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StartseiteInterview"Das Internet schlägt zurück"18.02.2011

"Das Internet schlägt zurück"

Medienwissenschaftler Stefan Weber beschreibt die Suche nach Plagiaten

Es geraten zunehmend Plagiate in akademische Abschlussarbeiten, sagt Medienwissenschaftler Stefan Weber. Dies liege am Internet, das zunächst Schuld am "Phänomen des Netzplagiarismus" gewesen sei, dieses nun aber nicht zuletzt durch Schwarmintelligenz wieder aufdecke.

Stefan Weber im Gespräch mit Gerd Breker

Die Einleitung der Dissertation von Verteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg. (AP)
Die Einleitung der Dissertation von Verteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg. (AP)

Gerd Breker: In der Plagiatsaffäre gibt Bundeskanzlerin Angela Merkel Verteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg weiterhin Rückendeckung. Das hörte man in Berlin. Die CDU-Chefin sagte ihrem Minister Unterstützung zu, sofern er sich zu den Vorwürfen erkläre, er habe Teile seiner Doktorarbeit ohne korrekte Quellenangaben abgeschrieben. Nun, das ist inzwischen geschehen.

Wie denken die Hörer des Deutschlandfunk über diese Affäre?

"Ich muss sagen, ich protestiere dagegen, dass heute in den Medien immer wieder davon die Rede ist, Theodor zu Guttenberg habe abgeschrieben. Was hier mit diesem Mann geschieht, der eine Hoffnung, eine politische Hoffnung von vielen Menschen ist, was da mit ihm getrieben wird, das ist eine reine Hetzerei, man will ihm etwas anhängen."

"Für mich ist der Fall Guttenberg ein ganz klarer Betrugsfall."

"Der soll sich entschuldigen, die Arbeit wird aberkannt, aber vom Ministeramt und allem soll das nichts zu tun haben."

"Ich bin entsetzt über das Kesseltreiben, was von ihnen da losgetreten worden ist. Ich kann das Thema schon nicht mehr hören, ob ich jetzt Guttenberg-Fan bin oder nicht."

"Wer hohe Ansprüche stellt an andere, muss diese auch an sich selber stellen. Wer das nicht kann, ist eigentlich nicht für diese Gesellschaft geeignet. Insofern sollte sich Guttenberg bemühen, noch mal in sich zu gehen und zu fragen, ob er noch für die Bundeswehr und auch Geheimdienste der entsprechende Vertrauensmann sein kann. Meine Meinung ist, dass er dieses nicht mehr sein kann."

Breker: Hörerstimmen, die die Kollegen von "Deutschland heute" eingefangen haben. Ihr Thema um 14:10 Uhr: "Abgeschrieben – vom Umgang mit geistigem Eigentum". Es ging um die eigenen Erfahrungen der Hörer, aber viele hatten es so verstanden, als ob es um zu Guttenberg ginge.

Am Telefon bin ich nun verbunden mit Stefan Weber. Er ist Medienwissenschaftler und betreibt die Internet-Seite Plagiatsgutachten.de. Darauf findet sich ein Link zur Internet-Plattform Guttenplag.wiki. Guten Tag, Herr Weber.

Stefan Weber: Ich begrüße Sie!

Breker: Herr Weber, was treibt Sie eigentlich an, Plagiate aufdecken zu wollen?

Weber: Ich habe schon vor Jahren, 2005, entdeckt, dass Studenten zunehmend Probleme haben, korrekt zu zitieren, und dass immer mehr Internet-Plagiate in akademische Abschlussarbeiten hineingeraten. Seit 2007/2008 betreibe ich das professionell und erstelle Gutachten für Universitäten, auch für Anwaltskanzleien, Einzelpersonen, die sich an mich wenden und die mir plagiatsverdächtige Arbeiten zukommen lassen. Ich habe in den vergangenen Jahren rund 300 Arbeiten überprüft und 80 Arbeiten waren plagiiert und davon wurden elf akademische Grade in Österreich und Deutschland dann aufgrund meiner Gutachten widerrufen.

Breker: Herr Weber, auf Ihrer Internet-Seite gibt es einen Link zur Internet-Plattform Guttenplag.wiki. Wer sind denn eigentlich diejenigen, können Sie uns dazu etwas sagen, die die Guttenberg-Dissertation unter die Lupe nehmen?

Weber: Das sind im Moment viele Netznutzer, Wissenschaftler, Diplomaten, Dissertanten aus ganz unterschiedlichen Fachrichtungen, die gemeinsam den Anteil der Plagiate bei Guttenberg in seiner Dissertation erheben. Das sind viele Leute, die natürlich zum Teil anonym bleiben, zum Teil auch mit Namen reinschreiben, wer sie sind, und die mittlerweile über 80 Plagiatsstellen bei Guttenberg kompiliert haben. Ich bin nicht die Initialzündung für dieses Wiki, ich habe damit eigentlich überhaupt nichts zu tun, ich habe nur eine Idee angeregt, so etwas zu machen, realisiert haben das andere Personen.

Ich kenne die Leute, weil ich mit denen natürlich selber in Kontakt stehe, aber ich habe das selber nicht gemacht. Ich kann aber nur sagen, ich finde das ganz toll, dass das passiert, das habe ich auch in meinem Blog geschrieben. Das ist eine bislang wissenschaftsgeschichtlich einzigartige Dynamik, dass erstmals ein großer Fälschungsvorwurf nicht hinter verschlossenen Türen, in Gremien, in monatelangem vielleicht auch Verschleppen, wie es in den letzten Jahren sehr oft war, aufgeklärt wird, sondern dass das sozusagen die Net-Community selbst übernimmt und innerhalb weniger Tage die Vorwürfe bereits ganz erdrückend auf dem Tisch liegen.

Breker: Sind denn die, die da arbeiten, Herr Weber, seriös, sind die zuverlässig, oder sind darunter auch Profilneurotiker?

Weber: Na ja, im Diskussionsbereich wird natürlich recht heftig diskutiert, pro und kontra, aber das ist ja das Wesen des Internets. Entscheidend ist, dass hier Plagiatsstellen gesammelt werden, wie ich es früher in mühsamer Einzelarbeit erledigt habe. Ich habe mich ja auch durch teilweise 400seitige Dissertationen gequält mit Google. Das erledigen jetzt die Netznutzer und finden vielleicht noch mehr, weil wenn ich jetzt sage, 500 Leute arbeiten an einer Diss, dann hat ja jeder nur eine Seite. Aber wenn ich alleine 500 Seiten durchforsten muss und bereits 40 Plagiatsstellen gefunden habe, dann können Sie sich vorstellen, wie groß meine Motivation ist, noch die 41. zu finden.

Jetzt haben wir eben das, was hier immer ein bisschen mit diesem hochtrabenden Begriff Schwarmintelligenz oder Crowd-Sourcing, also sozusagen dass Outsourcen, die Masse im Netz bezeichnet wird, jetzt haben wir diese technischen Möglichkeiten. Und deshalb sage ich immer diese Pointe, das Internet schlägt zurück. Da meine ich damit, dass ja das Internet zunächst "Schuld" war an diesem Phänomen des Netzplagiarismus, und jetzt haben wir Tools entwickelt, Google-Buchsuche wird von Jahr zu Jahr effizienter, und wir haben mit Wikis die Möglichkeit, dass jeder Mann, jede Frau etwas ins Netz stellen kann und in einem selbst organisierten Prozess die Wahrheit ans Licht kommt.

Breker: Genau. – Herr Weber, Sie haben inzwischen über 80, möglicherweise auch schon über 90 plagiatsverdächtige Stellen in zu Guttenbergs Arbeit gefunden. Wie kann man das bewerten? Wie wahrscheinlich ist da der Vorwurf des Plagiats?

Weber: Das Problem ist immer das der Quantität. Wenn ich jetzt sage, 80 Seiten oder 90 sind schon plagiiert, dann kann immer wer sagen, aber die übrigen 250 Seiten, die sind doch dann in Ordnung, oder, und ich muss dann immer die Antwort geben, das wissen wir nicht. Es kann ja auch sein, dass von Literatur abgeschrieben wurde, die noch nicht im Internet ist. Also das heißt, wir haben nie die Sicherheit, dass wir einen Plagiatsanteil erreicht haben, wo wir sagen können, jetzt sind wir bei 17 Prozent plagiiertem Anteil, jetzt wird es nicht mehr mehr.

Darum geht es aber letztlich auch gar nicht, weil ja in den Gesetzen oder auch in den wissenschaftlichen Richtlinien, in den Richtlinien zur Einhaltung der wissenschaftlichen Praxis, sind ja keine Plagiatsquoten festgeschrieben. Darum geht es überhaupt nicht, sondern wir müssen ja das Ganze qualitativ beurteilen und da ist ja jetzt schon klar, wenn in einer Einleitung der erste Absatz wortwörtlich kopiert und unzitiert kopiert wurde, wenn in einem Kapitel mit der Überschrift "Bewertung" kopiert wurde, dann ist natürlich der Fälschungsvorwurf so glasklar belegt, dass eigentlich die Diskussion, ob jetzt 90 oder 180 Seiten plagiiert sind, gar nicht mehr relevant ist.

Breker: Also da kann der Autor zu Guttenberg nicht mehr rauskommen?

Weber: Der kann nur dann rauskommen, wenn sich der Autor und die Universität Bayreuth und viele andere Akteure über die dokumentierte Wahrheit hinwegsetzen. Das kann natürlich immer passieren und ich hoffe nicht, dass es diesmal auch passiert. Wir sollten schon auch in den Geistes-, in den Sozialwissenschaften und auch in der juristischen Wissenschaft, um die es sich ja hier handelt, mittlerweile so weit sein, dass wir, wenn wir einmal objektive Fakten geschaffen haben, daraus auch die Konsequenzen ziehen. Das halte ich schon für sehr wichtig, dass wir nicht postmodern uns sozusagen herumdrücken und herausreden und sagen, na ja, 200 Seiten Plagiat ist ja nicht so schlimm, dann sind ja 200 Seiten nicht plagiiert. Das ist sozusagen ein falsches Quotendenken, das hier nicht einreißen sollte.

Es geht ja um das systematische, absichtliche Nichtsetzen von Anführungszeichen und Fußnoten. Das ist etwas ganz anderes, was eben jetzt auch Politiker in der Diskussion verwechseln und was sogar, was mich auch sehr stört, der DFG-Ombudsmann verwechselt in seinem ersten Statement, in dem er gesagt hat, die Täuschungsabsicht ist noch nicht erwiesen. Ja dann muss ich ihn auch herzlich einladen, eben einmal auf das Guttenberg-Wiki zu gehen und sich anzuschauen, ist das jetzt Täuschung oder nicht.

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