Kultur heute / Archiv /

 

"Das Buch in Afrika ist in der Krise"

Nigerias Port Harcourt wird UNESCO-Welthauptstadt des Buches 2014

Stefan Koldehoff im Gespräch mit Holger Ehling

Holger Ehling hat 15 Jahre lang eine Zeitschrift zur afrikanischen Literatur herausgegeben.
Holger Ehling hat 15 Jahre lang eine Zeitschrift zur afrikanischen Literatur herausgegeben. (© Frankfurter Buchmesse)

Die Märkte in Afrika haben keine Kaufkraft, um eine vernünftige Bücherversorgung herzustellen, sagt Holger Ehling. Dennoch werde Nigeria 2014 viele Aktionen machen, weil sich mit solchen Projekten hochrangige Leute identifizierten, ergänzt Ehling, der den afrikanischen Büchermarkt aus seiner Herausgebertätigkeit gut kennt.

Stefan Koldehoff: "Welthauptstadt des Buches 2014" wird die nigerianische Hafenstadt Port Harcourt. Das hat die UNESCO bekannt gegeben und damit das Augenmerk auf eine Region und einen ganzen Kontinent gelegt, in dem das Besitzen wie das Lesen von Büchern nach wie vor keine Selbstverständlichkeit ist, sein kann - aus finanziellen wie aus logistischen Gründen. Holger Ehling kennt den Lesekontinent Afrika wie kaum ein zweiter Deutscher, hat 15 Jahre lang eine Zeitschrift zur afrikanischen Literatur herausgegeben und die Buchmesse in Kapstadt mit entwickelt. Deshalb geht an ihn zunächst einmal die Frage: Wie geht's denn insgesamt dem Buch in Afrika?

Holger Ehling: Das Buch in Afrika ist in der Krise, war in der Krise und wird auch eine ganze Weile in der Krise bleiben. Das Problem, das wir haben, ist eines, dass erstens die Märkte in ganz Afrika - mit Ausnahme von Südafrika - praktisch keine Kaufkraft haben, die ausreicht, um in einem normalen Haushalt eine vernünftige Bücherversorgung herzustellen. Man muss wissen, dass die afrikanischen Verleger genau wie die deutschen oder englischen oder amerikanischen Verleger dort drucken lassen, wo es am billigsten ist, und das ist nun mal in China. Das heißt, die afrikanischen Verleger bekommen die Bücher in der Produktion zum gleichen Preis wie unser einer und sind natürlich nicht in der Lage, fünfzehn, 16 Euro zu verlangen für diese Bücher, oder wenn sie das denn tun, dann gibt es nur sehr, sehr wenige Leute, die sich das leisten können. Das heißt also erstens: Bücher sind sehr wenig verbreitet in privater Hand, zumal dann, wenn es um Bücher geht, die nicht sachgebunden oder zweckgebunden sind, die also nicht der Bildung dienen, dem Lernen, sondern der Unterhaltung.

Koldehoff: Nun heißt es in der Begründung der UNESCO dafür, Port Harcourt den Titel "Welthauptstadt des Buches 2014" zu verleihen, man überzeuge dort durch die Fokussierung auf die Förderung der Lesekultur und die absehbare positive Wirkung auf ganz Nigeria und die Region. Was kann das vor den Rahmenbedingungen, die Sie gerade beschrieben haben, überhaupt bedeuten?

Ehling: Grundsätzlich ist es wichtig, dass in Afrika, ganz gleich in welchem Lande, das Thema Lesen, das Thema Literatur, das Thema Beschäftigung mit dem Buch eine öffentliche Zuwendung erfährt, dass man nicht mehr nur über Filmstars und Fußball in den Zeitungen liest, sondern auch vermehrt über Kultur, über Literatur, über Schreiben und über die Wichtigkeit von Bildung und Information. Man muss auch wissen, dass man in Nigeria und in anderen afrikanischen Ländern eine ganz andere Art von Nationalstolz hat auf solche Projekte. Die werden dann sehr, sehr hoch angesiedelt, es sind dann hochrangige Leute aus den Regierungen und auch aus der Kulturszene, die sich damit identifizieren, die sich dort vor den Karren spannen lassen, die zur Publicity sehr, sehr stark beitragen. Man wird sicherlich nicht nur in Nigeria, sondern zumindest in den englischsprachigen Ländern Westafrikas sehr, sehr viele Aktionen haben, Konferenzen, Lesefestivals, die sich um das Thema Buchhauptstadt drehen in irgendeiner Form. Ich weiß von meinen Kollegen bei der Buchmesse in Ghana, in Accra, dass man dort für 2014 einiges an Aktionen auch plant, das ganze Jahr über, um auch für Ghana den Impetus dieser Entscheidung mitzunehmen. Ähnliches, obwohl es dort keine Buchmesse gibt, ist in Kamerun geplant, Ähnliches kann man sicherlich auch in anderen Ländern erwarten.

Koldehoff: Welche Initiativen würden Sie sich konkret aus Deutschland wünschen? Welche Möglichkeiten hätten wir, preiswertere Übersetzungen, preiswertere Lizenzen beispielsweise?

Ehling: Die Lizenzen von deutscher Literatur, die in die englischen oder französischen Übersetzungen gehen, laufen in aller Regel über London, New York für den englischsprachigen Bereich, oder über Paris. Da ist relativ wenig im Übersetzungsgeschäft zu holen. Wenn denn mal ein deutsches Buch in Übersetzung den Weg in die Hand eines afrikanischen Lesers findet, dann kommt das über diesen Umweg.
Was sicherlich sinnvoll wäre, wäre eine Umstellung von Entwicklungspolitik, die ja im Moment nur in sehr, sehr hochrangig dotierten Projekten sich orientiert, die auch nicht wirklich auf Industrieförderung sich bezieht. Konkretes Beispiel: Ich habe in Accra mich bemüht eine ganze Weile lang, der Buchmesse dort unter die Arme zu greifen, habe sie beraten und habe dort mit vielen, vielen Entwicklungshilfeorganisationen unter anderem aus Deutschland gesprochen. Es hieß immer wieder, "Lesen und Bildung ja, ist wichtig, wenn Sie uns ein Arbeitspapier machen, das können wir bezahlen, aber wenn es darum geht, zum Beispiel eine Ausbildung zu finanzieren für einen Messemanager, dass der mal für ein halbes Jahr zur Frankfurter Buchmesse kommt und dort ausgebildet wird", die Buchmesse in Frankfurt ist dazu bereit, das zu tun, "dafür ist das Geld nicht da". Das ist eine falsche Fokussierung.
Wenn man hergehen würde und Gelder zur Verfügung stellt, um Lehrer auszubilden im Umgang mit Literatur, um sie in die Lage zu versetzen, Literatur volksnäher, mit mehr Spaß zu vermitteln, als das jetzt der Fall ist, dann wäre das eine Aktion.

Koldehoff: Holger Ehling, vielen Dank, über die Perspektiven für den Literaturkontinent Afrika.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Kultur heute

Dardenne-FilmAuf der Suche nach Solidarität

Die belgischen Brüder Jean-Pierre (l) and Luc Dardenne (r) bei der Vorstellung ihres Films "Zwei Tage, eine Nacht" beim Valladolid International Film Festival in Spanien, aufgenommen am 18.10.2014

48 Stunden bleiben Sandra, um ihre Kollegen davon zu überzeugen, auf ihre Prämie zu verzichten - damit sie ihren Job behalten kann. Der neue Film "Zwei Tage, eine Nacht" von den Dardenne-Brüdern aus Belgien zeigt, wie die Protagonistin Sandra um ihren Job kämpft und dabei in die Lebenswelten ihrer Kollegen eindringt.

Hessen inventarisiert 3,8 Millionen Kunstobjekte

Theresia Walser Zickenkrieg unter Herrinnen

 

Kultur

SpanienImmer neue Korruptionsfälle erschüttern das Land

Ein Osborne-Stier, das Markenzeichen von Andalusien und ganz Spanien, steht auf einem Hügel bei Almeria in Andalusien

51 Kommunal- und Regionalpolitiker und Unternehmer aus ganz Spanien hat die spanische Guardia Civil am Montag festgenommen. Sie interessiert sich vor allem für die Auftragsvergabe bei den Kommunen und wirft den Festgenommenen Bestechung vor. Für viele Spanier keine echte Überraschung.

IntegrationRotterdams "Marsch für die Einheit"

Blick auf die Erasmusbrücke in Rotterdam

Vor zehn Jahren wurde der islamkritische Regisseur Theo van Gogh von einem Islamisten in Amsterdam regelrecht hingerichtet. Danach wuchs die Kluft zwischen Alteingesessenen und Zuwanderern in den Niederlanden. Rotterdams Bürgermeister - selbst marokkanischer Abstammung - hat jetzt zu einem "Marsch der Einheit" aufgerufen.

Dardenne-FilmAuf der Suche nach Solidarität

Die belgischen Brüder Jean-Pierre (l) and Luc Dardenne (r) bei der Vorstellung ihres Films "Zwei Tage, eine Nacht" beim Valladolid International Film Festival in Spanien, aufgenommen am 18.10.2014

48 Stunden bleiben Sandra, um ihre Kollegen davon zu überzeugen, auf ihre Prämie zu verzichten - damit sie ihren Job behalten kann. Der neue Film "Zwei Tage, eine Nacht" von den Dardenne-Brüdern aus Belgien zeigt, wie die Protagonistin Sandra um ihren Job kämpft und dabei in die Lebenswelten ihrer Kollegen eindringt.