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StartseiteBüchermarkt"Das Fräulein versprach zu kommen"03.08.2009

"Das Fräulein versprach zu kommen"

Knut Hamsun: Pan. Manesse Verlag

Der Roman "Pan" des umstrittenen norwegischen Schriftstellers Knut Hamsun ist in neuer Übersetzung erschienen. "Pan" gilt als einer der einflussreichsten Romane Hamsuns.

Von Klaus Modick

Knut Hamsun (1859-1952) - ein anerkannter, aber auch umstrittener Schriftsteller (AP Archiv)
Knut Hamsun (1859-1952) - ein anerkannter, aber auch umstrittener Schriftsteller (AP Archiv)

Knut Hamsun, der 1920 den Nobelpreis für Literatur erhalten hatte und von keinem Geringeren als James Joyce ehrfurchtsvoll "King Knut" genannt wurde, war ein Schriftsteller von weltliterarischem Format - wegen seiner Begeisterung für den Nationalsozialismus allerdings auch eine überaus skandalöse Gestalt der Zeitgeschichte. Noch im Mai 1945 bezeichnete er in einem Nachruf Hitler als "eine reformatorische Gestalt von höchstem Range". Als ihm seine norwegischen Landsleute schließlich den Prozess wegen Kollaboration und Landesverrat machten, forderte ihn der Gerichtspsychiater auf, seinen Charakter zu beschreiben. Der damals 86-jährige Hamsun erklärte, er sei wie eine der zahlreichen Figuren in seinen Werken: Menschen, die allesamt "ohne sogenannten Charakter" seien, sondern gespaltene, bruchstückhafte Persönlichkeiten, nicht gut und nicht schlecht, sondern beides, launisch und unberechenbar. Das war eine bemerkenswert diffuse Art der Verteidigung, aber eine sehr präzise Charakteristik der rätselhaften, oft windigen und stets widersprüchlichen Gestalten, die Hamsun in seinen Werken wieder und wieder entfaltet hatte.

In "Pan", einem seiner berühmtesten und einflussreichsten Romane, der 1894 erschienen war, hatte Hamsun den Prototyp seiner charakterlosen Helden präsentiert. Ein Mann, über dessen persönliche Hintergründe man lediglich erfährt, dass er Leutnant ist, verbringt einen Sommer hoch im norwegischen Norden in einer Hütte um zu jagen. Er streift durch die Wälder und erlegt allerlei Wild, doch gilt sein Jagdinstinkt weniger der Tier- als vielmehr der örtlichen Damenwelt, die ihm reihenweise unterliegt.

"Er sah prächtig aus, war voller Jugend und hatte ein verführerisches Wesen. Wenn er einen mit seinem heißen Tierblick ansah, spürte man seine Macht. Eine Dame soll gesagt haben: 'Wenn er mich anschaut, bin ich verloren; es ist, als ob er mich berührte'."

Dieser Schwerenöter verkörpert Naturverbundenheit und sexuelle Triebhaftigkeit, die mit gesellschaftlichen Zwängen und Normen in Konflikt gerät, als er sich in die Tochter des lokalen Handelsherrn verliebt. Zwischen den beiden entwickelt sich ein kompliziertes Spiel aus gegenseitiger Anziehung und Abstoßung, das durch den Auftritt tatsächlicher oder imaginierter Nebenbuhler immer verwickelter wird und ohne Happy End bleibt. Hamsun führt hier eine Art Experiment durch, eine Versuchsanordnung, deren Ort aber nicht das Labor und deren Zweck nicht analytische Erkenntnis ist. Ihr Ort ist vielmehr die fiebrige Atmosphäre der Mittsommernächte, und ihr Zweck ist die von Zwecken befreite, sinnliche Evidenz.

Auch wenn der Text aus heutiger Sicht zwar nicht verstaubt, aber fast züchtig erscheint, muss er auf die Zeitgenossen provokativ und erregend gewirkt haben, ist "Pan" doch nichts anderes als Erotik pur. Mehr als sie sich dahinter verbirgt, offenbart sich die Benennung des Sexuellen in Jagd- und Waffenmetaphorik. Der Leutnant überlegt, was er dem verehrten Fräulein verehren kann, wenn sie ihn zum ersten Mal in seiner Hütte besucht.

"Vielleicht", denkt er, "hätte ich nur mein Pulverhorn",

gefolgt von dem lapidaren Satz:

"Und das Fräulein versprach zu kommen."

An anderer Stelle weist ein Flintenrohr den Weg zur Frau, und ständig wird mit und an Büchsen herumgespielt. Man muss kein Psychologe sein, um die Eindeutigkeit solcher Zweideutigkeiten zu verstehen. Der ansonsten aus der Perspektive des Leutnants in stark lyrisierter Sprache erzählte Roman, dessen Neuübersetzung das Rhapsodische dieser Prosa wunderbar erschließt, hat einen merkwürdigen Schluss; erzählt von einem Jagdgenossen, mit dem der Leutnant nach Indien gereist ist. Auch hier schießt man Tiere, doch auch hier geht es um nichts anderes als die Jagd nach Liebe, deren Hemmungslosigkeit kein gutes Ende nimmt. Mehr als alles andere, sagt der Leutnant einmal, liebe er einen Liebestraum, den er einmal hatte - was mit anderen Worten bedeutet, dass das erotische Begehren immer auf etwas zielt, was irreal, vergangen oder unerreichbar ist.


Knut Hamsun: Pan
Aus dem Norwegischen neu übersetzt von Ingeborg und Aldo Keel.
Manesse Bibliothek der Weltliteratur, Zürich 2009, 255 Seiten, 19,90 Euro

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