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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturDaheim bei Barack und Michelle16.01.2012

Daheim bei Barack und Michelle

Jodi Kantor: "Die Obamas. Ein öffentliches Leben." Droemer Verlag

Eitelkeiten, Konflikte, Glücksmomente: Die "New York Times"-Journalistin Jodi Kantor blickt hinter die Kulissen des Weißen Hauses und porträtiert das amerikanische Präsidentenpaar. Im Mittelpunkt steht dabei die Rolle von First Lady Michelle Obama.

Von Gregor Peter Schmitz

US-Präsident Barack Obama und seine Frau Michelle (AP)
US-Präsident Barack Obama und seine Frau Michelle (AP)
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Oh Miss Obama

Wie schreibt man ein Buch über die Ehe eines Paares, das jeder zu kennen scheint - und das sich doch nur sehr wenigen Menschen anvertraut? Zumal Journalisten. Jodi Kantor, Reporterin der "New York Times", hat diese Herausforderung in ihrem 415 Seiten-Werk "Die Obamas. Ein öffentliches Leben" bravourös gemeistert. Der Autorin ist es gelungen, mit vielen Freunden und Bekannten des berühmten Paares zu sprechen – und als bislang einzige Journalistin durfte sie die beiden auch ausführlich zu ihrer Zweisamkeit befragen. Kantor erklärt im Fernsehsender ABC, was sie daran besonders faszinierte:

"Sie wurden zu einem guten Teil gewählt, weil sie eben nicht wie gewöhnliche Politiker wirkten, sondern eher wie wir alle. Und nun ist dennoch alles im Weißen Haus perfekt und auf Hochglanz poliert. Also war dieses Interview über ihre Ehe auch ein Weg für sie zu zeigen, dass sie einerseits als Rollenmodelle funktionieren, aber andererseits noch mit normalen Leuten etwas gemein haben."

Schließlich verstehen sich die Obamas nicht einfach als Amtsinhaber, sondern als Vorbilder - immerhin sind sie das erste schwarze Paar im Weißen Haus. Eine Verantwortung, die Michelle besonders bewusst zu sein scheint, schreibt Kantor:

Sie war sich völlig im Klaren darüber, dass sie und ihre Familie die afroamerikanischen Vorbilder schlechthin für das ganze Land, ja, für die ganze Welt waren. Die Obamas wollten Klischees abbauen - auch deshalb hatten sie kandidiert, auch deshalb wollte Michelle, dass alles so schön und kultiviert wie möglich wirkte. Sie wusste, wie hartnäckig sich negative Vorurteile über Farbige hielten.... In ihrer neuen Rolle als First Lady sah sie die einmalige Chance, diese Vorurteile zu relativieren.

Wie recht Kantor mit ihrer Einschätzung hat, offenbart die Reaktion des Weißen Hauses auf ihr Buch, das in Amerika bereits ein Bestseller ist. Michelle Obama persönlich antwortete in einem CBS-Interview auf die Beobachtungen der Autorin - und beschreibt, wie sehr sie öffentliche Vorurteile belasten, die schon im Wahlkampf ein Thema waren:

"Das ist ein Image gewesen, das die Öffentlichkeit mir immer aufdrücken wollte – eigentlich seit dem Tag, an dem Barack seine Kandidatur erklärte: dass ich eine zornige, schwarze Frau bin. Ich versuche einfach, ich selbst zu sein. Und meine Hoffnung ist, dass die Leute mich allmählich kennenlernen und mich für das beurteilen, was ich bin."

Kantor beschreibt die Ehe der Obamas vor allem aus der Sicht Michelles. Sie schildert detailliert und einfühlsam, wie schwierig es ist, im Weißen Haus "alltäglich" zu leben. Denn die First Lady möchte dort für ihre beiden jungen Töchter ein "normales" Familienleben aufrecht erhalten und scheitert oft an logistischen Hürden:

Allein der simple Akt, das Haus zu verlassen, war für sie ein Problem... Sie kann nicht einmal mit dem Hund in den Garten gehen, ohne sich vorher zu erkundigen, ob es Bewegung im Reporter-Pool gibt oder gerade eine Zeremonie im Rosengarten stattfindet, so ein Mitarbeiter. Michelles Töchter konnten nie spontan zum Swimmingpool oder auf den Tennisplatz laufen. Am schlimmsten war es in der warmen Jahreszeit, wenn die vielen Veranstaltungen im Freien und die zahlreichen Besuche die Bewegungsfreiheit der Familie noch stärker einschränkten.

Die Obama-Familie tut sich schwer mit solchen Beschränkungen - genau wie mit dem Umstand, dass jede Äußerung, jede Ausgabe der First Lady argwöhnisch beäugt wird. Bald hagelt es öffentliche Kritik an angeblich zu teuren Kleidern oder extravaganten Urlaubsreisen. Michelle Obama reagiert darauf zunächst verbittert. Doch die First Lady, auch das beschreibt Kantor, gewöhnt sich allmählich an ihre Rolle - und mischt sich aktiver in politische Entscheidungen ein. So drängt sie ihren Ehemann zum Personalumbau im Weißen Haus, als dessen Umfragewerte absacken. Das sorgt prompt für Spannungen mit dessen Beratern, allen voran dem früheren Stabschef Rahm Emanuel. Aber diese müssen einlenken, denn Michelle hat durch populäre Initiativen - etwa für gesunde Ernährung - längst auch die US-Öffentlichkeit für sich eingenommen - und avancierte über die Jahre gar zur Wahlkampfwaffe. Kantor schreibt:

Nun, da Michelle Obama eine angesehene First Lady und ihr Mann ein schwächelnder Präsident war, kam diesem Umstand eine gänzlich neue Bedeutung zu. In einem Interview ein Jahr zuvor hatten die Obamas ganz entschieden bestritten, dass sie ihre Ehe zu politischen Zwecken vermarkteten; sie hatten sich durch die bloße Vermutung gekränkt gegeben. Jetzt hörten sie aufmerksam zu, als die Mitarbeiter ihnen erklärten, wie sie durch gemeinsame Auftritte Stimmen gewinnen könnten.

Doch die Autorin zeichnet nicht einfach das rosige Bild einer Ehe, das in öffentlichen Aufnahmen nur Glücksmomente zu kennen scheint. Sie enthüllt nuanciert, wie arrogant und eigenbrötlerisch Barack Obama sein kann, wie brüsk und misstrauisch seine Gattin. Kantor zeichnet zudem nach, wie die Eheleute sich bisweilen gegenseitig in der unheilvollen Überzeugung anstacheln, für ihre Anstrengungen von den Amerikanern nicht genug gewürdigt zu werden. Auch wegen solcher Passagen hat das Weiße Haus wohl Kantors erstklassig recherchiertes Buch erbost als "Fiktion" zurückgewiesen. Obamas Berater halten der Autorin vor, bloß alte Geschichten aus dritter Hand wieder aufzuwärmen und seit dem einen Interview nie mehr mit dem "first couple" gesprochen zu haben. Dabei fällt Kantors Fazit eigentlich positiv aus - zumindest wenn es um die Bande zwischen den Eheleuten geht. Die Autorin schildert etwa, wie die Antworten der Eheleute auf eine Frage nach ihrer Rollenverteilung immer noch ein gesundes Miteinander offenbaren:

"Er fängt an. Ich muss wirklich vorsichtig sein, wie ich diese Frage beantworte. Schließlich macht er einen Witz und sagt: Meinen Beratern ist es viel wichtiger, was meine Frau denkt als was ich denke. Und endlich kommt sie ihm zur Hilfe und sagt: Wir sind derzeit nicht gleichberechtigt in unseren Jobs, aber wir sind weit gleichberechtigter, wenn es um unser Privatleben geht."

Kantor beschreibt auch den 50. Geburtstag des Präsidenten im vergangenen Jahr, an dem Michelle Obama in einer langen Rede Barack nicht nur als Präsidenten preist, sondern vor allem als Ehemann. Kantors Resümee über die "Obamas" klingt also durchaus optimistisch:

Die Präsidentschaft hatte die Obamas nur fester zusammen geschweißt. Ihre Bindung war offenbar nicht nur intakt, sondern sogar stärker geworden, und ihre Ansichten lagen näher beieinander als je zuvor - ein Effekt der Präsidentschaft, den man auch bei ihren Vorgängern beobachten konnte. Das Weiße Haus hatte die Tendenz, die Präsidentenpaare zu isolieren, sie aber auch näher zusammenzubringen, sie zu zwingen, sich stärker aufeinander zu verlassen, als es in der Welt draußen nötig war.

Jodi Kantor:
Die Obamas. Ein öffentliches Leben
Droemer Verlag, 415 Seiten, 19,99 Euro. ISBN: 978-3-426-27559-7

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