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StartseiteBüchermarktDas Absurde in der Gegenwart07.11.2005

Das Absurde in der Gegenwart

Moritz Rinke legt "Das große Stolpern" vor

Zuspitzende Alltagsbeobachtung mit dramatischen Schlenkern, das ist die Spezialität von Autor Moritz Rinke. Diese Geschichten erinnern an Personen und Ereignisse, die gerade noch hoch gehandelt wurden, doch stets sieht Rinke etwas anderes als die meisten Zeitgenossen. Und so entdeckt Rinke das Absurde in der Seifenoper der Gegenwart. Kein Wunder, dass alle gesammelten Geschichten in "Das Große Stolpern" unvermeidlich komisch sind.

Von Walter van Rossum

Rinke sieht etwas anderes als die meisten Zeitgenossen. (Stock.XCHNG)
Rinke sieht etwas anderes als die meisten Zeitgenossen. (Stock.XCHNG)

"Kürzlich war ich gebucht auf Lufthansa von Stuttgart nach Berlin. Dieser Flug war so ungefähr das Schlimmste, was ich an Personenbeförderung je erlebt habe.
Ich saß neben Dolly Buster. Ich hatte sie gerade auf ihren schönen Talisman angesprochen, da ging es los. Sie konnte gerade noch sagen, dass das ein tibetischer Buddha sei, da gerieten wir in große Turbulenzen, die Stewardessen mussten ihren Service einstellen und alle schrien.
Ich selbst wurde von einer Turbulenz auf die Seite von Dolly Buster hinübergeworfen und lag auf ihrer riesigen linken Brust. Sie sagte immer wieder in ihrem wunderbaren Akzent: 'Wir stürzzzen ab, wir stürzzzzen ab', und ich überlegte mir, wie groß die Chance zu überleben sei, wenn ich jetzt einfach zwischen den beiden Brüsten von Dolly Buster wäre, als mir Busters Buddha hart ans Brustbein drückte.
Ich sagte noch 'Pardon', sie entgegnete 'Ist doch jetzt egal' - aber wir überlebten.
Im Bus flüsterte sie: 'Kommen Sie doch auf die Cebit- Fachmesse in Hannover, da bin ich auch!' Auf einer ICE-Reise Tage später las ich: 'Die FDP ist sexy - Stimmen Sie mit Dolly Buster für die Liberalen!' Ich stieg sofort in Hannover aus, aber ich habe sie nicht gefunden auf der Fachmesse."


Wenn Sie wissen wollen, wie es weiter ging mit dem Busenwunder Dolly Buster und dem Schriftsteller Moritz Rinke, dann sollten Sie in seinem letzten Buch Das große Stolpern das Kapitel mit dem Titel "Ich weiß jetzt, was global ist und liberal" lesen. Ich will hier nur schon mal andeuten, dass die Geschichte in einem Berliner Swingerclub endet, wobei nicht nur die FDP eine Rolle spielt, sondern auch ein satellitengestützter Wegweiser für die Sexstützpunkte des Landes.

Moritz Rinke gilt mittlerweile als ein Star unter den jüngeren Theaterautoren. Kürzlich wurde in Düsseldorf sein letztes Stück "Café Umberto" uraufgeführt, das zur Zeit außerdem in Hamburg und Bremen gespielt wird. Begonnen hatte Rinke seine Karriere als Journalist, und manche seiner Reportagen wurden preisgekrönt.

"Ich war ja mal Journalist, und ich habe das durchaus auch genossen, weil man da so viele verschiedene Sachen machen konnte. Aber das Problem war immer, dass ich bei manchen Reportagen eben dachte: um den wirklich tiefen Sinn zu beschreiben, muss man komprimieren, dazudichten, erfinden. Das ist nun mal das dramatische Handwerk. Das war ein bisschen schwierig. Und es erwies sich eher als Handicap für so eine Tageszeitung. Und für die Wahrheit im Sinne der Tagesaktualität auch. "

Doch der zuspitzenden Alltagsbeobachtung mit dramatischen Schlenkern ist Rinke glücklicherweise treu geblieben. Und so kann man in einigen Zeitungen oder Zeitschriften seine Glossen lesen. Manche dieser Geschichten hat Rinke in einem Buch gesammelt. Und da fügen sie sich jetzt durchaus zu einem großen ganzen. Der letzte Band heißt Das Große Stolpern. Ein früheres Buch dieser Machart hieß Der Blauwal im Kirschgarten. Beide Bücher tragen den gleichen Untertitel, nämlich "Erinnerungen an die Gegenwart".

"Das ist natürlich nicht autobiographisch gemeint. Ich bin ja erst 38. Und da wäre das natürlich komisch. Aber diese beiden Bücher greifen ja gewissermaßen ins Weltgeschehen ein, haken sich in bestimmte politische Ereignisse ein oder bei kleinen Erlebnissen und sind sehr an der Gegenwart orientiert und versuchen dort irgendetwas festzuhalten, was natürlich in drei/vier Tagen wieder verschwunden ist. In dem Aktualitätswahn, in dem wir mittlerweile leben und in der Fülle und Komplexität, mit der wir mit Ereignissen zugeschüttet werden, entseht natürlich gleich wieder ein Loch, wenn ein anderes Ereignis kommt. Das neue Ereignis verschüttet das davor liegende ganz schnell. Ich sage nur: der 11. September oder der Irak-Krieg. Der Krieg hat eigentlich gerade erst seinen Höhepunkt erreicht, findet aber in den Medien gewissermaßen nicht mehr statt. Und das ist gemeint mit Erinnerungen an die Gegenwart. Das man irgendwie versucht, die Zeit ein bisschen anzuhalten, die Gegenwart festzuhalten."

Und so erinnern diese Geschichten manchmal an Personen und Ereignisse, die gerade noch hoch gehandelt wurden, manchmal jedoch findet sich der komische Stand der Dinge auf dem Hauptbahnhof von Hannover an einem Weihnachtsabend oder auf einem Kreuzfahrtschiff im Mittelmeer. Doch stets sieht Rinke etwas anderes als die meisten Zeitgenossen und schon gar die routinierten journalistischen Weltbeobachter. Nehmen wir nur den Text, der dem Buch den Titel gibt: "Das große Stolpern".

Ortstermin Landgericht Düsseldorf. Da wird u. a. gegen Ulrich Ackermann verhandelt, dem Chef der Deutschen Bank. Es geht um eine absurd hohe Abfindung für Vorstandsmitglieder von Mannesmann. Der Fall machte Furore. Dabei beschlich manchen Zeitgenossen der Verdacht, dass der Rechtsstaat mit den Mitteln der klassischen Justiz dieser Sorte Borderline-Kriminalität der Chefetagen in der Hundertmillionen Euro Zone nicht mehr so richtig gewachsen sei. Doch Moritz Rinke rollt den Fall nicht noch einmal juristisch auf, sondern er betrachtet ihn eher aufführungstechnisch. Er beschreibt das Gerichtsverfahren als Bühne - eine Wagneroper im Kellertheater:

"Ich war auch verblüfft. Da sah es aus wie bei Dinner for one, Freddy Frinton und dann diese Staranwälte, die Herren Ackermann, ein großer Mann, und dann der Ex-Mannesmann-Chef wieder ganz klein. Und die saßen da alle wie Schuljungen hinter ihren Bänken, wo dann vorne die Füße wieder herausschauten. Die sahen aus wie bei der Einschulung und liefen über irgendeinen fürchterlichen blauen Industrieteppich und stolperten dabei immer wieder, so eng war das. Dazu hingen irgendwelche Kruzifixe schief im Saal. Und dann die Ikea 'Billy' Regale, aus denen immer solche Ordner gezogen wurden, aus denen ja gewissermaßen Milliarden-Intrigen verhandelt wurden. Das war ziemlich absurd."

Mit sicherem, doch stets gewitztem Griff entdeckt Rinke das Absurde in der Seifenoper der Gegenwart. So sind alle in diesem Band gesammelten Geschichten unvermeidlich komisch, aber sie sind eben auch deshalb so charmant, weil der Autor sich nicht distanziert, sondern selbst verwundert mitten im Tumult steht.

Der Text des Theaterstücks "Café Umberto" ist soeben als Rowohlt Taschenbuch erschienen.

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