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StartseiteMarkt und MedienComeback des Christentums17.11.2007

Comeback des Christentums

Spirituelle Themen werden in den Medien wiederentdeckt

Ob Christentum, Islam, Buddhismus - der Deutsche reflektiert wieder über Glaubensfragen. Magazine wie der "Stern" setzen daher auf spirituelle Themen und steigern so ihre Auflage. Religiöse Publikationen können von dem neuen Boom jedoch selten profitieren.

Von Günter Herkel

Gebete und Glaube - religiöse Themen werden auch in den Medien Mode. (AP)
Gebete und Glaube - religiöse Themen werden auch in den Medien Mode. (AP)

Die Begeisterung über die Wahl von Kardinal Ratzinger zum Papst, der enorme Publikumserfolg von Hape Kerkelings Pilgertagebuch - für den katholischen Bischof Gebhard Fürst sind diese Erscheinungen trotz ihres Event-Charakters auch Ausdruck eines neu erwachten Interesses an werteorientierten Themen.

"Es ist eine Suche da nach Spiritualität, eine Suche nach Grundorientierung in einer sich stark pluralisierenden, ganz unübersichtlich gewordenen Welt, und da müssen wir uns diesem Bedürfnis der Menschen stellen und möglichst zeigen, was im christlichen Glauben, in der christlichen Religion, in den Kirchen da für Antworten da sind."

Antworten, die nicht nur von der Kanzel verkündet, sondern vor allem auch in den Medien erörtert werden. Sogar eine sehr weltliche Publikation wie der "Stern" aus dem Haus Gruner und Jahr macht da gelegentlich überraschende Erfahrungen, wie der stellvertretende Chefredakteur Hans-Ulrich Jörges berichtet.

"Religiöse, kirchliche Themen sind nach den Erfahrungen des 'Stern' insbesondere dann für Leser interessant, wenn sie ein Informationsbedürfnis befriedigen. Also wir haben die positivsten Erfahrungen, was Auflage angeht, gemacht, mit einer Serie über die großen Weltreligionen, das lag um ein gutes Viertel über dem, was man an durchschnittlicher Auflage hat, das war vorher nicht abzusehen, aber es war so."

Den kirchlichen Printmedien kommt die neue Spiritualität einstweilen noch nicht zugute. Die Auflagen der meisten Bistumsblätter sind rückläufig oder stagnieren bestenfalls. Auch die Anzeigenerlöse sprudeln nicht gerade üppig. In den letzten zehn Jahren sank die Reichweite der gesamten konfessionellen Presse von mehr als vier Millionen auf unter drei Millionen Leser. Bischof Fürst, seit kurzem Vorsitzender der Publizistischen Kommission der Deutschen Bischofskonferenz, zeigt sich gegenüber einer Erneuerung der kirchlichen Medien durchaus aufgeschlossen. Dabei gehe es nicht nur um mehr Aktualität, gute Glaubensinformationen und ansprechende Ästhetik.

"Sie brauchen, wenn ich jetzt auf die Bistumspresse schaue, brauchen sie auch eine gewisse Pluralität natürlich. Es kann nicht nur eine quasi amtliche Information da drin sein, es muss wirklich offener, kompetenter Journalismus erkennbar sein und auch in einer Sprache, in einem Outfit transportiert werden, dass es die Menschen erreicht."

Genau daran hapert es bislang in vielen der konfessionellen Medienprodukte, bemängelt 'Stern'-Vizechef Jörges:

"Wenn man es sehr stark vergröbert, ist die Kirche zu vorsichtig, sie will ihre Kirchenpresse kontrollieren. Die Bischöfe wollen sehen, was in dem Kirchenblatt veröffentlicht wird, die Freiheit von Redaktionen ist unbekannt, sie sind unmodern, auch wenn sich schon viel verändert hat, aber die hinken natürlich weit hinter den modernen Medien im Schnitt hinterher."

Eine verpasste Chance, findet der bekennende Atheist Jörges, denn die Menschen suchten nach Vorbildern, Orientierung, Engagement und Sinn im Leben. Und wer, wenn nicht die Kirchen, könne hier entsprechende Angebote machen? Ähnlich wie die Großverlage müssten zudem auch die Kirchen stärker auf elektronische und digitale Medien setzen, um die Jugend zu erreichen. Den Vorwurf, die Entwicklung der neuen Medien gehe am Klerus vorbei, weist Bischof Fürst allerdings zurück. Das Internet beispielsweise sei für die Kirchen längst kein Fremdwort mehr.

"Jede Kirchengemeinde bei mir in der Diozöse hat eine Homepage. Unsere Hauptabteilungen im bischöflichen Ordinariat präsentieren sich über die einzelnen Internet-Foren. Die Frage ist nur auch hier die Qualität. Es muss klare Botschaften haben und in einer Ästhetik präsentiert werden, die zeigt: Kirche ist auf der Höhe der Zeit, ohne im Zeitgeist aufzugehen."

Für "Stern"-Mann Jörges geht dieser Ansatz nicht weit genug. Er vermisst ein einheitliches Internet-Portal, spannende blogvermittelte Debatten der kirchlichen Communitys über zentrale Glaubensfragen und manches mehr. Angesichts der vergleichsweise geringen Kosten sei auch ein eigenes Internet-Fernsehen für die großen Religionsgemeinschaften keine utopische Idee mehr.

"Ohne einen solchen modernen Medienauftritt bis hin zu einem kircheneigenen Fernsehen, aber insbesondere natürlich mit einem vielfältigen Internetauftritt - ohne solche modernen Medienangebote trocknet die Kirche aus."

Immerhin hat die Publizistische Kommission der Deutschen Bischofskonferenz Anfang dieses Jahres eine Studie in Auftrag gegeben, die die Chancen eines Katholisches Internet-Spartenfernsehens ausloten soll. Ein Zwischenergebnis soll im nächsten Frühjahr vorliegen. Nicht nur Gottes Mühlen mahlen langsam.

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