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StartseiteBüchermarktDas Alltägliche der Revolution02.11.2007

Das Alltägliche der Revolution

"Ich mag es, wenn ein Roman eine Einladung zum Nachdenken enthält", sagt der französische Autor Pierre Péju. Das Erzählvergnügen dürfe dadurch aber nicht geschmälert werden. Péju gehört zu den Schriftstellern, die nicht aus dem Bauch schreiben, sondern die das Geschriebene ständig hinterfragen. Kopflastig ist sein Roman "Schlaf nun selig und süß" dennoch nicht. Mit viel Sinn für irrlichternde Seelenzustände zeichnet er ein Porträt seiner Generation der so genannten 68er.

Von Christoph Vormweg

1963, als De Gaulle und Adenauer den deutsch-französischen Freundschaftsvertrag unterzeichnen, verbringt der 16-jährige Paul den Sommer bei seinem Brieffreund in Bayern.  (AP Archiv)
1963, als De Gaulle und Adenauer den deutsch-französischen Freundschaftsvertrag unterzeichnen, verbringt der 16-jährige Paul den Sommer bei seinem Brieffreund in Bayern. (AP Archiv)

" Ich bin aus familiären Gründen zum ersten Mal nach Deutschland mitgenommen worden. Und das war wirklich ein Kulturschock. Heute kann man sagen, dass sich Frankreich und Deutschland sehr nah stehen. In der 50er Jahren jedoch tauchte man in eine völlig andere Welt ein. Die aber hat mich ungeheuer fasziniert. Sie war geheimnisvoll, rätselhaft, voller grundlegender Fragen. Es gibt deutsche Landschaften und Stimmungen, die sich mir für immer tief eingeprägt haben, und dank eines Deutschlehrers habe ich auch schon ziemlich früh Texte der deutschen Literatur entdeckt, die mich in Staunen versetzten. Zugleich jedoch ist dieses Verhältnis sehr ambivalent. "

Gerade das Herausarbeiten der Ambivalenzen in seinem Verhältnis zu Deutschland macht Pierre Péjus Roman "Schlaf nun selig und süß" zu einer Entdeckung. Sie geben seiner Prosa die innere Spannung, die existentielle Unruhe. 1963, als De Gaulle und Adenauer den deutsch-französischen Freundschaftsvertrag unterzeichnen, verbringt der 16-jährige Paul den Sommer bei seinem Brieffreund in einer bayerischen Kleinstadt. Nicht nur die Fremde schärft seine Sinne. Auch das Unbehagen. Denn 18 Jahre nach Ende des zweiten Weltkriegs scheint der Friede, wie es heißt, sein "Gedächtnis verloren" zu haben. Die Zeichen stehen auf Verdrängung. Im Wald aber gibt es einen mysteriösen Ort, den fast alle Einwohner meiden. Pierre Péju:

" Der Wald ist für mich zugleich ein sehr realer und ein vollkommen symbolischer Ort, [...] ein Universum des Helldunklen, der Ort des Doppeldeutigen an sich. "

Keiner weiß, warum der Inhaber des Sägewerks, der ehemalige Wehrmachtsoffizier Moritz, seine beiden kleinen Kinder während eines Ausflugs an den Schwarzsee im Wald erstickt hat. Nur einer ahnt den Grund: der Arzt Lafontaine, der 1941 zusammen mit Moritz am Russlandfeldzug teilnahm und immer wieder rote Rosen an den Tatort bringt. In die Ich-Erzählung Pauls über seinen Kulturschock in Bayern werden im ersten Romanteil immer wieder Berichte eines allwissenden Erzählers über die Kriegserfahrungen von Moritz und Lafontaine geschoben. In der Ukraine kam es zum Schlüsselerlebnis, als sie versuchten, während eines SS-Massakers an zusammen getriebenen Juden wenigstens die Kinder zu retten. Denn, so die bittere Ironie des Schicksals: ausgerechnet ihr Mitgefühl verstrickte sie selbst unmittelbar in Schuld - eine Last, die Moritz zwei Jahrzehnte später ganz offensichtlich in den Wahnsinn trieb. Über seinen Kindermord kommt Pierre Péju zur Kardinalfrage seines Romans: Inwieweit kann das erlebte Kriegsgrauen auch die Nachkommen verstören? Pauls Hingezogenheit zu Lafontaines Tochter Clara jedenfalls scheint in der Ähnlichkeit ihrer inneren Zerrissenheit zu liegen. Denn auch ihm machen familiäre Altlasten der Kriegszeit zu schaffen: Sein Vater, der im Widerstand gegen die Nazi-Besatzer gekämpft hat, wurde nach dem Krieg unter mysteriösen Umständen ermordet. Mehr noch: für beide wird die künstlerische Arbeit zum Lebenshalt, zum Mittel der Suche, zum Ventil: Clara filmt und fotografiert, Paul zeichnet.

" Die Liebe ist eine komplexe Sache, viel verzettelter, als man annimmt, viel stärker von Unterbrechungen gekennzeichnet. So sieht sich Paul schließlich zwei Frauen gegenüber: seiner Ehefrau und Clara, seiner ersten Liebe. Man weiß, dass die erste Liebeserfahrung strukturierend ist. Diese Dimension der Liebe in jedem von uns wollte ich thematisieren. Doch ging es mir auch darum zu zeigen, dass man den Geliebten nicht immer erreicht. So gibt es zwischen Clara und Paul manchmal eine sehr große Anziehungskraft, dann aber wieder verfehlen sie sich. Und "sich verfehlen" ist eine Dimension der Liebe. "

Egal, ob Clara Monate oder Jahre verschwunden bleibt, egal, ob Paul sie einmal so gut wie vergewaltigt, egal, wie viele Kinder er und seine Frau inzwischen zeugen: Immer wieder taucht die rätselhafte, schwarz gekleidete Deutsche auf. Allerdings geht es Pierre Péju in seinem Roman "Schlaf nun selig und süß" nicht um die Erzeugung einer Endlosschleife amouröser Pseudo-Dramatik. Vielmehr zeichnet er mit viel Sinn für vage, irrlichternde Seelenzustände auch ein Porträt seiner Generation: der Generation der so genannten 68er.

Mit dem handelsüblichen Erinnerungsreigen eines Aufmüpfigen wartet Pierre Péju, der die Pariser Revolte als Student selbst miterlebt hat, allerdings nicht auf: kein Gruppensex, keine Drogenexperimente, keine Mythisierung eines vermeintlich revolutionären Zustands - nichts von alldem. Ganz im Gegenteil erzählt er die Geschichte der Revolte in ihren Zufälligkeiten, ihrer Unorganisiertheit, ihren Spontaneitäten als eine - wie es heißt - "Lichtung des Möglichen". Nicht die Parolen des Aufbegehrens gegen eine traditionsverbundene, restriktive Elterngeneration interessieren ihn, sondern das Alltägliche - und zwar vor allem, nachdem alles vorbei ist, und jeder wieder für sich weitermacht. Für Paul bedeutet das ganz handfest: die Entscheidung für die Bildhauerei im Vercors, jener Gebirgsgegend, die zum Symbol des Kampfes der Résistance gegen die deutsche Besatzungsmacht wurde und wo auch sein Vater aktiv war. "Solange ich haue", erkennt Paul, "verschwinde ich." Und dieses Verschwinden bedeutet Erleichterung - wenn auch nicht Vergessen. Denn Paul verwandelt seine Visionen vom Weltkriegsgrauen zu abstrakten Figuren-Denkmälern aus Stein.

" Ich mag es, wenn ein Roman eine Einladung zum Nachdenken enthält. Doch darf dadurch das Erzählvergnügen nicht geschmälert werden. Ein Roman sollte sehr visuell sein, und die Erzählung flott, um den Leser mitzureißen. Erst danach sollte das Nachdenken einsetzen. Für den Romancier ist das eine ziemlich schwierige Aufgabe. Denn man darf die Erzählung nicht mit Gedanken schwerfällig machen. Die Gedanken müssen gewissermaßen hinter den Bildern versteckt sein. "

Pierre Péju gehört zu den Schriftstellern, die nicht aus dem Bauch schreiben, sondern die das Geschriebene ständig hinterfragen. Kopflastig ist sein Roman "Schlaf nun selig und süß" aber nicht - schon deshalb, weil die Lebenserfahrung hinter dem Geschriebenen immer spürbar bleibt. Mehr noch: wie schon in seinem Bestseller "Die kleine Kartäuserin" gelingt es ihm, ohne sentimentales Pathos über Gefühle zu schreiben: über Gefühle Pubertierender und an sich zweifelnder Verliebter genauso wie über Gefühle kriselnder Künstler und alternder Männer. Deshalb spricht aus seiner verständlichen, präzis geschnittenen, rhythmisch sicheren Prosa immer eine enorme Lebensklugheit. Bei anderen Schriftstellern wäre ein Roman über den langen, unsichtbaren Arm der Kriegstraumata in depressiven Stimmungsbildern erstarrt, die natürlich genauso ihre Berechtigung haben. Pierre Péju aber macht daraus die fiktive, so spannungsreiche wie alltägliche Autobiografie eines Neugierigen. Ein ruhendes Vertrauen ins Dasein findet allerdings auch sein Alter ego, der beständig suchende Paul, nicht wieder: nicht einmal über die Philosophie, deren enormen Nachkriegseinfluss im Roman der Guru Kunz versinnbildlicht und die Pierre Péju selbst über Jahrzehnte unterrichtet hat:

" Wir haben das Wissen, wir haben die philosophische Reflexion, die großen Philosophen, auf die wir uns stützen und deren Denken wir studieren. Aber wir sehen, dass sich die Philosophie häufig als unfähig erwiesen hat, das Schlimmste zu verhindern. Das heißt, sie ist nicht in der Lage gewesen, genug Reflexion in Gang zu setzen, um soziale und politische Katastrophen zu unterbinden. Für mich ist das eine Quelle ständiger Beunruhigung. Denn mit der Kunst ist es ja nicht anders. Auch sie wirft alle Arten von Fragen auf und hat doch ihre Grenzen. So etwas kann einen schon in Ohnmachtgefühle und Pessimismus treiben. Ich glaube aber, das Denken - mit Hannah Arendt, die ich sehr bewundere, sage ich heute lieber das Denken als die Philosophie - ich glaube, das Denken muss Widerstand leisten, es muss so viel in Frage stellen, so viel kritischen Geist bei den Leuten erzeugen wie möglich. "

Die Zeit der Hoffnungen in utopische Lösungen ist vorbei. Davon zeugt auch der bis ins Jahr 2037 reichende Roman "Schlaf nun selig und süß". Nicht verloren hat Pierre Péju derweil die Hoffnung in die Differenzierung des Blicks: auf existentielle Schieflagen genauso wie auf zunächst unsichtbare Zusammenhänge historischer Prozesse. Folgerichtig gibt es in seinem Roman auch keine überragenden Helden. Gutmeinende werden schuldig, Verräter zu Rettern. Selbst Mörder zeigen ein menschliches Gesicht - schon deshalb, weil sie ihr ganzes Einfühlungsvermögen aufbringen müssen, um nicht enttarnt zu werden. Mit dieser Zwiespältigkeit sieht sich schließlich auch Paul konfrontiert, als ihn Clara eines Tages auf die Spur jenes Mannes setzt, der den Mord an seinem Vater in Auftrag gegeben hat. Mehr sei hier allerdings nicht verraten.

Pierre Péju: Schlaf nun selig und süß.
Roman. Aus dem Französischen von Elsbeth Ranke.
Piper Verlag, München / Zürich 2007.
336 Seiten, 18,00 Euro.

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