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StartseiteKommentare und Themen der WocheDie Queen von der Isar 29.04.2017

CSU-Chef Seehofer tritt wieder anDie Queen von der Isar

Horst Seehofer hat angekündigt, 2018 als CSU-Parteichef und Ministerpräsident in Bayern wieder anzutreten. Damit bleibe vorerst alles beim Alten, kommentiert Dirk Birgel. Doch Seehofer müsse klar sein, dass seine Zeit endlicher ist als die von Queen Elisabeth der Zweiten.

Von Dirk Birgel, Chefredakteur der Dresdner Neueste Nachrichten

Der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) spricht im Kloster Seeon in Seeon vor der Klausurtagung der CSU-Landesgruppe im Bundestag. (picture alliance / dpa / Sven Hoppe)
Der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) (picture alliance / dpa / Sven Hoppe)
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Die Rente mit 67 – das hatte sich Horst Seehofer vorgenommen. Nun ja, was er sich vorgenommen hat, weiß der bayrische Ministerpräsident und CSU-Vorsitzende allein. Aber geredet hat er davon immer wieder. Erstmals 2013, zuletzt im Oktober vergangenen Jahres. Am Montag nun trat Seehofer verschmitzt lächelnd vor die Kameras, legte die Hand aufs Herz und verkündete, dass er weitermachen wolle. 

Nicht dass dies irgendjemanden sonderlich überrascht hätte. Weder in München noch im fernen Berlin. Seehofer ist für seine Wendigkeit bekannt. Natürlich sei es ein Fehler gewesen, den eigenen Rücktritt zur Unzeit anzukündigen, räumte der Partei-Patriarch ein, aber die weltpolitische und auch die parteipolitische Lage habe sich geändert. Diese Aussage kann man in drei Richtungen interpretieren. Erstens: Die CSU, Bayern, Deutschland und die Welt brauchen mich! Dringender denn je, vermutlich. Zweitens: Markus Söder darf nicht mein Nachfolger werden. Drittens: Rente ist langweilig. 

Auch innerparteilich ergibt Seehofers Schritt Sinn

Vermutlich haben alle drei Überlegungen in Seehofer den Wunsch weiterzumachen ausgelöst. Auch wenn seine Entscheidung mit einem inneren 51:49 äußerst knapp ausgefallen sei. Da lachen ja die Hühner. Aber lacht auch Angela Merkel, der Seehofer nun als Stachel im Fleisch erhalten bleibt? Vermutlich kann sie ganz gut damit leben, nicht zuletzt aufgrund der angesprochenen weltpolitischen Lage. Einwanderung und Terrorismus sind Themen, mit denen die CSU zuletzt gepunktet hat. Sie bedient die konservativen Kreise in der Union, die von der Kanzlerin zutiefst enttäuscht sind und an die AfD verloren zu gehen drohen. 

Deshalb schickt Seehofer seinen Law-and-order-Mann, Innenminister Joachim Herrmann, als Spitzenkandidaten ins Rennen um die Bundestagswahl. Das Signal aus München lautet: Wenn Merkel künftig Entscheidungen in Einwanderungs- und Sicherheitsfragen zu fällen hat, weiß sie den besten Mann an ihrer Seite. Einen Kardinalfehler wie das Öffnen der Grenzen im Jahr 2015 wird es mit der CSU nicht noch einmal geben. 

Auch innerparteilich ergibt Seehofers Schritt Sinn. Er ist den Umfragen zu Folge am ehesten der Garant, im kommenden Jahr bei der Landtagswahl in Bayern wieder die absolute Mehrheit zu erringen. Deshalb hat sein Rücktritt vom Rücktritt auch kein Murren bei der CSU ausgelöst. Sogar der selbst ernannte Kronprinz Markus Söder gab pflichtschuldigst zu Protokoll, er begrüße, dass nun Klarheit herrsche. 

Seehofer erledigt einen Kronprinzen nach dem anderen

An dieser Stelle kommen die Hühner erneut ins Prusten. Es ist ein offenes Geheimnis, dass Seehofer Söder als Nachfolger verhindern will. Und der hätte bei einem Rückzug des Ministerpräsidenten gute Chancen auf das Erbe gehabt. Söder muss sich damit trösten, dass er mit 50 Jahren noch jung genug ist zu warten. Das hat Prinz Charles in dem Alter vermutlich auch gedacht. 

Damit bleibt vorerst alles beim Alten. Vorausgesetzt, die Wahlergebnisse für die CSU fallen so aus, wie die CSU es hofft, gibt Horst Seehofer die nächsten Jahre noch die Queen von der Isar und regiert von München aus im Kanzleramt mit. Doch auch ihm muss klar sein, dass seine Zeit endlicher ist als die von Queen Elisabeth der Zweiten. Spätestens nach der Landtagswahl werden sie in der CSU anfangen zu fragen, wie lange der Alte denn noch weitermachen will, wann er denn endlich den Thron räumt. Seehofer ist dann 69, wäre am Ende der Legislaturperiode im Jahr 2022 schon 74 Jahre jung. Da wird jede Partei irgendwann nervös, wenn die Nachfolge nicht geregelt ist. 

Doch Seehofer spielt auf Zeit, erledigt dabei einen Kronprinzen nach dem anderen. Karl-Theodor zu Guttenberg scheiterte an sich selbst, Alexander Dobrindt kann von Berlin aus nicht gefährlich werden. Eben dorthin will Seehofer nun seinen Innenminister Joachim Herrmann schicken, und Söder wird auch noch irgendwie zu Fall zu bringen sein. Der ewige Horst wird derweil den oppositionellen Hardliner geben, die Kanzlerin mit Maut, Obergrenzen oder was auch immer piesacken und natürlich Volk und Vaterland retten. 

Doch das Modell vom Übervater und Vordenker kann bei Männern über 70 schnell schiefgehen. Erinnert sei an Sachsens früheren Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf, der auch alles unternahm, um seine Nachfolger klein zu halten. König Kurt wurde mit 72 Jahren schließlich vom Hof gejagt, weil er nicht wahrhaben wollte, dass der Ministerpräsident eines Freistaates nicht die Königin von England ist. Mal sehen, ob Seehofer klüger ist und seine eigene Obergrenze kennt.

Dirk Birgel, Chefredakteur Dresdner Neueste Nachrichten (Anja Schneider                         )Dirk Birgel, Chefredakteur Dresdner Neueste Nachrichten (Anja Schneider )Dirk Birgel, Jahrgang 1966, studierte Journalistik und volontierte bei der "NRZ", "Neue Rhein-Zeitung". Er war bis Mitte 1993 freier Mitarbeiter der "Westfälischen Rundschau" in Dortmund, ab Juli 1993 Rathaus-Reporter der "Dresdner Morgenpost", wo er ab September stellvertretender Lokalchef war. Im Oktober 1994 wechselte er als Korrespondent zur "Leipziger Volkszeitung". Im Juli 1995 wurde er stellvertretender Chefredakteur der "Dresdner Neueste Nachrichten", im April 1998 ging er als Lokalchef zur "Kölnische Rundschau". Seit Februar 1999 ist Birgel Chefredakteur der "Dresdner Neueste Nachrichten".

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