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StartseiteForschung aktuell"Das Ganze ist nicht ganz risikolos"31.05.2010

"Das Ganze ist nicht ganz risikolos"

Welche Optionen bleiben zur Bekämpfung der Ölkatastrophe?

Umwelt.- Die Enttäuschung ist groß. Auch der Versuch, das Bohrloch im Golf von Mexiko mit schwerem Schlamm zu verschließen, ist fehlgeschlagen. Die Wissenschaftsjournalistin Dagmar Röhrlich erklärt im Interview mit Arndt Reuning, wie es nun weitergehen könnte im Kampf gegen das Öl.

BP pumpt Schlamm in das Öl-Leck - letztlich ohne Wirkung.  (AP)
BP pumpt Schlamm in das Öl-Leck - letztlich ohne Wirkung. (AP)

Arndt Reuning: Es hat mal wieder nicht funktioniert: der jüngste Versuch der Firma BP, das Bohrloch vor der Küste von Louisiana zu verschließen - dieser als Top Kill bezeichnete Ansatz, die Ölquelle mit schwerem Schlamm zu stopfen. Auch nicht geklappt hat der sogenannte Junk Shot. Dabei wurde am Wochenende verschiedenes Material in dieses Bohrloch gestopft, zum Beispiel Gummistücke von Autoreifen, Plastikwürfel und Golfbälle. Das alles hat nicht geholfen. Wie geht es nun weiter am Golf von Mexiko? Das möchte ich vom meiner Kollegin Dagmar Röhrlich wissen.

Dagmar Röhrlich: Im Grunde genommen setzt man wieder auf das System. Man versucht, am Meeresboden so viel wie möglich von dem Öl einzufangen und dann über eine neue Steigleitung in ein Bohrschiff zu pumpen. Dazu wird jetzt erst einmal direkt an diesem Blowout Preventer, also diesem tonnenschweren Absperrventil, das versagt hat, wird direkt die derzeitige Steigleitung abgesägt werden, ferngesteuert über 1500 Meter Wasser hinweg von Unterwasserrobotern. Und wenn das dann nach ein paar Tagen geschafft ist, wird eine Art Siphon draufgesetzt. Das ist eine verkleinerte Struktur, die ein bisschen aussieht wie dieser gigantische Dome, den man zu Anfang des Monats versucht hat und der dann auch Öl und Gas einfangen sollte. Aber dabei hat sich dann in dieser Struktur Eis gebildet, so dass einfach nichts mehr nach oben gepumpt werden konnte. Und um das zu verhindern, will man diese kleinere Struktur jetzt wärmen, indem man Meerwasser von oben runterleitet, wo das Wasser wärmer ist, damit diese Eisbildung verhindert wird. Das Ganze ist nicht ganz risikolos, denn man wird oberhalb dieses Blowout Preventers eine Rohrkrümmung absägen und die einen Experten sagen, durch diese Rohrkrümmung wird der Ölfluss noch zurückgehalten, BP sagt, das macht alles nichts. Also, es kann sein, dass dann 20 Prozent mehr Öl austritt oder auch nicht. Das werden wir sehen.

Reuning: Sollte diese Strategie auch versagen, welche Optionen bleiben denn dann noch?

Röhrlich: Ja, dann wird zum einen ein zweiter Blowout Preventer auf diesem kaputten Blowout Preventer draufgesetzt – auch ferngesteuert über die ganze Wassertiefe hinweg. Beides ist noch nie gemacht worden, auch was jetzt versucht wird. Ob das gelingt, sei dahingestellt. Und dann laufen natürlich derzeit noch die Entlastungsbohrungen. Auf denen liegt die ganze Hoffnung, denn die haben bis jetzt eigentlich immer geklappt.

Reuning: Wann könnte es denn soweit sein, dass diese Entlastungsbohrungen tatsächlich auch Entlastung bringen.

Röhrlich: Frühestens Anfang August. Es ist also so, dass diese Bohrungen 4000 Meter tief zuerst ein Stück in den Boden rein und dann horizontal zu dieser Bohrung, aus der im Moment das Öl raus läuft, genau gelenkt werden müssen. Sie müssen diese Bohrung treffen und dann wird auch Schlamm hineingepumpt, dieser schwere Spezialschlamm, und Zement. Das hört sich jetzt schon so an als sei es kompliziert und wie kompliziert das ist, zeigt vielleicht ein Beispiel aus dem vergangenen Jahr: In Australien bei der Bohrplattform Montara hat man sechs Versuche gebraucht, um in 75 Metern Wassertiefe das Bohrloch wirklich zu versiegeln und bis dahin ist da das Öl auch rausgesprudelt. Ob das also alles mit dem ersten Versuch klappt, ist dahingestellt. Frühestens also Anfang August.

Reuning: Die amerikanische Südostküste ist ja nun auch eine Region, die von Wirbelstürmen heimgesucht wird, teilweise auch in Orkanstärke. Das dürfte die Situation dann ja noch ein bisschen komplizierter machen.

Röhrlich: Rein rechnerisch beginnt morgen die Hurrikansaison. Der erste ist aber schon durch, zog nur weiter südlich. Die Klimaforscher und Wettermodellierer haben gesagt, dass dieses Jahr eine sehr schwere Hurrikansaison zu erwarten ist. Man erwartet 23 benannte Hurrikans, also schon ordentliche. Davon werden sieben Windgeschwindigkeiten von mehr als 180 Stundenkilometern haben, wenn die derzeitigen Berechnungen stimmen. Und einer davon, von historischen Daten her gesehen, müsste auch Louisiana erreichen. Das heißt, es kann wirklich sehr kritisch werden. Man weiß nicht, was dann passiert. Wie wird dieser Ölteppich reagieren. Es kann sein, dass dann alles auf die Küste raufgedrückt wird und alles noch viel weiter ins Landesinnere reingepresst wird als ohnehin schon. Es kann auch sein, dass alles aufs Meer rausgetrieben wird. Das ist vollkommen offen.

Reuning: Nun kommt ja noch ein Faktor hinzu. Jährlich entstehen vor dieser Mississippi-Mündung sogenannte Todeszonen. Was hat es damit auf sich?

Röhrlich: Durch die Landwirtschaft und durch die vielen Städte am Mississippi gelangt eine Unmenge an Dünger jedes Jahr in den Golf von Mexiko. Und im Frühjahr entwickelt sich dann eine sehr große Algenblüte. Und wenn die abstirbt, sinken die toten Algen hinab, verbrauchen dann bei der Zersetzung Sauerstoff, die Bakterien benötigen einfach so viel, dass kaum noch etwas im Wasser drin ist. Dann hat man jedes Jahr ein großes Fischsterben und die Bodenlebewesen sterben und zwar auf einer Fläche, die immerhin so groß ist wie Hessen. Jetzt ist das auch bald wieder so weit und man weiß nicht, ob der Ölteppich alles noch schlimmer machen wird. Es kann also sein, dass zwei negative Sachen zusammenkommen.

Reuning: Vielen Dank für diese Informationen, Dagmar Röhrlich.

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