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StartseiteCorsoComics vom Underground zur Kunsthochschule15.11.2012

Comics vom Underground zur Kunsthochschule

Cartoonmuseum Basel widmet dem Magazin "Strapazin" eine Ausstellung

Das Schweizer Comic-Magazin "Strapazin" begreift sich als Plattform der Comicavantgarde, funktioniert als Kollektiv, arbeitet frei von kommerziellem Interesse und kann auf fast drei Jahrzehnte Geschichte zurückblicken. Eine Ausstellung im Cartoonmuseum Basel zeigt, wie die ungewöhnliche Zeitschrift zur Entstehung einer eigenständigen deutschsprachigen Comickultur beigetragen hat.

Von David Siebert

Cover von "Strapazin", Ausgabe #108, Sep. 2012 (Strapazin)
Cover von "Strapazin", Ausgabe #108, Sep. 2012 (Strapazin)
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Cartoonmuseum Basel
Strapazin - das Comic-Magazin

"In den 80er-Jahren war Asterix, Tim und Struppi zu lesen, dass was man von außerhalb bekommen hat, mehr gab es nicht."

Die Gründer des "Strapazin"-Magazins wussten damals aber längst, dass der internationale Comic-Kosmos schon viel bunter war: In den USA machte Art Spiegelmanns Underground-Comic-Magazin "RAW" von sich reden, in Frankreich war mit Jacques Tardi und José Muñoz eine neue Autorengeneration herangewachsen - Comic-Newcomer und spätere Stars, die das "Strapazin" erstmals dem deutschsprachigen Publikum vorstellte. Besonders angetan hatte es den Magazin-Machern auch das französische Zeichner-Kollektiv Bazooka:

"Was die "Strapazin" reingebracht hat, eben auch von dieser französischen Gruppe Bazooka, die wir auch hier in der Vitrine haben, das waren auch Künstler die Bilder gemacht haben, mit den Mitteln des Punks."

Gegenkultur lautete das Motto der Gründerjahre.

"Strapazin" ist ja in Zürich entstanden, 1984 nach den wilden Jugendbewegungen. Und diese Alternativszene hat auch mit bewirkt, dass man nach anderen Gestaltungsformen gesucht hat."

Bald scharten sich heimische Zeichner um das "Strapazin", etwa Andrea Caprez und Thomas Ott, heute große Namen in der Comicszene.

"Das waren Comiczeichner, die expressiv waren und auch wilde Themen: Da ging es auch Sexualität, um Aufbrechen, Themen, die zur damaligen Zeit auch noch im Tabubereich waren, Randgruppen, soziale Missstände. "

Neben den schroffen Schwarz-Weiß-Zeichnungen und beklemmenden Atmosphären dieser "Züricher Schule" waren von Anfang an aber auch andere Stilistiken und Zeichner vertreten: etwa Ralf König mit seinen selbstironische Schwulencomics. Stilprägende Impulse setzte das "Strapazin" später auch durch die Veröffentlichung von Comickünstlern aus der ehemaligen DDR.

"Die haben sich sehr stark entfernt vom Comic. Also da sieht man Beiträge, zum Teil auch große Malereien. Anke Feuchtenberger ist ein gutes Beispiel, die auch sehr viele Frauenthematiken in den Comic gebracht hat, also der Umgang mit Körper, Sinnlichkeit."

Auf einer Wand mit über 100 Titelblättern aus 28 Jahren Magazingeschichte wird die Vielfalt des "Strapazin"-Universums deutlich:

"Das "Strapazin" hat auch immer so thematische Hefte gemacht, sie werden auch ein Heft finden: Manga. Oder: Finnland. Die haben eigentlich immer sich vernetzt und haben Kontakte zu anderen Nationen gesucht. "

Einen Einblick in den ungewöhnlichen Redaktionsalltag des "Strapazin", gibt in der Ausstellung ein Videointerview mit sechs der aktuellen Herausgeber, darunter Kati Rickenbach, eine junge Schweizer Comiczeicherin.

"Also wir arbeiten im Kollektiv. Wir sind 16 Mitherausgeber und Herausgeberinnen. Man trifft sich bei uns im Atelier, das ist ein großer loftähnlicher Raum in Zürich. Die Herausgeber wechseln sich ja immer ab, es ist jeweils jemand anders der die Redaktion des Heftes führt."

Jung und Alt arbeiten zusammen. Derzeit lässt sich aber auch ein Generationswechsel feststellen.

"Lustigerweise liegt das wirklich hauptsächlich daran, denke ich, dass viele Comiczeichner der ersten Stunde dann eben auch Dozenten wurden und an renommierten Kunstschulen unterrichten. Diese Abgänger der Kunstschulen machen eigene Comicprojekte, daraus entsteht eine eigene Comickultur."

Die Studenten der alten "Strapazin"-Garde entwerfen ihre Geschichten heute oft am Computer. Neben der Bildersprache ändern sich bei Ihnen auch die Inhalte.

"Es gibt grundsätzlich eine riesige Vielfalt, aber das politische im deutschen Comic ist sicher nicht mehr so stark, wie es in den 80er Jahren war. Heute gibt es viel Autobiografisches und Literaturadaptionen, der Blick ist wieder mehr nach innen gegangen."

Mehr Informationen

Die Ausstellung "Comics Deluxe!" über die Geschichte des Comicmagazin "Strapazin" wird am 9.11.2012 um 18.30 Uhr mit einer Vernissage im Cartoonmuseum Basel eröffnet und ist dort bis zum 3.3.2013 zu sehen. Beim Christoph Merian Verlag Basel erschien ein über 140 Seiten starker Begleitband zur Ausstellung mit Hintergrundtexten und Comicbeispielen.

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