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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Dan Diner: "Versiegelte Zeit. Über den Stillstand in der islamischen Welt"02.01.2006

Dan Diner: "Versiegelte Zeit. Über den Stillstand in der islamischen Welt"

Die nicht nachlassen wollenden Gewaltausbrüche im Nahen und Mittleren Osten, die für ein westliches Publikum weithin nicht nachvollziehbare Rückbesinnung auf radikale Interpretationen des Islam in Teilen der muslimisch geprägten Welt, das sind einige Stichpunkte, die der Jerusalemer Historiker Dan Diner versucht hat, näher zu analysieren: "Versiegelte Zeit - Über den Stillstand in der islamischen Welt", heißt sein Buch, das bei Propyläen erschien ist. Die Rezension dazu stammt aus der Feder des Islamwissenschaftlers und Publizisten Navid Kermani:

Rezension: Navid Kermani

Stillstand oder Fortschritt? (AP)
Stillstand oder Fortschritt? (AP)

Die im Titel formulierte Diagnose von Dan Diners neuem Buch "Versiegelte Zeit. Über den Stillstand in der islamischen Welt" ist völlig falsch. Man kann über die großen Staaten der islamischen Welt sagen, was man mag - aber Stillstand? In der Türkei beispielsweise macht eher das Tempo skeptisch, mit dem weit reichende Reformen durchgepeitscht werden, als deren Ausbleiben. Der Diktatur in Iran gelingt es zwar noch, die politische Öffnung aufzuhalten, aber die gesellschaftliche Dynamik ist so rasant, dass eher die Gefahr der Explosion als die der Erstarrung besteht. Indonesien schließlich, das bevölkerungsreichste Land der islamischen Welt, hat gerade erst eine demokratische Revolution hinter sich.

Dan Diner würde diesen Befund wahrscheinlich gar nicht bestreiten. Tatsächlich handelt sein Buch nicht von der islamischen, sondern fast ausschließlich von der arabischen Welt, 200 Millionen unter 1,5 Milliarden Muslimen. Und dass die arabische Welt sich in einer Krise befindet, die nicht nur wegen des globalen Terrorismus in den letzten zwei Jahrzehnten dramatische Züge angenommen hat, ist unstrittig - übrigens auch unter Arabern selbst. So gesehen, ist die Diagnose vom Stillstand vollkommen richtig, ja, beinah schon verharmlosend. Nimmt man das Bildungswesen oder den sozialen Ausgleich, so befindet sich die arabische Welt nicht im Stillstand, sondern in einem rasanten Niedergang, der sich bis hinein in die dritte und vierte Generation der arabischen Migranten in Europa auswirkt.

Die speziell in der arabischen Welt beliebte Erklärung, dass der Westen an allem schuld sei, entkräftet Diner in der gebotenen Kürze:

" Der Hinweis auf die Machenschaften des Kolonialismus bei der Begründung des eigenen Unvermögens erweist sich bei näherem Hinsehen als weniger entlastend als auf den ersten Blick angenommen. Und dies vor allem deshalb, weil sich die Überlegung einstellt, wieso es hat dazu kommen können, dass europäische Mächte überhaupt in der Lage waren, sich der Länder des Orients zu bemächtigen."

Diners eigene Erklärungen sind von unterschiedlicher Qualität. Die Entwicklung zum islamischen Fundamentalismus, die er beschreibt, lässt sich gleichlautend oder präziser in Dutzenden anderer, auch deutschsprachiger Publikationen nachlesen. Bedeutsamer sind Diners Hinweise zur arabischen Hochsprache. Das Arabische sei aufgrund der linguistischen Präsenz des Korans sakral aufgeladen, schreibt Diner zu Recht:

" Dies ist zwar keine hinreichende Erklärung für die Erschwernisse bei der Säkularisierung, verweist aber auf Dilemmata, mit denen muslimische Araber im Unterschied zu muslimischen Türken, muslimischen Iranern oder muslimischen Pakistani konfrontiert sind."

Der Autor macht diese Barriere an der Entwicklung des Buchdrucks fest, die in der arabischen Welt erst 300 Jahre nach Gutenberg eingesetzt hat. Die Beobachtung ist ebenso korrekt wie wichtig. Dann aber sucht Diner nach Ursachen für das Primat der Mündlichkeit in der arabischen Kultur und verallgemeinert einzelne Funde der Islamwissenschaft auf eine Weise, dass die Darstellung geradezu groteske Züge annimmt. Etwa würde der Koran bis heute nicht mit beweglichen Schrifttypen gedruckt, sondern ausschließlich lithographisch oder photomechanisch vervielfältigt - eine beliebige islamische Buchhandlung beweist nicht bloß das Gegenteil, sondern macht auf ein viel größeres Problem aufmerksam, nämlich die massenhafte Digitalisierung des Korans, die zur willkürlichen Zitierbarkeit führt.

Diner hat - den Quellenangaben und der Darstellung zufolge - nur einen Bruchteil der westlichen Literatur studiert. Arabische Quellen oder auch nur eigene, konkrete Eindrücke von arabischen Ländern sind bei ihm ohnehin nicht existent, was für ein Werk über die arabische Kultur und Sprache schon eine gewisse Chuzpe erfordert - man stelle sich eine Abhandlung über die deutsche Sprache vor, vorgelegt von einem Ägypter, der offenkundig keine einzige deutsche Zeile gelesen hat und sich auf keine einzige eigene Beobachtung bezieht.

Wesentlich überzeugender ist das Buch dort, wo der Autor sozialgeschichtlichen und ökonomischen Aspekten nachgeht. Wenn Diner etwa den Niedergang des Osmanischen Reiches anhand der monetären Strukturkrise erklärt, die durch die aus Amerika nach Europa einströmenden Bestände an Gold und Silber mitausgelöst wurde - das ist bedenkenswert und präzise zusammengefasst. Leider kehrt der Autor dann aber bald schon wieder zurück in ein allgemeines Räsonieren "über den Muslim als solchen".

Wäre die islamische Kultur wirklich so vollständig von den Buchstaben des Korans durchzogen, wie es bei Diner anklingt, könnte man sämtliche Erscheinungen, die diesen Buchstaben widersprechen, nur mit dem Begriffsmuster der Häresie erklären. Tatsächlich aber sind sie der islamischen Kultur inhärent gewesen. Die großen Mystiker und Dichter des Islams, die den Wein und die körperliche, auch homoerotische Liebe besungen - und allem Anschein nach ausgiebig genossen - haben, hatten kein Problem damit, in der nächsten Zeile Gott und seinen Propheten zu preisen. Ein Problem ist ihre Existenz für jene Islamerklärer, die sich nur an den Buchstaben orientieren, mögen sie aus dem arabischen Fundamentalismus oder der deutschen Wissenschaft stammen. Letztere ist allerdings denn doch weit harmloser.

Navid Kermani rezensierte: Dan Diner: "Versiegelte Zeit. Über den Stillstand in der islamischen Welt". Erschienen ist der 287 Seiten lange Band bei Propyläen in München. Er kostet 22,00 Euro.

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