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Das Gesicht der PDS

Jens König: Gregor Gysi. Eine Biographie

Von Otto Langels

Gregor Gysi, PDS, spricht auf dem PDS-Parteitag in Berlin (AP)
Gregor Gysi, PDS, spricht auf dem PDS-Parteitag in Berlin (AP)

Vor zehn Jahren legte Gregor Gysi unter dem Titel "Das war’s - noch lange nicht" autobiographische Notizen vor, wie er es damals nannte. Doch erst in diesen Tagen erscheint die erste umfassende Biographie über den Mann, der im Wendewinter 89 zu dem Gesicht der zur PDS mutierten SED avancierte und der gerade als Spitzenkandidat der Linkspartei zum x-ten Mal seine politische und mediale Wiederauferstehung feiert. Autor der Biographie ist Jens König, heute Leiter des taz-Parlamentsbüros. Zwar erfährt der Leser – soviel sei vorweggenommen – nichts Neues über die Gysi immer wieder vorgeworfenen Verwicklungen mit der Stasi, aber trotzdem ist das Buch eine solide, lesenswerte Sache – meint unser Rezensent Otto Langels.

Wer Gregor Gysi besser verstehen wolle, müsse seine außergewöhnliche Familiengeschichte kennen, meint der Autor Jens König und hat deshalb im Grunde eine Doppel-Biographie geschrieben: die des Juristen und PDS-Politikers Gregor Gysi sowie die seines Vaters, des ehemaligen DDR-Kulturministers Klaus Gysi. Die Familiengeschichte hat allerdings ein Manko: Weder Gregor Gysi noch seine engsten Verwandten gaben für das Buch Interviews. Er finde eine Biographie über sich zu Lebzeiten nicht angemessen, ließ der PDS-Politiker den Autor wissen. Was Gysi freilich nicht hinderte, bereits vor zehn Jahren "autobiographische Notizen" zu veröffentlichen.

So beruht die Darstellung von Jens König auf vielen Gesprächen mit Zeitzeugen aus dem Umfeld der Gysis. Herausgekommen ist eine durchaus kritische Biographie, in der aber auch Wohlwollen und mitunter sogar Bewunderung für eine in vielerlei Hinsicht außergewöhnliche Person durchschimmert.

PDS-Werbespot: "Don’t worry, take Gysi, mach' dir nen Kopf, wähl Gysi. Für demokratische Gleichstellung, für gesicherte Rechte der Jugend, für Kompetenz und Toleranz stehen Gregor und Hans. "

Gregor Gysi, den hier die PDS in einem Wahlspot aus dem Jahr 1990 feiert, und sein Vater Klaus sind sich in vielem ähnlich, nicht nur in ihrer äußeren Erscheinung, sondern auch in ihrem Auftreten, im bürgerlichen Habitus, im rhetorischen Talent, in ihrer Anpassungsfähigkeit und Wendigkeit. Eigentlich, so legt Jens König nahe, wiederholt Gregor Gysi in seiner Karriere das, was sein Vater in der DDR vorgelebt hatte - allerdings unter anderen politischen Vorzeichen.

"Klaus Gysi war gewiss einer der ungewöhnlichsten Politiker, den die DDR je hervorgebracht hat. Er verkörperte fast perfekt den Typus des Medienpolitikers, noch bevor die westliche Mediengesellschaft überhaupt erfunden war. Stil war ihm ebenso wichtig wie Inhalt. Er wusste aus Erfahrung, dass die politische Linie, selbst in einer quasireligiösen Vereinigung wie seiner Partei, nichts Unabänderliches war. Deshalb nahm er seine eigenen Festlegungen selbst nie ganz ernst. Er besaß großes diplomatisches Geschick und verstand sich gekonnt auf die Kunst des Ausweichens. "

Klaus Gysi stand, wie Jens König an zahlreichen Beispielen zeigt, im Zweifelsfall immer auf Seiten der Mächtigen in der DDR, d.h. der jeweiligen SED-Führung. Er stammte aus einem bürgerlichen Elternhaus. Die Mutter trat 1923 in die kommunistische Partei ein, er selbst wurde 1931 Mitglied der KPD. Während der NS-Zeit waren er und seine spätere Frau Irene im kommunistischen Widerstand. 1940, als sie sich im französischen Exil befanden, erteilte ihnen die illegale KPD-Leitung den Auftrag, nach Deutschland zurückzukehren. Ein Himmelfahrtskommando, denn Klaus Gysi stammte aus einer jüdischen Familie. Die gesamte mütterliche Verwandtschaft wurde von den Nazis ermordet. Dennoch beugten sich beide der Anweisung der Partei, so wie sie bis zum Untergang der DDR der SED treu blieben. Die kommunistische und antifaschistische Tradition ist eine wichtige Seite im Leben des Gregor Gysi, der bürgerlich-jüdische Hintergrund der Familie eine andere. Die Gysis waren über Generationen hinweg Ärzte. Die Mutter kam aus einer Industriellenfamilie mit adligen Vorfahren. Ihr Bruder Gottfried heiratete die Schriftstellerin Doris Lessing. Die Weitläufigkeit pflegte die Familie auch im engen, spießigen Arbeiter- und Bauernstaat, schreibt Jens König.

"Gregor Gysi genoss nämlich das größte natürliche Privileg, das die DDR zu vergeben hatte - eine außergewöhnliche Herkunft. Er ist der Sohn von antifaschistischen Widerstandskämpfern. Von Siegern der Geschichte. Das Heldenkind Gregor Gysi wächst auf in der Gewissheit, dass ihm die Zukunft gehören soll. "


Zu Hause kümmerte sich ein Kindermädchen um ihn und seine Schwester, während die Eltern Karriere machten. Die Mutter leitete mehr als zwei Jahrzehnte die Hauptabteilung Internationale Beziehungen im Kulturministerium. Der Vater übernahm 1957 den Aufbau-Verlag und rechnete erbarmungslos mit seinem Vorgänger Walter Janka ab, der als so genannter Konterrevolutionär verhaftet und verurteilt wurde. Ein Jahr zuvor ließ Klaus Gysi sich vom Ministerium für Staatssicherheit als "Geheimer Informator" anwerben. Bis 1963 spitzelte er für die Stasi. 1966 wurde er Kulturminister. Im selben Jahr begann Gregor Gysi sein Jura-Studium und entschloss sich, der SED beizutreten.

"Gregor Gysi bleibt im Bannkreis seines Vaters. Beide wollen dasselbe – den Sozialismus, nur ein bisschen menschlicher und demokratischer als den realen in der DDR. Doch das ist für sie kein Grund zur Rebellion. "

1971 wird Gregor Gysi mit 24 Jahren der jüngste Rechtsanwalt der DDR, was an seinen herausragenden Leistungen liegt, aber auch daran, dass er sich erfolgreich um den Wehrdienst drückt. Und er ist ehrgeizig, er will aufsteigen – wie sein Vater.

"Für Gregor wäre es die größte Beleidigung, wenn man ihm vorwerfen würde, nur durchschnittlich zu sein", sagt Peter-Michael Diestel, sein Freund und Anwaltskollege. "Er muss immer der Beste sein. Die Nummer eins. "

Gysi sucht die Herausforderung, die Provokation, aber er überschreitet nicht die Grenze zum offenen Widerstand. Er verteidigt Regimegegner wie Rudolf Bahro und Robert Havemann, doch er protestiert nicht, als gegen Kollegen ein Berufsverbot verhängt wird.

Die Frage aller Fragen, ob Gregor Gysi Inoffizieller Mitarbeiter der Stasi war, kann – wie viele andere vor ihm - auch Jens König nicht beantworten. Dafür fehle der Beweis. Doch Gysi habe bis heute seine komplizierte Anwaltstätigkeit im Spannungsfeld zwischen Staatsmacht und Opposition nicht überzeugend erklärt. Dennoch gelte: Im Zweifel für den "Angeklagten" Gysi. Im November 1989, als in den Wirren der Wendezeit die SED unterzugehen droht, wird über Nacht aus dem Juristen Gregor Gysi ein bekannter Politiker, der sich an die Spitze der Partei setzt.

"Genossen, wir haben jetzt das Sagen, aber nicht, um Vertrauen erneut zu verspielen, sondern damit wir selber entscheiden können, was aus dieser, unserer Partei wird. (Beifall). "

Gregor Gysi ist ein politisches Naturtalent. Er kann komplizierte Zusammenhänge leicht aussehen lassen, auf Menschen zugehen und ihre Sprache sprechen. Die Ostdeutschen sehnten sich nach jemandem, der ihre Hoffnungen und ihre Leiden verkörpert. Gysi mit seinem Charisma, seinem Verstand und seiner Ironie hat die PDS gesellschaftsfähig gemacht, aber im Grunde sind ihm die Mühen des politischen Alltags zuwider. Er sei an Macht im herkömmlichen Sinne ohnehin nicht interessiert, meint Jens König.

"Er möchte nicht kraft eines politischen Amtes wirken, sondern kraft seiner Person. Macht bedeutet für ihn nicht die Herrschaft über einen Apparat. Ihn interessiert höchstens die Macht über ein Publikum. "

Der Autor charakterisiert Gysi als Politiker für die Ausnahmesituation, als historische Übergangsfigur. Insofern waren seine diversen Rücktritte von politischen Ämtern nur konsequent. Seinen Rückzug von der PDS-Spitze kündigte er seinerzeit mit der Bemerkung an, jetzt sei der Wechsel zum "ganz normalen Politiker" notwendig.

"Jene, die hofften, ich verlasse für immer die politische Bühne, muss und will ich enttäuschen. Dann also Tschüss, das war’s – noch lange nicht. "

Seine Eitelkeit, seine maßlose Selbstüberschätzung, sein Glaube, unersetzbar zu sein, seine Geltungssucht und Abhängigkeit von den Medien erklären den Rücktritt vom Rücktritt im Jahr 2005. Er hat sich nicht weniger vorgenommen, als die deutsche Linke zu retten. Dank Jens Königs gut lesbarer Biographie, die dem Leser den schillernden Ausnahmepolitiker Gregor Gysi näher rückt, kann einen dieser Schritt nicht mehr überraschen.

Otto Langels über Jens König: Gregor Gysi. Eine Biographie. Rowohlt Verlag Berlin, 346 Seiten für 19 Euro und 90 Cent.

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