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StartseiteBüchermarktDas Handwerk der Freiheit. Über die Entdeckung des eigenen Willens05.11.2001

Das Handwerk der Freiheit. Über die Entdeckung des eigenen Willens

Hanser, 445 S., DM 49,80

Wer ist Peter Bieri? Und ist Peter Bieri wirklich Peter Bieri? Angeblich ist er Professor für Philosophie in der Freien Universität Berlin. Aber hatte er uns nicht schon einmal getäuscht, als er unter dem Pseudonym Pascal Mercier zwei von der Kritik "als kolossale Sprachkunstwerke" hochgelobte Romane publizierte? Damals gab er sich als einen in Oberitalien lebenden Linguisten aus. Nur wenige Philosophen haben mit Pseudonymen gearbeitet. Kierkegaard war einer von ihnen. Er versteckte sich hinter Pseudonymen, um extreme Stadien existentieller Möglichkeiten literarisch und philosophisch verteidigen zu können, ohne mit ihnen als Autor identifiziert zu werden. Warum wählte Peter Bieri das Pseudonym?

Steffen Graefe

Mit der Publikation eines Romans macht man etwas Paradoxes. Man geht mit dem Privatesten an die Öffentlichkeit, Das verlangt große innere Stärke. Die hatte ich beim ersten Roman noch nicht. Das Pseudonym war ein Schutz. Und später ist es einfach dabei geblieben. Außerdem macht es Spaß, zwei Namen zu haben.

Das Thema der menschlichen Freiheit beschäftigt die Philosophen seit der Antike. Aristoteles hatte zum Beispiel zwei Bedingungen für eine freie Handlung gesetzt: Das "bewegende Prinzip" muss in dem Handelnden selbst liegen. Er darf nicht von äußeren Einflüssen bestimmt werden und: Der Handelnde bedarf eines Wissens über die Umstände, in denen gehandelt wird. Die Freiheit des Handelnden war für Aristoteles eine notwendige Voraussetzung für moralische Verantwortlichkeit. Ich kann nur dann zur Rechenschaft gezogen werden, wenn mir die Wahlfreiheit zugestanden wird, auch anders handeln zu können. Dieses grundsätzliche Zugeständnis der Möglichkeit von freien Handlungen bestimmt noch heute die Rechtsprechung: Es wäre unlauter, einen Straftäter zu verurteilen, wenn ihm unterstellt werden würde, dass er die Straftat aus inneren Zwängen heraus begangen hat. Tatsächlich wird das Strafmass in der Regel gemildert, wenn zum Beispiel durch ein psychologisches Gutachten nachgewiesen werden kann, dass der Täter aus sozialen Gründen in der Entfaltung seiner Freiheit eingeschränkt wurde, zum Beispiel bei einem Mord im Alkoholrausch.

Während aber bei Aristoteles und seinen Nachfolgern die Willensfreiheit in der Regel nur als ein ethisches Postulat wie selbstverständlich vorausgesetzt wird, entfaltet der Berliner Philosoph Peter Bieri ein Panoptikum innerer Vorgänge. Er lädt den Leser ein, sich auf eine Reise nach Innen zu begeben:

Der Leser wird auf zwei Reisen mitgenommen. Die erste ist eine Reise durch ein gedankliches Labyrinth auf der Suche nach dem Ausgang. Die zweite ist eine Reise durch eine Landschaft innerer Erfahrungen, die jeder kennt, der ein menschliches Leben lebt. Die These ist, dass die erste Reise nur gelingt, wenn man zugleich die zweite macht. Das Typische an dem Buch ist, dass die beiden Reisen miteinander verflochten werden.

Peter Bieri fordert uns auf, aus einer distanzierten Beobachterhaltung die inneren Vorgänge zu betrachten, die unsere Handlungen begleiten. Was geschieht, wenn wir etwas tun? Eine Handlung - so Bieris originelle Definition - ist eine "Bewegung mit einer Innenseite". Im Unterschied zu einem Automaten können wir der Innenseite unserer jeweiligen Handlung auf die Schliche kommen:

Die Selbstbeobachtung, an die das Buch appelliert, ist nicht nach dem Modell eines inneren Scheinwerfers zu verstehen. Es ist einfach die Fähigkeit, unsere innere Erfahrung, die differenzierter ist, als wir oft glauben, begrifflich, also sprachlich, zu artikulieren. Und angesichts einer bestimmten Artikulation zu sagen, ja, genauso ist es mit dem Willen und seiner Freiheit.

Peter Bieri betrachtet unser Bewusstsein wie eine Bühne, auf der bestimmte Wünsche erscheinen, die sich oft einander widersprechen. Der Autor versetzt uns zum Beispiel in die Situation des Regimegegners eines totalitären Staates. Da tauchen zwei Wünsche in ihm auf: Einmal würde er sich gerne für die Opposition entscheiden. Andererseits hat er Angst und würde am liebsten emigrieren. Zwischen diesen beiden Wünschen, die von seiner Phantasie ausgemalt werden, wird er hin und her getrieben. Was veranlasst ihn schließlich zu einer Entscheidung? Und unter welchen Bedingungen verdient eine solche Entscheidung das Prädikat der Freiheit?

Eine Entscheidung, so sagt das Buch, ist genau dann frei, wenn der Betreffende am Ende aus demjenigen Willen heraus handelt, der seinem abgewogenem Urteil entspricht, wenn also sein Urteil Regie über seinen Willen führt. Aus Unfreiheit würde er handeln, wenn er von einem Willen getrieben würde, gegen den sein Urteil nichts vermöchte.

Der Weg zur Freiheit, Einbruch in die Freiheit, Die Philosophie der Freiheit, Das Wagnis der Freiheit, Aus der Abhängigkeit zur Freiheit, Über das Wesen der menschlichen Freiheit, Erste Schritte der Freiheitsdressur und Die Freiheit des Warenverkehrs: Das sind nur einige der Titel aus den 734 lieferbaren Büchern zum Thema Freiheit. Peter Bieri hat seinem Werk den Titel: Das Handwerk der Freiheit gegeben. Handwerk zur Freiheit ? Ist nicht die Freiheit eher eine Sache des Denkens, als der Hände?

Ja, gewiss. Der Ausdruck "Handwerk" wird hier metaphorisch gebraucht. Die Botschaft ist: Willensfreiheit ist nicht einfach etwas, was man hat oder nicht hat, sondern etwas, was man sich erarbeiten muss.

Die scheinbar abstrakte Frage der Freiheit wird bei Bieri zum "Handwerk", indem er sie mit einer Fülle anschaulicher Beispiele einkreist, die er alltäglichen Situationen entnimmt, aber auch aus der Literatur. Ist ein Terrorist in seinen Handlungen frei oder unfrei? Ist er Herr über seinen Willen oder mit den Worten Dostojewskis "der Lakai eines fremden Gedankens"? Dürfen wir ihn verurteilen, wenn es sich herausstellen sollte, dass er z.B. Opfer einer Gehirnwäsche islamischer Fundamentalisten ist?

Wir haben zwei Gründe, ihn zu verurteilen: Erstens ist er in seiner Urteils- und Willensbildung nicht so ohnmächtig, wie etwa das Opfer einer Hypnose. Er hatte die Gelegenheit, auch andere Dinge auf sich wirken zu lassen. Und zweitens geschieht, wenn wir ihn verurteilen einfach dieses: Wir verteidigen gegen ihn eine Lebensform, die vom moralischen Standpunkt geprägt ist. Und wer den moralischen Standpunkt einnimmt, kann gar nicht anders, als diesen moralischen Standpunkt zu verteidigen.

Immer wieder lockt Bieri die Leser suggestiv und bewusst auf falsche gedankliche Fährten. Auf ungefähr 50 Seiten fährt er zum Beispiel alle möglichen argumentativen Geschütze auf, um zu belegen, dass es eine "unbedingte Freiheit" geben müsse, weil wir nur auf dieser Grundlage wirklich unabhängig von äußeren Faktoren unser Handeln verantworten könnten, und weil wir keine Personen wären, wenn wir uns nicht unbedingte Freiheit zugestehen würden:

Was ich mache, ist dieses: Ich führe den Leser durch den gesamten logischen Raum der Begriffe und Gedankengänge, die mit dem Stichwort des freien Handelns und Wollens verknüpft sein können. Dabei lasse ich ihn entdecken, wie leicht man dabei in Sackgassen gerät. Und schließlich helfe ich ihn zu verstehen, warum man sich in dieser Gedankenwelt so leicht verirrt. Das Ziel dabei ist, gedankliche Übersicht und wachsende Selbstständigkeit im eigenen Denken.

Peter Bieri hat mit seinem im Hanser-Verlag erschienen Buch Das Handwerk der Freiheit ein philosophisches Meisterstück vorgelegt, das seinesgleichen sucht: In sokratischer Tradition spricht er die Leser direkt an, verwickelt sie mit ihrer eigenen gedanklichen Dialektik und lässt der Phantasie freien Lauf, um bestimmte Konstellationen an alltäglichen Situationen zu verifizieren. Dabei lesen sich Teile seines Buches wie ein philosophischer Kriminalroman. Auf der hier präsentierten inneren Gedankenreise tappen wir immer wieder in Fallen. Der Autor vermeidet jede esoterisch-gedrechselte Sprachartistik oder Wortgeklingel ä la Sloterdijk und Co. Anstelle einer abstrakten Terminologie mit einem umständlichen Begriffsapparat philosophiert Bieri an konkreten existentiellen Situationen entlang. Er redet nicht nur wie Habermas appellativ über kommunikative Vernunft: Er praktiziert sie.

Dieses Werk ist eine großartige Rehabilitierung des von der Postmoderne verfehmten Subjekts: Wir dürfen uns wieder als Personen fühlen und: Argumente sind nicht nur inhaltsleere Spekulationen, sondern praktische Notwendigkeiten zur Gestaltung eines lebenswerten Alltags.

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