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StartseiteSprechstundeWie Cannabis auf das Gehirn wirkt29.12.2015

Das große RauschenWie Cannabis auf das Gehirn wirkt

Seit einigen Jahren wird es hierzulande therapeutisch eingesetzt: Ob Cannabis auch frei gehandelt und konsumiert werden darf, wird in Deutschland seit Langem heftig diskutiert. Ebenso wie die Frage, welche körperlichen Auswirkungen Cannabis hat.

Lennart Pyritz im Gespräch mit Martin Winkelheide

Getrocknete Cannabis-Blüten (imago / JuNiArt)
Getrocknete Cannabis-Blüten (imago / JuNiArt)
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Eine aktuelle Studie US-amerikanischer Mediziner der Universität Yale legt nahe: Das im Cannabis enthaltene THC erhöht das sogenannte "neuronale Rauschen" im Gehirn. Dieses Phänomen wird auch mit Psychosen in Zusammenhang gebracht.

Martin Winkelheide Können Sie zu Beginn die Hintergründe dieser Studie kurz erläutern?

Lennart Pyritz: Also Nervenzellen zeigen eine spontane Grundaktivität. Dadurch reagieren die Zellen immer etwas anders, auch wenn sie wiederholt demselben Reiz ausgesetzt sind. Diese Variabilität, diese Zufälligkeit, wird auch als neuronales Rauschen bezeichnet.

Nun gibt es Studien, die darauf hinweisen, dass dieses Rauschen stärker ist bei Menschen mit psychotischen Erkrankungen, bei Schizophrenie etwa. Ebenfalls bekannt ist: THC, also der Rausch-bewirkende Bestandteil von Cannabis, führt zu vorübergehenden Psychose-ähnlichen Symptomen, zum Beispiel eine intensivere Wahrnehmung von Farben und Geräuschen und veränderte Denkprozesse.

Die Yale-Forscher haben jetzt die Frage gestellt: Gehen diese psychischen Symptome des THC-Konsums auch mit einem verstärkten neuronalen Rauschen einher?

Winkelheide: Wie haben die Forscher das getestet? Wurden da Joints verteilt?

Pyritz: Joints wurden nicht verteilt. Aber die 24 gesunden Studienteilnehmer hatten alle schon Erfahrungen mit Cannabis gemacht. Im Lauf der dreitägigen Studie bekamen sie entweder THC in unterschiedlicher Dosis intravenös injiziert; oder ein Placebo. Wer was bekam, wussten dabei weder die Teilnehmer noch die Wissenschaftler.

Der Effekt wurde dann in einem Experiment überprüft, bei dem die Teilnehmer akustische Reize wieder erkennen mussten. Um die Stärke des neuronalen Rauschens abzuschätzen, wurde dabei die elektrische Aktivität des Gehirns mittels EEG gemessen: Elektro-Enzephalografie. Und schließlich wurden die Teilnehmer noch in einem Verhaltenstest auf Psychose-ähnliche Symptome untersucht.

Winkelheide: Was haben die Mediziner festgestellt?

Pyritz: Das Ergebnis war: THC erhöht tatsächlich dosisabhängig das neuronale Rauschen. Und je stärker das neuronale Rauschen, desto eher traten beim THC-Konsum auch Psychose-ähnliche Symptome auf, zum Beispiel Denkstörungen und wahnhaftes Erleben. Das könnte also auf ähnliche Mechanismen hinweisen, mit denen sich die Wirkung von THC und Symptome psychotischer Erkrankungen im Gehirn äußern.

Winkelheide: Und welche Schlüsse ziehen Wissenschaftler aus diesen Befunden?

Pyritz: Die Studienautoren argumentieren vorsichtig: Es seien weitere Studien notwendig. Sollten sich die Ergebnisse bestätigen, könnte das neuronale Rauschen eventuell als Biomarker taugen, um psychotische Symptome zu diagnostizieren. Und dann könnte es auch einen Ansatzpunkt für Therapien bieten.

Das Rauschen sei ein vager Parameter, der eher nicht zur klinischen Diagnose tauge, hat mir im Telefongespräch Prof. Derik Hermann von der Klinik für Abhängiges Verhalten und Suchtmedizin am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim gesagt. Die Ergebnisse seien auch kein Argument dafür, dass das Gesundheitsrisiko durch den Konsum von Cannabis höher ist, als bislang gedacht. Die Studie ändert für ihn die Sachlage also nicht maßgeblich.

Neu an der Studie sei, dass die Psychose-ähnlichen Effekte, die THC bewirkt, jetzt tatsächlich elektrophysiologisch im Gehirn gemessen wurden. Darauf hat im Telefonat Dr. Stefan Gutwinski von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Charité in Berlin hingewiesen. Allerdings wurden in der Studie nur kurzfristige Effekte untersucht.

Winkelheide: Wie gefährlich ist denn Cannabis langfristig? Und sollte man es legalisieren oder nicht? Wie argumentieren da die Experten?

Pyritz: "Cannabis ist nicht harmlos" - das ist der Kernsatz von Professor Hermann. Studien zeigen: Der Konsum kann das Risiko einer Psychose erhöhen. Beide Experten, mit denen ich gesprochen habe, sagen: Aus medizinischer Sicht sollte THC so wenig wie möglich konsumiert werden.

Beim therapeutischen Einsatz von Cannabis, etwa bei Patienten mit Schmerzen oder multipler Sklerose, müssten im ärztlichen Gespräch die Vor- und Nachteile abgewogen werden, so Hermann. Da geht es etwa um psychische Erkrankungen in der Familie oder die Einnahme anderer Substanzen oder Medikamente.

Die Frage der Legalisierung stellt sich weniger medizinisch, sondern eher juristisch und politisch, weil Cannabis so weit verbreitet ist. Der Suchtmediziner Hermann hält einen Mittelweg für sinnvoll – legaler Verkauf, geknüpft an strenge Regeln: geringe Mengen, kontrollierte Zusammensetzung usw. Eine Legalisierung müsse auch an Aufklärungsprogramme gekoppelt sein, zum Beispiel an Schulen, fordert Gutwinski. Denn Studien zeigen, dass Cannabis-Konsum besonders im Jugendalter Gefahren birgt.

 

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