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StartseiteHintergrundDas Erbe des Lampenladens06.02.2011

Das Erbe des Lampenladens

Wie geht es weiter mit dem Berliner Schloss?

2019 soll es fertig sein, das Berliner Schloss. Entstehen soll es anstelle des Palasts der Republik. Aber wird es tatsächlich gebaut? Die Zweifel bleiben, denn noch ist unklar, was es beherbergen soll.

Von Jürgen König

Das ehemalige Parlamentsgebäude der DDR, der Palast der Republik in Berlin.  (AP)
Das ehemalige Parlamentsgebäude der DDR, der Palast der Republik in Berlin. (AP)

Der Schlossplatz: gegenüber vom Lustgarten, gelegen an der Straße Berlins, "Unter den Linden": Hier standen das größte Barockschloss nördlich der Alpen und der Palast der Republik – heute ist der Ort: leer, trostlos. Teilweise gesperrt für archäologische Ausgrabungen, vorn am Rand die Baustelle der "Humboldtbox", die einmal über den Schlossbau informieren und Begeisterung wecken soll für das, was manche in Berlin schon das "Schloss der Republik" nennen.

Dabei herrscht in der Öffentlichkeit nach wie vor Unklarheit: ob das Schloss gebaut wird, wann es gebaut wird, wozu es gebaut wird. Sogar der Regierende Bürgermeister Berlins, Klaus Wowereit, forderte noch Ende 2010 eine Zusage vom Bund, dass das Schloss gebaut wird. Manche der Schlossplaner fürchten den "Stuttgart-21"-Effekt: dass gegen das Schloss wieder protestiert wird, wenn die Bagger erstmal rollen – aber wie soll man in die Öffentlichkeit gehen, wenn man selber nicht genau weiß, was man will?

Die Rekonstruktion des Berliner Schlosses hat eine lange Geschichte – der Ablehnung und der Zustimmung. Als der Palast der Republik abgerissen wurde, sahen das wahrlich nicht viele Ost-Berliner so pragmatisch wie Jörg Wendel.

"Ich hab mir ein Stück von oben vom Dach hab ick mir ein Stück Marmor, wat abjefallen ist, da mitgenommen, als wir ihn übergeben haben, voriges Jahr zum Abriss, und da hab ich mir ein Stück mitjenommen und druffjeschrieben: tschüss. Und dann: Sache erledigt, abjehakt."

Als 20-Jähriger hatte Jörg Wendel noch im Palast der Republik getanzt oder auch "Ein Kessel Buntes" erlebt, Aufzeichnungen der beliebten Samstagabendshow des Fernsehens der DDR.


"Ein Bierchen heben, bowlen, ab und zu mal auch n Kessel Buntes, wenn man ne Karte gekriegt hat und so Restaurantbesuche, es war eigentlich ein Haus des Volkes, eigentlich, so wie es war."

Begonnen hatte alles mit sozialistisch geplanter Zuversicht. Schon Walter Ulbricht, der erste Staatsratsvorsitzende, hatte - nach der Sprengung der Reste des alten Hohenzollernschlosses - die Idee zu einem Volkspalast in Berlins Mitte, am früheren Schlossplatz, der in "Marx-Engels-Platz" umbenannt worden war. Ulbrichts Nachfolger, Erich Honecker, baute diesen Volkspalast, von 1973-76.

"Liebe Genossen und Freunde, wir legen heute den Grundstein für den Palast der Republik, mein erster Hammerschlag gilt unserem sozialistischen Vaterland. Möge die Deutsche Demokratische Republik zum Wohle ihrer Bürger blühen und gedeihen!"

Das mit dem Wohl der Bürger kann Erich Honecker nicht wörtlich gemeint haben, hatte er doch für den Bau den Einsatz von Spritzasbest angeordnet. Der soll die Stahlkonstruktion gegen Feuer isolieren, setzt sich aber in jede Fuge, hinter jede Schraube und ist damit besonders gefährlich; sein Einsatz war deshalb damals schon verboten. Aber das Bauwerk sollte vor den Augen der Hauptstädter zügig emporwachsen, Spritzasbest musste sein - und wurde dem "Palast der Republik" am Ende zum Verhängnis.

Aber greifen wir der Geschichte nicht vor, sondern lassen wir ihn noch einmal leben, den "Ballast der Republik", wie er auch genannt wurde: wo die Volkskammer der DDR tagte, wo Parteitage stattfanden, wo aber – so damals die allgemeine Empfindung der Bewohner und Gäste der "Hauptstadt der DDR" – nicht regiert wurde.

"Also ich kenn den Palast von Anfang an, also um 76, da war es ja für mich nicht nur eine freudige Stätte, mit meinen Kindern hier immer Pittiplatsch-Eisbecher zu essen, sondern auch ein leuchtendes, strahlendes und duftendes Haus. Im Winter war das hier einfach eine grüne Oase, schon deshalb ging man gerne her."

Am Ende wurde der Palast der Republik auch ein Ort von historischer Bedeutung. Hier verkündete die Präsidentin der Volkskammer, Sabine Bergmann-Pohl, am 23. August 1990, morgens um 2:47 Uhr, das Ergebnis der Abstimmung über den Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland.

"Mit Ja haben 294 Abgeordnete gestimmt, mit Nein haben 62 Abgeordnete gestimmt und sieben Abgeordnete haben sich der Stimme enthalten. Meine Damen und Herren, ich glaube, das ist ein wirklich historisches Ereignis."

Dann kam die Wiedervereinigung, und es stellte sich die Frage: was tun mit dem Palast der Republik? Schnell kam die Asbestfrage wieder auf, denn nun galten bundesdeutsche und europäische Arbeitsschutz- und Gesundheitsnormen auch im Ostteil Berlins. Auf Anweisung der Volkskammer wurde der Palast am 19. September 1990 geschlossen, eine Sanierung war nicht geplant, der Palast stand einfach nur noch da – als wollte man ihn vergessen. Erst sieben Jahre später begann man mit der Asbest-Entsorgung, die ganze Inneneinrichtung wurde entfernt, am Ende, 2003, stand nur noch der Rohbau, ein Stahlskelett mit Zwischendecken. Wehmut machte sich breit, im Ostteil der Stadt. Auch bei Bernd Wolfgang, dem früheren Hausmeister des "Palastes der Republik".

"Wenn man das Haus eingerichtet hat und räumts wieder aus, nachher ist es weg, da ist nachher schon ein bissel Wehmut dabei."

Eine Sanierung wäre immer noch möglich gewesen. Doch dazu kam es nicht, denn längst war der "Marx-Engels-Platz" wieder zum "Schlossplatz" geworden, und längst hieß die große Frage nicht mehr: Was tun mit dem Palast der Republik, sondern: Was tun mit dem Berliner Schlossplatz? Ideologische Gräben taten sich auf: Viele Ostdeutsche verbanden mit dem Palast biografische Highlights von der Jugendweihe bis zum "Kessel Buntes", vielen Westdeutschen war er ein Ärgernis, Relikt der DDR, architektonisch misslungen, asbestverseucht und - errichtet auf dem Gelände des ehemaligen Hohenzollernschlosses. So wie Hausmeister Bernd Wolfgang dachten damals viele.

"Also ich sage mal, von der Sache her: Dieses Haus musste weg. Weil hier man vermutet hat: hier wurde regiert. Und regiert wurde hier nicht. Und hier hat auch kein Honecker drinne gewohnt oder regiert; dieses Haus musste eben weg, es war ein politischer Hintergrund. Ein Symbol."

Eine Expertenkommission "Historische Mitte Berlin" wurde von der Bundesregierung und dem Berliner Senat eingesetzt; nach langen Beratungen und mehreren Architekturwettbewerben zum Umgang mit dem historischen Schloss-Gelände, kam die Kommission 2002, unter Vorsitz des österreichischen Europapolitikers und Stadtplaners Hannes Swoboda, zu einem Ergebnis.

"Wir sind der Meinung, dass sowohl vom Städtebaulichen als vom Architektonischen der Palast der Republik nicht jenen Wert besitzt, der dafür spricht, den Palast zu erhalten."

Stattdessen konnten sich die Schlossbefürworter freuen.

"Die knappe Mehrheit, die sich dafür ausgesprochen hat, hat sich nicht aus einer Nostalgie, aus der Ansicht, das Alte ist immer besser als das Neue, gegen die moderne Architektur. Unsere Aussage betrifft einen ganz bestimmten Standort: in der Mitte Berlins. Es ist in jedem Fall ein neues Gebäude, aber es ist ein Gebäude, das sich durchaus bewusst in wesentlichen Teilbereichen am Schloss orientiert."

Allerdings wurde, um auch zeitgenössischer Architektur eine Chance zu geben, ein Wettbewerb für einen Neubau vorgeschlagen, der aber die Grundformen des Schlosses berücksichtigen und: in dessen Rahmen auch ein Wiederaufbau des Schlosses möglich sein sollte. Einer vor allem sah sich bestätigt: der Hamburger Kaufmann Wilhelm von Boddien, der schon 1992 den "Förderverein Berliner Schloss" gegründet und gleich im nächsten Jahr das Ganze schon aufgebaut hatte: als Simulation aus Plastik, im Maßstab 1:1 - auf dem Berliner Schlossplatz. Sein Plan war: den Berlinern das Schloss zu zeigen – und sie dafür zu begeistern. Und tatsächlich: Spender waren schnell gefunden, bald war die erste Million zusammen. Und kaum hatte die Expertenkommission ihr Votum abgegeben, rechnete Wilhelm von Boddien schon vor, wie es weitergehen könnte:

"Ich schätze, Entscheidungen nach dem Wettbewerb in der zweiten Hälfte 2003, eher Ende 2003, weil vorher auch die Politik nicht entscheiden kann, wenn nicht die Fakten klar auf dem Tisch liegen. Jetzt ist ja nur ein Rahmen gemacht. Dann rechne ich mit einer Bauzeit von sechs bis sieben Jahren, also 2010, 2011 Einweihung des Hauses, vielleicht am 3. Oktober 2010, 20 Jahre Wiedervereinigung, rauschende Fete für 5000 Leute im Haus - aus allen Schichten der Bevölkerung, die sich freuen, dass Berlin seine Mitte hat."

Nun ja, es kam dann doch etwas anders.

Im Sommer 2002 steht ein skelettierter Palast der Republik auf dem öden Schlossplatz in Berlin-Mitte. Gerade hat der Bundestag fast mit Zweidrittelmehrheit für den Wiederaufbau des Schlosses mit den barocken Fassaden und für die Errichtung des Humboldtforums plädiert. Damit folgt er einer Idee von Klaus-Dieter Lehmann, dem damaligen Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz: das Humboldtforum, ein Zentrum der Weltkulturen im Geiste der Brüder Alexander und Wilhelm von Humboldt. Weitere Nutzungsvorschläge machen öffentlich die Runde: Gemäldegalerie, Ballsaal, Hotel, Kaufhaus, repräsentative Räume für die Bundesregierung. Am Schloss scheiden sich die Geister: Ost gegen West, Historie gegen Moderne, das alles festgemacht vor allem an der Frage der barocken Fassaden. "Kopie, Attrappe, Schimäre!" rufen damals die Kritiker, sprechen von Restauration und Geschichtsvergessenheit, fragen immer und immer wieder, wozu das Schloss, wozu das Humboldtforum überhaupt gut sein soll. Und sie haben viele Ideen, um den Palast der Republik zu retten. Hauptinitiatorin der Anti-Abriss-Bewegung wird Amelie Deuflhard, damals Leiterin des Berliner Theaters Sophiensäle.

"Wir werden bei diesem Spiel den Palast der Republik über mehrere Hundert Quadratmeter fluten, also sprich mit Wasser füllen, die Teilnehmer, also die Zuschauer, die aber gleichzeitig auch Akteure sind, werden mit Schlauchbooten durch den Palast fahren, mit dem Auftrag, wir bauen uns unsere eigene Stadt."

Einen "offenen Umgang mit der Geschichte" fordert das "Bündnis für den Palast", es kommt zu Demonstrationen mit prominenter Beteiligung. Die Regisseure Christoph Schlingensief und Leander Haußmann sind dabei, Politiker wie Christian Ströbele, Frank Castorf inszeniert "Berlin Alexanderplatz" nach dem Roman von Alfred Döblin; die Ausstellung
"White Cube" lockt mit zeitgenössischer Kunst, etwa von Franz Ackermann, Eberhard Havekost oder auch Olafur Elliasson sehr viele Besucher in das, was vom Palast der Republik noch übrig ist.

"Mein Gefühl ist, alle Berliner oder auch vielleicht deutschen, auch internationalen Gäste zwischen, sagen wir mal 20 und 50 strömen hierher. Die Entscheider sind alle über 50 oder über 60, und die sind nicht bereit, sich dem zu stellen, was hier passiert ist. Die Politiker kommen auch nicht her, sie wollen sich das Gebäude nicht anschauen, und ich hab das Gefühl, es ist jetzt so ein bisschen die Tendenz: Wir haben das mal entschieden, und wir ignorieren, was inzwischen passiert ist, und wir ziehen jetzt einfach mal die Entscheidung durch."

Allein – es nützt nichts, trotz aller Klagen, mit dem Sturz des Palasts verliere die Vermittlung der Geschichte des geteilten Deutschlands ein geradezu monumentales Anschauungsobjekt. Am 6. Februar 2006 beginnt der Abriss, der kein Abriss ist, sondern ein Rückbau und zweieinhalb Jahre dauern wird. Inzwischen hat der Bundestag Teile einer Machbarkeitsstudie vorgestellt, wonach die Verwirklichung des Schlossbaus in Public Private Partnership möglich sein könnte. 2007 wird beschlossen, mit dem Wiederaufbau des Schlosses 2010 zu beginnen; der Haushaltsausschuss bewilligt die ersten 105 Mio. Euro, drei Millionen davon werden sofort freigegeben: für den Architektenwettbewerb zur "Wiedererrichtung des Berliner Schlosses" und den Bau des Humboldtforums. Diesen Wettbewerb gewinnt am 28. November 2008 der italienische Architekt Francesco Stella – einstimmig entscheidet die 15köpfige Jury unter Vorsitz des ebenfalls italienischen Architekten Vittorio Lampugnani, der zunächst ein Kritiker der geplanten barocken Fassaden gewesen war.

"5Ich wäre glücklicher gewesen mit etwas offeneren Vorgaben, ich habe mich aber, dadurch, dass ich im Preisgericht eingetreten bin, mit den Vorgaben einverstanden erklärt, weil ich der Hoffnung war oder der Überzeugung war, dass man auch mit diesen Vorgaben ein gutes Projekt erzeugen kann. Und ich glaube, das Resultat ist so, dass wir sagen können: dieses Experiment ist gelungen."

Der Entwurf Francesco Stellas orientiert sich am historischen Vorbild: mit drei barocken Fassaden und der Wiederherstellung von einem der beiden Schlosshöfe, dem Schlüterhof. Die Rekonstruktion der Kuppel über dem Westportal wird in Aussicht gestellt, die Rekonstruktion einiger der bedeutendsten Räume des Schlosses und des Schlüterschen Treppenhauses ebenfalls. An der Ostseite des Schlosses ist eine Art Belvedere vorgesehen, ein Aussichtsplatz mit Blick auf die Spree, der auch auf den Palast der Republik verweisen soll, der früher hier stand.

Der für 2010 vorgesehene Baubeginn wird später wegen der Euro-Finanzkrise auf 2014 verschoben; 2019, so ein Plan des Bundesbauministeriums vom November letzten Jahres: 2019 soll es fertig sein, das Berliner Schloss. Aber wird es tatsächlich gebaut? Die Zweifel bleiben. Dabei hatte auch Kulturstaatsminister Neumann schon klipp und klar gesagt:

"Eines steht fest: Das Humboldtforum im Stadtschloss wird gebaut."

Und konkrete Schritte hatte Bernd Neumann auch genannt.

"Wird wollen 2012 wegen des U-Bahn-Baus mit bauvorbereitenden Maßnahmen beginnen, im Sommer 2013 wird die Grundsteinlegung erfolgen."

Was Bernd Neumann nicht gesagt hat: was im Humboldtforum geschehen soll. Das kann er auch nicht, denn immer noch weiß es niemand genau. Ein "Zentrum der Weltkulturen" soll das Humboldtforum sein. Aber was ist das? Die öffentliche Sinnsuche für das Humboldtforum geriet auch deshalb so zäh, weil die Ansicht verbreitet war und noch heute ist, die drei Hauptbeteiligten seien von der Kommission "Historische Mitte Berlin" vor allem nach zweckdienlichen Kriterien zum Humboldtforum zusammengeschmiedet worden. Die "Stiftung Preußischer Kulturbesitz" hätte für ihre ethnologischen Sammlungen endlich einen prominenteren Ort bekommen sollen; die Berliner Zentral- und Landesbibliothek sei gesetzt gewesen, damit auch das ko-finanzierende Land Berlin Anteil am Humboldtforum hat - und die Humboldt-Universität hätte allein schon als Namenspate vertreten sein müssen. Ein Kenner der Szene ist der frühere Berliner Kultur- und Stadtentwicklungssenator Volker Hassemer vom Vorstand der "Stiftung Zukunft Berlin", die sich – unter anderem - sehr für das Humboldtforum einsetzt.

"Diese drei zunächst einmal eher zufällig zusammengekommenen, sehr zufällig, ich weiß, von was ich rede Träger des Projekts können dann wirklich gemeinsam produktiv wirken, wenn ihnen die gemeinsame Arbeit, die gemeinsame Aufgabe vorgesetzt wird. Wenn klar ist, dass sie dort nicht sich als Institutionen ausbreiten können, sondern dass sie Institutionen sind, die dem übergreifenden Gedanken zu dienen haben."

Aber was wäre der übergreifende Gedanke? Alle Beteiligten widersprechen der behaupteten Zufälligkeit. Was sie aber gemeinsam aus dem Humboldtforum machen wollen, wie ein "Zentrum der Weltkulturen" in der Hülle eines barocken Schlosses auftreten kann und schließlich: Was in der "Agora", der geplanten zentralen Veranstaltungsarena im Humboldtforum, geschehen soll, – über all das wird nachgedacht, es gibt Ideen in Fülle – zu einem großen Ganzen fügen sie sich noch nicht. Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz:

"Wir wollen jetzt nicht die klassische völkerkundliche Präsentation haben, sondern wir wollen die Geschichte von Kontinenten in Themen erzählen. In Themen, die aufgrund der Sammlungen sich besonders gut erzählen lassen. Wir wollen dadurch auch die Strukturen in dieser Geschichte, die Strukturen von Kulturen: Wie haben sie funktioniert, wie hat der Mensch einer sehr oft, ob in Amazonien oder in der Arktis, lebensfeindlichen Umwelt den Lebensraum abgerungen und unter diesen schwierigen Umständen soziale Institutionen zum Beispiel entwickelt und vieles, vieles mehr. Und mit der Agora haben wir die Gelegenheit, dass wirklich zu den Problemen der Gegenwart, die sich dann aber auch mit der Zukunft beschäftigen, diese Brücke zu schlagen. Und ich glaub, das ist das Faszinierende, was gelingen muss."

Jan-Hendrik Olbertz, der Präsident der Humboldt-Universität, bereitet schon konkrete Themen für die "Humboldtbox" vor, die gerade als würfelförmiger Bau auf dem Schlossplatz errichtet wird: als Informationszentrum zum Schlossbau.

"Also nehmen wir mal das Thema Arbeit und Bildung im Lebensverlauf: Wie oft muss sich heute ein Mensch umorientieren, um die Anforderungen des Berufslebens mit seinem individuellen Lebensverlauf, mit seiner Biografie in Übereinstimmung zu bringen, und was passiert international in der Hinsicht? Ist der alte Modus von Europa überhaupt noch darstellbar, wenn man nach Mali oder nach Indien oder irgendwohin geht?"

Die Dritte im Bunde, Claudia Lux, Generaldirektorin der Zentral- und Landesbibliothek Berlin, sieht ihr Haus als Mittlerin. Das mit einer Kinder- und Jugendbibliothek und mit Büchern und Medien zu den Themenfeldern Musik, Film, Theater und Kunst die Ausstellungen und Veranstaltungen im Humboldtforum populär-wissenschaftlich aufbereiten kann.

"Es soll die Menschen neugierig machen auf die Welt, und es soll ihnen etwas auch in Beziehung zu ihrem eigenen Leben bieten. Und sie dadurch auch wieder motivieren, selber etwas in dieser Gesellschaft aktiv zu tun."

Dass die Öffentlichkeit allmählich mehr hören und sehen möchte, Konkreteres, ist allen Beteiligten bewusst. Dabei gibt es "die Schlossgegner" nicht mehr, allenfalls Einzelstimmen, die meinen, die jetzt geplanten 552 Millionen Euro könnten sinnvoller ausgegeben werden. Nach jetzigem Stand will der Bund 440 Millionen beisteuern, das Land Berlin 32 Millionen, 80 Millionen Euro sollen über Spenden finanziert werden. Dass der Bau teurer werden könnte, lehrt die Erfahrung mit solchen Großprojekten; dass das Schloss an der Frage des Geldes scheitern könnte, glaubt niemand der Beteiligten. Nein, die schwierigste Frage ist: Wie soll man vermitteln, was man selber noch nicht genau weiß: Was soll das "Zentrum der Weltkulturen" sein? Wie kann es fürs ganze Land bedeutsam werden? Für die "Agora" wurde kurz vor Weihnachten der Schweizer Kulturmanager Martin Heller berufen. Er soll ein Veranstaltungskonzept erarbeiten. Konkretes sagt auch er noch nicht, gibt aber eine Richtung vor:

"Es gibt so was wie ambitionierte Popularität – und herauszufinden, was das für das Humboldtforum und insbesondere eben für die Agora bedeuten könnte, das wird die Arbeit nun der nächsten zweieinhalb Jahre sein."

Ambitionierte Popularität. Die Schlossplaner sind fasziniert von der Idee "Humboldtforum" – und hoffen: dass ihre Begeisterung eines Tages überspringen möge auf uns: das Volk. Das dann eines Tages residieren soll: im "Schloss der Republik".

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