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StartseiteFussballreportageDas große Spiel mit dem großen Geld31.05.2006

Das große Spiel mit dem großen Geld

Die Fußball-WM und der Kommerz

Von den 3,2 Millionen Eintrittskarten zur Fußball-Weltmeisterschaft sind nur etwa 1 Million in den freien Verkauf gegangen. Den Rest bekamen die Fußballverbände in aller Welt - und die Sponsoren. Das ist ein Grund für die vielstimmige Klage der Fans über die scheinbar grenzenlose Kommerzialisierung des Sportgroßereignisses.

Von André Hatting

In der Nähe des Münchner Franz-Josef-Strauß- Flughafens wurde zur Weltmeisterschaft ein überlebensgroßes Banner des deutschen Torwarts Oliver Kahn über die Straße gespannt. (AP)
In der Nähe des Münchner Franz-Josef-Strauß- Flughafens wurde zur Weltmeisterschaft ein überlebensgroßes Banner des deutschen Torwarts Oliver Kahn über die Straße gespannt. (AP)
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Vom Weltmeisterkartoffelsalat, über die Weltmeistertorte zur Fußballwurst. Nach Schätzungen des Kölner Instituts Sport und Markt investieren deutsche Unternehmen über zwei Milliarden Euro in Werbung rund um die Weltmeisterschaft.

"Ich glaube, in diesem Ausmaß hat man das selbst bei der WM '98 in Frankreich nicht erreicht, was die Durchdringung, die Durchkommerzialisierung angeht."

Philipp Köster ist Chefredakteur des monatlich erscheinenden Fußballmagazins "11 Freunde". Dessen Leser seien schwer genervt. Nicht allein wegen der Flut von Anzeigen und Fernsehspots, die wären ja noch irgendwie halbwegs zu ertragen, sagt Köster. Die Wut der Fans richte sich vor allem gegen den Umgang der FIFA mit dem Allerwichtigsten für jeden Fußballfreund: den Eintrittskarten.

"Sowohl das Organisationskomitee als auch die FIFA haben nicht gelernt aus den Skandalen, die es 1998 gab, als FIFA-Funktionäre die Tickets verschachert haben, aber auch 2002, wo ja oft die Ränge ganz leer blieben. Der Prozentsatz von nur einem Drittel der Tickets, die in den freien Verkauf gegangen sind, ist prinzipiell einfach viel zu niedrig. Für viele Fans, die sich einfach ein Spiel gerne anschauen wollen würden, ist dieser ganze Optionstickethandel oder auch die Tauschbörse viele zu kompliziert. Die hätten sich gerne ein Ticket gekauft, haben keins bekommen, also lassen sie es."

Oder wenden sich in ihrer Verzweiflung an einen der 21 offiziellen FIFA-Sponsoren.

"Die Deutsche Bahn AG tritt an bei der FIFA-WM 2006"

"Wir sind der sechste nationale Förderer, haben als letzte den Vertrag unterschrieben. Eines der Leistungspakete für uns sind beispielsweise die Banden in den Stadien, sind die Möglichkeit, das begehrte Gut Eintrittskarten zu kaufen. Übrigens: Eintrittskarten, die wir zu zirka 50 Prozent an unsere Mitarbeiter geben - ein sehr großes Motivationsinstrument."

Gabriele Handel-Jung leitet das Konzernmarketing bei der Deutschen Bahn AG. Wie viele WM-Tickets die Bahn als Sponsor von der FIFA erhält, verrät sie nicht. Klar ist nur so viel: Von den insgesamt 3,2 Millionen Eintrittskarten sind nur etwa eine Million in den freien Verkauf gegangen. Den Rest bekamen die Fußballverbände in aller Welt - und die Sponsoren. Für die Fans sei das eine Katastrophe, meint Matthias Bettag. Er ist Sprecher des "Bündnisses aktiver Fußballfans", einer der größten unabhängigen Fanverbände Deutschlands. Früher sei Sponsoring wichtig gewesen für die Entwicklung des Profifußballs, sagt Bettag.

"Jetzt habe ich das Gefühl ist es so, dass der Profifußball nur noch Werbefläche für das Sponsoring ist. Das heißt, die Statuten haben sich umgekehrt. Gerade aus Marketingsicht wird den Fans die WM weggenommen und neu verpackt zurückgegeben. Und es wird so getan, als ob es immer noch für die Fans wäre. Dabei sind die Fans keine Fans mehr, es sind nur noch Kunden."

Besonders deutlich sehe man das am Tickethandel, sagt Bettag. Zwar gingen nur 30 Prozent in den freien Verkauf, aber der Fan habe ja die Chance, noch über Gewinnspiele an Karten zu kommen, so das Argument der FIFA.

Bettag: "Und genau das ist der Punkt: Das hat man nämlich nicht als Fan. Man hat als Kunde eines Unternehmens die Chance, wenn man bereit ist, entsprechende Daten von sich diesem Unternehmen zu geben. Aber es ist keineswegs mehr aus Fansicht gedacht, sondern es ist nur noch aus industrieller Sicht gedacht."

Und diese Sicht richtet sich allein auf den Profit: Nichts ist kostenlos. Die Teilnahme an der großen Ticketlotterie muss der Fan mit Angaben zur Person bezahlen, für die Konzerne ein Riesengeschäft. Für die Verbraucherzentrale eine Unverschämtheit. Carel Mohn vom Verbraucherzentrale Bundesverband:

"Wir haben eine Reihe von Verfahren eingeleitet gegen Unternehmen, die versucht haben an Daten heranzukommen, weil sie gesagt haben, wir verlosen WM-Tickets. Man muss dann bloß etwas ausfüllen und sagen, wer man ist, und dann haben die Unternehmen auf diese Weise die Daten bekommen. Das ist nicht zulässig, solche Gewinnspiele an die Gewinnung solcher Daten zu knüpfen. Das ist nicht erlaubt."

Das kümmert die meisten Unternehmen aber nicht. Mehr als eine Unterlassungsklage haben sie nicht zu befürchten. Sanktionen gibt es nicht. Ganz anders die sanktionsfreudige FIFA. Sie versucht mit aller Härte, ihren Sponsoren die Exklusivität des Produktes Fußball-WM zu garantieren. Philipp Köster vom Fußball-Magazin "11 Freunde":

"In den Stadien werden beispielsweise noch alle Geldautomaten und die Monitore überklebt, zumindest die Herstellernamen werden überklebt, weil die keinen Vertrag mit der FIFA haben. Man hat gerade noch davon abgesehen, auch noch die Toilettenschüsseln zu überkleben. Da hatten sich dann auch Stadionbetreiber mal informiert, ob das vielleicht auch noch passieren muss. Aber da hat sich die FIFA dann ausnahmsweise einmal kulant gezeigt.".

Sogar die Marke "Fußball WM 2006" wollte sie schützen lassen. Das hat der Bundesgerichtshof gestoppt. Aufatmen dürfen auch Fans, die mit einem T-Shirt des falschen Sponsors das Stadion betreten. Hier sorgen die Fernsehanstalten für das korrekte Bild:

"""Es gibt klare Vorschriften für die Fernsehsender. Es wird kein Fernsehsender riskieren, sich allzu sehr mit der FIFA anzulegen. Natürlich wird es Restriktionen geben. Gerade wenn plötzlich Sponsoren im Bild sind, die nichts dafür bezahlt haben."

Die Deutsche Bahn AG hat bezahlt. Sie bekommt als Nationaler Förderer eine Stadionbande. Und darf das offizielle FIFA-Logo für ihre Werbespots und Anzeigen benutzen. Die sind bereits seit November geschaltet. Gabriele Handel-Jung sieht darin nichts Ungewöhnliches. Die Leiterin des Konzernmarketings der Deutschen Bahn AG hält nicht die Kommerzialisierung für übertrieben, sondern das Klagen der Fans darüber:

"Ich glaube, der wär ziemlich vereinsamt, wenn er auf einmal eine Zeitung lesen würde ohne werbliche Botschaft oder in einem Stadion wäre, wo es keine spannenden Banden gäbe. Es gehört dazu."

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