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Seit 19:05 Uhr Kommentar
StartseiteCorsoKlangschiff an der Donau06.12.2014

Das Faust Studio wird 10Klangschiff an der Donau

Die Krautrock-Band Faust wurde 1970 gegründet. Die Musik war roh, avantgardistisch und ihrer Zeit weit voraus. Seit zehn Jahren betreibt der ehemalige Faust-Keyboarder Hans-Joachim Irmler im baden-württembergischen Scheer ein Studio, in dem sehr viel Musikgeschichte mitschwingt.

Von Andi Hörmann

Das Fenster knirscht: draußen wirft die Donau sanft rauschende Wellen, Insekten schwirren um geknickte Gräser, Grillen zirpen - Klang und Harmonie eines verwachsenen Biotops. Drinnen herrscht bedächtige Ruhe - vor dem Sturm ist vor der Aufnahme.

"Ich habe mich früher viel mit Naturereignissen beschäftigt. Das heißt, es ging mir darum: wie ist die Stimmung musikalisch auszudrücken, kurz vor einem Gewitter im Sommer? Wie flirrt die Luft? Was hat man für eine Bodenbezogenheit? Wie ist der Wind?"

Das 'Faust Studio' von Hans Joachim Irmler liegt wie ein gestrandetes Schiff an einem Donau-Ufer. Das musikalische Segel gehisst, der kreative Wind im Rücken. Hier der Musiker, da das Instrument, dazwischen das Spiel der Natur.

"Wo fängt der Krach an? Und wo hört die Melodie auf? Das finde ich faszinierend. Im Grunde ist das die Donau, die da rauscht ... Die ist störend für manche, aber wenn man hin hört, hört man eben genauso Melodien."

2004 erfüllt sich Hans Joachim Irmler einen Lebenstraum: Der Keyboarder der legendären Krautrock-Band Faust initiiert den Umbau einer verlassenen Papierfabrik in Scheer - einer Kleinstadt mit nur gut 2.000 Einwohnern im Landkreis Sigmaringen in Baden-Württemberg. Das "Faust Studio", abgeschieden in ländlicher Idylle, weitab vom Großstadtrummel - kein schummriges Keller-Studio, kein schmuddeliges Home Recording.

"Ich finde es wichtig, dass der Ort gut ist. An einem schlechten Ort kann man keine gute Musik machen. Das ist ganz einfach."

Im "Faust Studio" sehen Musiker die Wolken, spüren die Sonne, riechen das Schilf entlang der Donau, hören das Rauschen des Wassers - und schmecken! Herzstück ist nicht die Aufnahmeregie, der Puls schlägt in der Küche: Irmler kocht und isst so leidenschaftlich wie er komponiert und improvisiert. Die Töpfe und Pfannen vom Mittagessen stehen noch auf dem Herd:

"Es gab Rahmspinat, aber der Rahm ist nicht entscheidend, es gab einfach nur frischen Spinat. Und wie du siehst Nudeln. Dazu gab es Rinderschoß. Ich bin Fan von marmoriertem Fleisch. Das sind eben Fettanteile, das klingt immer so unanständig, aber das ist das, was den Geschmacksträger ausmacht."

"Wie geht es dann weiter? Von der Küche geht es in..."

"Das ist der eigentliche Aufnahmeraum. Das Schöne ist, dass man unterschiedliche Deckenhöhen hat, was auch unterschiedliche akustische Anforderungen befriedigen kann. Der Raum ist relativ naturbelassen, bis auf dass die Wände mit Sand sind, damit die Reflexion nicht ganz so heftig ist. Wir haben eben wie in jedem Studio so Dämm-Wände, um die Räumlichkeiten ändern zu können. Je nachdem was man für Anforderungen hat."

Vom Sonnenlicht getragen treiben kleine Staubpartikel scheinbar schwerelos durch den Raum - aufgewirbelt durch weiche Schritte über das mit großen Perserteppichen ausgelegte Eichenholz-Parkett. 180 Quadratmeter, fast sieben Meter Deckenhöhe. Effektgeräte und Monitorboxen, verkabelt türmen sie sich um eine verlorene Orgel. Marke: Eigenbau.

"Also mit dieser Orgel fing meine Karriere an. 1967 habe ich die gebaut. Drei Lötstellen habe ich schlecht gelötet und ich hatte keine Ahnung von Löten. Die waren nicht gut genug. Und das in 40 Jahren. Ich weiß nicht, ob ich das von den anderen Geräten so sagen könnte."

"(...) ein kleiner Ausflug unter Wasser."

"Was ist das, eine Schiffsglocke?"

"Das ist eine echte Schiffsglocke. Aber die ist brutal. Geh lieber da hin."

"Früher bei Faust bin ich einmal bei der Deutschen Grammophon in diesem Riesen-Riesen-Riesen-Studio gewesen. Das hat mich schon sehr beeindruckt, dass da ein Art Schiffskörper auf einem Gelände steht, wo du reingehst und du bist wo ganz ganz ganz anders. Das ist etwas, was mich hier schon auch beeinflusst hat. Mir hat das total gefallen. Das war ja alles ein Raum. Da habe ich gesagt: wenn dann hier. Das ist eben mit der Donau herrlich. Ich meine, kuck mal: Da ist jeden Abend ein Sonnenuntergang. Kostenlos! Würde man heute dazu sagen. (lacht) Das ist einfach (...) Ich weiß nicht, wie man das nennen kann: Der Raum tut was mit mir."

Seit 2004 nehmen im 'Faust Studio' die unterschiedlichsten Musiker und Bands auf. Das krautige Berliner Post-Rock-Trio To Rococo Rot war da. Oder The Nightingeles aus Birmingham mit ihrem melodischen Post-Punk. Alle Bands eint eine gewisse Experimentierfreudigkeit und die Liebe zum Detail, die Naturverbundenheit und die Wertschätzung des Essens von Hans Joachim Irmler.

"Alles was hier aufgenommen wird oder geschieht, soll einen guten Beitrag zur Musik liefern. Das heißt: Jemanden, den du nicht erträgst, kannst du nicht gut aufnehmen."

Im 'Faust Studio' hat man schnell das Gefühl, dass die Musiker auf große Fahrt gehen - mit Klang in den Segeln. Und Hans Joachim Irmler ist der Kapitän mit Zauselbart und Strubbelfrisur, der am Mischpult die Regler bedient oder einfach nur in die Orgeltasten greift und am Ende den Stecker zieht.

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