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StartseiteKultur heuteDas Erbe eines großen Humoristen10.07.2007

Das Erbe eines großen Humoristen

Ausstellung zu Karl Valentin im Filmmuseum Frankfurt

Der Münchner Komiker Karl Valentin wäre in diesem Jahr 125 Jahre alt geworden: "Karl Valentin - Filmpionier und Medienhandwerker" ist eine Ausstellung im Filmmuseum Frankfurt überschrieben. Zum ersten Mal wird dort der Nachlass des Kabarettisten in seiner ganzen Fülle ausgebreitet.

Von Hadwiga Fertsch-Röver

Karl Valentin als Brunnenfigur in München. (AP)
Karl Valentin als Brunnenfigur in München. (AP)
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Der Buchbinder Wanninger ist legendär. Schon früh hat Karl Valentin die grotesken Untiefen der Telekommunikation ausgelotet. In der Verzweiflung des Buchbinders Wanninger findet sich heute jeder wieder, der sich je in einer Hotline verstrickt hat. Wie früh sich Karl Valentin mit komödiantischen Potenzial eines Telefonapparates beschäftigt hat, zeigt im Deutschen Filmmuseum ein handschriftliches Kleinod für alle Valentin-Fans: "Telefonschmerzen" ist der Entwurf zu einem Sketch betitelt, den der Münchner Volkssänger schon 1902 zu Papier brachte.

In der Ausstellung begegnen wir dem Kabarettisten und Wortverdreher Karl Valentin zunächst als begnadetem Grimassenschneider. Eine Videoprojektion zeigt seine Augen, Lippen und Nase in allen möglichen und unmöglichen Verrenkungen. Karl Valentin begann seine Karriere in Hinterzimmern und Kneipen als Volksänger in seiner Heimatstadt München.

Die Atmosphäre der Gaststuben, in denen Karl Valentin seine Kunst erprobte, haben die Frankfurter Ausstellungsmacher nachempfunden. Rustikale Holzverschläge dienen als Ausstellungswände für zahllose Fotos und Plakate, knallrot gestrichene Kneipentische sind zu Vitrinen umfunktioniert. Darin können wir auch sein Akkordeon bewundern, ein gern eingesetztes Requisit des musikalisch vielseitigen Komödianten. Auf einer kleinen Bretterbühne steht das berühmte Dreirad, auf dem der langbeinige Komiker auf winzigen Bühnen seine Runden drehte. Ein kleines Filmtheater lädt zum Betrachten von Sketchen und Szenen ein, die der Filmpionier mit seiner Partnerin Liesl Karstadt und anderen auf die Leinwand brachte. Dazu gehört auch "Mysterien eines Friseursalons", ein absurdes Theater, für das der damals noch junge Dramatiker Bertolt Brecht Szenen schrieb.

Der kunstvolle Wortdrechsler Karl Valentin war gelernter Schreiner. In den letzten Jahren vor seinem Tod verbrachte er viel Zeit in seiner Schreinerwerkstatt, erinnert sich seine Enkelin Anneliese Kühn:

"Da hat er gebastelt. Da hat er für die Leute in Planegg, wo ich ja her bin, hat er dann Kochlöffel gemacht in der schlechten Zeit, ein Nudelholz, und Bretter. Und das hat er dann gegen Zigaretten ausgetauscht. Oder ganz, ganz kleine Sachen hat er auch gedrechselt, so ganz kleine Döschen, die man auf und zu machen konnte, und ganz winzig kleine Kegeln."

Karl Valentin starb 1948, wirtschaftlich ruiniert und verbittert über den Undank seiner geliebten Heimatstadt München. Schon während des Nationalsozialismus begann sein Stern zu sinken. Sein letzter Film "Die Erbschaft" über ein verarmtes Ehepaar, das sich über eine zu Unrecht zugesprochene Erbschaft freut, wurde wegen seiner sozialen Brisanz sofort verboten und erst lange nach dem Krieg wieder entdeckt. Valentin selbst hat sich immer als apolitisch bezeichnet. Kurator Klaus Gronenborn:

"Das war auch ein Schutzbehauptung, dass er apolistisch gewesen sei. Das stimmt natürlich so nicht. Er hat sehr politische Witze gemacht, die auch damals zwischen den Zeilen politisch verstanden worden sind."

Mit viel Sinn für gesellschaftliche Zustände und das Milieu des Kleinbürgertums hat Karl Valentin seine Sketche improvisiert und aufgeführt. Dabei hielt er immer zu den kleinen Leuten wie zum Vater, der mit seinem Sohn zu Feier der Firmung in ein feines Lokal geht.

Die Frankfurter Ausstellung zeigt einen Karl Valentin, der mehr war als ein begnadet komischer Bühnen- und Filmkabarettist. Valentin verfremdete das Theater, lange bevor das Bertolt Brecht zur Theorie erhob. In seinem Text "Heimkino" entwarf er die Vision einer Bildschallplatte, lange bevor auf der Berliner Funkausstellung 1929 das Fernsehen vorgestellt wurde.

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