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Das Auge von Tibet

Aus dem Amerikanischen von Thomas Haufschild

In den weit abgelegenen Kunlun-Bergen, hoch im Norden Tibets, wird eine Lehrerin getötet und ein alter buddhistischer Lama vermißt - Ereignisse, die seit der chinesischen Besetzung Tibets zum schmerzlichen Alltag des Landes gehören. Doch dieser Fall ist besonders. So besonders, daß der ehrwürdige Lama Gendun, der sein gesamtes Leben unbemerkt von den neuen Herrschern in einer Einsiedelei verbracht hat, die Abgeschiedenheit zum ersten Mal verläßt. Als Begleiter wählt er den chinesischen Kriminalermittler Shan, der bei den Pekinger Behörden in Ungnade gefallen war und sich nach einigen Jahren Zwangsarbeit in einem Gulag in Tibet auf die Seite der Unterdrückten geschlagen hatte, und den altersschwachen Mönch Lokesh. Gemeinsam ziehen die drei entlang der Route der alten Seidenstraße hinauf in die Berge.

Mechthild Müser

"Alles in Tibet hängt mit dem Wind zusammen. Nur der Wind läßt die Gebetsfahnen und ihre Fürbitten gen Himmel flattern, nur der Wind bringt Kälte, Wärme und lebenspendendes Wasser ... Es ist, als würde hier, im höchstgelegenen aller Länder, der Planet unter Ächzen und Stöhnen seine Rotation beginnen, seine Bewegung erlernen und das Dasein der Menschen so schwierig wie nirgendwo sonst gestalten." Unterwegs bekommen die Reisenden Unterstützung von tibetischen, kasachischen und uigurischen Widerstandskämpfern. Die kennen sich aus in den Gefilden der Macht. Sie umfahren Armeepatrouillen und Kontrollpunkte, schleichen sich in Gefängnisse ein und versuchen, die letzten noch verbliebenen Nomadenfamilien vor der chinesischen Knute zu schützen. 22 Kapitel lang nimmt Eliot Pattison, eigentlich Fachmann für Internationales Recht und Autor von Sachbüchern über internationale Handelsstrategien, den Leser mit auf eine abenteuerliche Reise in eine gleichermaßen faszinierende wie abschreckende Welt. Sein Protagonist Shan, der Großstädter, schaut auf diese ursprüngliche, ungezähmte Wildnis und die wenigen Menschen, die dort leben, mit den Augen eines Fremden. Er wird zum Träger jener eindrücklichen Bilder, die Pattison von seinen zahlreichen Tibet- und Chinareisen mit zurück nach Amerika nahm. Mit diesem Schachzug, den tibetischen Mönchen ausgerechnet einen integeren Chinesen an die Seite zu stellen, vermeidet der Autor geschickt eine Polarisierung der Völker in ‚gute Tibeter' und ‚böse Chinesen'. Die Mönche haben Shan das Leben gerettet und zur Freilassung verholfen, seitdem übt er sich in Meditation. "Vier Monate lang hatte Gendun ihm erklärt, daß die Entlassung aus einem Gefängnis nicht automatisch die Freiheit bedeutete... Die größte Gefahr für Shan bestünde darin, sich wie ein Flüchtling zu verhalten, denn ein Flüchtling ist nur ein Häftling ohne Zelle." Doch Shan besitzt nicht die Gelassenheit seiner Mitreisenden. Er hat Angst. Die Weisheiten, die der mönchischen Spiritualität entspringen, helfen ihm, dem Außenseiter in diesem Szenario, wenig. Autor Pattison versucht gar nicht erst vorzugeben, er habe die tibetische Religion verstanden. Wenn Gendun oder Lokesh in Meditation versinken, wenn ihr Geist sich an Orte fernab ihrer Körper begibt, beschränkt er sich darauf, in wenigen Zeilen die sichtbare Oberfläche zu beschreiben: das regungslose Sitzen, die Stellung der Hände, der abwesende Blick. Der Roman bewegt sich im Spannungsfeld zwischen Polen der Ruhe und plötzlich einbrechender Aktivität, zwischen der Bewegung in ausgedehnten leeren, von Schneegipfeln gesäumten Hochebenen, und Orten extremer Enge wie Gefängnissen, Höhlen und Tunnelgängen. Noch bevor die kleine Gruppe ans Ziel ihrer Reise gelangt, wird ein zehnjähriger Junge brutal ermordet. Er war Schüler der toten Lehrerin gewesen wie auch drei weitere Jungen, die sterben. Shan versteht nicht: warum trifft es gerade diese Kinder? Eliot Pattison hat für seinen Kriminalroman eines der aktuell brisantesten Sujets der tibetischen Tragödie herausgepickt. Jahrhundertelang gab es zwei politisch-spirituelle Führer, den Dalai Lama und den Panchen Lama. Starb einer der beiden, bestimmte der Überlebende die Wiedergeburt des Verstorbenen. 1995 aber ließen die chinesischen Machthaber das Kind entführen, das der Dalai Lama als Reinkarnation des letzten Panchen Lamas erwählte. Seitdem gilt der Junge als vermißt, selbst Proteste von Menschenrechtsorganisationen blieben wirkungslos. Wenig später wurde ein anderer Junge, Sohn treuer kommunistischer Parteimitglieder, vom Pekinger Büro für religiöse Angelegenheiten und gegen den Widerspruch des Dalai Lama zum Panchen Lama gekürt. Damit steht auch die Institution des Dalai Lama auf dem Spiel, denn wer soll ohne spirituelle Schulung seine Reinkarnation finden? In Pattisons Roman gehört zu den Schülern der toten Lehrerin ein Junge, der im Geheimen als Wiedergeburt eines wichtigen Lama verehrt wird. Ihm gilt die gnadenlose Jagd der Kindermörder. Doch noch sind ihnen die Orte seiner Schulung - Höhlen tief im Inneren der Berge - verborgen. "Es lag ein schwacher Geruch in der Luft, ein kaum merklicher Anflug von Weihrauch und verbrannter Butter....Der Buddha stand vor der gegenüber liegenden Wand auf einem kleinen hölzernen Altar, der von Nägeln zusammen gehalten wurde. Vor der Statue befanden sich sieben Gefäße, die den sieben Opferschalen der buddhistischen Rituale glichen. Aber die Gefäße paßten nicht zusammen. Einige waren nicht einmal Schalen. Shan sah eine gesprungene Teetasse und einen Blechnapf wie er ihn aus dem Gefängnis kannte." Für seinen ersten Kriminalroman "Der fremde Tibeter" wurde Eliot Pattison mit dem Edgar-Allan-Poe-Award ausgezeichnet. Auch dort hatte er die unbarmherzigen Methoden an den Pranger gestellt, mit denen die chinesische Regierung die religiöse Kultur der Tibeter auszurotten versucht. Ein Anliegen, das den politisch engagierten Publizisten jetzt zum zweiten Mal an den Schreibtisch trieb: "Tibet verändert einen Menschen. Es läßt ihn die Dinge anders betrachten und hören. Es prägt ihn, es brennt sich in seine Seele ein. Und manchmal brennt es sich auch hindurch."

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