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StartseiteKultur heute"Da werden nicht die Verdienste genannt"26.10.2010

"Da werden nicht die Verdienste genannt"

Historiker bezeichnet Bericht zur Geschichte des Auswärtigen Amtes als einseitig

Der Zeithistoriker Christian Hacke hat die Studie "Das Amt und die Vergangenheit" in einigen Punkten heftig kritisiert. Viele - zugegebenermaßen verstrickte - Beamte des Auswärtigen Amtes hätten nach dem Ende des Kriegs herausragende Aufbauarbeit geleistet. Dennoch werde an deren Stigmatisierung festgehalten.

Christian Hacke im Gespräch mit Doris Schäfer-Noske

Oktober 1933: Joseph Goebbels und der damalige Außenminister Konstantin Freiherr von Neurath bei einer Sitzung des Völkerbundes in Genf. (AP)
Oktober 1933: Joseph Goebbels und der damalige Außenminister Konstantin Freiherr von Neurath bei einer Sitzung des Völkerbundes in Genf. (AP)
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Aufräumen mit einem Mythos

Doris Schäfer-Noske: Das Auswärtige Amt war Teil des Dritten Reiches. Die Darstellung der deutschen Diplomatie als ein Hort des Widerstandes war ein Mythos. So kann man den Kern der neuen Studie zusammenfassen, die eine international besetzte Historikerkommission zur NS-Geschichte des Auswärtigen Amtes erarbeitet hat. Die Kommission war 2005 noch vom damaligen Außenminister Fischer eingesetzt worden, nachdem es Streit um die Nachrufpraxis für gestorbene Diplomaten gegeben hatte. Fischer hatte einem Diplomaten die amtsinterne Würdigung verweigert, weil er Mitglied der NSDAP und der SS gewesen war.

Der Zeithistoriker Christian Hacke hat nun die Studie in einigen Punkten heftig kritisiert. So wirft er dem ehemaligen Außenminister Fischer vor, man frage sich, ob es ihm um eine Aufarbeitung der Vergangenheit, oder um eine Diskreditierung der außenpolitischen Elite der alten Bundesrepublik gegangen sei. – Herr Hacke, was bringt Sie auf diese Frage?

Christian Hacke: Ich würde einen Begriff benutzen, den ich in dieser Besprechung nicht benutzt habe, der das vielleicht auch treffen könnte. Das ist das Moment der Stigmatisierung. Und zwar werden ja nicht nur bekannte und bewährte, sondern auch verdienstvolle Beamte, höchste Beamte des Auswärtigen Amtes – ich habe einige Namen genannt: Botschafter Krapf, Botschafter Wickert, Botschafter Pauls – bei allen Lebensläufen, die dort geschildert werden, von diesen dreien und auch bei anderen, geht es nicht um ihre Verdienste in der Nachkriegszeit, dass man sagt, gut, sie waren auch im Dritten Reich verwickelt und sie waren unter Umständen auch Mitglied der NSDAP, oder auch der SS, wobei wir bei vielen Dingen wissen, dass es nominale Mitgliedschafen waren und diese Männer überhaupt nicht verstrickt waren. Und bei der Darstellung der Lebensläufe ist mir aufgefallen, dass immer wieder auf diese Vergangenheit im Dritten Reich rekurriert wurde und dass in außerordentlich geringem Umfang nur die Leistungen dieser und anderer beispielsweise jetzt genannt wurden, was ihre Tätigkeit anbelangt in der Aufbauarbeit des Auswärtigen Amtes ab 1951.

Das finde ich schon etwas bezeichnend und das würde ich umschreiben mit dem Moment der Stigmatisierung, dass man nicht, wie es eigentlich ja der Außenminister fordert in einem anderen Beispiel, wo es um einen eigenen Mitarbeiter geht, wo dann gesagt wird, also man sollte doch nicht darauf rekurrieren, dass er damals das Pol-Pot-Regime als Mitarbeiter des Amtes, dem ein Glückwunschtelegramm hat, dem kambodschanischen Massenmörder.

Für seine eigenen Leute beansprucht er, dass man einen neuen Anfang setzt und auch nicht mehr darauf rekurriert, weil sie mal einen Fehler gemacht haben. Aber umgekehrt, bei all den bewährten Beamten und zum Teil zugegebenermaßen auch verstrickten Beamten, wird nicht das Moment der Chance in den Vordergrund gestellt und der der Leistung, was sie nach dem Kriege dann in der Aufbauarbeit gemacht haben, sondern diese Stigmatisierung permanent immer wieder im Lebenslauf, immer wieder die Verstrickung im Dritten Reich, und das fand ich schon sehr bezeichnend und eigentlich auch sehr ernüchternd.

Schäfer-Noske: Können Sie da mal ein Beispiel nennen? Sie haben ja ein paar Namen schon genannt.

Hacke: Der Botschafter Wickert war ein erstklassiger Mann, erstklassiger Diplomat, früher auch verstrickt im Dritten Reich, aber nirgendwo in einer Weise, dass man ihm Verbrechen oder so was angehängt haben könnte, sondern wie viele eben auch machte er seinen Dienst während des Dritten Reiches und wurde dann – und nur die wurden übernommen in der Regel, von denen man weiß, dass sie eben nicht verstrickt waren. Dass es immer mal passiert ist, dass einer durchgeflutscht ist, sage ich mal, im Auswärtigen Amt, der vielleicht stärker verstrickt war, das hat es gegeben. Das ist aber alles bekannt, alles bekannt. Diese Dinge sind in Büchern aufgearbeitet seit 20, 30 Jahren. Ich nenne den Namen Döscher. Das ist nichts Neues in diesem Buch. Deshalb ist es so verwunderlich, dass wieder diese These der Verstrickung genommen wird. Aber alleine, wie ich gesagt habe, bei dem Botschafter Wickert wird es ganz deutlich: Da werden nicht die Verdienste genannt, da wird sogar, würde ich sagen, mit einer Spur von Häme der spätere verdienstvolle Lebenslauf von Botschafter Wickert eigentlich – und das hat mich schon ein bisschen negativ berührt, - nicht ins Lächerliche gezogen, aber in diese Richtung.

Sie können Ähnliches nehmen vom Botschafter Pauls. Das war unser erster Botschafter in Israel. Der war früher Offizier der Wehrmacht, war auch Mitglied, wenn ich mich richtig erinnere, der SS, wenn ich mich richtig erinnere, war gleichzeitig aber im Widerstand verbunden. Das sind alles Dinge, die natürlich in unserem Land, der Insel der Seeligen, in der Political Correctness gar nicht mehr bekannt ist, dass es so was gab, dass man Mitglied der NSDAP war und im Widerstand. Also der Botschafter Pauls wird der erste Botschafter in Israel und ständig wird in diesem Buch nur rekurriert auf seine Mitgliedschaft in der Wehrmacht und kurz der Widerstand erwähnt, aber immer wieder SS oder Wehrmacht. Aber alles, was Pauls geleistet hat in der Aufbauarbeit des Auswärtigen Amtes, und seine unglaublichen Verdienste um die Aussöhnung zwischen Deutschland und Israel, praktisch nur in einem Halbsatz erwähnt. Das finde ich sehr bezeichnend, das könnte man jetzt fortsetzen auch mit anderen Botschaftern, und das ist einfach, finde ich, keine Art und Weise, um die Geschichte des Amtes darzustellen.

Da nehme ich das Wort der Stigmatisierung, und diese Dinge sind alle schon – das muss man sagen, in diesem Buch gibt es nichts Neues -, das ist alles bekannt. Und was er in Forschung gab, der Außenminister, hätte er schon von vornherein wissen müssen, dass dasselbe Moment wieder rauskommt. Damit wurde eine Chance verpasst – und das ist mein Petitum -, die auch die positive und überwiegend natürlich die herausragende Arbeit auch dieser alten, zum Teil verstrickten Beamten für die Aufbauarbeit der Außenpolitik der Bundesrepublik Deutschland herausstellt und in diesem Zusammenhang natürlich für das entscheidende Institut, nämlich das Auswärtige Amt.

Schäfer-Noske: Nun ging es den Verfassern der Studie natürlich auch um die Mehrheit, wo ja durchaus auch erschreckende Dinge zu Tage gefördert wurden. Sie sagen, das war alles schon bekannt, aber es hat ja Aufsehen erregt, dass es zum Beispiel hieß, das einzige Protokoll der Wannsee-Konferenz sei im Archiv des Auswärtigen Amtes gefunden worden, oder ein Besuch im Konzentrationslager Dachau habe zur Diplomatenausbildung gehört. Da ist es natürlich dann schwierig, über die Rolle des Auswärtigen Amtes als Widerstandszelle im Krieg zu sprechen.

Hacke: Das ist sehr gut, dass Sie das erwähnen, und das gibt mir die Chance, vielleicht noch etwas zu klären. Das Buch hat ja zwei Teile. Einmal wird historisch geschildert die Verstrickung des Amtes im Dritten Reich. Der zweite Teil ist dann das, was ich eben genannt habe, die Frage nach der Kontinuität der Beamten aus dem Dritten Reich im Auswärtigen Amt nach 1951. Da ist bei diesem zweiten Teil, den ich eben genannt habe, die Kontinuität nur eine personelle und das, was konstruiert wird zum Teil von den Verfassern, ist der Hauch, sage ich mal, ein bisschen mehr personelle Kontinuität, ob nicht auch politische Kontinuität dabei ist. Da gibt es keinen Satz von den Verfassern, dass sie sagen, nein, man hätte eigentlich klar sagen müssen, personelle Kontinuität, aber politischer Bruch. Es gibt ja keinen Beamten, der den Nationalsozialismus nachher im Auswärtigen Amt nach 1951 hätte propagieren dürfen, das wäre Wahnwitz gewesen. Also das ist gut, dass Sie es sagen.

Der erste Teil, auf den Sie rekurrieren, da ist tatsächlich viel Neues gebracht worden in dem Buch. Das muss man klar sagen. Hier sind Dinge ans Licht gekommen, die vorher geahnt wurden, aber in der Menge, in dem Umfang, in der Detailrecherche, da haben die Verfasser sich außerordentlich verdienstvoll gemacht, und dabei bleibe ich auch. Das ist wirklich bedrückend, was wir dort sehen, dass das Auswärtige Amt sich zum Handlanger gemacht hat praktisch der SS. Der Außenminister Ribbentrop war ja Handlanger von Himmler, er hatte keine eigene Hausmacht, er hat die SS rangezogen, wurde umgekehrt dann auch ein Instrument und hat das natürlich alles bewusst getan. Das ist wirklich neu, das ist bedrückend, das ist die andere Seite des Buches, das ist die positive Seite. Hier haben die Holocaust-Forscher Frei und dann noch der Kollege aus Israel, Professor Zimmermann, ganz Großartiges geleistet. Das muss man klar sagen. Mir geht es nur um diesen zweiten Teil, scheinbar und mehr als scheinbar die Konstruktion, dass personelle Kontinuität der alten Beamten dazu unter Umständen geführt hat, dass auch nationalsozialistisches Gedankentum vielleicht da mitgesprochen hat.

Schäfer-Noske: Also die Nachkriegszeit?

Hacke: Und die Nachkriegszeit, dass man eben nicht die Verdienste in den Vordergrund dieser Männer gestellt hat, sondern dieser Hauch von Stigmatisierung.

Schäfer-Noske: Das war der Zeitgeschichtler Christian Hacke über die Studie zur Rolle des Auswärtigen Amtes im Dritten Reich.

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