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Seit 03:05 Uhr Schlüsselwerke
StartseiteCorso"Ich werde keine Witze mehr erklären auf die letzten Meter"19.12.2013

Corsogespräch"Ich werde keine Witze mehr erklären auf die letzten Meter"

Harald Schmidt ist seit seinem Wechsel zum Bezahlfernsehen für die meisten Zuschauer von der Bildfläche verschwunden. Alexander Kohlmann besuchte ihn in seinem Studio in Köln - und traf einen Moderator, der seine Show inzwischen primär für sein Studiopublikum macht - und sich stoisch allen medialen Trends widersetzt.

Harald Schmidt im Gespräch mit Alexander Kohlmann

Harald Schmidt, graue Haare, Brille, im Anzug, vor einer braunen Holzwand, sitzend (picture alliance / dpa / Horst Ossinger)
Harald Schmidt: Wenn Sky nicht mehr will, geht's nicht weiter (picture alliance / dpa / Horst Ossinger)
Weiterführende Information

"Wenn die Show jetzt bei Sky nicht funktioniert, dann war's das!" (Deutschlandfunk, Corso, 04.09.2012)

"Mir war die Quote schon immer herzlich wurscht" (Deutschlandfunk, Markt und Medien, 01.09.2012)

Alexander Kohlmann: Herr Schmidt, als ich mit dem Taxi gerade hergefahren bin, habe ich gesagt, einmal zur Harald-Schmidt-Show. Da guckte mich der Taxifahrer an und sagte: "Harald-Schmidt-Show, gibt es die überhaupt noch?" Das war ein bisschen so, als wenn ich nach der Rudi-Carrell-Show gefragt hätte. Werden Sie noch angesprochen, wenn Sie morgens zum Bäcker gehen?

Harald Schmidt: Das hat überhaupt nicht nachgelassen. Allerdings sprechen die Leute mich sehr viel an auf "Schmidteinander" oder auf unterschiedliche Phasen der Show. Die Zuschauer realisieren das gar nicht, in welcher Phase die mich gesehen haben, sondern, da war vielleicht ein Sketch. Ich höre sehr oft dann auch das Argument, "da durfte ich damals aufbleiben", bei "Schmidteinander". Da waren die irgendwie zwölf oder 15 und das ist mittlerweile auch 20 Jahre her. Aber der Bekanntheitsgrad hat eigentlich nichts mit einer aktuellen Sendung zu tun, sondern das ist in meinem Fall natürlich über fast dreißig Jahre wahrscheinlich gar nicht mehr auszulöschen.      

Kohlmann: Es ist ja ein bisschen so, wenn man hier ankommt, in Köln-Mühlheim und durch die Hallen geht, da unten hängen die Bilder von den Lieblingen des Jahres so ungefähr der letzten zwanzig Jahre. Es ist ein bisschen so, wie wenn man eine vergessene Welt betritt, wo ein Dinosaurier irgendwie noch überlebt hat. Wieso sind sie der letzte von den Großen von früher?

Harald Schmidt: Qualität. Das überrascht vielleicht, aber: Qualität und komplettes Ignorieren der Marktgesetze.

"Die reine Theatersituation hat sich für mich nie geändert"

Kohlmann: Wo wir gerade bei den Marktgesetzen sind. Das ist mir auch aufgefallen. Ich habe jetzt das Glück gehabt, mit einem Presse-Zugang ihre Show sehen zu können, in den letzten Wochen. Und was mir aufgefallen ist, es ist so, dass es ja eigentlich exakt die gleiche Show ist wie in den neunziger Jahren. Ich habe das Gefühl, dass die Rückbesinnung auf die goldene Zeit Ende der 90er, Anfang des Jahrtausends, dass sie sogar noch zugenommen hat. Also, wie so ein Biotop, wo so eine Sendung einfach weiterläuft.

Schmidt: Ja, also wie gesagt, für mich gab es ja nie einen Grund an der Sendung was zu ändern, die Neuigkeit entsteht ja durch die Inhalte. Formal ist das natürlich ein ganz altes Format, aber das ist ja unglaublich frisch jeden Tag durch die neuen Inhalte. Und alles andere sind ja Betrachtungen von außerhalb, am Konzept basteln und so weiter. Aber da ich das mittlerweile im 19. Jahr mache, ist das für mich, da hat sich nie die Frage gestellt, ob man da formal irgendetwas ändern sollte.

Kohlmann: Und wie ist das Gefühl? Merkt man das überhaupt, wenn man abends da steht? Oder realisiert man das, das es eigentlich doch weniger Zuschauer sind, die zugucken? Oder ist das eigentlich für den Alltag völlig egal?

Schmidt: Für den Alltag spielt das überhaupt keine Rolle, weil, ich habe ja diese 250 Zuschauer im Studio. Und ob da draußen jetzt viertausend Zuschauer sitzen oder vier Millionen, das merke ich ja in der Studiosituation nicht und ich mache es ja auch hauptsächlich für die Zuschauer im Studio. Und das Ganze wird dann natürlich nach draußen übertragen, aber die reine Theatersituation, die hat sich ja für mich nie geändert.

Kohlmann: Weil sie gerade sagen Theatersituation, das ist ein bisschen so, wie wenn sie ein Soloprogramm machen würden. Dann hätten sie ja auch ihren Spaß, nur sie machen es eben halt so, dass auch manche Leute, die dafür bezahlen, eben auch zugucken können.   

Schmidt: Exakt so ist es. Also das ist ein Solo-Programm auf Tournee, ohne das ich auf Tournee gehen muss. Das ist praktisch eine virtuelle Tournee. Ja, dass es übertragen wird, ist schön. Aber das Entscheidende für mich ist die Atmosphäre, die ich im Studio herstellen kann.

Kohlmann: Und das ist ja dann wahrscheinlich auch das, was sie nach all den Jahren antreibt. Die Bühnensituation und die Situation im Studio.

Schmidt: Es ist einfach der Spaß, die Routine, jeden Tag hierher zu fahren. Und es hat sich hier in zwanzig Jahren nichts verändert. Mir ist auch völlig egal, was sich ringsum im Fernsehen oder in den Medien verändert, das ist ja nicht mein Thema. Also, wir sind ja schon so ein Monolith hier in dem Studio und alles andere rauscht eben vorbei. Dinge kommen, Dinge gehen, und wir machen einfach tagaus, tagein Dienst.

"Peer Steinbrück war sehr ergiebig"

Kohlmann: Und wie ist das thematisch. Haben Sie noch Themen, wo Sie sagen, das war im letzten Jahr etwas, was besonders dankbar war? Wer waren zum Beispiel die Lieblinge des Monats? War Edward Snowden bei Ihnen ein großes Thema, oder doch eher Peer Steinbrück?

Schmidt: Peer Steinbrück war das weitaus größere Thema, Snowden war für uns gar kein Thema, weil es auch unübersichtlich war. Peer Steinbrück war viel ergiebiger. Auch die Wulffs, Tebartz-van Elst, der Papst-Rücktritt, Uli Hoeneß mit der Selbstanzeige, also da waren fantastische Themen, aber NSA-Abhöraffäre ist, glaube ich, etwas, was die Leute im Grunde nicht interessiert.

Kohlmann: Weil sie das gerade sagten. Hat sich das Publikum eigentlich verändert in den zwanzig Jahren? Oder ist das sozusagen eher so ein nostalgischer Blick zurück? Also wenn jetzt zum Beispiel Thomas Gottschalk sagt, heute kennen die Jüngeren irgendwelche Stars und die Älteren irgendwelche Stars, aber es gibt nicht mehr so eine kollektive Basis, auf die man aufbauen könnte?

Schmidt: Nein, ich habe jetzt kürzlich gelesen, Studenten kennen nicht mehr die Duschszene aus Psycho.

Kohlmann: Ach, echt?

Schmidt: Ja, da bricht natürlich etwas weg. Aber, das ist eben der Lauf der Zeit. Da habe ich mich nie so groß drum geschert. Für mich war immer die Haltung, wenn es mich interessiert, dann wird es auch noch für mich genügend andere interessieren. Und damit bin ich eigentlich über all die Jahre sehr, sehr gut gefahren.

Kohlmann: Wenn Sie sagen, wenn's mich interessiert, würden Sie sich zum klassischen Bildungsbürgertum mit dazu rechnen oder gibt es das auch nicht mehr?

Schmidt: Also zum Bildungsbürgertum fehlt mir die Bildung. Ja, aber ich habe ein ganz gutes Gedächtnis und habe sozusagen genügend Zitate parat, mit denen man über die Runden kommt, aber natürlich wird das Bildungsbürgertum weniger. Das hat zum einen mit so einer gewissen Bildungsfeindlichkeit auch zu tun. Also der Begriff "verkopft" wird sehr schnell eingesetzt für jemanden, der mehr als drei Bücher besitzt. Das wird dann auch negativ gemeint und man braucht es eigentlich auch nicht, weil man im Zweifelsfall alles googeln kann. Und die alltäglichen Erfordernisse rufen das gar nicht mehr ab. Es ist eigentlich wurscht, ob sie wissen, wer Richard Wagner war, oder ob sie mal einen Faust gesehen haben. Im Zweifelsfall gibt es für irgendetwas eine App. Und die zeitgenössischen Medien haben das Ganze schon wahnsinnig verändert, ja. Die Kultur verliebt sich eben in eine andere Richtung. Das ist aber der Lauf der Zeit. Das ist für mich nicht besser oder schlechter, das ist einfach so.

"Ein großer Nutzer des Hörfunks"

Kohlmann: Ja, wenn Sie dann aber einen Witz machen zu Richard Wagner, dann lacht vielleicht keiner mehr.

Schmidt: Das ist richtig, aber da muss man durch. Ich würde den Witz trotzdem machen. Also, einer meiner Lieblingswitze ist, der bedeutendste Autor der indischen Literatur heißt Rudyard Kipling. Da lacht überhaupt gar kein Mensch.  

Kohlmann: Nee, ich auch nicht.

Schmidt: Ja, aber das ist einfach ein fantastischer Witz. Und, das setzt halt zwei Dinge voraus. Aber, ich bin dann einfach auch zu arrogant, um das zu erklären. Und damit hat es sich. Aber es gibt ja genug Witze, die ständig erklärt werden. Das kann ja jeder machen, wie er es will. Ich werde keine Witze mehr erklären auf die letzten Meter.

Kohlmann: Also, Sie halten Kurs, kann man sagen, wie der Fliegende Holländer ein bisschen, in Köln-Mühlheim.

Schmidt: Ja, das ist ein schönes Bild. Ich bin ja, wenn Sie so wollen, durch. Und das geht jetzt noch so lange, wie es geht. Und wenn nicht mehr, dann war's das für mich. Dann hatte ich eine fantastische Zeit im Fernsehen. Und sage, dem Nachwuchs eine Chance. Aber, für mich gibt es überhaupt keinen Grund, mich sozusagen zu orientieren, was könnte denn heute gefragt sein oder Marktforschung oder irgend so etwas. Das ist mir komplett egal.

Kohlmann: Und das frei empfangbare Fernsehen, sehen Sie irgendeine Möglichkeit, dass Sie irgendwann wieder zurückkehren, oder sagen Sie, wenn es bei Sky das war, dann war's das für immer?

Schmidt: Das kann ich hundertprozentig sagen, dann war's das. Weil ich wüsste nicht, was mich im sogenannten frei-empfangbaren Fernsehen, was ja alles andere als frei empfangbar ist, ich erinnere an die Gebühren, die wir alle zahlen, wenn wir in Deutschland wohnen; die ich übrigens gerne bezahle - und zwar für den Hörfunk. Da bin ich ein großer Nutzer und ein großer Klauer aus dem, was im Hörfunk präsentiert wird. Ich wüsste nicht, welches - es gibt kein Format, was mich im Fernsehen dann außerhalb der Late-Night-Show interessieren könnte. 

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