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StartseiteThemen der WocheCyberwar um WikiLeaks11.12.2010

Cyberwar um WikiLeaks

Journalisten stehen in diesem Konflikt nur am Rande

In welchen Zeiten leben wir eigentlich? Diese kopfschüttelnde Frage stellen sich viele Menschen, die die Vorgänge um WikiLeaks verfolgen. Aber auch wir Journalisten, die wir sonst immer alles einordnen können, haben in dieser Sache noch keine überzeugende Antwort gefunden.

Von Wolfgang Michal / Freier Journalist

Ein Foto von Wikileaks-Gründer Julian Assange auf dem Titelblatt von "The Wednesday", aufgenommen in New York. (AP)
Ein Foto von Wikileaks-Gründer Julian Assange auf dem Titelblatt von "The Wednesday", aufgenommen in New York. (AP)

Denn die Auseinandersetzung um die Enthüllungsplattform findet praktisch ohne uns statt. Wir stehen in diesem Konflikt nur am Rande - obwohl wir seit der Watergate-Affäre in der eitlen Annahme leben, ganz allein für brisante Enthüllungen zuständig zu sein.

Jetzt hat uns WikiLeaks "sprachlos" gemacht, und diese tiefe Kränkung überdecken wir dadurch, dass wir zu Übertreibungen und Superlativen greifen. Kein Wunder: Schließlich wurde aus einer kleinen Hacker-Gemeinde irgendwo in Australien in nur vier Jahren ein weltumspannendes und weltbewegendes Unternehmen - die erste global agierende, überstaatliche Nachrichtenagentur. Da gelingt es einer Handvoll idealistischer Computer-Aktivisten, eine Supermacht zu entblößen - und diese Supermacht schlägt so wütend um sich, als müsste sie eine gigantische feindliche Armee zermalmen.

Es herrscht Kriegsrhetorik in vielen Medien. Vom "ersten Weltdatenkrieg" ist die Rede, von Hacker-Attacken, Online-Saboteuren und staatlichen Cyber-Abwehr-Zentren. "Der kommende Aufstand" und "Das letzte Gefecht" dienen als Dumdumgeschosse im Info-Krieg. Aber auch der Chaos Computer Club, die oberste Heeresleitung der Netzszene, lädt den Konflikt mit Bedeutung auf:

"Der Kampf um Wikileaks", so die Erklärung des Clubs, "ist eine wichtige Auseinandersetzung um die Zukunft der Meinungs- und Informationsfreiheit im Netz. Wir rufen daher dazu auf, Wikileaks alle technische Unterstützung zukommen zu lassen, um diese Schlacht zu gewinnen”.

Gesteigert wird die Kriegsrhetorik immer häufiger durch historische Groß-Vergleiche. Online-Journalisten, Blogger, selbst Professoren sehen deutliche Anzeichen einer grundsätzlichen Umwälzung. Einige verweisen auf den Untergang des Römischen Reiches, andere auf die Umbrüche der Reformationszeit, den Kampf der Aufklärung gegen die Kirchenfürsten und die vorrevolutionäre Situation in Frankreich. Wer die Titelseiten der Magazine nach der Verhaftung des WikiLeaks-Gründers betrachtet, könnte meinen, in Julian Assange sei der Welt ein Menetekel in Menschengestalt erschienen. Gut möglich, dass in den nächsten Monaten in den Kinderzimmern die alten Che Guevara- und Kurt Cobain-Poster ausgetauscht werden gegen Bilder von Assange. Der Kampf von Luke Skywalker gegen die dunkle Seite der Macht fasziniert eben nicht nur die mit Star Wars aufgewachsenen Generationen.

In was für Zeiten leben wir also? In stürmischen Aufbruchzeiten? In Erwartung einer bleiernen Zeit? Vielleicht leben wir momentan auf der Kippe. Denn der Fall WikiLeaks könnte eine globale Bürgerrechtsbewegung auslösen, aber ebenso gut könnte die Plattform zur bloßen Nachrichtenhändlerin herabsinken, die ihre Sensationen meistbietend an potente Kunden verkaufen muss.

Als Rudolf Augstein, der Gründer und Spiritus Rector des WikiLeaks-Vorläufers "Spiegel", 1962 wegen brisanter Enthüllungen verhaftet wurde, gingen die Menschen für ihn und die Pressefreiheit auf die Straße. Dies war aus heutiger Sicht das erste Wetterleuchten der kommenden Befreiungsbewegung. Augstein stand damals im Zentrum des Geschehens.
Heute stehen wir Journalisten am Rande. Es ist unsere eigene Schuld.

Wolfgang Michal, Autor beim Internetblog Carta

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