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StartseiteEssay und DiskursWeißsein als Privileg03.05.2015

Critical WhitenessWeißsein als Privileg

Weißsein und Farbenblindheit: Mit der Critical Whiteness, in Deutschland auch als Kritische Weißseinsforschung bekannt, ist ein Ansatz in die Antirassismus-Bewegung gekehrt, der versucht rassistische Markierungen zu überwinden.

Von Millay Hyatt

Die in Buchstaben geschriebene Worte "schwarz" und "weiß" (imago / Westend61)
Millay Hyatt verfolgt die Diskussion und sondiert die unterschiedlichen Erfahrungen und Positionen von "Weißen" und "Schwarzen" in einer von "Weißen" dominierten Gesellschaft. (imago / Westend61)
Weiterführende Information

Schwarz Rot Gold TV (10 erfolgreichen Schwarze Deutsche reden über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft von Identität und Rassismus in Deutschland)

Die kritische Weißseinsforschung will die Weißen darauf aufmerksam machen, dass sie nicht einfach "Menschen" sind, sondern weiße Menschen. Das heißt, sie sind nicht ausgenommen von der gesellschaftlichen Bestimmung durch ethnische Merkmale. Diese Bestimmung verschafft ihnen eine Sonderrolle. Dies zu leugnen, heißt, jene rassistischen Hierarchien fortzuschreiben, die sie für überholt annehmen
Drei Fälle - eine Frage:

Eine Anti-Rassismus-Aktivistin aus Thüringen erzählt in einem Interview, dass vielen Menschen mit einem "nicht-deutschen Elternteil" immer wieder die Frage gestellt wird, woher sie denn kommen.

In einer Werbung vom Kinderhilfswerk Plan International lacht ein gesund aussehendes dunkelhäutiges Mädchen in die Kamera, daneben die Aufforderung:

"Werden Sie Pate."
In einer Meldung auf "Spiegel Online" über den Potsdamer Ermyas Mulugeta, der von zwei Unbekannten lebensgefährlich verprügelt wurde, heißt es, das "äthiopischstämmige" Opfer sei "mit zwei Deutschen in Händel geraten".

Welche unausgesprochenen Selbstverständlichkeiten geben diesen Aussagen ihre Bedeutung?

Fall eins:
Die Thüringer Aktivistin setzt voraus, dass ihre Zuhörer verstehen, was sie meint, ohne dass sie es sagen muss: Mit "nicht deutschem Elternteil", meint sie ein nicht weißes Elternteil.

Fall zwei:
Wäre das Kind hellhäutig, würden wir dann eine zusätzliche Erklärung für den Aufruf "Werden Sie Pate" benötigen? Die Macher der Plan International-Werbung dürfen davon ausgehen, dass ihr Zielpublikum ein schwarzes Kind ohne Weiteres mit arm und hilfsbedürftig gleichsetzen wird.

Fall drei:
Ermyas Mulugeta ist deutscher Staatsbürger. Allerdings ist die Identität seiner Angreifer nie juristisch geklärt worden. Es war nur bekannt, dass sie weiß waren. Die "Spiegel"-Autorin schreibt "äthiopischstämmig" und "deutsch". Sie kann davon ausgehen, dass ihre Leser "deutsch" unmissverständlich mit "weiß" gleichsetzen, dunkelhäutig dagegen mit "nicht-deutsch", ohne dass die Worte "weiß" oder "schwarz" einmal fallen müssen.

Die Autorin und Radiomoderatorin Noah Sow macht in ihrem 2008 erschienenen Buch "Deutschland Schwarz Weiß" auf Fälle wie diese aufmerksam.

Weiß als normstiftende Position entheben

Alle diese Fälle beruhen auf der gleichen Denkfigur. Sie ist für viele von uns schwer zu fassen. Aus einer bestimmten Perspektive ist sie sogar so gut wie unsichtbar - konturlos, farblos. Dabei ist sie überall präsent und abgebildet in diesem Land: im Fernsehen, in den Medien, der Werbung, am Lehrerpult, im Bundestag. Die Mehrheit nimmt sie nicht wahr, weil sie sich selbst in ihr sieht, oder eben nicht sieht. Es ist die Figur des Weißen.

"Critical Whiteness" beschreibt einen wissenschaftlichen sowie einen politischen Ansatz, diese Figur des Weißen in der Gesellschaft und im wissenschaftlichen Diskurs wahrnehmbar zu machen. Die Critical Whiteness möchte die Figur des Weißen seiner zentralen, normstiftenden Position entheben und fragt: Inwiefern stellt Weißsein als unsichtbarer Maßstab das Nicht-Weiße als Abweichung und minderwertige Abstufung dar?

Dies passiert oft auf einer unbewussten Ebene und in der Rede oder in den Texten von Menschen, die sich als nicht rassistisch oder gar anti-rassistisch begreifen. Wie die Vertreter der Critical Whiteness stets betonen, ist der Ansatz keineswegs neu oder nur eine akademische Kopfgeburt: Schwarze und andere Nicht-Weiße beobachten, benennen und kritisieren seit Jahrhunderten die Figur des Weißen und die Vormachtstellung des Weißseins. Sie taten und tun dies, um sich selbst zu schützen. Und um Strategien für das Überleben zu entwickeln und womöglich auch für das persönliche und soziale Glück in hierarchisch nach Hautfarbe strukturierten Gesellschaften. Neu ist lediglich die wissenschaftliche Anerkennung für diese Arbeit.

Ursprünge von Critical Whiteness

Die Diskurse nahmen in den 1990er-Jahren in den USA ihren Anfang und haben seit ungefähr zehn Jahren auch in Deutschland an Bedeutung gewonnen. Zwar ist die Critical Whiteness tief geprägt von der US-amerikanischen Geschichte, vor allem die der Sklaverei und des Kampfes der afrikanischstämmigen Sklaven und ihrer Nachkommen um Freiheit und Gleichberechtigung und gegen Rassismus. Doch lassen sich die daraus gewonnenen Erkenntnisse durchaus auf ein Land wie Deutschland übertragen, mit seiner ganz eigenen Geschichte von Weißsein und rassischer Hierarchisierung.

Wie entwickelt sich die Critical Whiteness hierzulande? Ich werde im Folgenden den etwas sperrigen, aber auch geläufigen deutschen Begriff "kritische Weißseinsforschung" verwenden, um der Vorstellung entgegenzutreten, es handele sich um ein ausschließlich amerikanisches Thema.

Kritische Weißenforschung in Deutschland

Die am Anfang angeführten Beispiele "Herkunft, Hilfe und Identität" zeigen die Relevanz der Fragestellung auch in Deutschland. Es handelt sich bei der kritischen Weißseinsforschung nur am Rande um den brachialen, sich selbst beim Namen nennenden "Skinhead Rassismus". Die unausgesprochene Annahme von Weißsein als Norm wurde in diesen Beispielen auch von Menschen vollzogen, die kaum unter dem Verdacht stehen, rechtsradikal zu sein: Eine Anti-Rassismus-Aktivistin, eine NGO, die sich für Kinder in Afrika, Asien und Lateinamerika einsetzt und eine Journalistin für ein Mainstream-Nachrichtenportal. Von diesen Menschen ist anzunehmen, dass sie den zumindest offiziellen Konsens aller Parteien und Gruppierungen in Deutschland teilen, die sich links von NPD oder Pegida einordnen: Alle Menschen sind gleich, niemand sollte aufgrund seiner Herkunft, Hautfarbe oder Religion diskriminiert werden, Menschen nach Rassen einzuteilen ist menschenverachtend. Trotzdem stützen sich die genannten Aussagen oder Bilder implizit auf einen Gegensatz von Weiß-Sein und Nicht-Weiß-Sein, ohne den sie keinen Sinn mehr machen würden. Und in zwei von den drei Beispielen wird Deutschsein mit Weißsein gleichgesetzt.

Unbewusste Klischees sind gefährlicher als offene Anfeindung

Es geht der kritischen Weißseinsforschung darum, genau solche Denkmuster zu benennen und kritisch zu reflektieren, und setzt also dort an, wo die meisten Weißen denken, mit der Verurteilung von offenem Rassismus sei genug getan. Sénouvo Agbota Zinsou, togoischer Autor und Theatermacher aus Bayreuth, schreibt:

Der kleine Neo-Nazi oder der ‚ausländerfeindliche' Betrunkene, der [...] ‚Ausländer raus!' [...] brüllt, stellt meines Erachtens eine geringere Gefahr dar - wenn er sich auf verbale Angriffe beschränkt - als der Intellektuelle, der Künstler oder Journalist, die bewusst oder unbewusst Klischees vermitteln, nicht nur weil sie sich an Tausende, sogar an Millionen Menschen wenden, sondern auch, weil man ihnen Glauben schenkt.

Rassistische Gewalt, so die Überzeugung der Weißseinsforschung, ist bloß die Spitze des Eisbergs einer noch längst nicht überwundenen Ideologie, die das Denken, Fühlen und Handeln auch der liberalsten Menschen strukturiert und eine Gesellschaft aufrechterhält, in der Macht und Geltung keineswegs farbenblind verteilt werden.

Farbenblindheit hilft nicht

In ihrem Ansatz, das Fundament dieses Eisbergs sichtbar machen zu wollen, setzt sich die kritische Weißseinsforschung von der Idee der "Farbenblindheit" ab. In dieser auch in der Antirassismus-Bewegung weit verbreiteten Auffassung soll der Rassismus bekämpft werden, indem man ethnische Merkmale nicht thematisiert und alle Menschen so behandelt, als existierten solche Merkmale nicht. Um diese Idee in ihrer deutschen Spielart in groben Zügen nachzuvollziehen, muss einige Jahrhunderte weit ausgeholt werden.

Im 17. Jahrhundert fand der biologische Rassenbegriff Eingang in die europäische Wissenschaft. Mit ihm wurden Menschengruppen aufgrund von phänotypischen - also äußerlichen - Merkmalen hierarchisiert. Er sollte vor allem in der Hochzeit des Kolonialismus im 19. Jahrhundert als Rechtfertigung für die Unterwerfung, Ausbeutung, Versklavung und den Völkermord an als rassisch minderwertig definierten Menschen dienen.

Im 20. Jahrhundert trieben die Nationalsozialisten mit ihrer Rassenideologie diese von der europäischen Aufklärung formulierte Denk- und Handelsweise auf die Spitze. Die kritische Aufarbeitung nationalsozialistischer Verbrechen und der ihnen zugrunde liegenden Weltanschauung entlarvte diese Ideologie in Folge als reine Propaganda.

Davon unabhängig konnten Entwicklungen in der Genetik, der Anthropologie und der Biologie im 20. und 21. Jahrhundert aufzeigen, dass die wissenschaftliche Klassifizierung von Menschen anhand rassischer Merkmale unhaltbar ist. So wurde zum Beispiel belegt, dass Individuen innerhalb einer als "Rasse" definierten Gruppe oft untereinander größere genetische Unterschiede aufweisen als zwei Individuen aus unterschiedlichen "Rassen".

Darüber hinaus fand das "eurozentrische" Denken zunehmend Kritiker. Die von ehemals Kolonisierten in Afrika und Asien sowie von ethnischen Minderheiten in Nordamerika und Europa formulierte Kritik benannte ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts vor allem die Anmaßung weißer Europäer, sich als Krönung der Schöpfung beziehungsweise der Evolution zu sehen.

Diese wissenschaftlichen wie politischen Ansätze verzweigten sich in unterschiedliche Richtungen: Einerseits entwickelte sich die Identitätspolitik heraus, vor allem bei der Linken in den USA. Verschiedene Gruppen, zum Beispiel Schwarze, die von der weißen Mehrheitsgesellschaft aufgrund von zugeschriebenen Merkmalen diskriminiert wurden, verbündeten sich und kämpften im Namen eben dieser Identität gegen ihre Marginalisierung.

Verweis auf ethnische Merkmale vermeiden

Der gegenläufige Ansatz, jede Identitätskonstruktion aufgrund ethnischer oder rassischer Charakteristiken als in sich rassistisch zu verurteilen und solche Grenzziehungen bewusst zu unterlaufen, findet sich aber auch in der Linken wieder. In Deutschland ist dieser Ansatz in der antirassistischen sowie der antifaschistischen Bewegung gut vertreten. Hier werden die unterschiedlichen gesellschaftlichen Positionen von Migranten oder Flüchtlingen und Einheimischen thematisiert oder die der herrschenden Klasse und der Ausgebeuteten. Jeglicher Verweis auf ethnische Merkmale, auch wenn sie in der benachteiligten bzw. privilegierten Gruppe überproportional vertreten sind, wird bewusst und aus politischer Überzeugung vermieden. Diese Merkmale, so die Argumentation, sind selbst aus rassistischer Motivation konstruiert worden. Sie im Sinne einer Identitätspolitik oder auch nur als Erklärungsmuster für unterschiedliche Positionen ins Spiel zu bringen hält diesen Rassismus weiter am Leben.

Die Mehrheitsgesellschaft in Deutschland vermeidet vor allem die Benennung einer rassischen Kategorie und zwar die Kategorie des Weißen. Es wird immer wieder darauf hingewiesen, dass jemand nicht-weiß ist. Allerdings meist durch die Blume: Es gibt den berühmten "Migrationshintergrund". Oder jemand ist "Afrikaner" oder "Türke". Auch wenn der, der die Aussage trifft, gar nicht weiß, welche Staatsbürgerschaft die Person besitzt oder welcher Kultur sie sich zugehörig fühlt. Tunlichst fernhält man sich in Deutschland von Begriffen, die an die Kategorisierungen der Nationalsozialisten erinnern.

Kritische Perspektiven in England und Frankreich setzen sich mit der Kolonialgeschichte auseinander, in den USA insbesondere mit der Sklavenwirtschaft und dem Genozid an den indigenen Völkern. In diesen Fällen ist die bestimmende Rolle von Rassismus in der Geschichte des eigenen Landes eine unausweichliche Feststellung.

Deutsche Kolonialgeschichte rückt in Ferne

Der Schauspieler und Journalist Theodor Michael wurde als Sohn eines Kameruners und einer Deutschen im 3. Reich geboren.  (picture alliance / dpa / Horst Galuschka)Der Schauspieler und Journalist Theodor Michael (picture alliance / dpa / Horst Galuschka)In Deutschland hat eine intensive Auseinandersetzung mit der Geschichte des Nationalsozialismus stattgefunden. Unter anderem wird rassisches Denken heute mit den Begriffen aus dem Faschismus identifiziert. Selten wird weiter zurück in die Geschichte geblickt, um dort die Wurzeln für rassistisches Gedankengut zu suchen. Diese Fokussierung auf den Nationalsozialismus verliert die deutsche Kolonialgeschichte aus dem Blick. Ein völkisches Denken, das schon vor den Nazis identitätsstiftend war, wirkte auch nach ihnen und bis heute weiter.
Daraus folgt, so die Weißseinsforschung, die Umgehung der ethnischen Zuschreibungen in Deutschland. Viele denken, wenn sie ethnische Zuschreibungen vermeiden, sich bereits klar für "Toleranz" und gegen Rassismus eingesetzt zu haben.
Weit davon entfernt, die wissenschaftliche und politische Demontage des Rassendenkens wieder rückgängig machen zu wollen, besteht die kritische Weißseinsforschung als Ausgangspunkt ihres Ansatzes auf die soziale Konstruktion der rassischen Kategorien. "Weiß", "schwarz" oder "asiatisch" sind gesellschaftlich geschaffene Identitäten. Hier werden einzelne phänotypische Merkmale wie zum Beispiel eine bestimmte Pigmentierung oder Lidfaltenstruktur zu Markierungen der Zugehörigkeit zu einer Gruppe gemacht und werden mit sonstigen Eigenschaften verknüpft, seien diese Charaktereigenschaften oder die Positionierung auf einer Fähigkeitsskala (mehr oder weniger intelligent, mehr oder weniger triebhaft und so weiter).

Auch die kritische Weißseinsforschung ist der Überzeugung, dass sich solche klar voneinander unterscheidbaren Gruppen wissenschaftlich nicht ausmachen lassen. Noch können soziale, psychologische, kulturelle oder sonstige Eigenschaften auf äußerliche, genetisch bedingte Merkmale zurückgeführt werden. Im Unterschied zu anderen Reaktionen auf diese Tatsachen besteht die kritische Weißseinsforschung aber darauf, dass die Wirkmächtigkeit dieser seit Jahrhunderten in den Köpfen und an den Körpern waltenden Kategorien weiterhin existiert und nicht ausgelöscht wird, wenn man nur nicht mehr davon spricht. Dieser Ansatz stellt infrage, dass der Rassismus verschwindet, sobald man aufhört, den Begriff "Rasse" anzuwenden. Oder dass Menschen dadurch gleich werden, indem man behauptet, dass sie es sind.

Weiße müssen priviligierte Position wahrnehmen

Die Position, die die kritische Weißseinsforschung bezieht, entstand aus den Erfahrungen von Nicht-Weißen. Sie erleben in unserer Gesellschaft täglich, dass ihnen Eigenschaften zugeschrieben oder abgesprochen werden aufgrund bestimmter äußerlicher Merkmale. Und dass sie im Unterschied zu Weißen als Repräsentanten einer ethnischen Gruppe wahrgenommen werden. Die kritische Weißseinsforschung will die Weißen darauf aufmerksam machen, dass sie nicht einfach "Menschen" sind, sondern weiße Menschen. Das heißt, sie sind nicht ausgenommen von der gesellschaftlichen Bestimmung durch ethnische Merkmale. Diese Bestimmung verschafft ihnen eine Sonderrolle. Dies zu leugnen, heißt, jene rassistischen Hierarchien fortzuschreiben, die sie für überholt annehmen. Ferner weist die Weißseinsforschung darauf hin, welche Privilegien jeder weißen Person in dieser Gesellschaft zukommen.

Weißsein sichert Glaubwürdigkeit

Die amerikanische Erziehungswissenschaftlerin Peggy McIntosh hat 1988 einen Essay verfasst, in dem sie einen "unsichtbaren Rucksack" voller Privilegien beschreibt, der jedem Weißen in die Wiege gelegt werde. Die Liste der Privilegien wird auch in Deutschland in den Diskussionen über Weißsein immer wieder aufgegriffen, zitiert und dem hiesigen Kontext angepasst. Peggy McIntosh zählt zu diesen Privilegien:

"Ich kann fluchen, Kleidung aus zweiter Hand anziehen oder Briefe nicht beantworten, ohne dass Menschen diese Entscheidungen auf die schlechte Moral, die Armut oder die Analphabetinnenrate aller Weißen zurückführen.

Ich kann in einer schwierigen Situation gut abschneiden, ohne eine Ehre für alle Weißen genannt zu werden.

Ich kann über viele Optionen - soziale, politische, imaginäre oder berufliche - nachdenken, ohne zu fragen, ob einer Person, die wie ich weiß ist, gestattet sein würde, zu tun, was sie tun will.

Wenn ich erkläre, dass ein rassistisches Problem vorliegt, oder dass kein rassistisches Problem vorliegt, wird mein Weiß-Sein mir mehr Glaubwürdigkeit für beide Positionen verleihen als eine Person of Color sie haben wird."

Der Begriff "Person of Color" ist eine selbst gewählte Bezeichnung für Nicht-Weiße, die für eine sehr vielfältige Gruppe die gemeinsame Erfahrung mit Rassismus betont. Bislang hat der Begriff noch keine Entsprechung im Deutschen gefunden.

Die Autorin Noah Sow führt das weiße Privileg, als Individuum betrachtet zu werden, mit einem Beispiel plastisch vor:

"Ob [...] Sie oder ich jeweils in kurzen Hosen eine Nobelboutique betreten oder betrunken in einen Plenarsaal laufen, wird von der Umwelt sehr genau beobachtet und recht unterschiedlich eingeordnet."

Weiße Fremde können mit Fremdheit auftrumpfen

Peggy McIntosh spricht von den Privilegien in der ersten Person, Noah Sow in der zweiten: Die kritische Weißseinsforschung macht deutlich, dass man nie aus einer vermeintlich objektiven, neutralen Perspektive heraus schreibt oder spricht. So wird es spätestens jetzt Zeit in diesem Essay, dass ich meine eigenen Karten auf den Tisch lege:

Ich bin eine Amerikanerin, die in Deutschland aufgewachsen ist, und den Großteil ihres Lebens hier verbracht hat. Obwohl ich in den USA geboren bin und nur die amerikanische Staatsbürgerschaft besitze, obwohl meine Muttersprache nicht Deutsch ist und meine Eltern nicht Deutsche sind, werde ich hierzulande kaum als Ausländerin wahrgenommen. In der Grundschule im Baden-Württemberg der 1970er-Jahre wurde ich in die Klasse für Ausländer eingeteilt. Aber weder meine Mitschüler noch die weiße deutsche Lehrerin behandelten mich als solche - im Unterschied zu den türkischen Kindern in der Klasse. Ich dagegen habe einmal meinen amerikanischen Pass mit in die Schule gebracht, um meine Ehre zu verteidigen - meine Mitschüler hatten bezweifelt, dass ich wirklich Amerikanerin war. Mein Privileg ist es seit meiner Kindheit gewesen, mit meiner Fremdheit aufzutrumpfen, wenn es mir positive Aufmerksamkeit brachte, sie aber dann wieder verschwinden zu lassen, wenn ich einfach nur dazu gehören wollte. Dieses Privileg wird mir zuteil, allein, weil ich weiß bin.

Wer in Deutschland "Ausländer" oder "Migrationshintergrund" sagt, meint selten die Staatsbürgerschaft, nicht einmal die Herkunft der Eltern. Gemeint sind bestimmte Hautfarben bzw. ethnische Merkmale, eine bestimmte Religion, eine bestimmte soziale Schicht oder eine Kombination dieser Kategorisierungen.

Toni Morrison (dpa / picture alliance / Ian Langsdon)Die Literatur-Nobelpreisträgerin Toni Morrison im Jahr 2010 (dpa / picture alliance / Ian Langsdon)Davon profitiere ich tagtäglich: Obwohl ich weder hier geboren noch Staatsbürgerin bin, wird meine Anwesenheit in diesem Lande nicht infrage gestellt, ich werde nicht in den Diskursen und Bildern der Medien als nicht dazugehörig dargestellt, ich darf sozusagen als Einheimische "durchgehen", wenn ich es möchte. Diese Liste ließe sich noch fortführen. Aus dieser Position heraus zu behaupten, ich sähe keine Hautfarben, für mich seien alle Menschen gleich, wäre so überheblich und lächerlich, wie ein Reicher, der sagt, er sehe keine Armen. Die afroamerikanische Schriftstellerin und Literaturwissenschaftlerin Toni Morrison lieferte mit ihrem Essay "Im Dunkeln spielen" der wissenschaftlichen Weißseinsforschung einen bedeutenden Gründungstext. Sie schreibt:

"[D]ie Angewohnheit, ‚Rasse' zu ignorieren, [wird] als taktvolle, sogar großmütige liberale Geste verstanden. Sie zur Kenntnis zu nehmen bedeutet, einen bereits diskreditierten Unterschied anzuerkennen. Durch Schweigen ihre Unsichtbarkeit zu erzwingen bedeutet, dem schwarzen Körper eine schattenlose Teilhaberschaft an dem dominierenden kulturellen Körper zuzugestehen. Dieser Logik zufolge spricht jedes wohlerzogene Gespür gegen das Zur Kenntnis Nehmen und verhindert so einen erwachsenen Diskurs."

Weiße sehen sich "nur" als Menschen

Für viele Weiße wird die erste Konfrontation mit dieser Kritik irritierend sein. Man ist ja "wohlerzogen" und hat gelernt, Differenzen zu "ent-nennen", wie die Literaturwissenschaftlerin Susan Arndt schreibt, um nicht als rassistisch zu gelten. Es ist die gleiche Ängstlichkeit und Verunsicherung, die bei Weißen ausgelöst wird, wenn sich "mal wieder" das Wort geändert hat, mit dem man eine bestimmte Menschen-Gruppe be-nennen soll. Wie heißt es jetzt richtig, Afrodeutsche oder Schwarze Deutsche? Man darf jetzt nicht mehr Zigeuner sagen? Der Reflex, der sich gegen solche Sprachregelungen sträubt oder auch als Reaktion darauf nur verlegen verstummt, ist im Kern die Irritation, die immer entsteht, wenn man aufgefordert wird, eigene Privilegien zu überdenken. In diesem Fall das Privileg, andere Menschen so zu benennen, wie man es schon immer getan hat und unabhängig davon, wie diese Namen zustande kamen und wie diese Menschen sich selbst nennen oder benannt werden wollen. Zweitens geht es um das Sonderrecht, selbst nicht im Sinne der eigenen ethnischen Zugehörigkeit benannt werden zu wollen. Eine Reflektion über diese Privilegien zieht die Aufforderung nach, sich zu ändern, und zwar nicht nur in der Sprachauswahl. Das ist immer schwierig und verursacht Abwehrreaktionen.

Grada Kilomba, Professorin für Postcolonial Studies an der Berliner Humboldt-Universität, sagt:

"[W]eiße Menschen [sind] es gewohnt, sich nur als Mensch zu identifizieren und Weißsein unsichtbar zu machen. Aber es gibt keine machtvollere Position, als sich nur als Mensch zu sehen und die Norm zu bestimmen".

Es wäre aber ein Fehler, die kritische Weißseinsforschung als moralisches Regelwerk zu betrachten, das Sprachregelungen und Denkverbote durchsetzen will. Wie jede sich etablierende Theorie oder politische Praxis treibt auch die Weißseinsforschung Blüten, die dogmatisch oder pathetisch daherkommen und kaum zum "erwachsenen Diskurs" beitragen, der Toni Morrison vorschwebt. Der Anstoß der kritischen Weißseinsforschung geht aber genau in die entgegengesetzte Richtung: Es geht nicht darum, als Weißer jetzt endlich alles richtig zu machen, indem man neue Regeln lernt, bestimmte Dinge anfängt zu sagen und andere nicht mehr zu sagen. Sondern, unter anderem, um die Analyse dessen, was wir meinen und was wir tun, wenn wir sprechen und denken. Um das Gewahrwerden dessen, was wir bisher gar nicht als Struktur unseres Denkens wahrgenommen haben. Dass dies, wenn man ehrlich und reflektiert ist, kein entspanntes Unterfangen sein wird, ist offensichtlich, und das Sprechen und das Schreiben, das es hervorbringt, wird, zumindest anfangs, eher einem Stottern als einem souveränen Reden gleichen. Sénouvo Agbota Zinsou:

"In jedem von uns verbirgt sich eine Art von Erdbeben, wenn wir nicht wissen, wie wir uns einem anderen gegenüber verhalten sollten. Die Fähigkeit, das Epizentrum dieses Erdbebens mit klarem Verstand zu analysieren, ist das, was uns am meisten fehlt."

Es ist diese Fähigkeit, die die kritische Weißseinsforschung schulen will. Wenn wir Weiße begreifen, wie tief in uns und in der Gesellschaft um uns eine nicht ausgesprochene Annahme der normsetzenden Vormachtstellung des Weißseins sitzt, wird es auch klar, dass wir uns dieser Annahme kaum entledigen werden können. Ein allein moralischer, selbstzüchtigender Ansatz unterschätzt die Macht der gesellschaftlichen Strukturen, die uns seit unserer Kindheit prägen. Der deutsch-nigerianische Pfarrer Austen P. Brandt betont in einem Interview mit Noah Sow:

"Rassistisch zu fühlen wird identifiziert mit Schlechtsein, und ich glaube, diese beiden Pole müsste man auseinanderhalten. Es gibt in einem Menschen eine Vielschichtigkeit von verschiedenen Gefühls- und Denkansätzen, die sich teilweise widersprechen. Antirassistische Arbeit kann daher zum Beispiel heißen, Klarheit in diesen verschiedenen Gefühls- und Handlungsansätzen zu bekommen [...]. Ich glaube, es geht nicht darum, was ich sage. Solange ich als Mann sage, ich will kein Sexist sein, habe ich eigentlich verloren. Ich glaube, ich als Mann habe zu akzeptieren, dass ich sexistisch geprägt bin, und das aller Wahrscheinlichkeit nach noch sehr viele Jahre. Ich kann aber versuchen, die Struktur des Sexismus in mir zu entdecken und an emotionalen Verhaltensweisen zu arbeiten, die diese Prägungen bewusst machen und verringern."

Es gibt also keinen Ort der Unschuld. Stattdessen geht es darum, die eigene Position zu reflektieren so wie die Bilder, die das eigene Unterbewusstsein bevölkern, wie Toni Morrison ohne Ton der Anklage in "Im Dunkeln Spielen" für die amerikanische Literaturwissenschaft nahelegt:

"Es ist, als hätte ich in ein Aquarium geschaut - das Gleiten und Glitzern der goldenen Schuppen, die grüne Spitze, das aufblitzende krängende Weiß von den Kiemen her; die Burgen am Grund, umgeben von Kieseln und winzigen, verschlungenen Wedeln von Grün; das kaum bewegte Wasser, die Partikel von Ausscheidungen und Futter, die stillen Blasen, die an die Oberfläche steigen - und plötzlich sah ich das Aquarium, die Struktur, die dem geordnetem Leben, das sie enthält, durchsichtig (und unsichtbar) erlaubt, in der größeren Welt zu existieren."

Rassistische Markierungen festschreiben oder überwinden?

Mit diesem Schritt zurück, der den Blick frei gibt für das unsichtbare, strukturierende Gefäß, zeigt Morrison, wie wesentlich die "afrikanistische Präsenz" in der amerikanischen Literatur ist. Damit meint sie die Konstruktion des Weißen anhand eines schwarzen Anderen, der all das verkörpert, was der Weiße nicht sein soll oder sein darf: "wohlwollend" und "böse", "spirituell" und "lüstern" - schillernde Figuren der Angst sowie des Begehrens. In ihren Studien zeichnet Morrison nach, wie sehr die weiße amerikanische Literatur durchdrungen ist von diesen Projektionen, und ermutigt ihre weißen Leser darüber nachzudenken, welche Schatten um sie herum spielen, die ihre Vorstellungen von sich selbst überhaupt erst möglich machen.

Eine immer wieder (vor allem von links) hervorgebrachte Kritik an der kritischen Weißseinsforschung ist, dass sie mit ihrer Fokussierung auf rassische Markierungen und Positionen diese festschreibe, anstatt zu ihrer Überwindung beizutragen. So wird argumentiert, dass kulturelle Identitäten in Deutschland nicht erklärbar seien anhand der einfachen Dichotomie Weiß/People of Color. Machtstrukturen seien so nicht entschlüsselbar und jede Analyse der Realität durch eine entsprechende Brille bediene sich rassistischer Kategorien; das könne kaum in eine nicht-rassistische Zukunft weisen.

In diesem Streit geht es philosophisch gesehen um die Frage, ob man die Welt am besten verändert, indem man ihre teils versteckten Strukturen sichtbar macht und kritisch reflektiert. Oder ob man so leben soll, als gäbe es diese Strukturen nicht mehr.

Weißenforschung benennt und hinterfragt bisherige Nachteile

Die Befürworter der kritischen Weißseinsforschung argumentieren meines Erachtens überzeugend dafür, dass es in einer seit Jahrhunderten rassistisch hierarchisierten Welt anmaßend und realitätsverweigernd ist, so zu tun, als wäre es gesellschaftlich gesehen irrelevant, in was für eine Haut man hineingeboren wurde.
Damit dies in der Zukunft genauso irrelevant wird wie etwa die Frage, ob man freie oder angewachsene Ohrläppchen hat, müssen die Privilegien beziehungsweise Nachteile benannt und hinterfragt werden, die den heute als gesellschaftlich relevant gesehenen Merkmalen (also zum Beispiel Hautfarbe oder Haarstruktur) zukommen. Das Risiko auf der einen Seite: Vor lauter Beharren darauf, dass die Welt nicht nach Hautfarben aufgeteilt werden sollte, wird verdrängt, dass es nun mal so ist. Die Gefahr auf der anderen: Ein hartnäckiges Hinweisen darauf, dass es ist, wie es ist, zementiert diese Aufteilung.

Dazwischen gibt es die ehrliche Auseinandersetzung, ein Sich Begeben in ungewohnte, auch unangenehme Gefilde, von wo aus man das Aquarium sehen kann anstatt immer nur die Goldfische.

Millay Hyatt, Jahrgang 1973, in Dallas/USA geboren, Dr. phil., studierte Philosophie, Politikwissenschaften und Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft in Ohio, Los Angeles, Paris und Berlin, 2006 promovierte sie mit einer Dissertation über das Utopische und Utopiekritische bei Hegel und Deleuze an der University of Southern California. Millay Hyatt lebt als freie Übersetzerin und Autorin in Berlin.

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