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StartseiteInterview"Das Geld hat sich verselbständigt, ist zum Produkt geworden"05.10.2010

"Das Geld hat sich verselbständigt, ist zum Produkt geworden"

Ehemaliger Daimer-Benz-Vorsitzender kritisiert selbsternannte Wirtschaftselite

Fehlt es den politischen und wirtschaftlichen Eliten an ethischen Wertmaßstäben? Edzard Reuter, ehemaliger Vorstandsvorsitzender der Daimler-Benz AG und Autor des Buches "Stunde der Heuchler. Wie Manager und Politiker uns zum Narren halten", hat dazu eine klare Meinung.

Edzard Reuter im Gespräch mit Dirk-Oliver Heckmann

Der ehemalige Daimler-Vorstandschef Edzard Reuter.  (AP)
Der ehemalige Daimler-Vorstandschef Edzard Reuter. (AP)

Dirk-Oliver Heckmann: "Stunde der Heuchler. Wie Manager und Politiker uns zum Narren halten" – so lautet der Titel des neuen Buchs des ehemaligen Industrielenkers Edzard Reuter, von 1987 bis 1995 Vorstandsvorsitzender der Daimler-Benz AG. Reuter malt darin ein Bild einer Gesellschaft, in der es allzu vielen nur um immer mehr Macht und immer mehr Geld geht, egal ob in der Wirtschaft oder in der Politik, von Vernunft, Anstand und Augenmaß keine Spur mehr unter denjenigen, die weithin als Eliten bezeichnet werden, ebenso wenig wie von gesellschaftlicher Verantwortung. Weite Teile der Gesellschaft, gerade und besonders der sich als bürgerlich verstehende Teil, so die Diagnose seines als Polemik bezeichneten Buches, seien vom Gift der Heuchelei erfasst, das allein einem Zweck diene: zu bemänteln, dass es nur um eines gehe, um Bereicherung und Machtanhäufung. In diesen Tagen ist das Buch erschienen und wird auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt. Am Telefon begrüße ich jetzt den Autor, den bekennenden Sozialdemokraten Edzard Reuter. Schönen guten Morgen!

Edzard Reuter: Schönen guten Morgen! Hallo!

Heckmann: Herr Reuter, Sie monieren, dass es in der Wirtschaft nur noch um den Shareholder Value gehe und darum, sich selbst die Taschen zu füllen, und das habe vor dem Platzen der New Economy-Blase gegolten bei der Jahrtausendwende und habe sich auch danach nicht geändert. Verklären Sie damit nicht die Vergangenheit? Hat es nicht schon immer zum Wesen der Marktwirtschaft gehört, Gewinne zu machen?

Reuter: Ja, selbstverständlich. Und um Gottes willen: ich schelte ja auch nicht alle Unternehmer, die auf dem Gebiet der Wirtschaft tätig sind und fabelhafte Initiativen durchführen, Unternehmen führen, Arbeitsplätze sichern. Darum geht es ja nicht. Ich rede ja von einer bestimmten Schicht, die sich selber als Elite der Nation versteht, und man darf dabei eben nicht vergessen, dass es unzählige Menschen gibt, die Verantwortung tragen, auf die diese Diagnose, von der Sie eben zurecht gesprochen haben, nicht zutrifft. Aber bewegt wird diese Gesellschaft ja doch zu einem großen Teil von denjenigen, die sich eben selbst als Eliten verstehen, und denen gilt meine Kritik.

Heckmann: Was genau hat sich da verändert im Vergleich zu der Zeit, in der Sie aktiv waren?

Reuter: Ich denke, es hat sich als Folge der Globalisierung nach dem Ende des Kalten Krieges plötzlich eine Situation ergeben, in der weltweit mit Geld agiert werden konnte. Bis dahin galt im Grunde genommen das Gesetz der normalen Unternehmen, die wir alle kennen gelernt haben. Die stellten mehr oder minder anfassbare Produkte her. Seit dieser Globalisierung und das ganze begleitet natürlich vom Prozess der Digitalisierung, des Aufkommens der Informationsgesellschaft, der Möglichkeiten, in Sekundenschnelle rund um die Welt Geld zu disponieren, in diesem Zusammenhang ist plötzlich ein neues Phänomen entstanden: das Geld hat sich verselbständigt, ist zum Produkt geworden. So sagt man ja heute. Und mit diesem Produkt konnte man durch Spekulationen, durch Zockerei, aber teilweise auch durch seriöse Geschäfte im 0,0 ganz schnell gewaltige Mengen Geld verdienen, und das ist das, was neu war. Das hat es bis dahin in dieser Form nicht gegeben.

Heckmann: Und das ganze verbunden mit unvorstellbaren Bonuszahlungen beispielsweise. Die globale Finanzkrise, die hat ja die Welt an den Rand des Abgrunds gebracht. Glauben Sie, dass die Wirtschaftseliten gerade auch in der Finanzindustrie aufgewacht sind, oder wird alles so weitergehen wie bisher? Denn eine Reihe von Banken, die staatlich gestützt sind, die zahlen ja mittlerweile wieder dem Management Boni von über 500.000 Euro beispielsweise.

Reuter: Ja! In der Tat ist das eine Sorge, die mich umtreibt. Es ist natürlich so, dass viele jetzt schon wieder in den Startlöchern sitzen, natürlich auch verständlicherweise eine ganze Menge jüngerer Menschen, die alle erzogen worden sind auf Hochschulen, auf Business Schools, alle mit dem Oberbegriff "Was gut ist für die Profite des einzelnen, ist gut für die Gesellschaft". Und hier ist wirklich eine große Aufgabe letzten Endes von uns allen, dabei mitzuhelfen, dass es gesetzliche Regelungen gibt, dass es weltweite Regelungen gibt – daran wird ja im Rahmen der G20 intensiv gearbeitet; ich hoffe, dass das wirklich vorankommt -, aber letzten Endes werden alle Gesetze nicht ausreichen, wenn wir nicht gemeinsam alle, du und ich, jeder Bürger, daran denken, dass nicht die Ellenbogen allein gelten, sondern dass es Wertmaßstäbe gibt, die Gültigkeit haben müssen, rund um die Welt.

Heckmann: Sie sagten, Sie hoffen, dass diese Regeln weltweit auch durchgesetzt werden. Haben Sie dafür irgendwelche positiven Indizien? Es sieht ja im Moment eher danach aus, dass nicht viel passiert.

Reuter: Ja, ja, natürlich! Die Bretter sind wahnsinnig dick. Aber es gibt ja nun schon erste Ansätze, Vorschläge, die abgestimmt sind zwischen den wesentlichen großen Wirtschaftsnationen im Rahmen der G20, und es steht ja auf der Tagesordnung, dass im Laufe dieses Herbstes auch verbindliche Beschlüsse gefasst werden müssen. Die gehen in technische Details, teilweise, die sozusagen der normale Mensch gar nicht so als wichtig erkennt, zum Beispiel was die Eigenkapitalausstattung von Banken angeht, oder Instituten, die überhaupt in Finanzdingen sich wirtschaftlich betätigen. Das sind schon ganz wichtige erste Schritte, aber es sind die ersten, würde ich fast sagen, Tropfen auf einen heißen Stein. Es muss noch wesentlich mehr geschehen.

Heckmann: Hat die Politik denn überhaupt die Macht, sich gegen die Finanzindustrie durchzusetzen?

Reuter: Die Politik hat selbstverständlich die Macht, wenn sie es nur will. Das ist ja nicht so, dass die Finanzindustrie weltweit nun jeder Regelung sich entzogen hat, um Gottes Willen. Es sitzen ja keineswegs in dieser Industrie nun nur verantwortungslose Menschen, die anstreben, sich jeder gesetzlichen Regelung zu entziehen. Das nicht, aber es sind verdammt dicke Bretter, ich wiederhole das, die gebohrt werden müssen, denn es gibt auf dem Gebiet natürlich unzählige Möglichkeiten der Trickserei, des langsam die Dinge vor sich herschieben, Bedenken haben, noch eine Untersuchung zu initiieren, bis wirklich Beschlüsse gefasst werden müssen. Das ist alles denkbar, aber möglich ist es immer, so lange sich Gesetzen zu entziehen, solange wir nicht wieder zurückkehren zu den Wertmaßstäben, die einmal eigentlich allen weltweiten Kulturen eigen gewesen sind, und die stehen im Grunde genommen in den zehn Geboten drin.

Heckmann: Herr Reuter, Sie kommen in Ihrem Buch zu dem Schluss, dass die Politik selbst infiziert sei von diesem Gift der Heuchelei, das sich in der Wirtschaft auch verbreitet habe. Beispiel Afghanistan: da habe die Politik nicht die Kraft gehabt, die Wahrheit zu sagen, dass es sich dabei wirklich um einen Krieg handele. Das heißt, die Regierenden machen Politik gegen die Interessen und gegen den Willen der Bevölkerung?

Reuter: Unter dem natürlich vorhandenen Druck einer plebiszitären Demokratie, in der wir leben, in der man sich alle vier Jahre neuen Wahlen stellen muss, machen es sich viele politisch Verantwortliche zu einfach, indem sie meinen, man kann die nächsten Wahlen gewinnen, indem man die Wahrheit bei sich behält und nach außen auch die unangenehmen Dinge beschönigt. Das ist eigentlich das Problem, und das nennt man ja, denke ich, im allgemeinen Sprachgebrauch Heuchelei. So ist es wohl. Man kann das Thema ja auf beliebig viele politische Gebiete ausdehnen. Es ist ja nicht nur Afghanistan, das ist in der Bildungspolitik der Fall, es ist teilweise in der Sozialpolitik der Fall. Es gibt hier in meiner unmittelbaren Nähe ein sehr akutes Beispiel: das trägt den Namen "Stuttgart 21". Auch hier gilt dieses Stichwort der Heuchelei.

Heckmann: Was man auch als Abgehobenheit der Politik bezeichnen könnte, als Beispiel dafür. Andere Beispiele waren die Schulreform in Hamburg, oder auch das Rauchverbot in Bayern. Möglicherweise ein Grund für steigende Wahlenthaltung. Wie gefährlich ist diese Entwicklung für die Demokratie?

Reuter: Die ist, wie ich denke, außerordentlich gefährlich. Bisher ist es ja, was die Situation in unserem Land, in Deutschland angeht, noch nicht so gewesen, dass die Wahlbeteiligung wirklich dramatisch zurückgegangen ist, aber es ist eine Tendenz, dass die Wahlbeteiligung immer geringer wird. Und wenn Sie rumhören an den Stammtischen der Nation, was so geredet wird, dann nimmt rapide diese Wertung zu, na die Politiker machen ja sowieso was sie wollen, außerdem: die haben ihre eigenen Interessen, uns interessiert das eigentlich nicht. Das heißt, die Tendenz zur Wahlenthaltung, wenn Sie wollen, ist immer größer und umgekehrt wächst natürlich die Gefahr, dass extreme, rechts oder links angesiedelte Parteien aufkommen, die dann nur mal nach einem charismatischen Führer sorgen, Stichwort Holland beispielsweise und Belgien, wo man das durchaus ja nachverfolgen kann, dann wird es wirklich gefährlich. Und das ist eine Sorge, die ich habe.

Heckmann: Die da oben machen sowieso was sie wollen, diese beliebte These haben Sie gerade zitiert. Ist Ihr Buch denn ein weiterer Beitrag dazu, Belege zu sammeln für diese These, oder halten Sie auch eine positive Entwicklung für denkbar und was müsste dafür geschehen?

Reuter: Aber ja! Ich denke, ich habe mir jedenfalls Mühe gegeben, dass dieses ganze Buch nicht eine negative Krakeelerei wie viele andere ist, sondern dass es zugleich sagt, Leute, macht die Augen auf, es ist zugleich eine Chance für uns Europäer, wenn wir zurückkehren zu dem, was uns groß gemacht hat, miteinander offen zu reden, zu diskutieren, unsere Gegensätze auszutragen, aber auf der Basis von Wahrheit und eingebunden in Wertevorstellungen. Das ganze Buch ist letzten Endes für mich, jedenfalls so wie ich es verstehe, viel mehr ein Beleg für Zuversicht in die Zukunft als von Klagen über die augenblickliche Situation.

Heckmann: Über ethische Maßstäbe in Politik und Wirtschaft haben wir gesprochen mit dem ehemaligen Vorstandsvorsitzenden der Daimler-Benz AG, mit Edzard Reuter. Sein Buch "Stunde der Heuchler. Wie Manager und Politiker uns zum Narren halten" ist im Econ-Verlag erschienen. Herr Reuter, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Reuter: Ich danke Ihnen! Vielen Dank!

Heckmann: Einen schönen Tag noch.

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