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StartseiteThemen der WocheDas Auswärtige Amt30.10.2010

Das Auswärtige Amt

Der diplomatische Umgang mit der Vergangenheit

Die Studie der Historikerkommission zur Geschichte des Auswärtigen Amtes zur Zeit des Nationalsozialismus beendet eine Legende: Die Legende eines Amtes, das Hort eines anhaltenden, wenn auch vergeblichen Widerstands gewesen sein will.

Von Tissy Bruns, Der Tagesspiegel

Das Auswärtige Amt zur Zeit des Nationalsozialismus.  (AP)
Das Auswärtige Amt zur Zeit des Nationalsozialismus. (AP)
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"Eine verbrecherische Organisationen war auch das Auswärtige Amt"

Das Amt sei nicht Hort des Widerstands gewesen, aber auch nicht von der SS durchdrungen, heißt es 1995 in einer Festschrift des Auswärtigen Amtes. Die Wahrheit liege irgendwo in der Mitte. "Da liegt sie eben nicht", sagt Guido Westerwelle 15 Jahre später. Der Außenminister hat am vergangenen Donnerstag die Studie der Historikerkommission entgegengenommen, die sein Vorgänger Joschka Fischer vor fünf Jahren berufen hat. Er habe damals überhaupt keine geschichtspolitischen Absichten gehabt, bekennt Fischer am Abend des gleichen Tages.

Vielmehr war der grüne Minister auf einen Nachruf des internen Mitteilungsblättchens gestoßen, den er ohne die hartnäckige Beschwerde einer alten Übersetzerin gar nicht bemerkt hätte. Ein "ehrendes Angedenken" für einen verurteilten Kriegsverbrecher? Fischer ändert die Nachrufepraxis und löst einen Proteststurm von altgedienten Diplomaten aus. Fischers Antwort: die Historiker-Kommission.

Nun liegt die Untersuchung vor, deren wesentliches Ergebnis Westerwelle übernimmt: "Das Auswärtige Amt", sagt er, "war ein aktiver Teil der verbrecherischen Politik des so genannten Dritten Reiches." An der Vernichtung der europäischen Juden sei es mit administrativer Kälte beteiligt gewesen.

Eine Legende ist beendet: die eines Amtes, das Hort eines anhaltenden, wenn auch vergeblichen Widerstands gewesen sein will. Das prägt gleichzeitig das Selbstbild der deutschen Eliten, die vom Kaiserreich über Weimar und die Nazi-Zeit führend auch in der Bundesrepublik gewirkt haben. Die Behauptung vom "gesunden Kern" des Amtes, das von den Nazis, den Ribbentrops erst überwältigt werden musste, war die Voraussetzung für ihren Wiederaufstieg in Ämter und Posten des demokratischen Deutschland.

Die Historiker halten diesem Bild den Nachweis von der "Selbstgleichschaltung" des Amtes entgegen. Es gab eben keinen Bruch, sondern ein Hineingleiten dieser Oberschicht in die aktive Mitwirkung am Holocaust, dem kein Bedenken, kein Skrupel entgegengestellt wurde. Am Anfang standen politische und geistige Verbindungen zu den Nazis, die Sehnsucht nach nationaler Größe, ein diffuser Oberschichten-Antisemitismus, der darin endete, dass zur Attaché-Ausbildung ein KZ-Besuch gehörte und Botschafter des Amtes Deportationen veranlassten, deren schreckliches Ziel sie kannten.

Auch heute noch liege ein "aktueller Stachel" in dieser Untersuchung, sagt Fischer. Tatsächlich ist die öffentliche Resonanz auf den Historiker-Bericht überwältigend, weil er weit über das Auswärtige Amt hinaus reicht. Er legt ein Elitenverhalten bloß, das Bedingung und Teil der Nazi-Herrschaft gewesen ist, diese Verantwortung aber vertuschen konnte. Und die Wissenschaftler verweisen auf die bittere Ungerechtigkeit der Geschichte. Der Selbstgleichschaltung nach 1933 folgte eine Selbstentschuldung der Akteure nach 1945, die obendrein von den Wenigen bezahlt werden musste, die tatsächlich mutig Widerstand geleistet hatten. Heute ist ein Raum im Auswärtigen Amt nach Fritz Kolbe benannt. In den 50er Jahren aber wurde seine Wiedereinstellung erfolgreich hintertrieben.

Ernst von Weizsäcker, als Staatssekretär ranghöchster Beamter im Auswärtigen Amt der NS-Zeit, wurde verurteilt und, unterstützt von einer gut organisierten Öffentlichkeit, vorzeitig entlassen. Hilfsverteidiger war sein Sohn Richard, später Bundespräsident, der 1985 unser Geschichtsbewusstsein verändert hat. Der 8. Mai ist der Tag der Befreiung, auch für die Deutschen. Beendet, zeigt sich im Jahr 2010, hat seine Rede diese Auseinandersetzung mit unserer Geschichte nicht. Das kann und will auch die Studie der vier Historiker nicht. Ihre Forschung hat Schuld und Verantwortung bloßgelegt, wo sie bisher geleugnet werden konnte. Gerade deshalb rührt sie wieder an die Frage: Warum? Warum handeln Menschen so?

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