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StartseiteBüchermarktDas Jahr der Wunder08.04.2002

Das Jahr der Wunder

Fischer, 282 S., EUR 19,90

Tun Sie auch immer so, als ob Sie wüssten, was genau die "New Economy" ist? Irgendetwas mit Computern und Internet, mit globalen Geldströmen. Irgendetwas, womit man bis vor zwei Jahren noch viel Geld hätte verdienen können, jetzt aber besser die Finger von den Aktien lässt? Und die Keimzelle der New Economy ist die Agentur. Was eine Agentur ist, erzählt Rainer Merkel in seinem mit dem Jürgen Ponto-Preis für das beste literarische Debüt des Jahres 2001 ausgezeichneten Roman, das "Jahr der Wunder".

Thomas Böhm

Merkels Hauptfigur, der erfolglose Medizinstudent Christian Schlier stellt sich auf Empfehlung eines Freundes bei der Agentur GFPD vor. Im Vorstellungsgespräch wird er weder nach seiner Ausbildung noch seiner Berufserfahrung gefragt - wichtig scheint seinen Gesprächspartnern nur seine Jugend und sein Einsatzwille zu sein. So steigt Schlier in die Agentur ein, ohne dass er wüsste, was genau deren Geschäftsinhalt ist oder was sich hinter dem Kürzel "GFPD" verbirgt. Er fühlt sich - heißt es an einer Stelle des Eingangskapitels - wie die Fünf Freunde aus Enid Blytons Kinderbüchern. Rainer Merkel erklärt die Bedeutung von Freundschaft in der New Economy. Merkel:

Gerade durch das Nichtvorhandensein von Hierarchien und (...) der klassischen Arbeitsstrukturen und auch sicherlich der Erfahrung der einzelnen Mitarbeiter diente Freundschaft dazu, das ein bisschen zu kompensieren. Also Wissenslücken und auch Unerfahrenheit. Um sich in einen kollektiven Rausch hineinzusteigern, dass man zusammensteht und auch zusammen die Agentur nach vorne bringt. Und dann diese Selbstmystifizierung: eine Gruppe, eine Agentur, ein Name, also dieser Mythos Agentur, der dann aufgebaut wird nach innen, für den einzelnen Mitarbeiter, sich dann auf auswirkt auf die neu hinzukommenden Mitarbeiter, die nicht so ein freundschaftliches Verhältnis haben, die aber immer diesen Sog, auch diese Dramaturgie des Agenturmythos auch mitbekommen, die Aura, die nach innen wirkt. Man hat immer das Gefühl, man ist bei etwas ganz Besonderen.

Merkel unterlegt der Erzählung oft Bilder und Motive mit religiösen Anklängen. So erscheint die Agentur in der Eingangsszene lichtdurchflutet wie eine Kathedrale in die Christian Schlier eintritt. Sein Wunsch, in den Strukturen der Agentur aufzugehen, zu einem Jünger der New Economy zu werden, korrespondiert mit dem Sendungsbewusstsein der Agenturgründer, die sich als Propheten einer neuen Wirtschafts- und Gesellschaftsform verstehen, zu der es die Konsumenten zu bekehren gilt. Schlier verinnerlicht dieses Bewusstsein erfolgreich: Sein erstes Imagekonzept, das er für eine Bausparkasse aus Stuttgart entwickelt, nennt er: "Das Jahr der Wunder".

Doch nicht nur das religiöse Vokabular wird von den Vertretern der New Economy sinnentlehrt gebraucht, sie bedienen sich auch schillernder politischer Schlagwörter wie "Revolution". Merkel:

Gerade dieser Revolutionsgedanke, (...) der ist halt ohne jede politische Substanz. Ich denke, diese Agenturen sind eben doch durch die 68er ein bisschen mitgeprägt, durch ein Bedürfnis, auch in ihrer Generation so etwas wie eine Revolution zu veranstalten, unterschwellig vielleicht, und dann plötzlich ist man in so einer Agentur: Neue Medien, der Internetboom wurde schon antizipiert, man wusste, da kommt etwas ganz Großes, und bald haben wir keine Bücher mehr - das war immer dieses Gerede, was sich alles ändern wird. Große Utopien wurden aufgebaut und man war sozusagen in dieser Schaltstelle und hat dieses Pioniergefühl gehabt, dieses Avantgardegefühl, war von diesem Revolutionsgeist durchweht und man ist selbst diese Welle, die über die Gesellschaft hinwegschwappt. Aber das war ohne jeden politischen Hintergrund. Und dass fand ich auch mal interessant, zumal die Leute, die von der Agentur gesprochen haben, ein wenig anpolitisiert waren, sich aber in der Agentur dann in kapitalistischen System die Revolutionsenergie der 68er weiterverarbeitet haben.

Den anpolistierten Lesern wird nicht gefallen, dass Merkels Roman, der die Gründerzeit der New Economy Mitte der 90er Jahre beschreibt, kein eindeutiges Urteil über seine Figuren oder die New Economy als Ganzes fällt. Dies wäre angesichts ihrer Krise zwar leicht, literarisch wohl eher unbefriedigend, wie die beiden zuletzt erschienenen Agenturromane - Frederic Beigbeder 39,90 DM und Joachim Bessings Wir-Maschine - gezeigt haben, die nicht mehr bieten als aus Hass gespeiste Karikaturen des Milieus, dem die Autoren selbst einmal angehört haben. Rainer Merkel, der Mitte der 90er ein Jahr lang in einer Agentur gearbeitet hat, sieht die dort gemachten Erfahrungen nicht einfach als Einsichten in das falsche Leben an:

Es war interessant, dass ich durch die Arbeit in der Agentur, auch einerseits mich so beim Schreiben gefragt habe: Welche kommunikative Funktion hat eigentlich mein Schreiben? Interessanterweise auch so, als hätte ich es mit einem Kunden zu tun, dem ich was vorsetzen muss. Ich muss mich fragen: aha, ich kommuniziere mit dem Kunden, der muss irgendwas damit anfangen können. Das hat mich auch ein bisschen zurückgeworfen auf mein eigenes Verhältnis zur Literatur: Was mache ich eigentlich mit meiner Literatur? Natürlich mache ich etwas anderes, als irgendwelche Kunden anzusprechen, aber Literatur, hab ich dann gemerkt - nach diesen Erfahrungen in der Agentur - ist in erster Linie Kommunikation. Deshalb auch die Idee, dass ich Material anbiete, daß der Leser damit ganz anders umgehen kann. Das war interessant für mich, von diesem übersteigerten Kunstanspruch wegzukommen, auch geerdet zu werden, durch die Erfahrung in der Wirtschaft."

Das Material, das der Roman "Das Jahr der Wunder" dem Leser anbietet, eröffnet einen Blick in die komplexen, kaum sichtbaren Verknüpfungen von Psyche und Arbeitswelt, die Merkel mit sicherem Gespür für aufschlußreiche Details wie den fließenden Übergang zwischen Pausenraum und Büro und die Untertöne des New Economy-Vokabulars erfasst, wenn er z.B. der Chef auf die Gehaltsforderung eines Angestellten antwortet: "Ich weiß gar nicht, warum ich Dir überhaupt Geld gebe (...) eigentlich müsstest Du mir Geld geben."

So entwickelt Merkel eine Vielzahl von suggestiven, zwischen leiser Ironie, Groteske und journalistischem Realismus pendelnden Szenen und gewinnt dem eigentlich spröden, weil auf sensationalistische Handlungselemente wie Firmenkonkurs, feindliche Übernahme oder amoklaufende Mitarbeiter verzichtenden Stoff einen großen literarischen Mehrwert ab, der "Das Jahr der Wunder" zu einem Blue Chip der jungen deutschen Literatur macht, den jeder Leser in seinem Depot haben sollte. Nicht zuletzt um zu verstehen, warum es adäquat ist, auf die Frage nach der New Economy so zu tun, als wisse man Bescheid.

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