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StartseiteBüchermarktCon brio27.05.2002

Con brio

Zsolnay, EUR 15,90

Der Roman der 1954 in Slowenien geborenen Brina Svit handelt von der Liebe. Von einer verrückten Liebe, von einem <em>amour fou</em>. Er spielt, wie sollte es anders sein, in der Stadt der Liebe, in Paris. Wo die Autorin seit 20 Jahren lebt, wenn sie nicht gerade in Ljubijana ist, in ihrer Geburtsstadt. Gleich am Anfang des Werks, auf der ersten Seite, stoßen wir mitten in diese verrückte Liebe hinein. Wenn Tibor, ein alternder Schriftsteller um die 60, der ein halbes Leben jüngeren Grusenjka einen Heiratsantrag macht. Sie haben sich auf einer Party am Vorabend kennen gelernt, nun sitzen sie im Restaurant, haben noch nicht mal das Glas gehoben, da platzt Tibor mit seinem Verlangen heraus, die junge Frau zu ehelichen. Das kann sich nur rächen, denn: "Drum prüfe..." usw.

Oliver Seppelfricke

Tibor, ein von Launen weitgehend verschonter, im Trott des Alleinseins dahinlebender Mann, ein nicht unbekannter Schriftsteller, exiliert, wie so viele in Paris, spürt noch einmal den frischen Wind. "Kati" nennt er seine geliebte Grusenjka andauernd, erträumt sich den Himmel auf Erden mit ihr, - oder träumt unser Erzähler da wirklich, als er sich mit Kati alias Grusenjka im Restaurant sitzen sieht?! Eine Szene für ein Drehbuch könnte immerhin so aussehen, für einen Film, so sagt er. Und wer weiß, vielleicht stellt er sich das alles nur so vor, wer weiß, ob hier nicht alles bloß Fantasie ist. Diesem Erzähler, so merkt man sehr schnell, ist nicht ganz zu trauen. Und genau das macht den Reiz dieses Buches aus. Denn auf den restlichen 185 Seiten, in denen Tibor und "Kati" zusammenkommen, ist es ausschließlich der alte Tibor, der da erzählt. Und man kann sich bei jedem Satz vorstellen, dass alles, jede Etappe dieser verrückten Liebe, in den Augen der jungen Grusenjka ganz anders aussieht. Doch die läßt Brina Svit kaum zu Wort kommen, sie ist das große Geheimnis in diesem Buch, die große Leerstelle, das große Rätsel, der eine Teil des amour fou, der alles so verrückt macht, denn sie ist unnahbar.

"Kati" ist und bleibt fern. In die Heirat willigt sie ein, doch dann entzieht sie sich dem Mann, wie es so vielsagend heißt. Eine milde Verrückte, wie eine Holly Golitely im "Frühstück für Tiffany", bereit in jedem Moment, die Launen der Jugend zu leben, sofort auszugehen, sofort zurückzugehen, sofort sich zu verlieben usw. Von all dem kostet "Kati" reichlich, schließlich soll ihrer Heirat mit einem älteren Herrn ja nicht ihre Jugend zum Opfer fallen. Sie nimmt im wohlgeregelten Leben Tibors ihren Platz ein, und nacheinander jagt sie die Traditionen aus dem Haus. Es verschwinden: zunächst die treue Seele Ema, Tibors portugiesische Haushälterin, die ihm 20 Jahre lang alle Wünsche von den Augen abgelesen hat; dann kommt Marie-Helene dran, Tibors Sekretärin, bis schließlich auch Kater Benz das Weite suchen muss. Die junge Ehefrau erträgt so recht keinen anderen um sie herum. Keinen anderen, mit dem sie Tibor teilen müsste, so sagt er sich, doch als Leser ist man sich da nicht so sicher. Ob hier ein alternder Liebender bloß träumt, ob er sich eine Welt vorgaukelt, weil er die Realität nicht erkennen kann oder will? "Kati" bezieht ihr eigenes Zimmer in der Wohnung, das sie auch nachts nicht mit Tibor zu teilen bereit ist, kurz gesagt: Es kommt zu keinem sexuellen Akt, "Kati" entzieht sich, und Tibor leidet und denkt nach. Denkt an seinen Künstlerkollegen, einen Dirigenten, dem die Frauen nur so hinterher fliegen, Kati wohl auch, so meint er, und der Argwohn beginnt. An der rasenden Eifersucht des Mannes zerbricht schließlich diese Liason, die so rasend angefangen hatte wie sie nun aufhört. "Kati" verschwindet, am Ende bleibt Leere. Eine verrückte Liebe eben.

Brina Svit erzählt diesen Stoff mit leichter Hand und doch voller Tiefe. Auf 186 Seiten laufen andauernd Fragen im Untergrund mit. Warum lässt sich der alte Tibor bloß so drangsalieren? Ob er auf der Suche ist nach einer neuen, vielleicht letzten Inspiration für sein Schreiben? Warum erträgt er all die Launen der jungen Frau ohne zu murren - man fragt es sich andauernd und es bleibt doch ein Rätsel. Genau wie die junge Frau selbst. Die nicht umsonst andauernd "Kati" ist, ein Bild, und nicht Grusenjka, sie selbst. Ob die beiden Menschen nicht zueinander finden können, weil sie ihre Einsamkeiten nicht miteinander teilen können? Ob es das ist? Brina Svit lässt uns, je genauer sie alles beschreibt, um so stärker im Dunkeln. Sie beobachtet zwar genau, lässt alle Details und Stimmungen sprechen, vom Vorhangstoff bis zur Fluse am Pullover, und doch kommt man dem Rätsel der Anziehung nicht näher. Das ist gekonnt gemacht, aber nur ein Vorzug dieses äußerst lesenswerten Buchs. Denn Brina Svit, die in ihrer Heimat Slowenien keine Unbekannte ist, schreibt/las, was man einen weisen Stil nennen könnte. Als eine gepflegte und elegante Sprache voller Lebensweisheit und Klugheit. So dass man sie einen "weiblichen Kundera" nennen möchte. Mit ihm, dem exilierten Tschechen in Paris, teilt sie die seltene Mischung von großer Beobachtungsgabe, hohem Reflexionsniveau und sinnlich-ansprechendem Stil. Und das alles zum Thema Liebe und Sex, da wundert es nicht, dass genau dieser Roman , der dritte der Autorin, ihr den internationalen Durchbruch verschaffte.

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