Interview / Archiv /

 

"Das Gesetz spart insgesamt Millionen ein"

Gesundheitsminister Bahr verteidigt Nationalen Krebsplan

Daniel Bahr im Gespräch mit Jürgen Liminski

Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) will Krebsvorsorge ausweiten.
Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) will Krebsvorsorge ausweiten. (picture alliance / dpa / Wolfgang Kumm)

Die geplante Einführung eines Krebsregisters und einer systematischen Erfassung von Patientendaten komme "unmittelbar auch den Krankenkassen zugute", sagt Daniel Bahr. Der Bundesgesundheitsminister (FDP) ergänzt, dass ein früh erkannter Krebs dann nicht so teuer in der Behandlung sein werde.

Jürgen Liminski: Krebs ist für viele Menschen eine Todesdiagnose, muss aber nicht sein. Zwar wächst die Zahl der von bösartigen Tumoren befallenen Menschen rapide, aber auch die Forschung ruht nicht. Grundlage für die Forschung sind Erkenntnisse aus den Therapien in den verschiedenen Krebszentren. Diese Daten zusammenzufassen, ist ein Ziel des nationalen Krebsplans, der aber bei einigen Fachleuten umstritten ist.
Mitgehört hat Bundesgesundheitsminister Bahr, der den nationalen Krebsplan den Kollegen im Kabinett vorlegen wird. Guten Morgen, Herr Bahr.

Daniel Bahr: Schönen guten Morgen, Herr Liminski.

Liminski: Herr Bahr, Krebs ist mit jährlich mehr als 218.000 Todesfällen die zweithäufigste Todesursache in Deutschland. Im Jahr 2010 verstarb jeder Vierte an Krebs. Die Zahl der Krebsneuerkrankungen pro Jahr steigt stetig. Wie will, wie kann man mit dem neuen Krebsplan diesen Trend stoppen?

Bahr: ... , indem wir zwei ganz vordergründige Ziele jetzt umsetzen. Das eine ist, bei der Krebsfrüherkennung besser zu werden. Es wird jetzt neben Brustkrebs, wo es ja schon Einladungen zur Früherkennung für ältere Frauen gibt, künftig auch Einladungen zur Früherkennungen bei Darmkrebs und Gebärmutterhalskrebs geben. Das heißt, alle Deutschen werden ab einem bestimmten Alter eingeladen, können sich informieren und dann eine Früherkennungsuntersuchung insbesondere bei Darmkrebs machen, denn Darmkrebs ist die zweithäufigste Krebserkrankung, sowohl bei Männern als auch bei Frauen. Insofern lohnt es sich hier, weil wir Erkenntnisse haben, dass durch Früherkennung früher festgestellt werden beziehungsweise damit auch teuere und sehr belastende Chemotherapie verhindert werden kann.

Das zweite ist: Wir haben Unterschiede in der Versorgung, und durch die klinischen Krebsregister können wir jetzt dazu die Qualität der Krebsbehandlung deutlich verbessern, wenn wir wirklich die Daten alle im Umgang mit dem Patienten sammeln und dann auswerten und sehen, welcher Behandlungspfad, welche Behandlungsmethode verspricht wirklich den größten Erfolg, und davon können dann insbesondere die Patienten und Versicherten auch profitieren. Das heißt, das Gesetz verhindert die Krebsausbreitung und vor allem verbessert die Behandlung bei Krebs. Insofern ist das ein Fortschritt für Patienten und Versicherte.

Liminski: Ein Kritikpunkt lautet, der Plan, das Register sei nur Wissenschaftlern zugänglich. Bleibt es dabei?

Bahr: Nein. Schon heute sind Krankenkassen dabei und stellen Informationen auch den Versicherten zur Verfügung, beraten und informieren über die Krebsbehandlung, wo man auch welche Behandlung in Anspruch nimmt. Das ist auch sinnvoll. Aber die klinischen Krebsregister dienen ja dazu, dass ein Krankenhaus auch im Vergleich zu anderen Krankenhäusern sieht, wo steht es in der Krebsbehandlung und wie kann es besser werden und dass sie Erkenntnisse daraus ziehen. Ich will ein Beispiel nennen: Beim Brustkrebs wurden früher, wenn bei der Frau eine Behandlung war, häufig auch die Lymphknoten, alle Lymphknoten in der Achsel entfernt. Das war für die Frau sehr, sehr schmerzhaft, häufig auch mit einer großen psychischen Belastung verbunden. Aus den bisherigen Krebsregistern, die es ja teilweise schon in Deutschland gibt, konnte man Erkenntnisse schließen, dass das gar nicht immer der Fall sein muss, sondern nur in Ausnahmefällen wirklich Lymphknoten entfernt werden müssen. Das hat zu einer deutlichen Verbesserung der Behandlung und vor allem für den Lebenskomfort auch der Frau beigetragen. Das heißt, solche Erkenntnisse sind ganz wichtig, um die Behandlung in Deutschland zu verbessern, und das muss überall in Deutschland der Fall sein. Alle Kliniken müssen sich messen lassen und müssen ihre Qualität verbessern, indem sie auch sehen, was machen andere besser, um davon profitieren zu können, und dann profitieren auch Versicherte und Patienten davon, wenn sie dann sehen, wie eine Versorgung überall in Deutschland auch verbessert und gewährleistet wird. Wir wollen ja nicht nur, dass in einigen wenigen Zentren bekannt wird, dass es dort gut ist, und dort es dann zu Wartezeiten kommt - dann hätten die Krebspatienten überhaupt nichts davon, wenn sie lange Wartezeiten haben, bis sie eine Behandlung haben -, sondern wir wollen gewährleisten, dass regional überall die bestmögliche Versorgung auch erreicht wird.

Liminski: Der AOK-Bundesverband ist gegen den Plan. Der Vorstand verlangt eine Neuordnung der Kliniklandschaft, das bleibe Ihr Gesetzentwurf schuldig.

Bahr: Das kann ich so nicht teilen, aber ich bin es auch langsam leid. Wissen Sie, jahrelang wurde in dem nationalen Krebsplan von allen Partnern diskutiert und es wurde immer alles kritisiert und jeder hat seine eigene Position eingenommen, insbesondere natürlich auch immer aus dem Finanzaspekt, und wir kamen nicht weiter. Ich habe alle an einen Tisch geholt und habe gesagt, wir konzentrieren uns jetzt darauf, dass jeder seine Aufgabe übernimmt. Ich weiß, dass die Krankenkassen immer aus Finanzgesichtspunkten das eine oder andere kritisch sehen, weil sie sagen, das sollen andere tragen, das soll nicht so viel Geld kosten. Ich glaube, wir haben uns jetzt alle auf einen guten Weg verständigt. Die klinischen Krebsregister sind deutlich besser als das, was die AOK verlangt. Die AOK will ein nationales Register, aber das eine nationale Register wäre nur eine Verwaltung von Daten. Wir wollen aber, dass in den Regionen geschaut werden kann, wo steht ein Krankenhaus, wie ist die Behandlung dort, wie ist sie im Vergleich zu anderen Regionen. Erst dann können wir etwas davon lernen, als dass wir nur deutschlandweit in einem Register Daten sammeln. Das ist zwar billiger, bringt uns aber in der konkreten Ausgestaltung einer besseren Krebsbehandlung überhaupt nicht voran. Deswegen: Als Gesundheitsminister muss man immer mit Kritik rechnen, haben wir jahrelang erlebt beim Krebsplan. Jetzt sind wir aber vorangekommen, alle haben sich auf den Weg geeinigt und den sollten wir jetzt beschreiten und nicht wieder infrage stellen.

Liminski: Die Kassen kritisieren oft, dass die Kosten an ihnen hängen bleiben. Wie hoch sind die überhaupt?

Bahr: Aber die Kosten kommen ja auch unmittelbar den Kassen zugute, denn die Früherkennung - das ist ein teueres Verfahren, wenn die Einladung ist; das muss jetzt ausgestaltet werden, wenn alle Deutschen ab einem bestimmten Alter eingeladen werden zur Früherkennung; da ist noch nicht entschieden, wie teuer die Früherkennungsuntersuchung dann wird, da haben die Kassen ja auch Einfluss darauf, gute Preise zu verhandeln. Aber das kommt ja unmittelbar auch den Krankenkassen zugute, denn ein früh erkannter Krebs wird danach nicht so teuer in der Behandlung sein. Das heißt, das Gesetz insgesamt spart Millionen ein. Auch die Investitionen in die Krebsregister sparen, denn bessere Behandlung wie das Beispiel eben einer Vermeidung von Lymphknotenentfernung spart ja auch Geld. Das heißt, insgesamt wird dieser Krebsplan, wird dieses Krebsgesetz in den nächsten Jahren eher Millionen bei den Krankenkassen einsparen, als dass es zusätzlich kostet.

Liminski: In der Politik wird gern mit dem Begriff der Alternativlosigkeit operiert, wenn man eine Diskussion vermeiden oder verkürzen will. Gibt es zu dem Krebsplan eine Alternative?

Bahr: Ich glaube, dass der Krebsplan insofern ein sehr guter Fortschritt ist, weil alle Verantwortlichen sich jetzt auf ihre Aufgaben konzentrieren und nicht mehr die Verantwortung hin- und herschieben. Wir sind international dafür gelobt worden auf einem großen, auf dem großen Krebskongress der Welt vor kurzer Zeit in Amerika, dass wir so weit gekommen sind jetzt, dass es diesen Krebsplan gibt. Da sind andere Länder noch nicht so weit. Das ist, glaube ich, der Fortschritt, da sind wir auch ein bisschen jetzt froh darum, dass wir diesen Durchbruch haben. Deswegen glaube ich, ist das ein gutes Gesetz und das muss jetzt auf den Weg kommen.

Liminski: Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr zum neuen Krebsplan und Register, das heute vom Kabinett verabschiedet werden soll. Besten Dank für das Gespräch, Herr Bahr.

Bahr: Vielen Dank auch.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.



Mehr bei deutschlandradio.de

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Interview

Syrienkonferenz"Heute entscheidet sich die Hilfe für 2015"

Der Berliner Büroleiter des UN-Welternährungsprogramms, Ralf Südhoff, aufgenommen am 20.04.2012 in Niamey, Hauptstadt von Niger.

Vor der Syrienkonferenz der UNO in Berlin fordert das Welternährungsprogramm schnelle und verbindliche Zusagen für Hilfen für Millionen von Flüchtlingen. "Sonst müssen wir unsere Hilfe im Januar einstellen", sagte Ralf Südhoff, Direktor des Welternährungsprogramms in Deutschland, im Deutschlandfunk.

Erbschaftssteuer-Urteil"Ich mache mir keine Illusionen"

Porträtbild des SPD-Politikers Klaus Barthel

Wie umfangreich wird die große Koalition die Regeln für die Besteuerung von Unternehmen ändern? So weit, "wie wir mit CDU/CSU kommen", sagte der SPD-Wirtschaftspolitiker Klaus Barthel im Deutschlandfunk. Eine "gründliche Änderung" sei wohl nicht möglich – aber notwendig.

USA ändert Kuba-Kurs"Ein mutiger Schritt"

John Kornblum, ehemaliger US-Botschafter in Deutschland

Als "Zeitenwende" bezeichnet der ehemalige US-Botschafter in Deutschland, John Kornblum, die Annäherung zwischen USA und Kuba. Kern der Konfrontation sei aber das Wirtschaftsembargo, und das bestehe zunächst weiter, betonte er im Deutschlandfunk.

 

Interview der Woche

TarifeinheitsgesetzBDA: Nur Rückkehr zu alten Regeln

Ingo Kramer, Präsident der Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände

Ingo Kramer, Präsident der Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände, begrüßt den Gesetzentwurf zur Tarifeinheit. Bei der Regelung, dass nur die mitgliederstärksten Gewerkschaften im jeweiligen Unternehmen Tarifverträge durchsetzen dürfen, gehe es keinesfalls darum, die Macht kleiner Gewerkschaften einzugrenzen, sagte Kramer im DLF.

Koalition in ThüringenKraft kann sich Rot-Rot-Grün im Bund nicht vorstellen - zurzeit

Hannelore Kraft, Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen

Auch nach der Wahl von Bodo Ramelow zum Ministerpräsidenten in Thüringen kann sich die stellvertretende SPD-Bundesvorsitzende Hannelore Kraft ein rot-rot-grünes Bündnis auf Bundesebene nicht vorstellen. Die Linkspartei habe eine "sehr extreme Position im Bereich der Außenpolitik". Allein daran würde es letztendlich wohl scheitern.

SPD-Fraktionschef Oppermann"Wir sind nicht die Steuererhöhungspartei"

Der Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, Thomas Oppermann, steht am 11.02.2014 im Reichstag vor einem Mikrofon.

SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann ist dafür, den "Soli" beizubehalten - er warnt die Partei aber vor einer neuen Debatte über einen höheren Spitzensteuersatz und die Wiedereinführung der Vermögenssteuer. Zudem erklärt er, warum er die Linke auf Bundesebene nicht für regierungsfähig hält.