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StartseiteBüchermarkt"Das Ende von der Kindheit ist einer der radikalsten Brüche"05.06.2013

"Das Ende von der Kindheit ist einer der radikalsten Brüche"

Jochen Schmidt: "Schneckenmühle. Langsame Runde". Verlag C.H.Beck, München

Jochen Schmidt ist seit Jahren Teil der Berliner "Chaussee der Enthusiasten", die eigene Texte vortragen und vor Publikum testen. In seinen neuen Roman lässt er viele Kindheitserinnerungen aus der DDR einfließen.

Von Ulrich Rüdenauer

Der Autor Jochen Schmidt
Der Autor Jochen Schmidt

Das Kinderdorf Schneckenmühle liegt am kleinen Bach Seidewitz, 25 Kilometer von Dresden entfernt, in einem Tal mitten im Naturschutzgebiet. Sogar alte Hasen würden hier immer wieder Neues entdecken, heißt es auf der Werbe-Homepage des Ferienlagers. Die Schneckenmühle gab es schon in Vorwendezeiten, vor allem Berliner Jugendliche verbrachten dort die Sommerferien.

Jochen Schmidt hat diesen Ort zum Schauplatz seines neuen Romans erwählt und ihn auch gleich Schneckenmühle genannt. Seine Hauptfigur Jens ist ein wenig zurückhaltend, unbeholfen und ziemlich nachdenklich. Er nimmt in diesem Sommer des Jahres 1989 am Ferienlager teil, wird einige skurrile Abenteuer erleben und einiges Unverständliche erfahren, er wird sich verlieben, und vielleicht wird dieser schüchterne 14-Jährige sich am letzten Abend bei der Abschlussparty sogar auf die Tanzfläche wagen, was für einen introvertierten Eckensteher eine ziemliche Herausforderung darstellt. "Langsame Runde" nennt Jochen Schmidt seinen Roman im Untertitel:

"Ja, bei uns weiß man,'langsame Runde' ist eine Tanzform in der Disko. Woanders nennt man das Stehblues oder Engtanzen, bei uns hieß das 'langsame Runde'. Und das hat mir gefallen als Genrebezeichnung. Weil: Roman oder Erzählung gibt ja nicht mehr so richtig viel her, finde ich, und "langsame Runde" – es hat mir Spaß gemacht, ein Buch so zu nennen."

"Langsame Runde" – das ist nicht nur ein Tanzstil, es sagt auch etwas über den Zustand, in dem sich die jungen Helden befinden: Während um sie herum die DDR gerade dabei ist zu implodieren, sprießen bei den Jugendlichen die ersten Pickel, kommen sie in ein Stadium, das man gemeinhin Pubertät nennt. Die Kindheit ist noch nicht beendet, und das Erwachsensein hat noch nicht begonnen. Das alte System löst sich auf, das neue ist noch unvorstellbar. Man dreht noch einmal eine langsame Runde, bevor das Leben so richtig in Fahrt kommt.

Jochen Schmidt:
"Man befindet sich da drei Wochen in einem Ferienlager und kann eigentlich nicht weg. Das ist so eine Art Reagenzglas für alles mögliche, verschiedene Typen treffen aufeinandertreffen. Einerseits verlangsamt, weil man eben eine Auszeit hat im Leben. Andererseits aber auch beschleunigt durch den Kontakt mit den anderen und auch den Kontakt zwischen den Geschlechtern und die Erfahrung, die man mit den Erwachsenen macht und so weiter. Deswegen ist es eben wie bei intensiven Erfahrungen oft, dass es einerseits eine Verlangsamung ist und andererseits eine Beschleunigung."

Verlangsamung und Beschleunigung – das trifft es sehr gut: ein rasender Stillstand. Die Jugendlichen befinden sich in einer Zeitkapsel, spielen Skat und Tischtennis und versuchen sich die Welt zu erklären, auch wenn es nur winzige Partikel sind, die sie von ihr zu Gesicht bekommen. Der Icherzähler Jens ist geradezu ein Grübel-Weltmeister: In ihm fragt es immerzu. Und durch den Kokon seines Kindseins dringen auch schon die schwerwiegenderen Probleme, die das Erwachsensein bereithalten wird – der Junge sinniert durchaus über Dinge, die sich nicht mehr greifen lassen, über die vergehende Zeit, die Vergänglichkeit.

Es ist das letzte Mal, dass ich fahren darf, weil ich in diesem Jahr 14 geworden bin. Ein Sechstel meines Lebens ist vorbei, denn ich werde ja irgendetwas zwischen 80 und 100. Ein Sechstel, halb kommt mir das beruhigend wenig vor, aber eigentlich auch beunruhigend viel.

Jochen Schmidt:
"Dass er jetzt so ein spezieller Typ ist, der schon in dem Alter ein starkes Gefühl für Vergänglichkeit hat, das ist eben so bei dieser Figur. Ich glaube auch, dass er damit nicht so alleine dasteht. Man sollte Jugendliche da nicht unterschätzen. Das ist schon ein sehr von tragischen Gefühlen geprägtes Alter. Man bringt sich ja auch nicht mit 40 um, sondern wenn, dann mit 16 normalerweise. Das Ende von der Kindheit ist einer der radikalsten Brüche, die man erlebt im Leben. Mir ist es immer zu einfach, wenn dann gesagt wird, dann wird mal erwachsen. Oder freu dich an deiner Freiheit, deine Entscheidungen selbst zu treffen. Ich glaube nicht, dass jemand das so einfach hinter sich lässt. Man muss eben funktionieren als Erwachsener, aber gewählt hat sich das doch keiner so richtig, jedenfalls nicht mein Held."

Nun ist es nicht gerade so, dass Jugenderinnerungen an die untergegangene DDR in den letzten Jahren Mangelware gewesen wären. Von "Sonnenallee" bis "Zonenkinder" beamten sich Autoren mehr oder minder sentimental in eine Zeit zurück, die in der Kinderwahrnehmung nur peripher berührt war von ideologischen Erwägungen. Die Nöte und Wünsche und Erlebnisse in der Pubertät sind immer absolut und immer von Autorität bedroht, ob unter realsozialistischen oder kapitalistischen Verhältnissen. Jede Geschichte ist aber, auch wenn sie vielen anderen ähneln mag, von einer unhintergehbaren Einzigartigkeit – keine repräsentiert, allen Stilisierungen zu Generationenerfahrungen zum Trotz, das Ganze. Und jede Geschichte hat zudem ihre zeitliche Bedingtheit und Begrenzung.
Jochen Schmidt:

"Persönlich ärgert mich das immer, wenn von heute aus beurteilt wird. Man sieht dann immer die Filme über die Wende, wie die Leute jubeln. Das ist für mich zu einfach. Es hat mich interessiert, nach meiner Erfahrung – also, der Held ist zwar jetzt zu dem Zeitpunkt der Wende jünger als ich war -, noch mal ganz genau herauszuarbeiten, wie das auf einen gewirkt hat in dem Alter, wo man eigentlich ganz andere Sachen im Kopf hat als Politik. Man hat auch noch nicht das Gefühl, festzuhängen in so einem stagnierenden politischen System. In dem Alter denkt man sowieso, im nächsten Jahr bin ich in Paris, egal ob da eine Mauer ist, es wird schon irgendwie gehen. Und das ist eben das Privileg dieses Alters, relativ naiv zu sein, verantwortungslos zu sein, sich nicht zu identifizieren mit den Problemen der Gesellschaft, sondern irgendwie alles für selbstverständlich zu nehmen. Man macht sich eben einen Spaß draus, nicht so zu sein, wie die Erwachsenen das erwarten. Und das ist eben eine sehr glückliche Zeit auch, aus der man dann irgendwann rauskommt, weil man nicht sein Leben lang pubertärer 14-Jähriger bleibt."

Das ist das Schöne an Jochen Schmidts komisch-traurigem Roman: dass sich die persönlichen Erfahrungen gegen die Überlagerung mit kollektiven Erinnerungen zur Wehr setzen. Und zwar auch auf der strukturellen Ebene des Buches, das mit der gewitzten Ahnungslosigkeit der Protagonisten spielt. Die Erzählhaltung ist ja bewusst gewählt; auch sie trägt zum Effekt von Unmittelbarkeit bei. Schmidt schreibt auf Augenhöhe seiner Protagonisten, und nur ganz selten schleicht sich ein klügeres älteres Ich mit Sätzen wie "jede Erinnerung ist eine Narbe" ins Bewusstsein des 14-Jährigen. Die Wendevorboten werden von den Jugendlichen mit einer gewissen Naivität gelesen und ins eigene System eingeordnet. Dass immer mehr der erwachsenen Ferienlager-Betreuer verschwinden, führt zu wilden Spekulationen, die sich mit den Westfernseh-Erfahrungen und spielerischen Gedanken der Kinder vermischen. Die Anverwandlung eines nur vage erklärbaren Geschehens erzeugt die grotesk-heiteren Momente dieses Romans.

"Rita sagt, dass Wulf abgereist sei. Es bestehe Anlass zu der Vermutung, dass er im Begriff sei, sich und seine Heimat zu verraten."

Jochen Schmidt:
"Das Buch lebt ja stark von Gerüchten und Dingen, die man sich erzählt in dem Alter, und da war, diese Epoche natürlich großartig. Weil es keine wirkliche Öffentlichkeit gab in den Medien, wurde die Öffentlichkeit eben durch Erzählungen, Gerüchte, Sagen und Romane, Mythen usw. gebildet. Da erinnere ich mich an sehr viel und hab natürlich auch recherchiert. Das finde ich immer sehr spannend. (…) Die Wirklichkeit interessiert mich vielleicht als Hobby und als Privatmann, aber jetzt als Autor ging es mir nicht um eine realitätsgetreue Wiedergabe der Wirklichkeit, sondern um einen Text, wo man die ganze Zeit begeistert ist, und tja, wenn die Leute jetzt denken, o. k., wenn die DDR so war, dann würde ich gerne da leben, dann ist das ihr Problem. Ich mache da weder Werbung oder Antiwerbung für die DDR, das ist einfach ein Text, und damit sollen sich dann andere auseinandersetzen, ob das irgendwie schönfärberisch ist – das ist nicht mein Thema."

"Was ist denn mit Wulf? Ist er wirklich abgereist? Oder ist er jetzt ein Zombie? Ist Rita ein Zombie und hat Wulf auf dem Gewissen.
‚Vielleicht ist er ja zu den Partisanen gegangen? Warum hat er das mit dem Fallschirmspringen erzählt?‘
"Partisanen gibt’s doch gar nicht mehr. Es gibt doch keinen Faschismus.‘
‚Der ist bestimmt rüber‘, sagt Holger, ‚Rüber? Wie denn?‘
‚Na, über Ungarn.‘
‚Und die Mauer?‘
‚Was denn für ‘ne Mauer?‘
‚Na, in Budapest, das ist doch die Hauptstadt von Ungarn.‘
‚In jeder Hauptstadt ist doch nicht ‘ne Mauer.‘
‚In Ungarn gibt’s Danone-Joghurt‘, sagt Dennis."


Manche der Jugendlichen sind schon weiter – sie sehen relativ klar, was geschieht. Jens, der einerseits jeden Gedanken hin- und herwälzt, hat andererseits bis zum Ende kein Bewusstsein vom Wandel, der gerade vor sich geht. Das liegt nicht zuletzt auch daran, dass er sich mit einer Außenseiterin des Camps anfreundet, sogar zum ersten Mal verknallt und dementsprechend ein wenig wirklichkeitsresistent ist: Peggy kommt aus Sachsen, sie redet starken Dialekt, über den sich die Hauptstadt-Kinder lustig machen. Und auch sie möchte verschwinden, während sich um sie herum die Dinge ebenfalls unweigerlich auflösen. Jens versorgt sie in ihrem Versteck mit Essen, und er merkt plötzlich, wie sich eine nie gekannte Nähe herstellt. Auch in dieser Hinsicht ist dieser Sommer einer der Veränderung: Die Wahrnehmung der eigenen Gefühle wird noch ein bisschen schärfer, und in all die Verwirrung dringt eine ernsthafte Sehnsucht ein. Aus Spaß wird ein schönes Spiel.
Jochen Schmidt hat für dieses Erinnerungsbuch einen einnehmenden Ton getroffen, eine Sprache gefunden, in der alles vermischt ist, was auch in den Kindergehirnen munter durcheinanderpurzelt. In kleinen Szenen lässt er die Propagandamaschine DDR an der Fantasieproduktion der Jugendlichen heiß laufen. Und er lässt seinen Helden immer wieder die richtigen, von einer durchaus bitteren Ahnung durchsetzten Fragen stellen.
"Was mich antreibt? Ich weiß es gar nicht. Dass immer möglichst viel Zeit bleiben soll, bis die Zukunft beginnt?"

Jochen Schmidt:
"Diese Erfahrungen machen auch was mit ihm, sodass er eben genau auf der Kippe ist, zwischen eigentlich so einem Jungssein, wo man nur Mist bauen will und große Freude dran hat. Und dann aber auch sich schon andeutet, dass das Leben viel trauriger ist, als man bis dahin vielleicht denkt. Und er ist eben genau an der Kippe. Und man möchte ihm im Grunde genommen helfen, dass er nicht erwachsen werden muss und nicht weitergehen muss. Stattdessen passiert dann was anderes. Und das ist eben genau, was ich schildern will, genau diesen Moment."

Jochen Schmidts sehr lustiger "Wenderoman" ist gar keiner. Dass hier der politische Umbruch mit einem persönlichen zusammenfällt, ist zwar kein Zufall - diesen symbolischen Überschuss darf man als Autor durchaus nutzen. Aber eigentlich dreht sich "Schneckenmühle" um Wesentlicheres, darum, eine Haltung zum Leben zu finden, ums sogenannte Erwachsenwerden. Und das ist dann für Jens und jeden einzelnen von Schmidts Helden doch die viel bedeutsamere Wende.

Jochen Schmidt:
Schneckenmühle. Langsame Runde. Roman, Verlag C.H. Beck. München 2013. 220 S. 17,95 Euro

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