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"Da ist jetzt eine Lücke"

Wie eine Tochter um ihre verstorbene Mutter trauert

Von Martin Winkelheide

Der Tod der Mutter "ist etwas, was einen Einschnitt darstellt, und was schon Leben verändern kann".
Der Tod der Mutter "ist etwas, was einen Einschnitt darstellt, und was schon Leben verändern kann". (Stock.XCHNG / Martin R.W)

Sie litt an Demenz und starb im Alter von 85 Jahren. Der Tod der Mutter war dennoch ein Schock für die Tochter, die sie auch im Altersheim intensiv betreut hatte. Er hinterlässt ein Gefühl des Verwaistseins. Eine Reportage über das Trauern.

"Wir haben sie in den Sarg gelegt, wir haben uns am offenen Sarg verabschiedet, ihr noch Geschenke mitgegeben: So ein von ihr selbst gewebtes Mäppchen, da waren gepresste Enziane drin aus früheren Urlauben, die habe ich ihr mitgegeben, und jedes andere Familienmitglied hatte auch Fotos oder was Geschriebenes; mein Sohn hat ihr die Lieblingsschokolade mitgegeben. Solche Sachen."

Kristin Westermann ist 49 Jahre alt.

"Andere Leute würden sagen: 85. Alle Achtung. Respekt. Du hast sie lange gehabt. Aber es ist trotzdem etwas, was einen Einschnitt darstellt, und was schon Leben verändern kann."

Am 28. Februar 2012 starb ihre Mutter.

"Was am Schlimmsten ist eigentlich, aber das ist eine reine Gefühlssache, ist, dass das Dach unserer Familie fehlt, weil sie die zweite ist, die von den Eltern eben gegangen ist und wir jetzt Vollwaise sind – auch wenn wir schon so alt sind.

Also das früheste Erlebnis, da war ich so zehn, meine Mutter ist mir lebhaft in Erinnerung in einer Phase, wo es ihr ganz schrecklich ging, wo sie ganz tief in ihrer Depression hing, und sie mit uns Kindern auf dem Sofa saß, weinend und sagte: Ich weiß nicht, wie ich diesen Tag schaffen soll, ich weiß auch nicht, was ich morgen kochen soll. Und wir Kinder waren hilflos und saßen neben ihr. Das ist etwas, das werde ich meinen Lebtag nicht vergessen.

Meine Mutter hatte 40 Jahre ihres Lebens eine sehr schwere Depression, die immer so in Phasen auftrat – auch mit Krankenhausaufenthalten, die schon auch unser gemeinsames Leben geprägt haben. Dazu kam dann eben vor fünf Jahren diese Verwirrtheit.

Es war schon ein schrittweise Abschiednehmen. Wenn man Angehörige in einer schweren Demenz erlebt, dann merkt man: Nicht nur die Persönlichkeit verändert sich, sonder auch die Beziehung zwischen Mutter und Tochter – in diesem Fall.

Wir haben meine Mutter sehr lange und sehr intensiv begleitet, mit dem täglichen Besuch im Altenheim, und einmal die Woche kam sie noch zu Besuch in unsere Familie zum Sonntagskaffee. Und da ist jetzt eine Lücke, die auch nicht so leicht zu füllen ist, wie wir auch alle feststellen. Also dieses auf die Uhr Gucken, 17 Uhr 15 war der Standardbesuch im Altenheim, wenn wir unsere Mutter gefüttert haben. Das fehlt. Es bedarf auch eines Umstrukturierens des eigenen Tagesablaufs oder eines Füllens einer Lücke, wir wissen es noch nicht so genau, dafür ist es vielleicht auch noch zu frisch.

Sie konnte keine körperliche Nähe ertragen, nun war meine Mutter nie der Herzmensch, mit herzen meine ich uns herzen. Sie war immer sehr distanziert, vielleicht auch durch diese eigene schwere Erkrankung. Aber zum Schluss war es immer schwierig, wenn wir sie begrüßten und wir ihr über den Kopf oder den Arm strichen, konnte es passieren, dass sie uns begrüßte, indem sie schlug.

Ich hab sie auch provoziert, indem ich ihr über die Wange strich – wohl wissend, dass sie das nicht wollte, aber es war für mich eine besondere Art der Kontaktaufnahme. Also ich wollte offensichtlich noch diese auch körperlich Enge zu meiner eigenen Mutter.

Als wir uns verabschiedet haben, und sie da so lag, war für uns ganz klar: Sie sitzt neben Papa. Wir haben uns dann sogar vorgestellt, dass die beiden auf irgend einer Bank sitzen und uns das Neueste aus dem Dorf erzählen. Da ist noch viel Auf-Uns-Achten, Gucken, dass es uns geht, viel an guten Gedanken, die sie uns auch schicken, und das ist auch wahnsinnig wohltuend. Also, sie ist ja nicht weg."



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