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StartseiteHintergrundWie Flüchtlinge am Wohnungsmarkt betrogen werden16.12.2016

Das Geschäft der SchwarzmaklerWie Flüchtlinge am Wohnungsmarkt betrogen werden

Flüchtlinge haben schlechte Chancen auf eine Mietwohnung, selbst wenn das Amt die Miete zahlt. Mancherorts hat sich daher ein Schwarzmarkt entwickelt: Zusammen mit korrupten Mitarbeitern von Wohnungsgesellschaften haben sich einige Migranten darauf spezialisiert, Landsleuten gegen Schmiergeld günstige Wohnungen zuzuschanzen.

Von Christian Werner und Tarek Khello

Ein Kind steht vor einem Hochhaus. (Imago / JOKER)
Ausländer haben am Wohnungsmarkt schlechtere Chancen als Inländer, und Flüchtlinge haben besonders wenig Aussichten auf Mietwohnungen. (Imago / JOKER)
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Mitten im Zentrum von Leipzig wartet der Mittelsmann einer kriminellen Bande. Er hofft auf eine Geldübergabe. Der Mann, er ist Syrer, hat eine Wohnung für einen jungen Landsmann besorgt. Unter der Hand - und gegen 550 Euro. Doch er wird von Reportern überrascht und damit konfrontiert, für eine Bande zu arbeiten, die Wohnungen verschiebt. Der Mittelsmann ist überrumpelt und bestätigt die Recherchen.

"Alles ist wahr, ich leugne nichts."

"Ist das ein großes Geschäft?"

"Das läuft seit anderthalb Jahren."

Seit mindestens anderthalb Jahren gibt es in Leipzig offenbar einen Schwarzmarkt für Wohnungen. Kriminelle Netzwerke organisieren gegen teils beträchtliche Summen Wohnungen für Flüchtlinge. Und nicht nur in Leipzig; in vielen deutschen Großstädten hat sich ein illegaler Markt für preiswerten Wohnraum etabliert, der von den Sozialämtern bezahlt wird.

Hinweise kommen von den Opfern selbst: Flüchtlinge beklagen sich auf Facebook über sogenannte Schwarzmakler, die gegen hohe Provisionen Mietverträge für Wohnungen vermitteln. In Dortmund koste es 900 Euro, in Hannover 1.000, in Düsseldorf 1.700 Euro. Ein junger Mann, angeblich aus Syrien, stellt ein Video bei YouTube ein. Es soll ein Telefonat mit einem Schwarzmakler in Duisburg zeigen.

"Eine Wohnung für eine Person kostet 500 Euro, eine für vier Personen 2.000 Euro."

"500 für eine Person?"

"Ja, 500 für eine Person, und 2.000 Euro für vier Personen."

Mdian Suliman lebt seit etwa zwei Jahren in Leipzig. Der Syrer wollte raus aus dem Asylbewerberheim. Ein schwieriges Unterfangen - Sozialwohnungen sind knapp, Wartezeiten von einem Jahr keine Seltenheit.

"Ich habe erst mehrere Hilfsorganisationen nach Wohnungen gefragt, aber sie konnten mir nicht helfen. Sie haben mir gesagt, ich soll mir Angebote im Internet raussuchen. Aber ich habe keine Wohnung gefunden, die gepasst hätte."

Die Wohnungen, die Mdian Suliman im Internet fand, waren für ihn zu groß und zu teuer. Das Sozialamt hätte sie ihm nie bezahlt. Auf das Wohngeld ist er aber bis heute angewiesen. Momentan absolviert er einen Sprachkurs. Eine Arbeit hat der Syrer noch nicht.

Freunde rieten ihm, sich an einen Schwarzmakler zu wenden. Mdian Suliman sah keinen anderen Ausweg: Er zahlte 250 Euro und bekam innerhalb kürzester Zeit einen Mietvertrag.

"Ich habe einen Schwarzmakler getroffen, dem habe ich erst eine Anzahlung gegeben, und als ich den Mietvertrag in der Hand hatte, gab ich ihm das restliche Geld. Er hat sich um alles gekümmert, mich zur Leipziger Wohnungsbaugesellschaft mitgenommen, und dort habe ich nach zehn Tagen den Mietvertrag unterschrieben, und ich bekam diese Wohnung."

Mdian Suliman ist nicht stolz darauf, Schmiergeld für die Einzimmerwohnung mit Balkon bezahlt zu haben. Aber er muss nicht mehr in der Sammelunterkunft leben. Das ist es ihm wert.

Die Leipziger Wohnungsbaugesellschaft, die LWB, ist der einzige kommunale Wohnungsanbieter der Stadt. Andere Flüchtlinge bestätigen, dass es kaum möglich sei, auf legalem Wege eine Wohnung zu bekommen. Viele zahlten Schmiergeld, nicht nur für Wohnungen der LWB. Auch bei anderen Firmen funktioniere das so.

Die Preise seien auch angestiegen. Eine Syrerin, die nicht vor das Mikrofon möchte, sagt, mittlerweile koste der Mietvertrag für eine Wohnung um die 1.000 Euro.

Noch höher als in Leipzig sind die Preise in Berlin. Ein junger Mann, der zu einem Netzwerk von rund 50 Schwarzmaklern gehört, erklärt sich zu einem Interview bereit. Seine Stimme will der Syrer aber nicht im Radio hören, er fürchte um sein Leben, sagt er. Seine Bande kontrolliere den Markt in Berlin, erzählt er. An jedem Geschäft seien jeweils drei Leute beteiligt.

"Da gibt es die Chefs, die schon länger in Deutschland leben. Sie kennen Mitarbeiter von Wohnungsbaugesellschaften. Und dann gibt es Leute wie mich, die erst seit Kurzem hier sind. Wir stellen den Kontakt zu Asylbewerbern her, die eine Wohnung suchen. Ich vermittle im Monat bis zu 30 Wohnungen jeweils für durchschnittlich 2.500 bis 3.000 Euro."

Der Ablauf sei so: Wohnungssuchende kontaktieren den Schwarzmakler und vereinbaren einen Besichtigungstermin, für den eine Anzahlung fällig wird. In der Regel kommen zu diesem Termin mehrere Interessenten, die alle eine Anzahlung geleistet haben.

"Zuerst kommt derjenige in die Wohnung, der zuerst mit dem Schwarzmakler gesprochen hat. Wenn ihm die Wohnung nicht gefällt, kommt der Nächste, und so weiter - bis jemand die Wohnung nimmt. Manchmal sagen auch alle, dass ihnen die Wohnung gefällt. Dann machen wir eine Auktion, und wer das Meiste zahlt, bekommt den Zuschlag. Das sind dann schon manchmal bis zu 3.500 Euro."

Viele Flüchtlinge können das Schmiergeld nicht aufbringen

Für viele Flüchtlinge sind das abwegige Preise. Mustafa Falaha gehört zu denjenigen, die sich das Schmiergeld nicht leisten können. Er lebt mit Frau, Tochter und Sohn seit April in einer Berliner Sammelunterkunft. Er findet keine Wohnung für sich und seine Familie. "Kaution" nennt Mustafa Falaha das Schmiergeld für die Schwarzmakler.

"Seit acht Monate sagen mir alle Wohnungsbaugesellschaften, wir haben keine Wohnungen. Aber es ist bekannt unter den Ausländern, dass, wenn du eine Kaution bezahlst, du auch eine Wohnung findest, und zwar innerhalb einer Woche. Sie fordern von uns große Geldsummen: 3.000, 5.000 und 7.000 Euro für eine Wohnung in Berlin - ich kann das nicht bezahlen."

Das Thema Schmiergeld für Wohnungen ist auch beim Flüchtlingshilfsverein Salam, zu Deutsch "Frieden", im Berliner Stadtteil Wedding seit Monaten bekannt. Hier finden Migranten Unterstützung bei Behördengängen und Ähnlichem. Houssam Aldeen lebt seit dreieinhalb Jahren in Deutschland. Der Syrer hat den Verein ins Leben gerufen. Er wollte Flüchtlinge dazu bewegen, die Schwarzmakler und deren Helfer anzuzeigen – ohne Erfolg.

"Die Leute haben große Angst. Sie sagen immer, wir sind neu hier, wir sind Ausländer, und wir können uns doch nicht beschweren. Ich würde sagen, dass 70 bis 80 Prozent der Flüchtlinge eine Wohnung durch Schwarzmakler gefunden haben."

Viele Flüchtlinge misstrauen den Behörden. Sie glauben, in Deutschland laufe es genauso wie in ihren Heimatländern, wo Korruption oft zum Alltag gehört, sagt Houssam Aldeen. Beim Deutschen Mieterbund ist bisher trotz erster Ansätze von Berichterstattung nicht bekannt, dass es Schwarzmakler gibt. Aber überrascht sei er davon nicht, sagt Ulrich Ropertz, Geschäftsführer des Deutschen Mieterbundes mit Sitz in Berlin.

"Es gibt enge Wohnungsmärkte, insbesondere bezahlbare Wohnungen sind extrem knapp. Wir haben eine hohe Nachfrage, verstärkt eben jetzt gerade durch die Flüchtlinge, die auch auf die Wohnungsmärkte kommen, und insofern kann es einen nicht ernsthaft verwundern, dass es dann auch kriminelle Machenschaften auf diesen engen Wohnungsmärkten gibt."

Ulrich Ropertz rät davon ab, beim Kampf gegen dieses Phänomen gleich nach schärferen Gesetzen zu rufen.

"Es gibt gesetzliche Regelungen, die dies auch unter Strafe stellen. Hier sind an für sich die Staatsanwaltschaften gefordert. Es gibt Bestechlichkeits-, Korruptionsstrafbestände, die muss man anwenden. Aber dazu muss man, und das ist natürlich auch das Problem, man muss Ross und Reiter kennen. Also man muss wissen, welche Makler handeln so, und welche Angestellte in Wohnungsunternehmen vergeben Wohnungen unter der Hand. Wenn man die kennt, kann man gegen die ermitteln, kann der Arbeitgeber arbeitsrechtliche Konsequenzen ziehen, und und und. Und ich glaube, mehr ist zunächst einmal gegen die kriminellen Machenschaften nicht zu tun."

Mietverträge für preiswerten Wohnraum gegen horrende Summen

Ortswechsel. Duisburg. Auch im Ruhrgebiet zahlen die Flüchtlinge oft Schmiergeld, um an eine Wohnung heranzukommen. Die beiden Syrer Wael Araibe und Ammar Hajjar stammen aus Aleppo und kamen vor rund einem Jahr nach Deutschland. Heute leben sie gemeinsam in einer 63-Quadratmeter-Wohnung. Zuerst haben sie es bei großen privaten Immobilienanbietern versucht, erzählt Wael Araibe. Doch dem 22-Jährigen wurde gesagt, dass die wenigen verfügbaren günstigen Wohnungen - wenn überhaupt an Ausländer, dann an Familien gingen. Schließlich entschieden sich die beiden jungen Syrer, einen Schwarzmakler einzuschalten. Mit einem Mal ging alles sehr schnell, erzählt Ammar Haijar.

"Ich habe den Schwarzmakler durch einen Freund kennengelernt. Er hat mir ein Video zu dieser Wohnung geschickt und gesagt, das kostet 800 Euro. Ich sagte ok, sie gefällt mir. Wir sind zusammen in die Firma gegangen. Er hat dort die Schlüssel geholt, dann haben wir die Wohnung besichtigt und sind anschließend noch einmal zusammen in die Firma gegangen. Er hat mir ein Angebot für die Wohnung gegeben und gesagt, er besorgt den Mietvertrag. Als ich das Angebot bekommen habe, habe ich 400 Euro bezahlt, und beim Mietvertrag noch einmal 400 Euro."

800 Euro sind viel Geld für die beiden. Sie mussten sich dafür verschulden, erzählen Wael Araibe und Ammar Hajjar. Sie kaufen elektronische Geräte wie Fernseher oder Laptops auf Raten - und versetzen diese wieder.

"Wir haben ein Smartphone auf Raten gekauft, es wieder verkauft und damit den Schwarzmakler bezahlt."

Alle Flüchtlinge, die über ihre Erfahrungen mit den Schwarzmaklern sprechen, erzählen ähnliche Geschichten. Ganze Familien gehen in die großen Elektronikmärkte, schließen Handyverträge ab, bekommen dafür Gutscheine und Smartphones, die sie wiederum verkaufen. Bei einer sechs- oder siebenköpfigen Familie kommt so eine Menge Geld zusammen. Was bleibt, sind die Schulden.

Ein anderer junger Syrer, der unerkannt bleiben will, erzählt über Banden, die in Duisburg den Wohnungsmarkt beherrschen.

"Wenn man eine Wohnung findet, fragen die Leute sofort, wie viel hast du bezahlt? Das ist ganz normal geworden. Eine Wohnung am Stadtrand kostet 600 bis 800 Euro, und eine Wohnung in der Nähe der Innenstadt 1.200 bis 1.500 Euro."

Ob Leipzig, Berlin oder Duisburg: Überall sind die gleichen Geschichten zu hören. Mietverträge für preiswerten Wohnraum für Gering- oder Gar-nicht-Verdiener werden auf dem Schwarzmarkt für horrende Summen gehandelt. Christian Kühn, Grünen-Sprecher für Wohnungspolitik im Bundestag, sieht die Kommunen in der Pflicht.

"Das zeigt einmal nur, wie schief unsere Wohnungsmärkte liegen, dass so ein Schwarzmarkt möglich ist. Da wird mit Menschen, die auf dem deutschen Wohnungsmarkt keine Chance im Augenblick aktuell haben, ein Geschäft gemacht, und hier muss natürlich vor allem die Kommune, die die Menschen in die Anschlussunterbringung bekommt, dafür Sorgen tragen, dass die Menschen auf wirklich Wohnraum haben. Deswegen müssen heute die Kommunen eben in sozialen Wohnungsraum investieren und auch dafür sorgen, dass diejenigen, die eine Wohnung suchen, die Flüchtlinge, dann auch von der Kommune eine Wohnung erhalten und sich nicht auf Schwarzmärkten tummeln müssen, damit sie rauskommen aus Sammelunterkünften."

Bleibt die Frage, was das überhaupt für Wohnungen sind, mit denen am Schwarzmarkt gedealt wird. Wem gehören sie – und was wissen die Eigentümer über die illegale Vergabe? In Leipzig hat sich der Syrer Ismael bei der Leipziger Wohnungsbaugesellschaft auf die Warteliste setzen lassen.

"Vor zwei Monaten bin ich zur LWB gegangen. Sie haben mir gesagt, du musst mindestens vier bis fünf Monate auf eine Wohnung warten."

Auf dem Schwarzmarkt geringerer Wartezeiten 

Andere Flüchtlinge hören bei der LWB, dass es nahezu aussichtslos sei, eine Wohnung zu erhalten. Wartezeiten von einem Jahr und länger seien die Regel. Ismael will wissen, ob der Schwarzmarkt funktioniert, und ruft in Gegenwart von Reportern des MDR einen Mann an, von dem man ihm sagte, er könne etwas vermitteln.

"Ich heiße Ismael und suche eine Wohnung. Kannst du mir helfen?"

"Ja, klar."

"Was kostet das?"

"750 Euro. Früher war es billiger. Es wird immer teurer."

"750 Euro? Wann soll ich bezahlen?"

"Einen Teil, wenn du das Angebot kriegst, und den Rest, wenn du den Vertrag unterschreibst."

Zwei Tage später trifft Ismael den syrischen Schwarzmakler und gibt ihm eine Anzahlung von 200 Euro. Der Mann erzählt, er sei nur ein kleines Licht in dem Geschäft. Der Löwenanteil des Schmiergeldes gehe an seinen Boss. Er selbst bekomme nur 50 Euro von den 800 oder 900 Euro schwarzer Courtage.

Der Mittelsmann erzählt, sein Boss habe Kontakt zu einem Mitarbeiter der LWB. Der beschaffe die Wohnungen. Und tatsächlich: Fünf Tage später übergibt der Mittelsmann Ismael ein gültiges Reservierungsangebot. Eine solche Reservierung erhält man eigentlich erst nach einer Wohnungsbesichtigung. Außerdem muss der künftige Mieter das Papier persönlich bei einem Mitarbeiter der kommunalen Wohnungsgesellschaft abholen und eine Unterschrift leisten. All das hat Ismael nicht getan - und obwohl er noch eine Woche zuvor gehört hatte, es gebe keine Wohnung für ihn, hält er jetzt eine gültige Reservierung in der Hand. Diese Reservierung trägt zwei Unterschriften: deutlich lesbar die des LWB Mitarbeiters - und ein unleserlicher Kringel.

Einen Tag später zeigt der LWB-Mitarbeiter, der die Reservierung unterzeichnet hat, Ismael die Wohnung. Bei der Gelegenheit soll er gesagt haben, wie schwer es sei, solch eine gute Wohnung zu finden, Ismael habe großes Glück.

Auch die MDR-Reporter, die diesen Vorgang begleiten, stellen fest: Die Einraumwohnung ist tatsächlich in einem sehr guten Zustand. Frisch gestrichene Wände, neues Laminat, und einen Balkon gibt es auch. Mit Glück hat das wenig zu tun, immerhin soll Ismael für die Wohnungsvermittlung insgesamt 750 Euro bezahlen.

Kurz nach der Besichtigung ruft der arabisch-stämmige Boss des Schwarzmaklers an. Er will nun das restliche Geld und erzählt, er sei derjenige, der die Reservierungsangebote in der LWB anstelle des Mieters unterschreibe. Ismael verabredet mit dem Mittelsmann einen Termin, angeblich um das restliche Geld zu übergeben. Von Ismael und den Reportern damit konfrontiert, dass er ein Krimineller sei, gesteht er sofort.

"Das läuft seit anderthalb Jahren."

Kein Schwarzmarkt ohne Korruption

Der Mann erzählt, er habe mindestens sechs dieser Reservierungsangebote innerhalb einer Woche verkauft. Den Mitarbeiter der Leipziger Wohnungsbaugesellschaft kenne er aber nicht. Das mache alles der Boss, der seit Jahren in Leipzig lebe und gut deutsch spreche. Der habe die wichtigen Kontakte. Die Geschäftsführung der Leipziger Wohnungsbaugesellschaft ist entsetzt über die Recherchen, stellt sie aber nicht infrage. Dass gültige Reservierungsangebote und Mietverträge für ein paar hundert Euro auf dem Schwarzmarkt gehandelt werden, ist hier bislang nicht bekannt. Geschäftsführerin Gabriele Haase kündigt Konsequenzen an:

"Wir werden schauen, ob es uns möglich ist, genau zuzuordnen, welcher Anteil an dieser kriminellen Energie von unserem Mitarbeiter ausgegangen ist, und werden die notwendigen und möglichen arbeitsrechtlichen Schritte unternehmen, um diesen Mitarbeiter auch zu bestrafen, um auch den Verdacht von der LWB zu lenken, dass hier so etwas üblich, möglich ist."

"Werden Sie die Staatsanwaltschaft einschalten?"

"Ich denke, wenn wir nicht selbst imstande sind, die Recherche hinreichend genau durchzuführen, werden wir auch die Staatsanwaltschaft einschalten."

Mittlerweile ist der verdächtige Mitarbeiter innerhalb des Unternehmens versetzt worden. Doch wo immer es einen Schwarzmarkt mit billigen Wohnungen gibt, muss es auch Mitarbeiter bei den privaten wie kommunalen Immobiliengesellschaften geben, die mit den Schwarzmaklern zusammenarbeiten und diesen – wahrscheinlich gegen Geld - die Wohnungen zuschanzen: kein Schwarzmarkt ohne Korruption. Ulrich Ropertz, Geschäftsführer des Deutschen Mieterbundes, rät den Wohnungsanbietern deshalb, ihre internen Abläufe zu überdenken.

"Ich denke, die großen Wohnungsunternehmen, die hiervon betroffen sind, die müssten die Vermietungsstrukturen auf den Prüfstand stellen, dass nicht einzelne Mitarbeiter allein über die Vergabe der Wohnung entscheiden können, quasi Wohnungen zurückhalten, gar nicht in die offizielle Vermietung geben, und damit überhaupt das Reservoir an Wohnungen schaffen können, die dann unter der Hand schwarz vermietet werden können."

Berlin und das geplante Generalmietermodell

In Berlin soll demnächst ein ganz anderer Weg beschritten werden, wenn es nach dem neuen rot-rot-grünen Senat geht. Die Stadt will ein sogenanntes Generalmietermodell testen. Caren Lay, wohnungspolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag:

"Die Kommune mietet dann Wohnungen an und vergibt sie dann an Geflüchtete, an Obdachlose oder an viele andere, die es ansonsten schwierig hätten, auf dem freien Wohnungsmarkt eine Wohnung zu finden. Ich denke, das wäre eine gute Alternative, die dann auch kein Einfallstor für Korruption und Bestechung liefern würde."

Die Große Koalition hat sich bisher mit diesem Thema nicht befasst. Bisher geht das Geschäft mit Wohnungen weiter. Wer recherchiert, findet starke Hinweise überall, in Halle, in Kiel und eben auch Berlin. In der Hauptstadt steigen die Preise unaufhaltsam. Sprach der Schwarzmakler im Sommer noch von rund 3.000 Euro, sind es im November 5.000 Euro, die im Schnitt verlangt werden. 80 Wohnungen habe er in den vergangenen vier Wochen vermittelt, erzählt der Mann. Macht einen Umsatz von 400.000 Euro, illegal und an der Steuer vorbei.

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