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StartseiteBüchermarktDas Grauen Stalins veranschaulichen18.03.2012

Das Grauen Stalins veranschaulichen

Buch der Woche: Jörg Baberowski: "Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt"

Bei Stalin konnte man sich auf nichts verlassen. Es regierte das Morden nach Quote. Jörg Baberowski beschreibt in seinem Buch die Brutalität des Regimes - und bezeichnet sie letztendlich als Schwäche.

Von Martin Ebel

Josef Stalin: Das Grauen regierte. (AP)
Josef Stalin: Das Grauen regierte. (AP)

Es gibt Ereignisse der jüngeren Geschichte, die lassen einem keine Ruhe, auch wenn sie hinreichend erforscht und literarisch vielfach zur Anschauung gebracht worden sind. Das Dritte Reich gehört dazu. Und die Tatsache, dass das große russische Reich von einer kleinen Gruppe fanatischer Revolutionäre gekapert und auf Jahrzehnte in ein riesiges Straflager verwandelt werden konnte. Nie lagen hehre Ziele und höllische Realität weiter auseinander als im Sowjetkommunismus. Wohl keine Familie, die in jener Zeit nicht ein Mitglied verloren hatte, erfroren im Gulag, verhungert in der Deportation, erschossen in einem Keller der Geheimpolizei. Dass das neue Russland sich mit dem Aufbau einer Zivilgesellschaft so schwertut, hat auch mit dieser Vorgeschichte zu tun.

Auch manchem Historiker lässt der Stalinismus keine Ruhe. Jörg Baberowski, Professor für die Geschichte Osteuropas an der Humboldt-Universität Berlin und einer der besten Kenner der Materie, hat 2003 unter dem Titel "Der rote Terror" eine vorzügliche Darstellung des stalinistischen Herrschaftssystems vorgelegt. Ihm selbst gefällt sie allerdings heute nicht mehr. Als er den Auftrag bekam, sein Buch für eine Übersetzung ins Englisch zu überarbeiten, nahm er es sich wieder vor und machte eine irritierende Beobachtung:

"Je mehr ich las, desto größer war die Enttäuschung. Es war eine Qual, das eigene Buch zu lesen, dessen Sätze und Diktion mir nicht mehr gefielen. Vieles von dem, was einmal für richtig gehalten werden konnte, erschien mir sieben Jahre später als Unfug. Schon nach wenigen Wochen arbeitete ich nicht mehr am alten, sondern am neuen Buch."

Auch wenn man das strenge Urteil nicht teilt: Die Begründung für die Revision leuchtet ein. 2003 faszinierte den Autor die These des polnischen Soziologen Zygmunt Bauman, der Stalinismus gründe letztlich im Ordnungswahn, in einer "Angst vor Ambivalenzen", er habe die verwirrende Vielfalt der Realität gewaltsam auf einen, seinen Nenner bringen wollen.

Eine schöne These, aber doch nur eine Behauptung, meint Jörg Baberowski heute. Er hat in den letzten Jahren sehr viel über den Stalinismus gelesen; vieles ist auch erst seit Kurzem für die Forschung zugänglich: die stenografierten Protokolle der ZK-Sitzungen, der Schriftverkehr zwischen der Zentrale und den Provinzen, die persönlichen Papiere der wichtigsten Führer von Staat und Partei, die Telegramme mit den Direktiven Stalins.

Vor allem aufschlussreich waren die Akten des NKWD, jenes Geheimdienstes, der auch einmal GPU oder KGB hieß und wertvolle Informationen über Armut und Widerstand enthält. Die Institution mit den furchterregenden Kürzeln wusste am besten, was im Land los war. Was diese Dokumente, was auch die persönlichen Zeugnisse vieler Sowjetbürger zu sagen haben, spricht für ein anderes Erklärungsmuster als Baumanns These von der Sehnsucht nach Einheitlichkeit.

Im Zentrum des neuen Buches steht die Gewalt, stehen die, die sie ausübten: Stalin und seine Komplizen und Handlanger. Der Kommunismus war nicht die Begründung ihrer Untaten, sondern lediglich deren Rechtfertigung. Nimmt man die idealistische Spitze weg, die viele Interpreten den Revolutionären noch zugestehen wollen, so bleibt der nackte Terror.

Dieser Ansatz wäre möglicherweise vor einiger Zeit unter ein politisches Verdikt gefallen: Man hätte dem Autor Personalisierung und Dämonisierung vorgeworfen und nach Strukturen und ökonomischen Zusammenhängen gefragt, ähnlich wie in der Geschichtsschreibung des "Dritten Reichs". Diese dogmatische Verengung ist vorüber, man kann sich unvoreingenommen an die Deutung der Fakten – aller Fakten – machen. Das ist auch dem neuen Stalinismus-Buch von Jörg Baberowski zugute gekommen, das schon jetzt, kurz nach Erscheinen, als Standardwerk gelten kann. Eine derart umfassende und durchdringende Darstellung der Herrschaft Stalins ist derzeit auf dem Buchmarkt nicht zu haben.

Russland war, schon bevor die Bolschewiki sich an die Macht putschten, ein Gewaltraum. Im Dorf regierte die Knute, im Militär prügelten Offiziere ihre Soldaten. Im Ersten Weltkrieg brachen alle Dämme. 1917 tobten die zurückflutenden Bauernsoldaten ihren doppelten Frust - über die Erniedrigungen zu Hause, über die katastrophalen Verhältnisse an der Front - an den Städtern aus. Maxim Gorki, den Baberowski zitiert, wie er sich oft der Anschaulichkeit der Schriftsteller bedient, reagierte entsetzt über die Exzesse und entlarvte die oft bekundete Liebe der Intelligenzia zum Volk als naiv und ignorant:

"Ich sage offen, dass Leute, die so viel von ihrer Liebe zum Volk reden, immer Argwohn und Misstrauen in mir wecken. Ich frage mich und ich frage auch sie: Lieben sie wirklich jene Bauern, die sich mit Schnaps betrinken, bis sie zu toben beginnen und ihre schwangeren Frauen in den Bauch treten? Jene Bauern, die viele Tausend Zentner Getreide zur Herstellung von Selbstgebranntem verbrauchen und die verhungern lassen, von denen sie geliebt werden? Jene Bauern, die einander bei lebendigem Leib begraben, die auf offener Straße grausame Lynchjustiz üben und es genießen, wie ein Mensch tot geprügelt oder im Fluss ertränkt wird?"

Lenin erkannte, dass das Gewaltmonopol zerfallen war und die Macht nun auf der Straße lag. Er ergriff sie und setzte sie nach einem unvorstellbar grausamen Bürgerkrieg gegen alle Widersacher und Erwartungen durch. Baberowski hält Lenin für einen "bösartigen Schreibtischtäter". Überhaupt hatte schon die erste Generation der Revolutionäre kein Problem mit hohen Opferzahlen. Grigori Sinowjew, Parteichef von Petrograd, erklärte Ende September 1918:

"Um unsere Feinde zu überwinden, brauchen wir unseren eigenen sozialistischen Militarismus. Von der einhundert Millionen zählenden Bevölkerung Sowjetrusslands müssen wir 90 Millionen mit uns nehmen. Was den Rest angeht, so haben wir ihm nichts zu sagen. Er muss vernichtet werden."

Sinowjew wurde dann später eines der Millionen Opfer Stalins. Wenn Lenin und seine Gefährten rücksichtslos mit ihren Gegnern verfuhren und summarische Todeslisten abzeichneten, so war für sie Gewalt bloß ein Mittel, um zu siegen.

Stalin dagegen, der ab Mitte der 20er-Jahre die sowjetische Politik dominierte, war ein lustvoller Gewalttäter. Und er zog seinesgleichen nach: primitive Provinzler mit vielfach eigener Gewaltbiografie und kriminellem Hintergrund, die einen proletarischen Männlichkeitskult pflegten und Konflikte mit Beleidigungen und Faustschlägen austrugen.

Stalin verstrickte sie in seine Verbrechen und schickte sie dann in die Provinz, damit sie dort seine Methoden umsetzten. Der Terror war die Feuertaufe des stalinistischen Funktionärs. Ein dichtes Netz an Kontrollinstanzen sorgte dafür, dass sie immer in seiner Schuld standen und jederzeit gestürzt werden konnten. Stalins Beziehung zu seinen Untergebenen ist den Verhältnissen in einem Mafia-Clan vergleichbar, mit Ausnahme vielleicht der Verlässlichkeit, die dort immerhin gilt, und dem berechenbaren Austausch von Loyalität.

Bei Stalin konnte man sich auf nichts verlassen.

Wer ihm nahe stand, wer seine Hände für ihn mit Blut befleckt hatte, stand genauso schnell vor dem Erschießungspeloton, wie irgendein armer Bauer aus Sibirien. Der Terror war unberechenbar und er war grenzenlos.

Stalins berüchtigter Befehl 00447 führte 1937 das Töten nach Quote ein, bei dem das Individuum erst in einer Kategorie verschwindet, bevor es auch physisch verschwindet. "Besser zuviel, als zuwenig" fügte der Diktator als Erläuterung hinzu, weshalb die Planziffern meist übertroffen wurden.

Baberowskis Material lässt keinen Zweifel daran, dass die monströse Vernichtungspolitik von Stalin selbst und unmittelbar ausging und in allen Schritten von ihm begleitet wurde. "Schlagen, schlagen", schrieb er an den Rand von Verhörprotokollen. Er ließ einstige Weggefährten zwischen Folterkeller und Exekutionspeloton in sein Arbeitszimmer bringen und weidete sich an ihren Schmerzen und Demütigungen. Selbst seinen treuen Sekretär packte er gern an den Haaren und knallte seinen Kopf auf die Tischplatte.

"Wir müssen uns Stalin als einen glücklichen Menschen vorstellen, der sich an den Seelenqualen seiner Opfer erfreute."

So Baberowski in einer grausigen Adaption des berühmten Satzes von Albert Camus. Auf Beschwerden, Klagen, Bittrufe, die ihn von Bürgern oder auch Verantwortlichen aus den Provinzen erreichten – denn er war sehr wohl genau informiert über alles Schreckliche, was geschah – reagierte er zynisch oder sogar mit der Bestrafung des Beschwerdeführers.

Die Sinnlosigkeit, mit der die Mordmaschine wütete, macht den Leser sprachlos. Den Autor, gesteht er im Vorwort, hat die Gewalt bis in den Schlaf verfolgt. Wozu die ständigen Kampagnen gegen Spione und Saboteure, die Säuberungswellen, welche die Partei zerfraßen und sogar den Geheimdienst, die Vernichtung fast der kompletten militärischen Führung? Wozu die Kulakenkampagne, dieser Krieg gegen die Bauern, wie Baberowski sie nennt, ein Krieg, der eine schreckliche Hungersnot auslöste? Wozu die Umsiedlungen, Deportationen, die ethnischen Säuberungen ganzer Völker? Baberowskis Erklärung hat im Wesentlichen zwei Aspekte: Die Gewalt selbst als normales Mittel der Politik und der Ausnahmezustand als ständig herbeigeführter Normalzustand.

Der erste Aspekt: Gewalt war für Stalin selbstverständlich. Sie war ein Teil seines Lebens und folglich ein so normales Mittel der Politik, dass es keinerlei Rechtfertigung brauchte. Meist fiel ihm auch nichts anderes ein. Ökonomische Probleme etwa deutete er stets als Machtfragen; kam ein Fabrikbau nicht schnell genug voran, musste das an "Saboteuren" liegen. So hatte er in einem Prozess gegen Ingenieure und Techniker aus der Region Schachty im Donbass schon vor dem Urteil dekretiert, was das Gericht eigentlich erst herausfinden sollte. Im April 1928 erklärte Stalin vor dem Zentralkomitee:

"Die Fakten sagen, dass der Schachty-Fall eine ökonomische Konterrevolution ist, die von einem Teil der bürgerlichen Spezialisten arrangiert worden ist, die früher die Kohleindustrie geleitet hatten. Die Fakten sagen weiter, dass diese Spezialisten, die sich in einer geheimen Gruppe organisiert haben, für die Schädlingstätigkeit Geld von den früheren Herren, die jetzt in Europa in der Emigration sitzen, und von konterrevolutionären antisowjetischen kapitalistischen Organisationen im Westen erhalten haben. Die Fakten sagen schließlich, dass diese Gruppe bürgerlicher Spezialisten auf Anweisung kapitalistischer Organisationen im Westen auf unsere Industrie einwirkte und sie zerrüttete."

Solche Verbrechen konnten naturgemäß nur mit dem Tode bestraft werden. Und nachdem man die entsprechenden Geständnisse aus den Angeklagten herausgefoltert hatte, wurden sie erschossen. Das paranoide System hatte sich selbst bestätigt – und würde es in unzähligen Schauprozessen, die diesem ersten Muster folgten, immer wieder tun. In den Provinzen wurde dieses Verhalten von gleichermaßen pathologischen Mördern wie Lawrenti Berija oder Mir Schafar Bagirow getreulich imitiert.

"Bagirow ließ die Bewohner ganzer Bauerndörfer ausrotten, 20 Minister seiner Regierung und alle Parteisekretäre der Republik erschießen und ganze Sippen ermorden, die er dem Diktator als Feinde präsentierte. In Baku imitierte der kleine Despot die Methoden des großen Despoten. Er ließ sich die Delinquenten in sein Arbeitszimmer bringen, wo sie in seiner Gegenwart gefoltert wurden. Berija erschoss den Parteichef Armeniens, Agassi Chandschjan, mit seinem Revolver, vergiftete den Ersten Sekretär der abchasischen Parteiorganisation, Nestor Lakoba, und ließ dessen Familie ausrotten. Berija und Bagirow waren die einzigen Provinzpotentaten, die das Jahr 1938 überlebten und nach dem Ende des Massenterrors in die Parteiführung aufrückten."

Erst Chrustschow setzte ihrem Treiben ein Ende. Solche Beispiele zeigen, dass Baberowski sich keineswegs, wie viele seiner Vorgänger, auf die Vorgänge in den Zentren des kommunistischen Imperiums beschränkt. Dass er den Blick über Moskau und Leningrad hinaus auf Randgebiete wie Georgien oder Aserbaidschan lenkt, gehört zu den großen Leistungen des Buches. Viele ehemalige Sowjetrepubliken, die heute unabhängige Staaten sind, haben an ihrem eigenen stalinistischen Erbe schwer zu tragen.
Den Ausnahmezustand aber - dies der zweite wichtige Aspekt für die Erklärung des Stalinismus -, den Ausnahmezustand, in dem er sich austoben konnte, führte der Diktator stets aufs Neue herbei.

Schon die Machtergreifung der Bolschewiki hatte nur zu einem Zeitpunkt erfolgen können, als keine Institution, keine Regel, kein zivilisatorischer Rahmen mehr funktionierte. Wirklich beherrschen konnten sie das Riesenreich aber nicht. Das ist vielleicht die überraschende These des Buches: Die Bolschewiki agierten so brutal, weil sie schwach waren. Sie konnten sich vor allem in den Dörfern nie auf Dauer etablieren. Und so mussten sie ihre Direktiven durch punktuellen und willkürlichen Terror durchsetzen. Terror, der etwa die Bauern traf, die sich gegen die Kollektivierung wehrten. Wie eine Kompanie der Roten Armee am 19. Februar 1930 das Dorf Tschai-Abassy in Aserbaidschan "bestrafte", schlug sich sogar im Bericht einer staatlichen Untersuchungskommission nieder. Dort heißt es:

"Ungefähr 30 Personen, das heißt alle Bewohner des Dorfes, wurden von einer Kompanie des vierten Schützenregiments auf viehische Weise erschossen. Die Häuser und andere Gebäude wurden niedergebrannt, das Eigentum zerstört. Unter den Erschossenen befanden sich 14 Kinder, unter ihnen neun im Alter von zwei bis sechs Jahren. Darüber hinaus wurden vier Säuglinge, die an die Leichen der Mütter geklammert waren, liegen gelassen, sie starben an Hunger und Kälte."

Stalins Henker führten sich schlimmer auf, als eine Besatzungsmacht. Wirkliche Macht, nämlich Macht, die sich nicht ständig beweisen muss, beruht aber auf Zustimmung; die, das wussten die Bolschewiki, würden sie nie bekommen.

Das Bewusstsein, sich in einer feindlichen Umwelt behaupten zu müssen, prägte auch den Umgang der Parteiführer untereinander. Schon Lenin hatte das, was er "Fraktionsbildung" nannte, verboten; wären sie uneins, so wären die Bolschewisten bald verloren.

Unter Stalin hieß das: Wer dem großen Führer widerspricht, der in seiner unendlichen Weisheit die Parteilinie verkörpert, ist ein Feind, eine Gefahr, ein Verräter und muss vernichtet werden. Der nächste Schritt in dieser Eskalation der Gewalt, die in die Paranoia umkippte, waren nicht die realen, sondern die denkbaren Feinde. Auch die mussten entlarvt und vernichtet werden. Und wenn man keine fand, dann erschuf man sich eben welche - unter tätiger Mithilfe der Geheimpolizei, die selbst unter Druck stand: Wer nicht genügend "Spione" entlarvte, machte seine Arbeit nicht richtig und war selbst verdächtig. Für all das hat Jörg Baberowski eine Fülle an schrecklichen Beispielen. So wurden 1935 112 Angestellte der Kremlverwaltung verhaftet, nicht nur Wachleute und Sekretäre, sondern auch Putzfrauen und Bibliothekare, denen die Geheimpolizei vorwarf, sie hätten Stalin und die Mitglieder des Politbüros töten wollen. Die Verhafteten mussten dann gestehen, was die Geheimpolizei sich für sie ausgedacht hatten und letztlich dazu diente, Lew Kamenew zu belasten, einen der verbliebenen Weggefährten Lenins.

Baberowskis Buch, klar und nüchtern geschrieben, lässt den Leser nicht los und deprimiert ihn zugleich zutiefst: Durch die Monotonie der Opferzahlen, die nüchtern herunterdekliniert werden und immer sofort in die Tausende gehen. Aber auch durch die dokumentierten Einzelfälle, jeder ein Grauen für sich. Verstehen kann man den Terror und die Willkürherrschaft, die die Sowjetunion über Jahrzehnte prägten und die Persönlichkeit auch der Überlebenden zerstörten, auch nach 600 Seiten und überaus überzeugenden Erklärungen nicht. Nicht wirklich: Das, was man da begreifen muss, hält man im Kopf nicht aus. Aber das Grauen lässt sich nicht nur dokumentieren, es lässt sich auch veranschaulichen. Etwa mit der Geschichte, mit der Jörg Baberowski sein Buch eröffnet und mit der diese Besprechung schließen soll. Sie stammt von Alexander Solschenizyn, aus dem ersten Band seines "Archipel Gulag".

"Eine Bezirksparteikonferenz im Moskauer Gebiet. Den Vorsitz führt der neue Bezirkssekretär anstelle des sitzenden früheren. Am Ende wird ein Schreiben an Stalin angenommen, Treuebekenntnisse und so weiter. Selbstredend stehen alle auf. Im kleinen Saal braust stürmischer, in Ovationen übergehender Applaus auf. Drei Minuten, vier Minuten, fünf Minuten – noch immer ist er stürmisch und geht noch immer in Ovationen über. Doch die Hände schmerzen bereits. Die erhobenen Arme erlahmen. Es wird das Ganze unerträglich dumm selbst für Leute, die Stalin aufrichtig verehren. Aber: Wer wagt es als Erster? Aufhören könnte der erste Bezirkssekretär. Doch er ist ein Neuling, er steht hier anstelle des Sitzenden, er hat selbst Angst! Denn im Saal stehen und klatschen auch NKWD-Leute, die passen schon auf, wer als Erster aufgibt! Im kleinen, unbedeutenden Saal wird geklatscht. Und Väterchen Stalin kann's gar nicht hören. 6 Minuten, 7 Minuten! 8 Minuten! Der Direktor der Papierfabrik, ein starker und unabhängiger Mann, steht im Präsidium, begreift die Verlogenheit, die Ausweglosigkeit der Situation – und applaudiert – neun Minuten, zehn! Er wirft sehnsüchtige Blicke auf den Sekretär, aber der wagt es nicht. Und so setzt der Direktor in der elften Minute eine geschäftige Miene auf und lässt sich in seinen Sessel im Präsidium fallen. Und – o Wunder! – wo ist der allgemeine, ungestüme und unbeschreibliche Enthusiasmus geblieben? Wie ein Mann hören sie mitten in der Bewegung auf und plumpsen ebenfalls nieder. Sie sind gerettet! Der Bann ist gebrochen. Allein, an solchen Taten werden unabhängige Leute erkannt. Erkannt und festgenagelt: In selbiger Nacht wird der Direktor verhaftet."

Buchinfos:
Jörg Baberowski: Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt.
C. H. Beck, München 2012, 606 Seiten, Preis: 29,95 Euro

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