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StartseiteForschung aktuell"Da hat man keine Bedenken vor Ort"22.11.2010

"Da hat man keine Bedenken vor Ort"

Genveränderte Moskitos werden gegen die Ausbreitung des Denguefiebers eingesetzt

Gen-Forschung.- Jährlich erkranken Millionen Menschen am Denguefieber, das von der ägyptischen Tigermücke übertragen wird. Eine britische Firma wirkt der rasanten Vermehrung des Insekts nun mit genetisch sterilisierten Exemplaren entgegen.

Wissenschaftsjournalist Volkart Wildermuth im Gespräch mit Uli Blumenthal

Eine Tigermücke auf der Haut.  (CDC)
Eine Tigermücke auf der Haut. (CDC)

Uli Blumenthal: "Genetisch veränderte Moskitos freigesetzt" - diese Meldung sorgte letzte Woche für einiges Aufsehen und für rege Diskussionen unter Wissenschaftlern. Konkret ging es um die ägyptische Tigermücke, die das Denguefieber überträgt, an dem jährlich Millionen Menschen erkranken. Spezifische Medikamente fehlen ebenso wie ein wirkungsvoller Impfstoff. Bleibt nur die Kontrolle der Moskitos selbst. Und dazu sollen die Mücken der britischen Firma Oxitec dienen. Sie sind genetisch sterilisiert und sollen die Vermehrung der natürlichen Population massiv stören. Mein Kollege Volkart Wildermuth beschäftigt sich schon seit langem mit diesem Thema. Nach Gewächshausversuchen, Herr Wildermuth, fand jetzt der erste Freilandversuch statt. Wo ist das Geschehen und wo wurden die Moskitos freigesetzt?

Volkart Wildermuth: Auf einer Insel in der Karibik, die große Cayman-Insel, dort sind die Tigermücken vor Jahren eingewandert und nach einem Hurrikan haben sie sich massiv vermehrt. Seitdem gibt es dort auch erste Dengue-Fälle und die Regierung ist da sehr besorgt. Es gibt dort ein Mosikito-Forschungs-und-Kontrollzentrum auf der Insel und das hat sich mit Oxitec zusammengetan und nach einigen Vorarbeiten wurden in diesem Jahr über sechs Monate hinweg insgesamt gut drei Millionen dieser genetische sterilisierten Tigermückenmännchen freigelassen. Das war in der Nähe einer abgelegenen Siedlung, weil diese Mücken leben in der Nähe des Menschen. Da waren etwa einige hundert Menschen, die dort wohnen und der Versuch war ein Erfolg. Die Tigermücken gingen auf den Versuchshektar, das waren 16 Hektar, um etwa 80 Prozent zurück. Also es hat funktioniert.

Blumenthal: Freisetzungsversuche mit genetisch veränderten Tieren sind immer problematisch - auch in der Kritik von Wissenschaftlern und Umweltorganisationen. Wie sieht es bei diesem konkreten Beispiel aus?

Wildermuth: Da gab es vor allem zwei Kritikpunkte: Einmal geht es um eine mögliche Gefährdung des Ökosystems auf diesen Inseln und dann um die Geheimniskrämerei um diesen Versuch. Aber erstmal zum ersten Punkt: Eine britische Umweltorganisation, GM Freeze, befürchtet, dass das Ökosystem aus dem Gleichgewicht geraten könnte. Das ist aber nicht so wahrscheinlich. Diese Tigermücken, wie gesagt, sind da eigentlich gar nicht heimisch. Die sind erst später mit dem internationalen Handel dahingekommen. Wenn man die wegnimmt, dann sollten die heimischen Arten dadurch eigentlich nicht geschädigt werden. Außerdem sind diese Mücken ja steril, sie können sich nicht unkontrolliert ausbreiten. Das Ganze ist auch auf einer Insel, das beschränkt sich also natürlicherweise. Ich habe mit einem deutschen Wissenschaftler gesprochen, der sich auch mit diesen genetisch sterilen beschäftigt und der meint, es war an der Zeit für so einen Versuch. Die Vorarbeiten sind alle gelaufen im Labor, im Gewächshaus. Freiland ist der konsequente nächste Schritt. Und wo besser als an dieser Stelle? Aber auch er war besorgt, weil vorher hat man überhaupt nichts von diesem Versuch erfahren. Ich hab kurz davor mit Oxitec gesprochen, die haben mir nichts verraten. Das wurde erst, als die Ergebnisse beisammen waren, der verblüfften Wissenschaftlergemeinde vorgestellt. Und dieses Geheimniskrämerische, da sind die Leute doch ein bisschen sauer.

Blumenthal: Überraschende Freisetzungsversuche jetzt von Oxitec - wie sieht das aus, waren sie genehmigt?

Wildermuth: Vor Ort ging offenbar alles mit rechten Dingen zu. Die zuständigen Behörden haben sich das alles angesehen. Es gab erst Bedenken. Dann hat Oxitec das Verfahren nochmal verfeinert und dann gab es das grüne Licht für den Versuch. Die Bevölkerung wurde allerdings nicht wie bei uns mit einem großen Beteiligungsverfahren informiert. Da gab es einfach einen Radiospot, es gab einen Artikel und ein YouTube-Video, wo die genetische Veränderung noch nicht einmal erwähnt wurde. Also die Information war so ein bisschen mager nach unseren Standards. Und entsprechend gab's dann, nachdem das bekannt wurde, im Internet auch Reaktionen, wo Leute gesagt haben: Wir fühlen uns hier ganz schlecht behandelt. Aber man kann nicht sagen, ob die Leute wirklich aus dem Grand-Cayman-Inseln kommen, weil die haben sich nur Anonymous genannt.

Blumenthal: Sie haben telefoniert, recherchiert für uns. Wie ist die Stimmung auf Cayman-Inseln?

Wildermuth: Ich habe mit Zeitungsreportern gesprochen, mit Radioleuten, ich habe bei dieser Zulassungsbehörde angerufen, und alle haben eigentlich gleichlautend erklärt, dass die Leute auf den großen Cayman-Inseln vor allem unter den Insekten leiden, die haben Angst vor Dengue - und das steht für die im Vordergrund. Dass es sich da um genetisch veränderte Organismen handelt, stört die gar nicht so. Die haben da generell ein entspannteres Verhältnis, als man in Europa hat. Dort wird GM, werden genetisch veränderte Pflanzen angebaut, es gibt Versuchsanlagen für genetisch veränderten Fisch und jetzt eben diese genetisch veränderten Moskitos. Da hat man keine Bedenken vor Ort. International sieht das natürlich anders aus.

Blumenthal: Wo sehen wir international, die aus der ersten Welt, die Probleme?

Wildermuth: Also hier zum Beispiel, in Deutschland, das Gen-ethische Netzwerk hat darauf hingewiesen, dass derzeit bei einem internationalen Vertragswerk, dem Cartagena-Protokoll, genau über die Freisetzung von solchen genetisch veränderten Insekten diskutiert wird. Da sollen komplizierte Regeln festgelegt werden für Risikostudien und so weiter. Das ist jetzt sozusagen ein bisschen ausgehebelt durch diesen Präzedenzfall. Allerdings: Das Cartagena-Protokoll bezieht sich nur auf den Handel zwischen Staaten. Hier geht es ja um einen Staat, insofern ist es eigentlich davon nicht betroffen.

Blumenthal: Und welche Auswirkungen wird das, kurz geantwortet, auf den politischen Prozess zu solchen Freisetzungsexperimenten haben?

Wildermuth: Die Umweltorganisationen befürchten, dass jetzt das Tor weit geöffnet ist. Die Wissenschaftler, die damit arbeiten, sehen das anders. Die haben die Angst, dass durch die Diskussion jetzt weitere Freisetzungsversuche schwieriger werden. Und auf den Grand-Cayman-Inseln sagt man: Wir haben ein konkretes Problem, was wir so angehen wollen. Die internationalen Diskussionen werden da wenig Einfluss haben. Da geht es eher um die Finanzierung.

Hinweis: Lesen Sie zum Thema auch die Sendung Sex bis zum Aussterben, Wissenschaft im Brennpunkt vom 15.08.10

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