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StartseiteInterviewDas It-Girl Preußens05.03.2010

Das It-Girl Preußens

Auftakt zum Luisen-Jahr anlässlich des 200. Todestages

Die preußische Königin Luise habe man schon zu Lebzeiten als eine moderne, reformorientierte Herrscherin und Mutter betrachtet, sagt Kunsthistoriker Philipp Demandt. Das habe sie im Bürgertum um 1800 sehr populär gemacht.

Philipp Demandt im Gespräch mit Christoph Heinemann

Schloss Charlottenburg, das einzige verbliebene Hohenzollern-Schloss in Berlin (AP)
Schloss Charlottenburg, das einzige verbliebene Hohenzollern-Schloss in Berlin (AP)

Christoph Heinemann: "Miss Preußen 2010" ist eine Ausstellungsserie überschrieben, mit der die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg an die mit Abstand bekannteste und nicht nur zu Lebzeiten beliebteste preußische Königin erinnert. "Luise, Leben und Mythos der Königin", ab morgen zu sehen im Charlottenburger Schloss in Berlin, zum Auftakt des Luisen-Jahres anlässlich des 200. Todestages. Bevor wir gleich über die Königin und die Ausstellung sprechen, möchten wir zunächst ein literarisches Denkmal zu Wort kommen lassen. Der Schriftsteller Günter de Bruyn hat Preußens Luise – wir hören einen gekürzten Auszug – folgendermaßen beschrieben.

"Zu den Vorzügen der Legendengestalt Luise zählte neben ihrer Anmut und Schönheit auch das, was man ihre Natürlichkeit nannte, dem Hofzeremoniell entgegensetzte und als Ausdruck von Güte und Menschlichkeit sah. Obwohl es nicht schicklich ist, küsst und umarmt sie das weiß gekleidete Bürgermädchen, das sie bei ihrer Ankunft als Braut vor der Ehrenpforte Unter den Linden mit einem Gedicht bewillkommnet, sodass die Oberhofmeisterin ausrufen muss, 'mein Himmel, das ist ja gegen alle Etikette'. Die treue Oberhofmeisterin, Gräfin Voß, ihre Lehrmeisterin im Königin werden, wird dadurch zum notwendigen Bestandteil der Legende. Sie verkörpert streng und gerecht, aber mit gutem Herzen das alte Preußen, dessen Zucht Luise erzieht und verwandelt und das durch sie verwandelt wird."

Heinemann: Wissenschaftlicher Berater der Berliner Ausstellung ist der Kunsthistoriker Philipp Demandt von der Kulturstiftung der Länder. Guten Morgen!

Philipp Demandt: Guten Morgen!

Heinemann: Herr Demandt, das Preußen, das durch sie verwandelt wird – wir haben den Auszug aus Günter de Bruyns Buch gehört -, wie hat Luise Preußen verwandelt?

Demandt: Luise ist ja schon zu Lebzeiten betrachtet worden als eine moderne, reformorientierte Herrscherin und Mutter. Sie ist eben durch eine Liebesheirat mit ihrem Ehemann, dem späteren Friedrich-Wilhelm III., hervorgetreten. Die Ehe war einerseits etwas arrangiert, aber auf der anderen Seite nicht in dem Maße, wie man das vorher und später bei den Hohenzollern kannte. Sie galt eben als natürliche, liebevolle, tugendhafte Mutter. Immerhin 10 Kinder in 16 Jahren sprechen ja eine deutliche Sprache. Das waren Dinge, die vor allen Dingen im Bürgertum um 1800 sehr angekommen sind und die Luise sehr populär gemacht hat.

Heinemann: Worin besteht der Mythos, von dem Sie gesprochen haben, und was löste ihn aus?

Demandt: Der Mythos Luises besteht darin, dass man um 1800, in der Zeit nach der Französischen Revolution, allgemein in Deutschland das große Bedürfnis hatte nach Veränderungen und man – Revolutionen in Preußen hat es ja um diese Zeit nicht gegeben – Luise vor allen Dingen und ihrem Ehemann eine Rolle zugemessen hat, dass die Revolution in Preußen sozusagen von oben kommen möge, dass man sich mehr um die Belange des Volkes kümmert, dass man volksnäher wird, nicht mehr so abgehoben, dass man sich mehr um die Belange der Bevölkerung kümmert, auch was die Identifikation mit dem Staat etwa angeht. Aber es entsteht vor allen Dingen durch die napoleonische Bedrohung eben dieser große Mythos von der standhaften, von der kämpferischen Luise. Nach dem Niedergang Preußens 1806 bei Jena und Auerstedt wird vor allen Dingen diese kämpferische, soldatische Seite von Luise immer stärker auch hervorgehoben.

Heinemann: Und zum Mythos gehört ja ihre Begegnung auch mit Napoleon. Marschall Blücher soll nach der französischen Niederlage bei Waterloo ausgerufen haben, jetzt endlich sei Luise gerächt. Und noch so eine Anekdote: Napoleon III., das heißt der Neffe des Korsen, erklärt Preußen am 19. Juli 1870 den Krieg, das heißt genau am 60. Jahrestag ihres Todes. Ist Luise, oder wurde sie zu einer Art preußischer Jeanne D'Arc in der Auseinandersetzung mit Frankreich?

Demandt: Ja, das kann man weitgehend so sagen. Sie ist auf der einen Seite natürlich eine Durchhalteikone. Sie wird stilisiert wirklich zum Inbegriff des Widerwillens gegen Frankreich, nicht zuletzt durch ihre Begegnung mit Napoleon, wo sie eben für das Preußen nach Jena und Auerstedt um einen milderen Frieden bittet. Aber sie wird im späten 19. Jahrhundert eher als eine passive, still duldende, ausharrende Frau geschildert, auch weil man natürlich aus politischen Gründen eine allzu kämpferische und fortschrittliche Luise im späten 19. Jahrhundert nicht so gerne mehr zeichnen wollte. Aber es spricht natürlich für sich, dass dieser Mythos vom Opfertod ums Vaterland, also Luise, die an gebrochenem Herzen gestorben sei um 1810, das spricht natürlich dafür, dass Luise auch so eine stark militärisch und soldatische Komponente bekommt, die dann im 19. Jahrhundert in ihrer Rezeption ganz wichtig wird.

Heinemann: Wir sprechen in den "Informationen am Morgen" mit dem Kunsthistoriker Philipp Demandt, und zwar über Königin Luise. – Sie haben ein Buch geschrieben mit dem Titel "Luisenkult – die Unsterblichkeit der Königin von Preußen". Können Sie Beispiele nennen, welche Formen nahm dieser Luisenkult an?

Demandt: Der Luisenkult, der ja zu Lebzeiten schon ein wenig einsetzt, der bekommt den großen Auftrieb eben durch diesen frühen Tod. Edgar Allan Poe hat ja mal den schönen Satz gesagt, der Tod einer schönen Frau ist ohne Zweifel das poetischste Thema der Welt, und dieser frühe Tod dieser Frau – sie liegt ja wie so eine Art schlafendes Dornröschen in ihrem Mausoleum in Charlottenburg in einer wunderbaren Sarkophagskulptur von Christian-Daniel Rauch -, dieser Tod hat natürlich Dichter, Maler, Künstler, Architekten, später auch Theatermacher, Filmemacher unglaublich inspiriert. Luise wird im späten 19. Jahrhundert ja sogar in den Lexika als die bedeutendste Frau der deutschen Geschichte geschildert.

Heinemann: Und das, obwohl sich ihre politischen Fähigkeiten ja offenbar in Grenzen hielten. Luise soll ja dem zaudernden König geraten haben, Napoleon militärisch herauszufordern, was dann im Jahr 1806 bei Jena und Auerstedt aus preußischer Sicht gründlich in die Hose ging.

Demandt: Das ist richtig. Die Frage, inwiefern Luise politischen Einfluss hatte, die ist hoch umstritten. Wir wissen aus den Aufzeichnungen ihres Ehemannes, dass Luise eine große Neigung für politische Gespräche hatte und er ihr offensichtlich auch immer viel erzählt hat, aber Friedrich-Wilhelm III. hat nach ihrem Tode immer wieder vehement bestritten, dass Luise irgendeinen Einfluss auf die Politik gehabt habe. Aber ich glaube, die Wahrheit ist irgendwo in der Mitte.

Heinemann: Herr Demandt, was haben die Nazis aus Luise gemacht?

Demandt: Die Nazis haben Luise natürlich neben Friedrich dem Großen als die beiden einzigen Hohenzollern-Gestalten betrachtet, aus denen man auch noch politische Propaganda ziehen konnte. Luise wird im Dritten Reich vor allen Dingen natürlich ihrer Qualitäten als standhafte, fruchtbare Mutter immer wieder herausgestellt. Am Ende des Zweiten Weltkrieges hat sie ihren letzten großen Auftritt in dem berüchtigten Durchhaltefilm "Kolberg" von Veit Harlan, wo sie eben noch mal vor das Volk tritt und den Kampf bis zum letzten Blutstropfen fordert, also eigentlich ein trauriges Ende dieses Mythos.

Heinemann: Nach dem Krieg wurde das Preußische lange auf Militarismus, Gehorsam und den überheblich schnarrenden Tonfall des Reserveleutnants verkürzt. Hat Luise diese Deutung unbeschadet überstanden?

Demandt: Das hat sie. Man hat in den späten 50er-Jahren ja versucht, mit diesem bekannten Film mit Ruth Leuwerik ein heiteres, besorgtes und trotzdem aber sehr positives Bild Luises zu zeichnen. Der Film ist ein kommerzieller Flop gewesen in den späten 50er-Jahren, ist aber dann in den 70er- und 80er-Jahren über das Fernsehen doch sehr, sehr populär geworden und Luise hat vor allen Dingen nach der Wende von 1989/90 neuen Auftrieb bekommen. Sie steht eben für ein Preußen, an das man sich heute gern erinnert, eben das Preußen von Schinkel, von Schadow, von Rauch, von Humboldt, von Hegel, das Preußen des deutschen Idealismus, der Staatsreformen. Das sind die Dinge, die man heutzutage mit Luise verbindet, und deswegen hat sie eigentlich mehr als jede andere Hohenzollern-Gestalt des 19. Jahrhunderts diese Zeit gut überstanden.

Heinemann: Herr Demandt, die Ausstellung, die morgen eröffnet wird, ist die erste in der Reihe "Miss Preußen 2010". Wieso diese Überschrift? Das klingt so ein bisschen nach "Germanys next Topmodel" oder Topqueen oder dergleichen.

Demandt: Ich glaube, es ist der Wunsch und das Bedürfnis der Marketingstrategen in der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten gewesen, einfach den Besucher, wie man so schön sagt, da abzuholen, wo er heute ist. Man hat ja versucht, Begriffe zu finden wie "Working Mum" oder "It-Girl" oder "Fashion Victim", um Luise und ihre Charakterzüge, eben ihre Mutterschaft, ihre Liebe zur Mode, oder auch es gibt Menschen, die sagen, Luise sei ein bisschen vergnügungssüchtig gewesen, dass das Charakterzüge sind, die, glaube ich, Luise heute auch noch ansprechend machen, die sie einfach lebhaft erscheinen lassen, die sie auch einfach sehr realistisch erscheinen lassen, und ich glaube, man wollte einfach gerne moderne Begriffe finden, um zu sagen, auch vor 200 Jahren hat es so was wie ein It-Girl in Preußen schon gegeben.

Heinemann: Aber vor Ihrem geistigen Auge mustert jetzt nicht Dieter Bohlen die preußischen Monarchinnen?

Demandt: Nein, ganz bestimmt nicht und Sie werden in Charlottenburg, die erste Ausstellung, die ja eröffnet wird, die schönsten Skulpturen und Gemälde sehen von Schadow bis Elisabeth Vigee Le Brun.

Heinemann: "Luise, Leben und Mythos der Königin" – ab morgen im Charlottenburger Schloss, Auftakt zum Luisen-Jahr anlässlich des 200. Todestages im Juli. Philipp Demandt, wissenschaftlicher Berater der Berliner Ausstellung, Kunsthistoriker, danke schön für das Gespräch und auf Wiederhören.

Demandt: Tschüß!

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