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Das gute Leben bedeutet Verzicht

Armin Reller/Heike Holdinghausen: "Wir konsumieren uns zu Tode"

Der Verzicht auf weichmachergesättigte Plastikpuppen und Billigfleisch beim Shopping reicht den Autoren nicht.
Der Verzicht auf weichmachergesättigte Plastikpuppen und Billigfleisch beim Shopping reicht den Autoren nicht. (picture alliance / dpa / Arne Meyer)

Zur Weihnachtszeit wird konsumiert, was das Zeug hält. Obwohl viele wissen: Zum Wohl aller müssten wir uns von einem großen Teil unseres Wohlstands verabschieden. Ein Wissenschaftler und eine taz-Journalistin, Armin Reller und Heike Holdinghausen, wollen die Verbraucher wach rütteln.

"Wir amüsieren uns zu Tode". Mit diesem Titel schlug der Medienkritiker Neil Postman 1985 Alarm. Das Fernsehen wird dümmer und macht dümmer, behauptete er. Damals waren die Privatsender in Deutschland noch jung, der gute alte Kulturpessimismus kam beim lesenden Publikum an. Postmans Streitschrift wurde ein Bestseller.

"Wir konsumieren uns zu Tode", warnt nun ein neues Buch. Geschrieben haben es Heike Holdinghausen und Armin Reller. Holdinghausen ist Redakteurin der Tageszeitung "taz", Reller Professor für Ressourcenstratagie an der Universität Augsburg. Der Titel "Wir konsumieren uns zu Tode" klingt lebensbedrohlich, tatsächlich aber erklären die Autoren lebensnah, wie alles mit allem zusammenhängt: die 99-Cent-Banane mit der Globalisierung, der Massivholztisch mit dem Regenwald.

Erzählt wird die Geschichte der Stoffe, es sind Geschichten von Nobodies wie Zucker, Promis wie Kohlendioxid und Geheimtipps wie Indium. All diese Stoffbiografien nehmen ihren Anfang in der Wohnung eines Paares: die beiden sind Mitte vierzig, Stuttgarter Mittelschicht, sie erwarten Freunde zu einem Abendessen. Es gibt Braten, Gemüse und Wein. Ahnungsvoll raunen die Autoren:

"Es wird viel erzählt werden in dieser Küche - und auch die Küche selbst hat viel zu erzählen. Denn der Blick auf die Entstehungsgeschichte eines Gutes eröffnet neue Perspektiven: Seine Produktion kann unter sehr unterschiedlichen Arbeitsbedingungen erfolgen, mit angepassten oder untauglichen Techniken, mit geringem oder exorbitant hohem Energieverbrauch, durch die angemessene Nutzung oder durch unverantwortlichen Raubbau. Dieses Spektrum von Geschichten gerät immer mehr in Vergessenheit."

Reller und Holdinghausen erzählen zum Beispiel, wie sich der Stuttgarter Holztisch auf die CO2-Bilanz auswirkt. Sie arbeiten reichlich Studien ein, das lässt den schmalen Band solide und massiv wirken. Doch der mahnende Ton des Anfangs zieht sich wie eine feine Maserung durch das ganze Buch. Wer all die Daten auf sich wirken lässt, fühlt sich schlecht. Erwischt. Wie einer, der schrottige Fernsehserien schaut, obwohl er doch die preisgekrönte Doku einschalten sollte. Die Autoren wollen wachrütteln - und schrecken dabei nicht vor Pathos zurück:

"Werden weiterhin unglaubliche Wassermengen mit unangemessenen Technologien und durch unmündige Konsumenten verprasst, werden wir uns bald mit unliebsamen Wassergeschichten beschäftigen müssen. (…) Es ist eine ironische Geschichte, dass wir die Einzigartigkeit unseres Universums, nämlich flüssiges Wasser, dem wir unser eigenes Leben verdanken, so besinnungslos gegen uns selber verwenden."

Besinnungslos, unmündig – so viel Schimpfe wirkt bisweilen eher ermüdend als ermunternd. Und doch hat das Buch seinen Reiz. Das wiederum hängt mit dem kleinen Logo auf der Titelseite zusammen. Auf dem Cover prangt die Tatze, das Markenzeichen der "taz".

Das Buch richtet sich an ein Publikum, das sich in der Gewissheit wähnt, das Richtige zu konsumieren. Bio, fair und zertifiziert. Doch der Verzicht auf weichmachergesättigte Plastikpuppen und Billigfleisch reicht den Autoren nicht.

Wie hältst du's mit dem Handy?, insistieren sie und gewähren keine Gnade. Wer eines besitzt, sitzt in der Falle. Denn die kleinen Geräte werfen globale Fragen auf: Wie lange reichen die Kupfer-, Platin- und Lithiumvorräte? Wer verdient an den Seltenen Erden, in denen die Metalle für Smartphones stecken? Was passiert mit den raren Stoffen, wenn die Handys auf dem Müll landen? Der Bundesumweltminister will die Wertstofftonne für Elektronikmüll. Den Verfassern schwebt eine radikalere Lösung vor:

"Wie wäre es, wenn die Konsumenten künftig keine Mobiltelefone mehr erwerben würden, sondern die Möglichkeit zu telefonieren? Geht das Handy kaputt oder kann nicht mehr repariert werden, geben sie es dort ab, wo sie ihre Dienstleistung einkaufen. Verantwortlich für den Strom der Stoffe sind nicht mehr die Käufer, sondern die Hersteller."

Indium im Touchscreen, Silikon in der Haarspülung, Phosphor im gedüngten Gemüse. Der Haushalt in Stuttgart oder anderswo steckt voller Wert-, Kunst- und Giftstoffe. Reller und Holdinghaus knallen eine erdrückende Beweislast auf den Küchentisch ihrer Musterwohnung. Jede nüchterne Zahl mündet in den moralgetränkten Appell: Du musst dein Leben ändern. Denn um gut zu leben, genügt es offenbar nicht, allerlei aus dem Katalog der guten Dinge zu ordern. Bewusst konsumieren meint bisweilen auch: auf Hab und Gut zu verzichten.

"Bewusster Konsum erfordert hartnäckiges, unbequemes Fragen. Müssen wir Computer besitzen, um im Internet zu surfen? Müssen wir Autos kaufen, um mobil sein zu können?"

Der Leser ahnt: Die angepeilte Kreislaufwirtschaft wird ziemlich anstrengend. Und der Leser weiß: Der Mensch ist ziemlich bequem. Genau deshalb haben sich die Untergangspropheten der 1960er-, 70er-, 80er-Jahre verkalkuliert. Bevor die Ölquellen wie vorhergesagt versiegten, wurden neue entdeckt und gnadenlos erschlossen. Zu mächtig ist der Drang, weiterzumachen anstatt umzukehren, erst recht in Krisenzeiten.

Verführerisch ist derzeit der Traum, mit Wachstum aus den Schulden zu kommen, und nicht mit Sparen. Reller und Holdringhaus haben die Konsequenzen des Konsums schlüssig durchdacht, doch sie machen einen entscheidenden Denkfehler: Wir konsumieren uns nicht selbst zu Tode, erst einmal leiden andere. Zum Beispiel alle, die kein Geld haben, um sich auf steigende Meeresspiegel einzustellen. Das spricht allerdings eher gegen uns als gegen die Autoren.

Auch Medienkritiker Neil Postman hat mit "Wir amüsieren uns zu Tode" ja ein gutes Buch geschrieben und doch nicht Recht behalten. Die Deutschen schauen seitdem mehr fern. Sie haben sich nicht zu Tode amüsiert. Sie leben länger.

Armin Reller/Heike Holdinghausen: "Wir konsumieren uns zu Tode. Warum wir unseren Lebensstil ändern müssen, wenn wir überleben wollen".
Westend Verlag, 189 Seiten, 12,99 Euro, ISBN: 978-9-380-6038-4

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