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StartseiteInterview"Dafür gibt es gar keinen Anlass, dass ich auf diese Aufgabe verzichte"03.08.2010

"Dafür gibt es gar keinen Anlass, dass ich auf diese Aufgabe verzichte"

Tölg verteidigt seinen Sitz im Vertriebenen-Stiftungsrat

Arnold Tölg ist als stellvertretendes Mitglied des Stiftungsrates Flucht, Vertreibung, Versöhnung benannt worden. Von Kritikern wird ihm vorgeworfen, das Regime der Nazis zu verharmlosen. Er selbst bestreitet das. "Ich habe mich immer zu dem bekannt, was passiert ist", sagt Tölg.

Arnold Tölg im Gespräch mit Dirk-Oliver Heckmann

 Vor 60 Jahren wurde die Charta der deutschen Heimatvertriebenen verabschiedet.  (AP Archiv/Henry Burroughs)
Vor 60 Jahren wurde die Charta der deutschen Heimatvertriebenen verabschiedet. (AP Archiv/Henry Burroughs)

Dirk-Oliver Heckmann: Kommenden Donnerstag findet in Stuttgart ein prominent besetzter Festakt statt: Bundesinnenminister Thomas de Maizière wird ebenso da sein wie Außenminister Guido Westerwelle, Bundestagspräsident Norbert Lammert und die Präsidentin des Bunds der Vertriebenen Erika Steinbach. Der Anlass: Vor 60 Jahren wurde die Charta der deutschen Heimatvertriebenen verabschiedet. Die Veranstaltung fällt in eine Zeit, in der der BdV wieder für Schlagzeilen sorgt, und zwar dadurch, dass er zwei Personen als stellvertretende Mitglieder des Stiftungsrates Flucht, Vertreibung, Versöhnung benannt hat. Kritiker werfen den beiden BdV-Vertretern vor, klar revanchistische Positionen zu vertreten. Am Telefon begrüße ich Arnold Tölg, den Vorsitzenden des Bunds der Vertriebenen in Baden-Württemberg und Präsidiumsmitglied im BdV-Bundesverband. Guten Morgen, Herr Tölg!

Arnold Tölg: Guten Morgen, Herr Heckmann!

Heckmann: Herr Tölg, sind Sie ein Revanchist, ein Verharmloser des Nazi-Regimes?

Tölg: In keinster Weise! Ich habe mich immer zu dem bekannt, was passiert ist, nämlich auf der einen Seite dass schreckliche Verbrechen von Hitler-Deutschland und den Verantwortlichen begangen wurden, aber am Kriegsende auch grauenvolle Verbrechen an Deutschen begangen wurden. Und dies muss man sagen und dies hat auch nichts mit ... zu tun.

Heckmann: Der SPD-Politiker Dietmar Nietan, der sagt, entweder gebe es im BdV eine Art Quotierung für Hardliner und Revanchisten, oder der BdV wolle die Stiftung bewusst dazu nutzen, Nazi-Verbrechen zu verharmlosen. Wie erklären Sie sich den Widerstand gegen Ihre Person?

Tölg: Ja, es werden einfach Tatsachen nicht hingenommen. Ich darf nur hier den Herrn Professor Steinbach zitieren, der sagte unter anderem, und zum anderen sind wir im Grunde der Meinung, dass die Verbrechen der Deutschen relativiert werden können durch angebliche Verbrechen der anderen Seite. Angebliche Verbrechen – hier disqualifizieren sich doch die Kritiker von selbst! Wenn die noch nicht gemerkt haben, was im Osten passiert ist 1945, dann tut es mir leid. Die wollen einfach die Tatsachen nicht erkennen.

Heckmann: Die Verbrechen hat es in der Tat natürlich gegeben, das ist ja nicht von der Hand zu weisen. Die Frage ist bloß ...

Tölg: ... ja, warum streitet er das dann ab?

Heckmann: ... weshalb man die Verbrechen der einen Seite in dem gleichen Atemzug nennt wie die andere. Herr Tölg, Hartmut Saenger, der andere Vertreter des BdV, der jetzt in den Stiftungsbeirat als Stellvertreter entsandt wurde, der hat im vergangenen Jahr erst gesagt, Polen, England und Frankreich trügen eine Mitschuld am Zweiten Weltkrieg. Teilen Sie diese Auffassung?

Tölg: Ich bin kein Historiker, ich habe die Quellenlage nicht studiert. Ich kann zu diesem Punkt keine Aussagen machen. Herr Saenger ist, ich kenne ihn, er ist ein qualifizierter Mann, der hat sicher Grund genug, sich diesen, derartige Aussagen zu machen. Von alleine findet er dazu nicht.

Heckmann: Das heißt, die These, dass Deutschland diesen Zweiten Weltkrieg ausgelöst hat, an dieser These muss man Fragezeichen machen können aus Ihrer Sicht?

Tölg: Nein, habe ich nicht gesagt. Ich bin der Meinung, dass in erster Linie natürlich Adolf Hitler und sein Anhang dafür verantwortlich ist, dass der Zweite Weltkrieg begonnen hat.

Heckmann: Aber nur in erster Linie?

Tölg: Ja natürlich in erster Linie. Es gehören ja immer mehrere dazu. Großbritannien hat schließlich mit Frankreich zusammen Deutschland den Krieg erklärt.

Heckmann: Das heißt, auch andere Länder tragen eine Verantwortung am Ausbruch des Zweiten Weltkriegs?

Tölg: Das habe ich nicht gesagt, sondern ich sage, ich weise nur auf die Tatsachen hin, nichts weiter.

Heckmann: Herr Tölg, Sie haben in einem Interview mit der "Jungen Freiheit" – das ist ein Organ, das an der, das sich versteht oder eingeordnet wird als Scharnier zwischen rechtskonservativen und auch rechtsextremen Positionen –, Sie haben in einem Interview am 7.1.2000 zum Streit um die Entschädigung ehemaliger NS-Zwangsarbeiter gesagt, ich zitiere mal: "Gerade die Länder, die am massivsten Forderungen gegen uns richten, haben genügend Dreck am Stecken, weil sie Hunderttausende deutscher Zwangsarbeiter in zahllosen Lagern hatten." Das hört sich so an, Herr Tölg, als rechneten sie Unrecht gegeneinander auf?

Tölg: Nein, überhaupt nicht. Ich weise nur auf Tatsachen hin. Meine Feststellung zur Frage der Ungleichbehandlung, von Zwangsarbeitern sind unbestreitbar. Es ist ganz einfach Fakt, dass die Verschleppung zur Zwangsarbeit gemäß des Statuts für den Nürnberger Prozess als Verbrechen gegen die Menschlichkeit eingestuft war und deswegen deutsche Kriegsverbrecher, zu Recht, wie ich feststellte, verurteilt wurden, während gleichzeitig Deutsche zur Zwangsarbeit verschleppt und missbraucht wurden und dieser Vorgang straffrei blieb. Es war zweierlei Maß. Die Zahl der Deutschen, die Zwangsarbeit leisten mussten, bezifferte ich auf eine Million, von denen Hunderttausende umgekommen seien.

Heckmann: Zweierlei Maß, also insofern war die Entschädigung der ehemaligen NS-Zwangsarbeiter ein Fehler?

Tölg: Nein. Ich sehe das heute als eine doch richtige Tat, dass die entschädigt wurden. Aber – und das hat ja auch die CDU-, CSU-Bundestagsfraktion getan, sie hat ja in einem Antrag eingebracht, die deutschen Zwangsarbeiter ebenfalls zu entschädigen, dieser Antrag wurde am 22. Oktober 2004 von der rot-grünen Mehrheit abgelehnt. Und wenn Sie einmal die Literatur ansehen über das, was an, die deutschen Zwangsarbeiter leisten mussten, unter welchen Bedingungen, dann ist das nicht mehr als berechtigt. Ich kenne genügend Frauen, die Grauenhaftes erlebt haben. Es wurden ja junge Mädchen verschleppt in Massen, zu Zehntausenden und was denen passiert ist, das kann man nicht beschreiben.

Heckmann: Die Frage, Herr Tölg, ist, wer trägt die Verantwortung für die Vertreibung der Deutschen?

Tölg: Da bin ich der Meinung, dass der Krieg natürlich – der von Hitler ausgelöste Krieg – den Ländern, die die Deutschen vertrieben haben, eine Chance gegeben hat, die Deutschen loszuwerden. Es war ja ein von Polen und auch teilweise Tschechien, ein langfristiger Plan, schon 1848 wollte man die Linie Stettin-Triest herstellen. Also, da sind Dinge zusammengekommen: Auf der einen Seite war das der Krieg Hitlers, der Schreckliches in diesen Ländern angerichtet hat; auf der anderen Seite kam es auch der polnischen und wohl auch tschechischen Politik entgegen, siehe Londoner Exilregierung, die sich intensiv darum bemüht hat, die deutschen Ostgebiete in die Hand zu bekommen, sodass hier durchaus auch Schuld auf der anderen Seite zu sehen ist. Denn Polen hätte sich auch einmal überlegen müssen, was es bedeutet ... Zum Beispiel, ich war gerade in Schlesien, da fährt man hunderte Kilometer durch ein Land, ein wunderbares Land mit großen Städten und Dörfern und muss sich dann vorstellen, dass all diese Menschen, die hier Jahrhunderte lebten, auf grausame Weise rausgeworfen wurden. Also, das war ein Verbrechen und da kann man nichts dran deuteln. Ich bin ja selbst betroffen gewesen.

Heckmann: Herr Tölg, haben Sie das Gefühl, dass Deutschland dauerhaft in Geiselhaft genommen wird, seine eigene Geschichte?

Tölg: Nein, dieses Gefühl habe ich nicht. Ich bin der Meinung, dass Deutschland sich auch gegen so etwas wehren müsste, in Geiselhaft genommen zu werden, kommt gar nicht infrage. Wir können selbstbewusst genug sein. Warum – weil wir das einzige Land in der Welt sind, das sich einmal für die Verbrechen, die es begangen hat, bekannt hat, und das über Jahrzehnte, jetzt 65 Jahre lang. Jeden Tag können wir in der Zeitung davon lesen oder im Rundfunk hören oder im Fernsehen. Also ...

Heckmann: ... letzte Frage, Herr Tölg, am Ende, es gibt großen Widerstand gegen Sie auch vom Zentralrat der Juden in Deutschland. Haben Sie schon überlegt, auf den Posten zu verzichten?

Tölg: Ich denke nicht daran, es ist überhaupt kein Anlass vorhanden. Ich meine, die Herren, die mir Vorwürfe machen, sollten einmal ihre Position überprüfen. Das kann ich den Herren nur empfehlen. Gleich, woher sie kommen, denn dafür gibt es gar keinen Anlass, dass ich auf diese Aufgabe verzichte. Ich habe mich nicht danach gedrängt, aber ich bin bereit, Verantwortung zu übernehmen. Und die Stiftung heißt Flucht, Vertreibung, Versöhnung. Wenn alles richtig dargestellt wird in Wahrheit, das ist für alle wichtig, dann können wir die Versöhnung, zu der ich schon längst in Richtung Polen gefunden habe, an der können wir weiter arbeiten.

Heckmann: Wir haben gesprochen hier im Deutschlandfunk mit Arnold Tölg. Er ist der Vorsitzende des Bunds der Vertriebenen in Baden-Württemberg, Präsidiumsmitglied im BdV-Bundesvorstand und im Beirat der Vertreibungsstiftung. Herr Tölg, ich danke Ihnen für das Gespräch!

Tölg: Ja, bitte sehr!

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