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StartseiteHintergrundDas Erbe von "Fremde Heere Ost"01.04.2006

Das Erbe von "Fremde Heere Ost"

Vor 50 Jahren: Aus der "Organisation Gehlen" entsteht der Bundesnachrichtendienst (BND)

Der ehemalige Wehrmachtsgeneral Reinhard Gehlen galt als geschickter Taktiker und Stratege, der noch im Chaos der militärischen Niederlage Deutschlands im Zweiten Weltkrieg den Grundstock für einen neuen Nachrichtendienst erfolgreich zu sichern vermochte. Am 1. April 1956 wurde die "Organisation Gehlen" in die Dienstelle "Bundesnachrichtendienst" (BND) überführt.

Von Robert Baag

Der Haupteingang der Zentrale des Bundesnachrichtendienstes (BND) in Pullach bei München. (AP)
Der Haupteingang der Zentrale des Bundesnachrichtendienstes (BND) in Pullach bei München. (AP)

" Erste Gegenstelle mit Betreiber... - 41 Grad gepeilt, 28 Grad gepeilt... 57 Grad! 57 Grad... - "Was ist das? Ist das die neue Funklage?" - "91 Grad, 41 Grad, 20 Grad, 95 Grad - Verkehrskreis A nicht mehr zu hören... Nicht mehr zu hören. - 57 Grad... "

Funk- und Fernmelde-Aufklärer der deutschen Wehrmacht während des Krieges in der Sowjetunion. Admiral Canaris, Chef des "Amtes Abwehr", Held des gleichnamigen deutschen Spielfilms aus den 50er Jahren, auf Inspektionsbesuch an der Ostfront. Aus dem so genannten Funk-Lage-Bild versuchen die Spezialisten zu analysieren, welche Einheiten der Roten Armee jenseits der Frontlinie stehen und welche Kampfhandlungen wo zu erwarten sein könnten. Auch Reinhard Gehlen, der damals die Abteilung "Fremde Heere Ost" beim Oberkommando der Heeres leitet, sammelt alle verfügbaren Daten über das Kräftepotential des militärischen Gegners. Aufgrund des düsteren Bildes, der sich abzeichnenden Niederlage, das er der Führung liefert, fällt er bei Hitler in Ungnade und verliert im Frühjahr 1945 seinen Posten. Mit seiner Prognose aber liegt er richtig:

" Po Rejchstagu... "

Im Mai 1945 erobert die Rote Armee Berlin. Deutschland kapituliert bedingungslos. Zukunftsangst liegt lähmend über dem Land. Für deutsche Berufsmilitärs, die den Krieg überlebt haben, sieht die Perspektive besonders düster aus. Wer würde sie jetzt noch brauchen? - Reinhard Gehlen aber, der das Kriegsende in einer Almhütte in den bayerischen Alpen abgewartet hat, setzt darauf, dass die siegreiche Anti-Hitler-Koalition nicht mehr lange Bestand haben würde. Und sein Kalkül geht auf:

" Als sich der Ost-West-Konflikt abzeichnete, waren die sowjetischen Streitkräfte für die Amerikaner 'tabula rasa'. Es gab weder Kenntnisse über Streitkräfte-Strukturen, über Bewaffnung noch über die Rüstungsindustrie. Insofern hatte Gehlen mit seinem Erbe aus 'Fremde Heere Ost' ein Pfund, mit dem er wuchern konnte. "

...weiß Erich Schmidt-Eenboom, Zeithistoriker und Geheimdienst-Experte aus Weilheim. - Noch Jahrzehnte später würdigt auch Gehlens Kontaktmann zum amerikanischen Geheimdienst CIA dessen damaligen konzeptionellen Ansatz. In seinem soeben auf deutsch erschienen Buch "Auftrag Pullach - Die Organisation Gehlen 1948 - 1956" schreibt James H. Critchfield:

" Reinhard Gehlen hatte fast ganz alleine und mit klaren Vorstellungen und großem Mut die Übergabe der nahezu intakten 'Abteilung Fremde Heere Ost' an General Eisenhowers 'G-zwo(-Dienst)' geplant und durchgeführt. Damit war er der erste deutsche Offizier, der auf ein mögliches Bündnis mit den Vereinigten Staaten zusteuerte. "

" Der entscheidende Durchbruch war 1948 - Berlin-Blockade. Über ihre guten funkelektronischen Aufklärungsmöglichkeiten konnten nur Gehlens Leute die Amerikaner darüber unterrichten, was die sowjetischen Luftstreitkräfte im Luftraum der DDR oder SBZ damals getan haben. Sie waren damit für das Aufrechterhalten der 'Luftbrücke' unverzichtbar... "

...ist sich Erich Schmidt-Eenboom sicher. - Aber nicht nur Funkaufklärung im US-Auftrag ist das Metier der nach ihrem Gründer benannten "Organisation Gehlen". Schon lange vor der Gründung der Bundesrepublik Deutschland betreiben seine Leute handfeste Spionage gegen die SBZ, die Sowjetische Besatzungszone, sowie gegen die Sowjetunion und deren Satellitenstaaten in Ostmitteleuropa; ein Handwerk aus Kriegszeiten, das Gehlens Agenten nicht verlernt haben:

" Der Auftrag ist folgender: Absprung dicht hinter der russischen Front. Genaue Erkundung der Stärke und Ausrüstung der russischen Divisionen... " - "Uhrzeit-Vergleich!- 14 Uhr 12...Sammeln nach Absprung. Treffpunkt: X-3. "

Michael Müller, Autor des Buches "BND - Gegen Freund und Feind", warnt allerdings davor, den Einsatz antikommunistischer Diversanten überzubewerten, die Ende der vierziger/Anfang der fünfziger Jahre im Ostblock aufklären und Sabotage betreiben sollten:

" Also Gehlen hat ja mit der Wlassow-Armee beispielsweise schon während des Zweiten Weltkrieges kooperiert bzw. versucht zu kooperieren. Es ist auch nach dem Krieg versucht worden, diese Kooperation fortzusetzen, ganz speziell im Bereich der Fernaufklärung... Es ist nur vollkommen erfolglos gewesen! "

Denn auch die sowjetische Gegen-Spionage bekommt rasch mit, was sich im erst vor kurzem besiegten Deutschland gegen sie zusammenbraut und wer dabei federführend ist. KGB-Veteran Georgij Sannikov erinnert sich noch sehr genau an die Aktivitäten seiner antikommunistischen Landsleute im Exil:

" Ihre Basis befand sich in der US-Besatzungszone Deutschlands, in München. Ihre Kontakte mit der Organisation Gehlen waren ebenfalls lebhaft. Aber die Kontrolle über all ihre Aktivitäten hatten die Amerikaner, unsere Hauptgegner in München. Dort gab es eine US-Agentenschule so wie auch noch in einigen anderen bayerischen Städten. Dort bekamen die künftigen Diversanten beigebracht, wie man mit dem Fallschirm abspringt, wie man funken muss..., eine richtige Spionage-Ausbildung! Und gerichtet war das alles gegen unseren Staat! "

Moskaus Gegenspionage, die GRU und das KGB, schlagen zurück. - Und zwar sehr effektiv, denn - so Schmidt-Eenboom:

"...da auch die ganze Emigrantenszene von sowjetischen Nachrichtendiensten unterwandert war, haben sich all diese Bemühungen als Fehlschläge, teilweise als tödliche Fehlschläge entpuppt. "

Der russische Geheimdienst-Experte Georgij Sudoplatov ist heute noch stolz auf die KGB-Erfolge in diesem "Schattenkrieg". In einem Dokumentarfilm nennt er als Beispiel das Ende der antisowjetischen litauischen "Waldbrüder". Partisanen, die Moskaus Truppen bis weit in die fünfziger Jahre hinein in blutige, für beide Seiten verlustreiche Kämpfe verwickelt haben:

" Mit den westlichen Spionageorganisationen klappt die Verbindung nicht. Aus Deutschland werden von einem so genannten 'Kabinett zur Befreiung Litauens' einige Fallschirm-Agenten geschickt, die sofort verhaftet werden... Mit dem britischen und schwedischen Geheimdienst führen die sowjetischen Tschekisten, also das KGB, schon seit langem ein so genanntes 'Funk-Spiel'. Das heißt: umgedrehte Agenten setzen solche Informationen ab, die dem Kreml nützlich erscheinen... "

Aber auch eine andere Zeitbombe tickt schon innerhalb der Organisation Gehlen, die einige Jahre später die wohl schwerste Krise im bundesdeutschen Auslandsnachrichtendienst - dann schon BND - auslösen wird. - In der so genannten "Birthler-Behörde", die sich heute um die wissenschaftliche Aufarbeitung des DDR-Staatssicherheits-Apparates kümmert, machen - so Erich Schmidt-Eenboom - neue Aktenfunde deutlich...

"...in welchem Umfang SD-, Gestapo-Leute, und zwar auch solche, denen Kriegsverbrechen nachzuweisen sind, in die 'Organisation Gehlen' eingetreten sind. Offensichtlich brauchte man deren handwerkliche Geschicklichkeit. Und die haben dann Netzwerke gebildet, die sich gegenseitig unterstützt haben, aber damit zugleich natürlich das Haupt-Einfallstor für den nachrichtendienstlichen Gegner im Osten geboten, um Spionage innerhalb der 'Organisation Gehlen', im BND für die Russen zu ermöglichen. "

Rund vierhundert Mann - Ende der vierziger Jahre also etwa jeder zehnte Mitarbeiter Gehlens - sollen mit dem Sicherheits- und Repressionsapparat der Nazis verbunden gewesen sein. Diese Zahl nennt das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" in seiner jüngsten Ausgabe. Michael Müller verweist noch auf einen anderen Aspekt der Gehlen'schen Personalpolitik:

" Man muss natürlich sehen, dass er eine klare Zielrichtung hatte, einen von den Amerikanern unabhängig operierenden deutschen Nachrichtendienst aufzubauen. Das konnte er natürlich nicht mit ehemaligen Postboten oder Bäckerlehrlingen. Also er musste natürlich auf in irgendeiner Form nachrichtendienstlich geschultes Personal zurückgreifen. Und deswegen, glaube ich, hat Gehlen das einfach ohne große Skrupel genutzt, um an Personal zu kommen. "

" Zum Thema Kriegsverbrecher versicherte mir Gehlen, dass er grundsätzlich niemanden beschäftige. Während meines (ersten) Treffens (am 18. November 1948) habe ich auch keinen bemerkt. Ich entdeckte auch keinen, den man sofort als Nationalsozialisten, kurz 'Nazi' hätte bezeichnen können. "

...behauptet noch Ende der neunziger Jahre Gehlens CIA-Kontaktmann und wohl auch -Kontrolleur James H. Critchfield. - Hans-Georg Wieck, zwischen 1985 und 1990 als Präsident des Bundesnachrichtendienstes - BND - einer der Nachfolger Reinhard Gehlens im Amt teilt zwar die Ansicht, dass NS-belastete Mitarbeiter der ersten Stunde einen Schatten auf den Dienst geworfen hätten. Für ihn ist indes dieser Unterschied wichtig:

" Ob jemand persönlich involviert war in Massakern oder in der Planung von Massakern ist für mich das Entscheidende. Die Bundesrepublik Deutschland hat mit den Menschen angefangen, die die Erfahrung des Krieges hatten, mit welchem Hintergrund auch - und ich schließe hier diese kriminelle Belastung aus - nicht mit diesen Menschen, aber mit allen anderen ist diese Bundesrepublik Deutschland aufgebaut worden, freiheits- und rechtsstaatlich, demokratisch. "

Ein Axiom der frühen Nachkriegspolitik Deutschland ist die feste Einbindung der drei Westzonen in das westliche Lager mit den USA als Vormacht - als Gegengewicht zum östlichen Hegemon UdSSR. Bundeskanzler Konrad Adenauer nimmt dafür auch die Teilung des Landes in Kauf:

" Nach meiner festen Überzeugung, nach der Überzeugung eines jeden Deutschen, der die Dinge unvoreingenommen betrachtet, gibt es vor dieser konsequent fortgeführten Politik des totalitären Sowjetrusslands nur eine Rettung für uns alle: Uns so stark zu machen, dass Sowjetrussland erkennt, ein Angriff darauf ist ein großes Risiko für Sowjetrussland selbst! "

Um diese Politik zu unterfüttern, ist ein professioneller Nachrichtendienst unverzichtbar, hofft der ehrgeizige Gehlen. Aber, so Geheimdienst-Experte Michael Mueller:

" Adenauer war natürlich bewusst, dass innerhalb der Organisation Gehlen zunächst mal die Amerikaner das Sagen hatten. Die gaben das Geld und bestimmten die Musik. Und insofern glaube ich, dass auch Adenauer diesen Apparat Gehlens mit einem gewissen Misstrauen betrachtet hat. "

Der CIA-Mann Critchfield betont dagegen in seinen Memoiren:

" Auch wenn Gehlen über den unglaublich langen Zeitraum von elf Jahren von amerikanischer Seite gefördert worden war, lag seine Ernennung als Präsident des BND ausschließlich in deutscher Hand. "

Elf Jahre also, von 1945 bis 1956, muss Gehlen - alias Dr. Schneider - warten, bis er endlich alleiniger Hausherr ist im südbayerischen Pullach, Deckname: "Camp Nikolaus. - Für CIA-Mann Critchfield geht seinerseits ein Lebensabschnitt zu Ende:

" Der 31. März 1956 war ein kalter, grauer Tag. Man konnte noch Spuren des letzten Schnees erkennen, der allmählich an der Mauer wegtaute, die den Innenhof einfasste. Während der vielleicht zehn Minuten, die die(...) Flaggenparade gedauert hatte, sah ich nur die beiden marschierenden Wachen. Kein Verkehr auf der Straße oder im Innenhof störte den Vorgang. Ich hatte den Eindruck, wohl der einzige gewesen zu sein, der das letztmalige Niederholen der 'Stars and Stripes' und der Bundesdienstflagge, das tägliche Ritual in '(Camp) Nikolaus' über Jahre miterlebt hatte. "

Akzentuierte Nüchternheit bestimmt die Szene, so ist Critchfields Eindruck an jenem Tag, als aus der "Organisation Gehlen" offiziell der Bundesnachrichtendienst wird. Eine Dienststelle, die seither an das Amt des Bundeskanzlers angebunden ist:

" So verlief der 1. April in Pullach ohne jegliche Feierlichkeiten, weil es Gehlen wahrscheinlich nicht gelungen war, vom Bundeskanzleramt eine klare Anweisung zu erhalten, was an diesem Tag zu geschehen hatte. (...) Vierzig Jahre später entnahm ich einer kurzen historischen Abhandlung, dass Gehlen erst am 20. Dezember 1956 und nicht neun Monate zuvor zum (BND-)Präsidenten ernannt worden war. "

Zwar ist Gehlen 1956 ans Ziel seiner Wünsche gelangt. Andererseits aber beginnen sich nun die Pannen im BND zu häufen. Michael Mueller:

" Gerade in der zweiten Hälfte der 50er Jahre würde ich nicht mehr von großen Erfolgen des Nachrichtendienstes reden, weil da im Gegenteil gerade in der DDR die Gegenkampagne mit Prozessen, mit Verhaftungen von Hunderten von Agenten bis hin zu Todesurteilen kamen. Insofern ist der BND gerade in der zweiten Hälfte der 50er Jahre in seiner tiefsten Krise erstmal gewesen! "

Der Bau der Berliner Mauer. Hohn und Spott ergießen sich aus der DDR Richtung Westberlin und Bonn. - Scharf fällt auch die Kritik aus, die der damalige Senatssprecher Egon Bahr noch vor kurzem in einem ARD-Dokumentarfilm für den BND übrig hat:

" Der Bericht vom 11. August endete mit der Prognose: 'Besondere Vorkommnisse sind nicht zu erwarten!' - Das heißt: Unsere berühmten Dienste - BND eingeschlossen - haben den Bau der Mauer nicht vorhergesagt! "

Ein Vorwurf, den Hans-Georg Wieck, ehemaliger Präsident des BND, zurückweist:

" Das ist natürlich sein Recht, das zu sagen. Der Senat von Berlin ist in einer anderen Lage als die Bundesregierung. Und die Kontakte zum Senat von Berlin waren sicherlich viel dünner seitens des Bundesnachrichtendienstes als die Kontakte zur Regierung. Ich hab mir, als ich Chef des Dienstes war, die Berichterstattung des Dienstes zur Lage '61 geben lassen, und daraus ergibt sich, dass er die Alarmbereitschaft der Streitkräfte um Berlin herum berichtet hat. Daraus ergibt sich nicht, dass er die Maßnahme in der Nacht vom 12. auf den 13. erklärt hat oder vorausgesagt hat - auch nicht, dass er vorausgesagt hat, dass diese Grenze an der Sektorengrenze errichtet würde. Das hat er nicht vorausgesagt. Aber dass etwas passieren würde - ja! Und dass das Baumaterial da war auch. Also insofern hat Herr Bahr nicht recht. "

Fachpublizist Michael Mueller rät an diesem Punkt zur Gelassenheit:

" Jeder Nachrichtendienst, und vor allen Dingen jeder Politiker, der seine Hauptaufgaben erfüllte, nämlich Zeitungen zu lesen und das Weltgeschehen zu betrachten, wusste, dass eine Aktion der DDR gegen diesen Flüchtlingsstrom unmittelbar bevorstand. Man muss da immer die Frage stellen: Wann bewertet man einen Nachrichtendienst 'über' oder 'unter'? - Ein Nachrichtendienst ist auch in erster Linie ein Dienst, der Zeitungen liest und seine politischen Schlüsse zieht... "

"Stellen Sie die Bereitschaft Ihrer Brigade her, in Richtung des Abschnittes Hannover-Hildesheim-Peine zum Angriff überzugehen!" - Militärischer Sprechfunk-Verkehr während einer Stabsrahmenübung sowjetischer Streitkräfte, die Mitte der achtziger Jahre in der damaligen DDR stationiert sind. - Mitschnitt, Peilung und Auswertung: Dieses Erbe der Gehlen-Abteilung "Fremde Heere Ost" ist bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion Anfang der neunziger Jahre weiterhin ein wichtiger Aufgabenbereich des BND im Zusammenwirken mit der so genannten elektronischen Kampfführung der Bundeswehr und der NATO-Verbündeten.

Zwar hat der Ruf des BND bei den ausländischen Partnerdiensten noch zu Gehlens Amtszeit darunter gelitten, dass es östlichen Nachrichtendiensten gelungen war, den BND jahrelang mit ihren Agenten zu unterwandern - dennoch vertritt Erich Schmidt-Eenboom die Ansicht...:

"...dass die Auswertung in Pullach zum NATO-Lagebild/Ost erhebliche und gute Beiträge geliefert hat, die wegen der Unterwanderung durch gegnerische Spione seltenst aus dem Bereich der Aufklärung mit menschlichen Quellen kam, in der Regel gewonnen wurden durch die breit gefächerte, technisch gute und versierte fernmeldeelektronische Aufklärung. "

Auf die Arbeit menschlicher Quellen, auf Spione also, könne man aber auch heute und in Zukunft nicht verzichten, glaubt der ehemalige BND-Präsident Hans-Georg Wieck:

" Ich sage das mit den Augen der Russen. Wenn ich ein System knacken will, muss ich am Ende und am Anfang den Menschen, der da am System ist, knacken! "

Und bezogen auf seine eigene Amtszeit 1985 bis 1990, also jene Zeit, als der Kalte Krieg zwischen Ost und West zu Ende ging, unterstreicht Wieck die Bedeutung der so genannten HUMINT, der operativen Arbeit mit menschlichen Quellen gerade im Ostblock:

" Da, wo es gelang, war es enorm produktiv! Und die Schwachstelle der Sowjetunion war der Block. Da waren die Einbruchstellen, die Satellitenstaaten... - Beim Fußballspiel sieht man ja die Fehlpässe, sieht man die Fehlschüsse. Aber man sieht auch den Erfolg. Bei den Diensten ist der Enthüllungsjournalismus darauf erpicht, die Pleiten zu haben..., die es gibt! Aber ich hab' lauter Pleiten und einen Erfolg. Was ist dann stärker?! Was ist dann gewichtiger?! "

Dagegen Michael Mueller:

" Ich glaube, dass das am Ende immer ein Nullsummen-Spiel ist. Weder hat die Bundesrepublik Deutschland durch die Arbeit des BND in diesem 'Kalten Krieg' gesiegt noch hat die DDR durch das Versagen der STASI diesen Krieg verloren. Also ich glaube, dass man da die Rolle, die Geheimdienste spielen, sehr stark überschätzt. "

Hans-Georg Wieck, Erich Schmidt-Eenboom und Michael Mueller sind sich allerdings einig, dass der Untersuchungsausschuss zur Tätigkeit des BND im Umfeld des Irak-Kriegs die Arbeit der deutschen Auslandsaufklärung nicht beeinträchtigen wird. Ein erneuter Vertrauensverlust bei den Partnerdiensten wie nach den Verratsfällen am Ende der Ära Gehlen, 1968, oder auch zu Beginn der neunziger Jahre, sei keinesfalls zu erwarten. Allerdings, so Hans-Georg Wieck, müsse sich der BND, müssten sich die deutsche und europäische Politik jetzt rasch neuen Herausforderungen stellen:

" Möglich und notwendig, ja unentbehrlich ist die Herstellung eines gemeinsamen Lage- und Bewertungszentrums für den gesamten Bereich des internationalen Terrorismus. Und wenn man das einmal hat, auch für andere Bereiche, die uns Sorgen und Kummer machen - also die Penetration unserer Wirtschaftsbereiche durch fremde Dienste zur Ausforschung von Wirtschaftsgeheimnissen. Da würde ich denken, ist ein großer Nachholbedarf in Europa vorhanden. "

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