colonia Dignidad in Chile (dpa / picture alliance)
Diese Aufnahme aus den 80er-Jahren zeigt den Eingang zum Gelände der Sekte Colonia Dignidad in Chile (dpa / picture alliance)

Christiane Florin: Herr Kaes, wie müssen wir uns den Jugendbetreuer Paul Schäfer vorstellen?

Wolfgang Kaes: Die Aktenlage ist ein wenig dünn. Er hat aber, nachdem er sich auf Jahrmärkten verdingt hatte, sehr früh den Kontakt zu kirchlichen Trägern von Jugendorganisationen, Zeltlagern, Jugendheimen usw. angedient. Er wurde schnell angenommen, aber ihm ist dann auch sehr schnell wieder gekündigt worden.

Florin: Haben die Kirchen falsch gehandelt, also sie ihm kündigten, ohne ihn wegen Missbrauchs anzuzeigen?

Kaes: Sie haben richtig gehandelt, als sie ihm gekündigt haben. Aber sie haben falsch gehandelt, indem das alles diskret behandelt wurde. Es kam nie zu einer Anzeige. Sonst hätte alles ganz anders ausgehen können.

Florin: Was war der Grund dafür? Der gern zitierte Geist der Zeit?

Kaes: Ich vermute das. In der Adenauer-Ära wurde etwas so Unappetitliches unter den Teppich gekehrt. Damit konnte sich dann der nächste herumschlagen.

Florin: Sie beschäftigen sich schon seit Jahrzehnten mit Paul Schäfer. Wann sind Sie zum ersten Mal damit in Berührung gekommen und warum?

Kaes: Das war im Frühjahr 1989. Ich war damals Redakteur in Mainz und hatte ein Angebot des "Bonner General-Anzeigers" als Lokalchef in der Siegburger Redaktion angenommen. Am ersten Arbeitstag bin ich durch die Stadt gefahren und sehe einen freien Parkplatz vor einem kleinen Lebensmittelladen. Ich betrete den Laden – und damit eine andere Welt. Da stand eine Reihe von Frauen, ganz verschüchtert. Sie räumten Andenhonig in  Regale. Sie trugen knöchellange Röcke und Kopftücher und machten den Eindruck, als stünden sie unter Valium. Ich habe gedacht: Wo bist du denn hier reingeraten? In der Redaktion gab es ein Adressbuch. Und da sah ich, dass in der Wohnung über dem Laden zehn Frauen gemeldet waren mit so eigenartigen Vornamen wie Erna, Frida, Lotte, Minna.

Florin: Welche Schlüsse haben Sie daraus gezogen?

Kaes: Mich hat interessiert, was das für eine Welt ist. Wenig später machte der Laden zu, wurde für immer geschlossen. Und die Frauen verschwanden nach Chile.

Florin: CSU-Politiker haben sich gerne bei Paul Schäfer in Chile blicken lassen. CSU, das steht für Christlich-Soziale Union. Was war christlich an Schäfers Ideologie und Kolonie?

Kaes: Nachdem er vorsichtshalber das Rheinland verlassen hatte Anfang der 50er-Jahre, ist Schäfer in Gronau im Münsterland auf eine freikirchliche Gemeinde gestoßen und hat sich als Prediger angedient. Vor allem die Frauen fanden großen Gefallen an ihm, heißt es, obwohl er Frauen zutiefst verachtet hat. Er hat es dann geschafft, einen Teil der Gemeinde abzuspalten und nach Siegburg zu locken, wo er einen gemeinnützigen Verein gegründet hat. Der nannte sich Private Soziale Mission. Da wurde vor allem vom Satan gepredigt, der spielte eine große Rolle bei Paul Schäfer. Besitzlosigkeit wurde gepredigt, das betraf allerdings nicht ihn persönlich. Er ließ sich Eigentum der Sektenbesitzer überschreiben. Sexuelle Askese predigte er auch. Die galt auch für alle, nur nicht für ihn. Wobei er dann später in Chile das Ganze perfektionierte. Bis dahin hatte er wenig Glück gehabt in seinem Leben, da baute er sich seine eigene Welt und machte sich da zum gottähnlichen Herrscher. Und dann war plötzlich vom Christentum gar nicht mehr viel die Rede. Es gab dann keinen Erlöser mehr, der Sünden vergibt, es war von Nächstenliebe auch keine Rede mehr. Die christlichen Feiertage wie Weihnachten wurden abgeschafft, auch der arbeitsfreie Sonntag. Es wurde sieben Tage die Woche gearbeitet. Sein Motto war: Arbeit ist Gottesdienst.

Florin: Ein deutscher Politiker, der bei Paul Schäfer in Chile war, wird mit dem lobenden Satz zur Colonia Dignidad zitiert: "Man ist konservativ, denkt an Bayern, zeigt die Fahne mit Löwe und Raute. Hoffnung für Deutschland." War mit Paul Schäfer aus dieser deutschen Perspektive die Hoffnung verbunden, dass man mit so einem 1968 rückgängig machen kann?

Kaes: Davon gehe ich aus. Allen Besuchern wurde eine nicht mehr existierende Welt vorgespielt. Da gab es bayerische Folklore. Da gab es brav gescheitelte Jungs und Mädchen mit Zöpfen. Es gibt eine Beschreibung von Lotti Packmor, der es 1985 gelungen ist, aus der Kolonie zu fliehen. Sie beschreibt einen Besuch des deutschen Botschafters in Chile: "Ich kann mich an den Besuch des Herrn Botschafters erinnern. Es gab einen herrlichen Empfang. Er sagte, es sei ihm wie im Märchen bei Schneewittchen ergangen. Hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen sei es viel schöner."

Florin: War das der Grund dafür, dass so wenig passiert ist von deutscher Seite aus, wenn sich denn überhaupt Leute aus Chile an Verwandte in Deutschland gewandt haben?

Kaes: Das hatte mehrere Gründe. Schäfer hatte Helfershelfer in Deutschland. Er hatte sie dann nach dem Sturz der Demokratie und der Militärdiktatur unter Pinochet auch in Chile zuhauf, weil er die Kolonie der Diktatur als Folterlager zur Verfügung gestellt hat. Die Colonia Dignidad wuchs dann zu einem der größten Wirtschaftsbetriebe in Chile. Ich glaube, dass die Motivation vielfältig war: Einmal gab es handfeste materielle Interessen in der Zusammenarbeit. Es gab Leute, die empfänglich waren für dieses Deutschland, wie es gar nicht mehr existierte. Und drittens glaube ich, dass die Pädophilie Paul Schäfers anziehend war für diesen Kreis, der wie ein Geheimbund organsiert ist.

Florin: Auch der frühere Chef der Legionäre Christi, das ist ein katholischer Orden, hat sich systematisch Kinder und Jugendlichen vergangen. Auch er hatte in seinen Predigten eine restriktive Sexualmoral gefordert, auch gegen den Geist von 1968. Wie schaffen es religiöse Führer, an ihre Opfer heranzukommen? Oder anders gefragt: Macht die religiöse Überhöhung den Zugang leichter?

Kaes: Ich denke, dass das ein Weg ist. Wir müssen uns die Verführten von Paul Schäfer genauer anschauen. Es waren Russlanddeutsche und Heimatvertriebene mit der Angst vor der Roten Armee. Es waren Menschen, die von klein auf gelernt hatten, sich Autoritäten unterzuordnen. Die sind ihm bedingungslos gefolgt.

Florin: Sie haben Ihren Artikel mit der Zeile "Der Teufel aus Troisdorf" überschrieben. Troisdorf ist die Stadt bei Köln, in der Paul Schäfer geboren wurde. Warum diese Dämonisierung?

Kaes: Weil ich bei den Recherchen immer wieder darauf gestoßen bin, dass der Teufel für Paul Schäfer sehr wichtig ist in seiner Verführungstaktik. Er war ein großer Manipulator, und der Teufel spielte in diesem Konzept eine ganz große Rolle. Wenn ich mich ihm annähern will, dann ist Schäfer ein Teufel gewesen, ja. Er war ein Verführer, ein Manipulator, und er hat Menschen zerstört. Ich habe damals, als er verhaftet wurde, mit Wolfgang Kneese gesprochen, ein frühes Opfer, dem es gelungen ist, unter abenteuerlichen Umständen aus dem Lager zu fliehen. Er sagte mir: "Die einzige menschliche Zuwendung, die wir Kinder erhielten, war der sexuelle Akt mit Paul Schäfer. Und dafür muss das Schwein bezahlen." Er hat viele, viele Menschen zerstört.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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