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StartseiteInterview"Das ist so wie 9/11"30.11.2011

"Das ist so wie 9/11"

Katholischer Pater Mertes war und ist Ansprechpartner für Missbrauchsopfer in der Kirche

Die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle sei deshalb besonders erschütternd gewesen, weil sie die rein quantitative Dimension gezeigt habe, sagt der ehemalige Rektor am Canisius-Kolleg in Berlin, Pater Klaus Mertes. Die Aufarbeitung werde die Kirche noch viele Jahre beschäftigen, habe aber bereits ein Umdenken bewirkt.

Pater Klaus Mertes im Gespräch mit Anne Raith

Pater Klaus Mertes, Direktor am Canisius-Kolleg (AP)
Pater Klaus Mertes, Direktor am Canisius-Kolleg (AP)

Anne Raith: Vergangenes Jahr erschütterte ein Missbrauchskandal die deutsche Öffentlichkeit. Kaum eine Woche verging, in der keine neuen Fälle bekannt wurden – Fälle, die zum Teil schon Jahrzehnte zurück lagen. Die Aufarbeitung begann, Stück für Stück, nachdem sich ehemalige Schüler des Canisius-Kollegs in Berlin mit ihrer Geschichte an den damaligen Rektor, an Pater Klaus Mertes wandten. Mit ihm habe ich vor der Sendung gesprochen und ihn gefragt, welche Erinnerungen er mit diesem Tag im Januar 2010 verbindet.

Klaus Mertes: Also die ersten Betroffenen haben sich zu dritt an mich gewandt am 14. Januar, und meine große Erschütterung bestand in der Erkenntnis, wenn die Geschichten wahr sind, die mir erzählt wurden – und davon konnte ich und musste ich ausgehen aufgrund auch der Struktur der Gerüchte, die vorher da waren -, dass es allein im Fall des einen ehemaligen Mitbruders mindestens 100 Opfer gegeben haben muss in den 70er-Jahren. Und das war eine Nachricht über eine Dimension, die für mich vorher überhaupt gar nicht vorstellbar gewesen war, und das hat mich erschüttert.

Raith: Was hat dieser Tag denn bei Ihnen verändert?

Mertes: Ja das ist so wie 9/11. Vorher ist alles anders als nachher und nachher ist alles anders als vorher. Wenn sie einmal gesehen haben, worin die Systematik eines Missbrauchs besteht und wie auch ein Schweigen in einer Institution funktioniert, wie komplex das ist, dann sehen sie einfach die Welt mit anderen Augen.

Raith: Hat Sie das so komplett überrascht damals?

Mertes: Es hat mich nicht komplett überrascht, weil ich ja schon Einzelmeldungen vorher hatte und eine Gerüchtestruktur – zwei Einzelmeldungen, wo ich dann die Täternamen auch weitergegeben habe, aber wo die Opfer mich um strengste Diskretion sogar gegenüber ihren nächsten Familienangehörigen gebeten hatten. Aber neu war tatsächlich für mich die Dimension, die rein quantitative Dimension.

Raith: Sie haben ja damals dann einen Entschuldigungsbrief geschrieben, der an die Öffentlichkeit gelangte. Hätten Sie damals geahnt, dass längst nicht nur das Canisius-Kolleg betroffen ist, sondern ja auch die ganze Katholische Kirche letztlich erschüttert werden wird?

Mertes: Also dass die ganze Katholische Kirche und dann auch die ganze Gesellschaft erschüttert werden würde, das habe ich natürlich nicht geahnt und gewusst. Aber wenn man sich ein bisschen vorher schon mit dem Thema befasst hat – und das hatte ich ja getan -, wusste man natürlich, dass das ein kirchliches und gesellschaftliches Phänomen ist, der Missbrauch, und deswegen habe ich mich natürlich auch nicht gewundert, als es dann weiterging. Ich habe ja sogar schon sehr früh, glaube ich, einmal in einem Interview gesagt, dass das hier nur die Spitze eines Eisbergs sei, was da sichtbar wird.

Raith: Wie haben Sie dann die Aufarbeitung in den Wochen und Monaten, die da folgten, wahrgenommen? Ist das passiert, was Sie mit Ihrem Brief erreichen wollten?

Mertes: Also es ist viel mehr passiert als das, was ich mit meinem Brief erreichen wollte. Mit meinem Brief wollte ich ja signalisieren, den Opfern aus den 70er- und 80er-Jahren, Ansprechbarkeit seitens der Institutionen. Was aber am Ende daraus geworden ist, ist natürlich, dass viel, viel mehr sich gemeldet haben bei mir als nur die angesprochenen, und zwar sowohl von früheren Tätern aus dem Canisius-Kolleg, als auch aus der ganzen Bundesrepublik, aus dem ganzen Land. Auch Familienopfer haben sich dann bei mir gemeldet. Ich bin dann phasenweise so etwas wie eine nationale Anlaufstelle für Opfer von sexuellem Missbrauch aller Art geworden, und das hatte ich natürlich überhaupt gar nicht im Blick gehabt und konnte ich auch nicht im Blick haben, als ich diesen Brief losschickte.

Raith: Die Katholische Kirche als Täterschutzorganisation, so zumindest sehen oder sahen es viele der Opfer. Haben Sie denn auch den Eindruck, dass die Kirche auf der anderen Seite ihre Lehren gezogen hat?

Mertes: Ich denke, dass es in der Kirche sehr, sehr viel Bewegung gegeben hat und dass durch die Kirche eine große Erschütterung gegangen ist und daraus durchaus auch ein Umdenken. Die Kirche ist eine große Institution, und Tanker bewegen sich nicht im Slalom. Aber ich glaube, da hat sich schon einiges in der Richtung geändert.

Raith: Sie haben mal bei uns im Interview Anfang des Jahres gesagt, "Ich verstehe das, was ich tue, auch als einen wichtigen Dienst an der Kirche".

Mertes: Ja, natürlich.

Raith: Hat Ihnen die Kirche das eigentlich mal gedankt?

Mertes: Ja. Wenn man unter der Kirche nicht nur die Hierarchie versteht, dann würde ich sagen, ich habe aus der Kirche ganz, ganz großen Dank von ganz, ganz vielen Katholiken bekommen.

Raith: Gab es denn auch das Gegenteil? Wurden Sie auch mal - ich möchte nicht sagen - angefeindet, aber weil Sie das Schweigen der Kirche brechen wollten?

Mertes: Ja. Es gibt natürlich auch so einen dunkel-katholischen Pöbel, der einen anonym anmacht und beschimpft und so weiter und so fort. Hinten herum kriegt man manchmal einiges gesagt. Manchmal sind auch Verwandte von mir auf der Straße angepöbelt worden, oder ich bin selbst auch von unbekannten Leuten dann auf der Straße angespuckt worden. Das hat es gegeben. Aber das gehört eben dazu, das muss man auch sagen.

Raith: Würden Sie sagen, das ist ein kleiner Teil?

Mertes: Zahlenmäßig ist das ein kleiner Teil, ja. Die große Mehrheit in der Katholischen Kirche ist dankbar und froh darüber, dass diese Dinge sichtbar geworden sind.

Raith: Sie sind seit einigen Wochen Direktor des Kollegs St. Blasien, auch hier hat es ja Missbrauchsfälle gegeben. Welche Erfahrungen haben Sie denn hier seit Amtsantritt in den vergangenen Wochen gemacht?

Mertes: Ich habe in St. Blasien ja sehr eng zusammengearbeitet mit meinem Vorgänger, Pater Siebner, weil ja einer der Haupttäter aus dem Canisius-Kolleg dann versetzt worden war nach St. Blasien, und habe schon in den letzten zwei Jahren ganz eng mit ihm zusammengearbeitet. Ich denke, dass wir in St. Blasien auf demselben sehr guten Stand der Aufarbeitung dieser Geschichten sind wie im Canisius-Kolleg.

Raith: Der Runde Tisch legt heute seinen Abschlussbericht vor. Denken Sie denn, dass Sie die Aufarbeitung der Fälle eines Tages als abgeschlossen bezeichnen können?

Mertes: Also ich glaube, dass es so etwas gibt wie eine Erstaufklärungsphase, in der ganz viele Informationen rausgekommen sind und wo es auch so etwas wie einen vorläufigen Abschluss geben kann. Aber man muss natürlich immer damit rechnen, dass es sexuellen Missbrauch gibt, und man muss immer damit rechnen, dass Verantwortliche in Institutionen weggucken – aus welchen Gründen auch immer -, und deswegen wird das Thema natürlich nie abgeschlossen sein.

Raith: Wird das Thema Sie denn auch weiter beschäftigen? Wenden sich heute noch ehemalige Schüler an Sie?

Mertes: Ja, nicht nur ehemalige Schüler, sondern aus der ganzen Bundesrepublik werde ich angeschrieben von Opfern unterschiedlichster Institutionen. Ich musste im Laufe der letzten Monate einfach akzeptieren, dass das ein Thema in meiner Biografie für die nächsten 10, 15 Jahre werden wird.

Raith: Der ehemalige Rektor des Canisius-Kollegs Pater Klaus Mertes im Gespräch mit dem Deutschlandfunk. Haben Sie herzlichen Dank!

Mertes: Bitte sehr!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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