Kommentar /

Das Ende der Anonymität

Über die Folgen des Samenspenderurteils

Von Peter Pauls, Kölner Stadt-Anzeiger

Das Urteil erfordert bei  Reproduktionsmedizinern ein grundsätzliches  Umdenken, so Peter Pauls.
Das Urteil erfordert bei Reproduktionsmedizinern ein grundsätzliches Umdenken, so Peter Pauls. (picture alliance / dpa - Andrey Starostin)

Es ist ein folgenschweres Urteil, das das Oberlandesgericht Hamm dieser Tage gesprochen hat. Kinder haben demnach einen Rechtsanspruch zu erfahren, wer ihr leiblicher Vater ist – auch wenn dieser nur anonym Samen für eine künstliche Befruchtung gespendet hat.

Mit diesem Richterspruch setzte die Klägerin Sarah P., eine 21 Jahre alte junge Frau, ihren Anspruch gegen den Leiter des Essener Zentrums für Reproduktionsmedizin durch. Dieser hatte sich geweigert, den Namen des Samenspenders zu nennen. So ist es eigentlich in deutschen Samenbanken gang und gäbe. Der Spender bleibt anonym.

Faktisch geben die Richter rund 100.000 durch Samenspenden zur Welt gekommenen Kindern das Recht, ihre genetische Herkunft zu klären. Damit gerät eine fest gefügte Regelwelt ins Wanken. Zusagen auf Anonymität für die Spender gelten nicht mehr. Und die Reproduktionsmediziner müssen Fragen beantworten. Wer belieferte sie mit dem Ejakulat?

Doch wegen der häufig wechselnden Gesetzeslagen können sie das nicht immer mit der gebotenen Datensicherheit tun. So entsteht mitunter Unsicherheit statt Sicherheit für die Fragesteller. Lerne ich meinen Erzeuger tatsächlich kennen? Oder kommt womöglich eine ganze Gruppe von Spendern infrage?

Von Unsicherheiten auf Spender-Seite ganz zu schweigen. Männer werden mit menschlichem Leben als Folge einer Samenspende konfrontiert, die längst schon vergessen sein mag. Zumal sie sich im Schutz einer Anonymität sahen, die ihnen damals schon hätte fraglich erscheinen sollen. Jedenfalls glauben die Gerichte das. Diese Männer werden heute erklären müssen, dass sie sich gestern – wie auch immer – fortgepflanzt haben. Und das wird Fragen, Wünsche und Spannungen auch in ihren eigenen Familien aufbauen.

Die Reproduktionskliniken jedenfalls können nicht mehr weitermachen, wie bisher. Bis 1970 war der Einsatz von Spendersamen "standeswidrig aus sittlichen Gründen" und daher verboten. Danach galt eine Aufbewahrungsfrist von Spenderdaten für zehn Jahre. Erst seit 2007 ist die Aufbewahrungsfrist für solche Informationen auf 30 Jahre verlängert. Das bedeutet also, dass die Klägerin Sarah P. sehr wohl einen Rechtsanspruch auf Informationen haben mag. Doch in der Wirklichkeit wird dieser voraussichtlich nur unzureichend bedient werden können.

Hilft es der jungen Frau dann zu wissen, dass Männer, die auf drei oder vier Karteikarten als Erzeuger aufgeführt sind, statistisch für sie in Frage kommen können? Es gilt also der Satz, dass Recht nicht immer Gerechtigkeit schafft. Doch abseits solcher Betrachtungen hat das Urteil eine Branche aufgeschreckt, in der Befruchtung mit Spendersamen häufig aller ethisch-moralischen Komponenten entkleidet wurde. Hinter einem eher technischen Verwaltungsakt verschwand die eigentliche Dimension: die Erzeugung neuen Lebens.

Samenbanken müssen künftig also Abschied nehmen von ihrer jahrzehntelang praktizierten Geheimhaltung. Anfangs taten sie das ja durchaus mit dem Segen der Bundesärztekammer. Sie sah in der Anonymität der Spender nicht nur kein Problem. Vielmehr trat sie sogar ausdrücklich für deren Schutz ein. Nur theoretisch könnte das Hammer Urteil finanzielle Folgen für die Samenspender haben. Doch löst die bloße Kenntnis des biologischen Vaters noch keine Unterhalts- und Erbansprüche aus. Unterhaltspflichtig sind die rechtlichen Eltern, also die Mutter von Sarah P. und ihr Ehemann.

Praktisch ausgeschlossen ist in Deutschland der Fall von William Marotta aus den USA. Der 46-Jährige hatte vor vier Jahren einem lesbischen Paar sein Sperma gespendet. Nun soll er für den Unterhalt der Tochter aufkommen. Doch all das sind formal-juristische Scharmützel. Denn die eigentliche Frage ist, ob der Richterspruch ein Umdenken bei manchen Reproduktionsmedizinern bewirkt, die sich als Spermien-Makler verstehen mit angeschlossener künstlicher Befruchtung.

Man hat eher wenig Gedanken darauf verwendet, wie die auf solche Weise gezeugten Kinder mit ihrer Person, Identität und Abstammung umgehen – wenn sie später davon erfahren. Es ist an der Gesellschaft, diesen Anspruch voranzutreiben. Notwendig ist ein Umdenken bei Reproduktionsmedizinern. Ihnen muss bewusst sein, dass sie mit Menschen zu tun haben. Mit bereits Lebenden, die einen Kinderwunsch haben. Aber auch mit denen, die sie erschaffen helfen.

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