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StartseiteBüchermarktDas Jahr 37 in Russland26.11.2008

Das Jahr 37 in Russland

Karl Schlögel: Terror und Traum, Carl Hanser Verlag

Auch wenn es über 70 Jahre zurückliegt - bis heute ist das "Jahr 37" in Russland eine Chiffre für den Stalinistischen Terror. Kaum eine Familie, die nicht davon betroffen war: 1937 fanden die berüchtigten Schauprozesse gegen hohe Funktionäre des Regimes statt; anschließend setzte eine beispiellose Verhaftungs- und Tötungswelle ein, die zwei Millionen Sowjetbürger erfasste - 700 000 Menschen wurden hingerichtet, 1,3 Millionen in Straflager verschleppt, aus denen viele nicht lebend zurückkehrten.

Von Brigitte van Kann

Josef Stalin (AP)
Josef Stalin (AP)

In seinem neuen Buch "Terror und Traum" verortet der Osteuropa-Historiker Karl Schlögel das Jahr 37 in der Machtzentrale Moskau - wie der Titel verspricht, nimmt er dabei keineswegs nur die Schrecken dieses Jahres in den Blick:

" Es ist für mich sonnenklar, dass eine Geschichte, die nur als Geschichte des blanken Terrors erzählt wird, völlig unangemessen ist. Man muss die Zeit in ihrer ganzen Komplexität nehmen, und sie besteht eben nicht nur in den Einsatzkommandos des NKWD, die innerhalb eines Jahres am Stadtrand von Moskau 25 000 Menschen liquidiert haben, sondern es gab auch dieses Andere, es gab diese unglaublichen Musicals, die Festveranstaltungen, es gab Sportler-Paraden, atemberaubende Kunstwerke - und für alle, die damals gelebt haben, war das alles gleichzeitig im Kopf. Ich bekenne mich unbedingt zum Erbe der Totalitarismus-Forschung, gleichzeitig sage ich aber auch, sie hat bestimmte Dinge einfach nicht gesehen. Sie hat sich nicht für den Alltag, nicht für das euphorisierende Moment interessiert. "

In vierzig Kapiteln, jedes davon eine ausgewachsene Studie, sondiert Karl Schlögel sein Terrain; an vierzig Phänomenen des Alltags, der Kultur, der Wissenschaft und der Politik im Moskau des Jahres 1937 setzt er zu einer Tiefenbohrung an. Er untersucht die sowjetische Filmbegeisterung und die Kinohits des Jahres, die Verlockungen des Gorki-Freizeitparks, den Siegeszug des Radios, die Begeisterung für den Jazz und das allgegenwärtige Rekordfieber ebenso wie Dramaturgie und Rhetorik der Schauprozesse und das Gefängnis der Lubjanka als Ort der Fabrikation phantastischer Anklagen und Geständnisse. Immer schwingt das Echo mit, das die Ereignisse in den Aufzeichnungen unbekannter Sowjetbürger, in den berühmten Berichten Lion Feuchtwangers und André Gides, in den Tagebüchern der Schriftstellergattin Jelena Bulgakova und des amerikanischen Botschafters Davies finden.

Das zu Tage geförderte Material zeigt Glanz und Elend der sowjetischen Metropole, deren Bevölkerung sich binnen eines Jahrzehnts verdoppelte. Die grandiosen Pläne zur Umgestaltung Moskaus, zum Teil realisiert und von einer "Orgie der Zerstörung" der alten Stadt mit ihren "vierzig mal vierzig" Kirchen begleitet, ist für Karl Schlögel weniger Umsetzung einer Utopie als eine Notstandsreaktion auf die drängenden Probleme einer sprunghaft gewachsenen Metropole.

Die bäuerlichen Immigranten sind Entwurzelte, Überlebende der Zwangskollektivierung und der Hungerkatastrophe zu Beginn des Jahrzehnts - keine Bauern mehr, aber auch noch keine Städter. Der Autor beschreibt dieses Moskau als Zentrum eines "nie dagewesenen Urbanisierungsvorhabens", dessen gärende Kräfte auch deshalb nicht explodieren, weil eine von oben induzierte Angst vor inneren und äußeren Feinden Gemeinsamkeit stiftet. Karl Schlögel spricht von der "Permanenz der Mobilmachung", die das bedrohte Gefüge stabil hält - indem sie die Emotionen dieser vom Alltag zermürbten Stadtbewohner, ihre Gewalterfahrung, ihren angestauten Hass kanalisiert und auf die Mühlen der Macht lenkt.

Die medienwirksam inszenierten Schauprozesse lösen Schock und Schrecken aus: Wie kann es sein, dass verdiente Revolutionäre und ranghohe Funktionäre für den deutschen Faschismus spioniert, Sabotage verübt und Attentate auf Stalin geplant haben? In diese Atmosphäre der Verunsicherung und der Angst hinein beginnt die sowjetische Führung den sogenannten Großen Terror, die gezielte, in der Ausführung bisweilen chaotisch und willkürlich erscheinende Verhaftung und Tötung von zwei Millionen Menschen nach für die einzelnen Republiken und Gebiete festgelegten Quoten. Das System schaltet Personen aus, in denen es eine potentielle Gefahr sieht - wieder trifft es die Kulaken und andere als Volksfeinde und Schädlinge diffamierte Gruppen. Im Hinblick auf den drohenden Krieg gehören dazu auch deutsch- und polnischstämmige Sowjetbürger, Griechen, Kurden, Japaner und Koreaner - Bewohner der Grenzgebiete, die a priori der Sympathien mit dem Feind verdächtig sind.

Die Gleichzeitigkeit, das Nebeneinander von "Terror und Traum", von tiefer Not und strahlendem Aufbruch stellte den Historiographen vor besondere Herausforderungen:

" Die Schwierigkeiten waren nicht, wie man in der Regel annimmt, quellenmäßiger Art. Ich finde, dass die russischen Kollegen in den letzten 15 Jahren eine ungeheure Menge von Dokumenten veröffentlicht haben: die offiziellen Protokolle der Entscheidungsprozesse, Statistiken, Volkszählung, Meinungsberichte, die das NKWD eingesammelt hat, dann aber auch eine sehr große Zahl von Erinnerungen, Tagebüchern. Mein Problem war eher, wie man diesem Jahr in seiner Unübersichtlichkeit, seiner Chaotik, seiner Heillosigkeit darstellerisch zu Leibe rücken und es bewältigen kann. "

Den Plan, seinem Gegenstand durch eine Begehung der Schauplätze gerecht zu werden, verwarf der Autor auf halber Strecke - die Figur des Flaneurs passte nicht in das Moskau des Jahres 1937: Besucher flanierten nicht mehr frei, sondern in Begleitung von Geheimdienstlern, und auch das urbane Milieu, das Walter Benjamin flanierend erkundete, gab es nicht mehr.

" Vor allem aber, und das ist der Hauptgrund, die Bewegung des Flaneurs war viel zu langsam. Die Bewegung von Ort zu Ort hat eigentlich das nicht mit aufgenommen, was jeden, der sich mit 1937 beschäftigt, fasziniert und in Atem hält: diese ungeheure Beschleunigung der Ereignisse, die dann in diese Tötungsaktion, in diesen Amok, in diesen ungeheure Selbstdestruktivität hineinläuft. "

Montage-Verfahren, wie Kempowski sie in der Literatur und Eisenstein im Film praktizierte, erwiesen sich als "unterkomplex" für Geschichten mit "Anlaufzeit", für rasante Aufbrüche, die im Absturz enden und umgekehrt für atemberaubende Karrieren, die in diesem Jahr ihren Anfang nahmen. Schließlich war es eine Episode aus dem berühmten russischen Roman "Der Meister und Margarita" von Michail Bulgakov, die Karl Schlögel den Weg wies: der Hexenflug der Heldin über das abendliche Moskau.

" Die Figur dieses Fluges hat mir unendlich geholfen und mich schließlich ans Schreiben gebracht, weil der Flug mehrere Dinge zusammenbringt: Erstens, er ist die einzige Perspektive, die den Schauplatz als Ganzes übersieht. Was meine Vorstellung war, ein Narrativ der Gleichzeitigkeit zu entwickeln, das leistete dieser Blick von oben. Das andere war, dass es bei Bulgakow etwas gibt, was für einen Schriftsteller des Jahres 1937 sehr wichtig ist: Es verlieren sich die klaren Grenzen zwischen Realität und Fiktion, zwischen Wirklichkeit und Wahn - der Zusammenbruch aller festen Unterscheidungen, was ja auch die Hauptfrage war, die sich die Leute 1937 gestellt haben: Warum verschwinden Leute? Warum werden solche monströsen Beschuldigungen erhoben, warum sind ganz harmlose Leute plötzlich Feinde des Volkes oder eine "Fünfte Kolonne"? "

Wer am Schluss des Buches eine Antwort auf diese Frage erwartet, wird enttäuscht. Karl Schlögel entfaltet ein Panorama, eine Bestandsaufnahme des Jahres 37 mit seinen schreienden Gegensätzen und Widersprüchen - sie zu deuten, Zusammenhänge zwischen den Phänomenen des Terrors und des Traums herzustellen, erfordere einen zweiten Schritt. Seinen Lesern und Kollegen macht der Autor jedoch wenig Hoffnung auf einfache Antworten, wenn er feststellt:

" Dass dieses Jahr doch ein ganz sonderbares, und ich würde sagen, ein ganz rätselhaftes ist. Ein Jahr, das Historiker lehrt, sehr, sehr bescheiden zu werden. Da muss man in gewisser Weise - ich will nicht sagen, abdanken - aber ich will sagen, dass die Mittel der Aufklärung doch sehr beschränkt sind, um sich in einem solchen historischen Tumult zurechtzufinden und ihn aufzuklären. Wir werden noch sehr viel daran arbeiten müssen. "

Wie Karl Schlögels Bücher über die Petersburger Moderne und die russische Emigration in Berlin ist auch "Terror und Traum. Moskau 1937" glänzend und mitreißend geschrieben. Dass dieser Historiker auch ein Schriftsteller ist, der Inspiration aus der Literatur bezieht und die Mittel seiner Darstellung ständig mitreflektiert, heißt allerdings nicht: hier gibt es Geschichte light, literarisch hübsch verpackt:

" Ich hoffte auch, dass mit diesem Buch in gewisser Weise eine Initiative in Gang kommt, unsere erzählerischen Register zu überprüfen und neu auszuprobieren - und ich meine das ausdrücklich nicht als literarischen Trick. Das ist ein großes Missverständnis innerhalb der historischen Zunft, dass es darum geht farbig, lebendig zu schreiben. Das ist eine vollständig falsche Auffassung von Geschichtsschreibung. Sondern es geht darum, ob man einer Geschichte angemessen gegenübertritt und ob man darstellerische Mittel findet, die angemessener sind als andere. Darum geht es und das ist im Grunde der Ernstfall der Geschichtsschreibung. "

Karl Schlögel: Terror und Traum. Moskau 1937.
Carl Hanser Verlag München 2008, 810 Seiten.

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