Interview / Archiv /

"Da wird ein Schuldiger gesucht"

Gewerkschaftschef Wiesehügel fühlt sich vom Betriebsrat brüskiert

Klaus Wiesehügel im Gespräch mit Stefan Heinlein

Klaus Wiesehügel, Vorsitzender der IG Bau
Klaus Wiesehügel, Vorsitzender der IG Bau (AP)

Durch die Vereinbarungen der IG Bau mit ACS in Madrid könne die Belegschaft sorgenfreier in die Zukunft blicken, sagt Klaus Wiesehügel, Chef der Gewerkschaft IG Bau. Im Vorfeld habe man Bedingungen für den Fall einer Übernahme aushandeln können, die man so danach wahrscheinlich nicht bekommen hätte.

Heinlein: Mitgehört hat der Chef der Gewerkschaft IG Bau, Klaus Wiesehügel. Guten Morgen, Herr Wiesehügel!

Klaus Wiesehügel: Morgen, Herr Heinlein!

Heinlein: Bedauern Sie, dass Siegfried Müller aus Ihrer Gewerkschaft austreten wird?

Wiesehügel: Ja, das bedauere ich sehr, und ich bedauere sowieso auch die Position, die er jetzt öffentlich dort bezieht. Es ist schon etwas seltsam, wenn ein Betriebsratsvorsitzender sagt, meine Entscheidungen werde ich nicht selbst treffen, das überlasse ich alles dem Vorstand. Das mag er mit sich selbst ausmachen, die Belegschaft ist sicherlich auch in der Frage sehr unterschiedlich bestellt, aber alle, die dieses Interview heute gehört haben, mögen sich fragen, wofür braucht man einen Betriebsrat, wenn dieser sagt, das werde ich nicht tun, ich werde nicht verhandeln, sondern das überlasse ich dem Vorstand.

Heinlein: Mit welchem Mandat haben Sie denn, mit welchem Mandat hat die IG Bau denn in Madrid mit ACS verhandelt?

Wiesehügel: Die Tarifvertragsparteien in Deutschland sind dazu aufgerufen, die Vereinbarungen zu machen. Das ist gar keine Vereinbarung, die üblicherweise ein Betriebsrat macht, sondern dafür sind die Gewerkschaften da, und von daher haben wir dieses Mandat als Sozialpartner, als Tarifvertragspartei genutzt.

Heinlein: Warum haben Sie denn den Betriebsrat – Herr Müller hat es angesprochen – nicht mit ins Boot genommen bei den Gesprächen mit den spanischen Konzernmanagern?

Wiesehügel: Wir haben – das ist richtig – wir haben das angesprochen, wir haben gesagt, wir wollen mit ACS reden. Dies ist brüsk von ihm abgewehrt worden, eine echte Abstimmung hat es seltsam, wie die Dinge da innerhalb des Betriebsrats laufen. Wir wissen da drüber nicht gegeben. Das ist bei Hochtief mitunter sowieso etwas, dass ganz viele unterschiedlicher Meinung sind, wir haben gesagt, diese Streitigkeiten nützen uns überhaupt nichts, wir haben die Verantwortung, der Verantwortung müssen wir gerecht werden und deswegen haben wir mit ACS dann das Gespräch gesucht. Das haben wir übrigens öffentlich kundgetan, das ist nicht so, dass es ne Geheimgeschichte gewesen ist, wie das jetzt gemacht wird. Was mich sehr verwundert, ist, dass innerhalb des Betriebsrates und besonders von Siggi Müller jetzt so getan wird, als ob die Übernahme von ACS durch diese Vereinbarung erleichtert worden wäre. Da wird ein Schuldiger gesucht für die Wut, die man hat, darüber, dass man übernommen wird, und da taugen wir wirklich nichts für.

Heinlein: Sind denn aus Ihrer Sicht, nach Ihren Gesprächen und Vereinbarungen mit ACS alle Bedenken der Übernahme von Hochtief ausgeräumt?

Wiesehügel: Also zumindest sind wir der Meinung, nach diesen Vereinbarungen können wir der Zukunft, falls ACS uns überhaupt übernimmt, etwas sorgenfreier entgegensehen. Und wir glauben auch, dass wenn ACS Hochtief dann übernimmt, dass dann anschließend konstruktive Beziehungen tatsächlich möglich sein werden. Diese ganze Vereinbarung – das ist ja das, warum ich nicht weiß, warum sich so viele so aufregen – wird ja erst in Kraft treten, falls ACS Hochtief übernimmt, falls ihnen der Sprung tatsächlich gelingt, das ist ja noch gar nicht sicher. Im Augenblick ist es noch nicht so, da muss man den heutigen Tag ja noch abwarten.

Heinlein: Hat denn ACS in den Gesprächen, in den Vereinbarungen den Erhalt der 70.000 Arbeitsplätze bei Hochtief auf Dauer garantiert? Das hört sich ja alles, was Sie sagen, wie Herr Müller es beschreibt, etwas wachsweich an, was da vereinbart wurde.

Wiesehügel: Hochtief soll eine eigenständige Gesellschaft bleiben, Hochtief soll in Essen bleiben, Hochtief soll die Mitbestimmung nach wie vor wahrnehmen. ACS respektiert die Tarifverträge, die Betriebsvereinbarungen und ACS kann aber als Aktionär ja nicht sagen, der soll eigenständig bleiben, der Vorstand ist derjenige, der das Unternehmen führt, und gleichzeitig sagen, wir werden das operative Geschäft garantieren, sondern das war ein schwieriger Punkt, weil ACS hat immer drauf hingewiesen, wir wollen doch, dass der Vorstand selbstständig bleibt. Und wir als Aktionäre, auch wenn wir Mehrheitsaktionäre sind, werden ja keine Kündigungen aussprechen. Und dann gibt es jetzt eine Formulierung, die lautet, dass wenn der Vorstand Entlassungen durchführen wird, wird ACS seinen Einfluss darauf, seinen Einfluss als Mehrheitsaktionär, darauf ausüben, dass nicht abgebaut wird die Anzahl der Arbeitnehmer, und sie wollen auch weiterhin auf den Vorstand einwirken und ihn unterstützen, dass auf betriebsbedingte Kündigungen verzichtet wird. Das finde ich, das ist eine ganze Menge, das hätten wir wahrscheinlich nach der Übernahme nicht mehr bekommen. Jetzt ist dies eine Regelung, die viele, viele Arbeitnehmer eigentlich stärker in Sicherheit wiegen sollte und nicht gegen die Gewerkschaft aufbringen.

Heinlein: Ganz kurz, es genügt mir ein Ja oder Nein, Herr Wiesehügel, zum Schluss die Frage: Bleiben Sie denn nach der Übernahme Aufsichtsratsmitglied bei Hochtief beziehungsweise dann ACS?

Wiesehügel: Wir haben dort 2011 Wahlen, da wird sich das sowieso entscheiden. Falls Herr Müller Recht hat, dass ich kein Vertrauen in der Belegschaft mehr genieße, dann werde ich ja auch wahrscheinlich nicht wiedergewählt.

Heinlein: Heute der Schlussakkord im Übernahmepoker um Hochtief. Dazu hier im Deutschlandfunk der Chef der Gewerkschaft IG Bau, Klaus Wiesehügel. Ich danke für das Gespräch und auf Wiederhören!

Wiesehügel: Wiederhören!

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Interview

Ukraine-Krise"Russland braucht den Westen"

Russlands Präsident Wladimir Putin bei einer Regierungssitzung am Mittwoch

Das derzeit schlechte Verhältnis zwischen dem Westen und Russland sei das Ergebnis einer jahrelangen Entfremdung, sagte die Politikwissenschaftlerin Margareta Mommsen im Deutschlandfunk. Das "Feindbild USA" sei in Russland "gehegt und gepflegt" worden. Doch auf lange Sicht müsse es wieder eine Annäherung geben.

Sexuelle Befreiung"Es gibt Anzeichen einer neuen Spießigkeit"

Lila Luftballons mit dem aufgedruckten Symbol für weiblich schweben am 14.02.2014 über den Köpfen von Demonstrationsteilnehmern in München (Oberbayern). Die Demonstration richtete sich gegen Gewalt an Frauen und warb für mehr Gerechtigkeit im Umgang mit Frauen. 

Viele Errungenschaften der sexuellen Revolution der 1960er-Jahre seien wieder verloren gegangen, sagte die Publizistin Ulrike Heider im DLF. Die Gesellschaft kehre zurück zu einem neuen Konservativismus. Es gebe da einen Zusammenhang mit den ökonomischen und politischen Verhältnissen.

Umgang mit Tieren"Die Gesellschaft muss umdenken"

Braune Legehennen drängen sich in Pless bei Memmingen in einem Hühnerstall für Legehennen. Im Vordergrund liegen Eier auf einem Transportband.

Um die Rechte von Tieren durchzusetzen, bedürfe es neben politischer Entscheidungen eine grundsätzliche Änderung unserer Lebensgewohnheiten, sagte die Philosophin Friederike Schmitz im Deutschlandfunk. Die Konsequenz wäre nicht nur eine vegetarische, sondern eine vegane Lebensweise.

 

Interview der Woche

Zukunft der Kirche"Das Wichtigste ist die Verkündigung des Evangeliums"

Kardinal Reinhard Marx lächelt, vor ihm ein Mikrofon, hinter ihm auf einem Gebäude der Schriftzug "Bischöfliches Priesterseminar Borromäum"

Der Münchner Erzbischof, Reinhard Kardinal Marx, beklagt eine zu starke Fixierung auf die Institution Kirche. "Nicht die Kirche soll attraktiv sein, sondern das Evangelium soll attraktiv sein", sagte Marx im Deutschlandfunk. Nur so könne Christus in der Gesellschaft lebendig bleiben.

Konflikte in EuropaSchulz: Europäische Strukturen haben den Krieg gebannt

Martin Schulz gestikuliert, während er spricht.

Der Präsident des Europäischen Parlaments, Martin Schulz, hat sich trotz der zunehmenden Eskalation in der Ostukraine für diplomatische Lösungen ausgesprochen. Man müsse jetzt verstärkt nach gemeinsamen Interessen zwischen dem Westen und Russland suchen, sagte er im Interview der Woche des Deutschlandfunks.

IntegrationÖzoğuz möchte Nachbesserungen beim Doppelpass

Profilfoto von Aydan Özoğuz

Es handele sich bei der Staatsangehörigkeit um ein sehr emotionales Thema, sagte Aydan Özoguz, Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, im DLF. Der Doppelpass-Kompromiss der Großen Koalition sei deshalb ein großer und wichtiger Schritt. Die SPD-Politikerin setzt sich aber weiterhin für eine komplette Abschaffung der Optionspflicht ein.